Posts mit dem Label Literatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Literatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

29. Mai 2026

Der nicht endenwollende Knieschuss

Gebrochene Selbstaffirmation unter den Bedingungen des digitalen Kapitalismus

Gerade lese ich Steffen Martus' Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute (Berlin 2025). Das Buch taugt nicht nur als literaturwissenschaftliches Werk unter besonderer Behandlung der jeweiligen literarischen Felder (oder "dem literarischen Feld", wenn wir bei Bourdieu bleiben wollen), in denen alle Autoren und ihre Veröffentlichungen spielen. Es taugt ganz besonders auch als soziopolitische Betrachtung unserer Gegenwart. Selten habe ich die derzeitig überaus verwirrenden gesellschaftspolitischen Entwicklungen (also eigentlich Verwicklungen) so auf den Punkt gebracht und aus großer Flughöhe analysiert bekommen.
 

XKCD: Duty Calls
 

Die eigene Befindlichkeit als ein und alles

Ein Grund für die Schwierigkeit der Gegenwartsanalyse ist ja der mangelnde zeitliche Abstand zum Untersuchungsgegenstand. Bei Martus liest man aber über Dinge, die heute geschehen, als seien sie aus geschichtlicher Perspektive mit großem Abstand beobachtbar. Immer wieder kommt er auf die offenbare Krise der Demokratie zu sprechen, die natürlich gerade auch in der Literatur behandelt wird. Besonders die Literatur, die Martus "Autosoziobiographie" nennt (Anke Stelling, Daniela Dröscher, Christian Baron), erkläre "die eigene Befindlichkeit und die Realisierung des eigenen Selbst zu einem wichtigen Gradmesser sozialer Gerechtigkeit." Daran schließen sich die zwei unten zitierten Absätze an, die mir so glasklar einen Hauptaspekt unseres derzeitigen gesellschaftlichen Seins auf den Punkt zu bringen scheinen.

6. April 2026

Abschiede, Wiedergeburten, innere Welten, äußere Welten

"Wherever there is coherence
there is endurance."
John Dewy 

Über Literatur, Musik und Spurenelemente

Ostern und mein Kind fragt mit Schokoladenmund: "Wie ist es denn, wenn ich tot bin? Ich kann es mir nicht vorstellen." Ich frage zurück: "Wie war es denn, bevor du geboren warst?"
 
Vor wenigen Monaten habe ich eine obskure Anämie gepaart mit Mangel an essentiellen Vitaminen und Mineralien erst erkannt und dann überwunden. Zum Tod hat es also noch lange nicht gereicht. Ich konnte sich einschleichende, erst quälende und dann manifestierende Jahre damit überleben – schön war es nicht. 
 
 
Das Lesen, habe ich kürzlich in einem Gespräch gehört, das Lesen ist eine ziemlich wichtige Praxis, um nicht schon zu sterben, während man doch noch lebt. Durchs Lesen bekommt man essentielle Nährstoffe für den Geist, auf die man nicht ohne Nebenwirkungen verzichten kann. Geschichten nähren unsere inneren Welten. Musikhören würde ich noch ergänzen. Klar kann man auch mit Instagramm und Tiktok und ohne Bücher überleben.

2. März 2026

KI, mein Onkel am MIT und der Unabomber

Eine Anekdote von Donald Trump

(Mehr Anekdoten? Ja. Und warum? Hier entlang >>

Als ich das erste Mal von Künstlicher Intelligenz hörte... wisst ihr, das ist nicht so mein Ding. Mein Onkel war zwar am MIT, einer der großen Professoren, 51 Jahre lang, oder so. Er war der dienstälteste Professor in der Geschichte des MIT. Drei Abschlüsse in Nuklear, Chemie und Mathematik. Ein wirklich kluger Mann.

Kaczynski war einer seiner Studenten. Kennen Sie Kaczynski? [Auch bekannt als Unabomber, weil er Paketbomben an Universitäten und Fluggesellschaften (universities ’nairlines) schickte und damit 3 Menschen tötete und viele weitere verletzte.] Zwischen einem Wahnsinnigen und einem Genie gibt es kaum einen Unterschied. Aber Kaczynski... ich fragte meinen Onkel: "Was für ein Student war er, Onkel John?“ Dr. John Trump.

Er antwortete: "Was für ein Student? Ein wirklich guter. Er hat ständig alle um ihn herum korrigiert, jeden." Aber das lief dann nicht so gut für ihn. Nicht so gut. Aber so ist das Leben. Ich sage euch eins: Wir haben die klügsten Köpfe, wir haben die größte Macht, und wir werden noch mehr Elektrizität für Künstliche Intelligenz haben. 

 Donald J. Trump, 15. Juli 2025, Rede beim ersten Pennsylvania Energy and Innovation Summit 

Faktencheck: Die Identität des Unabombers war zu Lebzeiten von John G. Trump unbekannt. Dr. Trump starb 1985. Ted Kaczynski wurde erst 1996 – elf Jahre nach Dr. Trumps Tod – als Unabomber identifiziert und verhaftet. Folglich konnte Dr. Trump nicht wissen, dass Kaczynski der Unabomber war, um ihn mit Donald Trump unter diesem Namen zu erwähnen. Ebenso wenig hätte Donald Trump einen Grund gehabt, seinen Onkel nach einem anonymen, noch nicht gefassten Flüchtigen zu fragen.

Das passt dazu:

  • Creedmoor: Bösartiger Stahl
  • Hai oder Elektrischer Stuhl? 
  • Donald Trump ist ein Politroboter aus der Zukunft 
  •  

    20. Januar 2026

    Creedmoor: Bösartiger Stahl

    Eine Anekdote von Donald Trump

    (Mehr Anekdoten? Ja. Und warum? Hier entlang >>

    Building  40, Creedmoor Psychiatric Center (Matt Green, CC BY-NC-SA 2.0)
     

    Ich bin in Queens aufgewachsen. Wir hatten da so einen Ort namens Creedmoor. Creedmoor. Kannte das überhaupt jemand, Creedmoor? Ein großes... 

    18. Juli 2025

    Über Moderne, Mythos und Maschinen

    Was vom Menschen übrig bleibt – Fortschritt, Krise und Selbstverlust

    In Zeiten radikalen Wandels – technologisch, ökologisch, existenziell – stellt sich eine alte philosophische Frage mit neuer Dringlichkeit: Was heißt es heute, Mensch zu sein? Dieser Text ist eine intime Reflexion über Fortschritt, Grenzen, das Dazwischen und das Unverfügbare – über das, was uns zu Menschen macht, gerade in dem Moment, in dem wir es aus der Hand geben.

    Die englische Originalversion des Textes wurde am 17. 7. 2025 in Xavier Faltots Radioshow Cashmere Talks Zuper Wok #00: Escaping the Dark Hole gelesen. 

    10. April 2021

    Alle Wesen entstammen dem Stein

    Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge (Novalis)

    Was mich nachhaltig fasziniert, ist der unauflösbar radikale Widerspruch im Menschen zwischen dem Sein-wollen und dem Nichts-sein-wollen. Alle Biologie in uns hat natürlich einen starken Vitalismus, einen Selbsterhaltungstrieb, der sich auch psychologisch unbezweifelbar äußert, zum Beispiel in der Angst vor dem Tod, die sich oft noch steigert, je näher wir dem Tod kommen. Gleichzeitig scheinen wir uns gern die im Tierreich einmalige Perversion zu leisten, nach dem Nichts zu verlangen. 

    Fossiles Skelett eines Ichthyosauriers aus dem Posidonienschiefer (Unterjura) Südwestdeutschlands
    Fritz Geller-Grimm: Fossiles Skelett eines Ichthyosauriers (Lizenz: CC BY-SA 2.5)

    Man kann das den Todestrieb nennen, das unglückliche Bewusstsein, die Suche nach dem Nirwana, Gnosis oder das Tao. Leben heiße leiden und das gelte es aufzuheben, so wohl eine große Motivation hinter dieser Suche. Ich denke aber nicht, dass diese Motivation ausreicht, uns vom Leben abzubringen. Alle Lebewesen leiden, aber nur wir scheinen das Potenzial zu haben, dieses Leiden teilweise aufzuheben, uns zu entlasten und dadurch die Phantasie von einem paradiesischen Zustand zu entwickeln. Wir wollen ein Himmelreich, das in aller Konsequenz eben doch nicht – Heinrich Heine und Karl Marx zum Trotz – hier auf Erden errichtet werden kann. 

    12. Dezember 2020

    Glücklich durch die Pandemie

    Meine Überlebensstrategien in Krisen

    Es kann ziemlich niederschmetternd sein, dieses Jahr so zu beenden, wie es anfing: beschränkt in unseren Sozialkontakten, besorgt über uns selbst und unsere Nächsten, behindert in unserem Bewegungsdrang. Hinzu kommen all die idiotischen Zumutungen durch ängestigende Nachrichten, unklare Zufunftsaussichten oder tatsächliche Einkommenseinbrüche. Mich nerven auch verwirrte Mitmenschen, die sich nicht anders zu helfen wissen, als gegen die objektive Realität anzustürmen, indem sie sich weigern Masken zu tragen, indem sie so tun, als seien sie unverwundbar und/oder indem sie ihrer Verwirrtheit mit messianischem Eifer über Verschwörungsgeschrei Ausdruck geben müssen. 

    Ab in den Wald ist eine meiner Strategien (Bild von mir, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE)


    Ich verstehe sehr gut, dass man das alles am liebsten gar nicht wahr haben möchte. Und ich denke auch, dass all die Maßnahmen noch lange nach Corona nachwirken werden und dass wir einen Preis dafür zahlen werden. So mache ich mir beispielsweise Sorgen über unseren noch nicht ganz fünfjährigen Sohn, der in einem Alltag auwfächst, der von Infektionsangst geprägt ist. Ich weiß nicht, welche langfristigen Ängste all das tägliche Fiebermessen, die maskierten Gesichter und die vielen Verbote im Umgang miteinander nach sich ziehen werden. Es würde mich nicht wundern, wenn wir als eine langfristige Folge mit zunehmenden Angsterkrankungen unter Erwachsenen und Kindern zu kämpfen haben würden: ständige Angst vor Infektion, Angst vor körperlicher Nähe und Agoraphobien zum Beispiel.

    Hier sind ein paar Strategien, die mir und meiner kleinen Familie helfen, durch diese Zeit zu navigieren. Über all dem steht so ein bisschen das populäre royale Mantra in Vorbereitung der Briten auf den zweiten Weltkrieg:

    12. Dezember 2017

    Schreibt mir eure Kindheitserinnerungen!

    Was haben unsere Erinnerungen mit uns heute noch zu tun?

    Wir alle haben wohl mehr oder weniger starke Kindheitserinnerungen. Ich habe eine ganze Menge davon. Viele meiner Erinnerungen betreffen das soziale Lernen, beispielsweise, wie mir meine Mutter das erste uns einzige Mal in meinem Leben eine scheuerte, weil ich sie vor anderen im Kindergarten eine "blöde Kuh" genannt hatte. Was das heute noch mit mir zu tun hat? Vielleicht habe ich damals eine wichtige gesellschaftliche Lektion gelernt, etwa wie sehr eine öffentliche Kränkung Menschen zum äußersten bringen kann (denn schlagen war tabu). Eine andere Erinnerung ist, wie die Mutter meines Freundes ihm zur Strafe mir anbot, all seine Süßigkeiten aufzuessen. Was ich dann prompt tat. Es fühlte sich nicht gut an. Eine dritte Erinnerung ist, wie ich einen erwachsenen Mann auf einer Leiter ein Arschloch nannte und wegrannte. Nur, um zu Hause ganz außer Atem anzukommen, wo mein Vater schon auf mich wartete, weil er einen Telefonanruf von eben diesem Mann bekommen hatte. Natürlich habe ich auch tolle prägende Erinnerungen wie die Fahrradtouren mit Freunden zu den Seen im Berliner Norden oder die schier endlosen Sommer mit den Pferden auf dem Gestüt in Graditz, wo meine Tante lebte.

    Bilder meiner Kindheit

    Eine Erinnerung ganz anderer Art habe ich an die ostberliner Neubauwohnung, in der ich in den 70er Jahren aufwuchs und wie schrecklich ich unser schwarzes Bakelittelefon mit der schwergängigen Wählscheibe und dem brutalen Klingeln fand. Dieses Klingeln schien ab und an ohne jegliche Vorwarnung das ganze Haus zu erschüttern. Irgendwie war es mir unheimlich, dass da jemand mir noch unbekanntes aus der Ferne so ein brutales Geräusch über ein totes Gerät in meiner Wohnung verursachte. Das Klingeln erschreckte mich nicht nur durch seine Plötzlichkeit, sondern – und das ist jetzt natürlich die nachträgliche Interpretation des Erwachsenen – gab mir auch das Gefühl dafür, wie es sein müsste, nicht da zu sein. Denn das Klingeln wäre trotzdem da, nur eben ungehört. Es jagte mir kalte Schauer über den Rücken und ich ging nicht ran.

    22. Oktober 2017

    Bilder des Trostes, H wie Habicht

    Das Finden und Verlieren der Wildheit in der Natur

    Die allerkleinsten und die allergrößten Dinge gehen gerade irgendwie kaputt. In unseren Böden gibt es kaum noch Insekten und an den Polen schmelzen unvorstellbar riesige Eismassen. Und zwischendrin bemühem wir uns darum, Pandas zu züchten und Seeadler wieder anzusiedeln.

    "... da draußen gibt es eine Welt der Dinge – Felsen und Bäume und Steine und Grass und all die Dinge, die dort kriechen und laufen und fliegen. Sie sind alle Dinge an sich, aber wir legen für uns einen Sinn in sie hinein, der unsere Sicht auf die Welt stützt." (Helen Macdonald, übersetzt von mir aus dem englischen Original H is for Hawk, S. 275)

    Zwei Seeadler über Rügens Strand (Foto: Gilbert Dietrich, Lizenz: CC BY 2.0)

    12. Februar 2017

    Der Weg wird durch das Gehen geschaffen

    Von der Notwendigkeit des Reisens zu Fuß

    "Was soll ich im Wald,
    wenn ich dabei an etwas denke,
    was nicht im Wald ist?"
    (H. D. Thoreau)

    Die meisten von uns sitzen heute mehr, als dass sie ihre Beine gebrauchen. Egal ob bei der Arbeit, zu Hause oder in der Fortbewegung dazwischen: Wir sitzen. Henry David Thoreau hat in seinem Text Vom Spazieren bereits in den 1850er Jahren von solchen wie uns gesagt: "diesen Menschen gebühre eine gewisse Anerkennung, weil sie ihrem Leben nicht schon längst ein Ende gemacht haben" (S. 59, Durch Welt und Wiese: oder Reisen zu Fuß).

    Der Autor beim Wandern in der nordöstlichen Mecklenburger Seenplatte

    Das ist ein mich aufrüttelnder Satz. Thoreau lief nach eigener Auskunft jeden Tag mindestens vier, meistens jedoch mehr Stunden über Hügel, Felder und durch Wälder. Für ihn war das tägliche Sitzen eine Art Krieg des Menschen gegen sich selbst, weil man gewissermaßen sich selbst belagere und versuche, "eine Garnison auzuhungern, der man sich eigentlich verbunden fühlt."

    18. November 2016

    Die Bandbreite des Lebens wiederentdecken

    Die wertvolle Nutzlosigkeit von Kunst und Literatur

    Kunst kann uns stimmen.
    Stellen Sie sich eine verstimmte Geige vor!
    Sie zu stimmen, dass sie wieder in Harmonie ist,
    das ist, was Kunst kann. (Michael Longley)

    Unsere Leben sind oft hektisch und zerstreut, geprägt von profanen Sorgen um Arbeit, Beziehungen, Politik und das, was in der Zeitung steht. Nicht selten sind es aufgebauschte Kleinigkeiten, die uns sehr groß und bedrohlich erscheinen. Man könnte sagen, dass diese Form des Seins uns nur sehr einseitig fordert und uns und unsere Wahrnehmung damit zu verengen und zu verzerren droht. Das Leben ist doch größer als die immer währenden Besorgungen des Alltags. Da stimmen wir sicher alle zu. Und trotz dieses Wissens geht die Größe des Lebens oft verloren, sie entzieht sich immer mehr, wird unsichtbar und damit irgendwann auch unerreichbar. Was können wir tun, um uns die ganze Bandbreite des Lebens offen zu halten?

    29. August 2016

    Die Vermessung des Angestellten

    Welche Daten zukünftig über uns erhoben werden

    Secrets are Lies
    Sharing is Caring
    Privacy is Theft
    The Circle

    Mein berufliches Spezialgebiet ist derzeit, was man auf Business-Deutsch People Analytics nennt. Einige von euch kennen noch den Vorgänger aus der BWL, Fachrichtung Personalwesen, als "Kennzahlen-Reporting" oder so. Geschäftsführer wollten damals wissen, wie viele Leute eigentlich im Betrieb arbeiten (es gibt immer noch Unternehmen, die das nicht wissen), wie viele im letzten Monat krank waren und was der ganze Spaß gekostet hat.


    Big Data als Fetisch in HR, hier Visualisierung einer Netzwerkanalyse (Wikipedia)

    Heute ist das oft schon ein bisschen weiter. Die am weitesten verbreitete Frage der People Analytics ist heute die nach der sogenannten Attrition. Das ist ein Begriff aus dem Militär und bedeutet so viel wie Abrieb, Verschleiß – Schwund also. Bei den sich sorgenden Arbeitgebern ist das der Teil der Mitarbeiter, die das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen. Unter uns Personalern ist das so ein typischer Fetisch: Sag mir deine Attritionrate und ich sage dir, was für ein Arbeitgeber du bist. Dahinter steht die Annahme, dass Arbeitgeber mit guten Bedingungen, interessanten Aufgaben, einer transparenten Geschäftsführung und angemessenen Vergütung relativ geringen Schwund haben.

    2. August 2016

    Mein Säuglingssohn hat mich zum Singen gebracht

    Der Abendstern und andere Lieblingslieder

    Mein Sohn ist jetzt noch keine fünf Wochen alt und hat bereits uralte und längst vergessen geglaubte Teile meines Geisteslebens wiederbelebt, zum Beispiel das Singen. Als Kind hatte ich Musikunterricht und ich hatte nicht viel dafür übrig. Besonders all die Arbeiter- und Kampflieder, die ich im sozialistischen Unterricht lernen musste, konnten mir gestohlen bleiben. Ich glaube, der Unterricht hat mir das Musizieren eher verleidet, als irgend etwas sonst. Kurz nach M.s Geburt jedoch fand ich heraus, dass das Singen nicht nur eine sehr wirksame Art und Weise ist, ihn zum Einschlafen zu bringen, ich habe auch gelernt, dass das Singen mir selbst unheimlich viel Spaß macht.


     In dir, du dunkler Abendstern, seh' ich mich selber wie von fern, wie von fern...

    Es ist wie Magie, wenn man einen ansonsten nicht zu beruhigenden Säugling durch die eigene Stimme und etwas Rhythmus und Melodie zum Schlafen bringen kann. Das alleine ist bereits ein mächtiges Gefühl. Aber auch, sich selbst singen zu hören, die Resonanz der eigenen Stimme in dem kleinen Leib zu spüren, den ich an mich presse, das ist unmittelbare Erfahrung des Selbst und des anderen in einer Einheit.

    20. April 2016

    Von der Abstraktion zum realen Leben kommen

    David Whyte über unsere Verbindung zu den Dingen der ersten Ordnung

    Kennt ihr das Gefühl, dass irgendwie nichts mehr real zu sein scheint, und wir nur abstrakten Sorgen und Bedürfnissen hinterher rennen? Ziele erreichen ist alles: Karriere, Besitz, Status. Dabei wissen wir doch, dass das am Ende nicht viel zählen wird. Der britische Autor David Whyte hat dagegen eine Medizin: Zurück zu den Dingen! Ein poetischer Realismus. Whyte sagt in dem Interview The Conversational Nature of Reality (zum Anhören im Original unter dem Zitat eingebettet):
    "Der Ort, an dem die Dinge real werden, ist die Grenze zwischen dem, was du für dein Du hältst und dem, was du nicht dafür hältst. Was immer du von der Welt möchtest, wird nicht genau so passieren, wie du es magst. Und was immer die Welt von dir möchte, wird auch nicht passieren. Was eigentlich passiert ist dieses Treffen an der Grenze. Aber es ist erstaunlich, wie viel Zeit wir von dieser Grenze abgewendet verbringen, abstrahierend, außerhalb unserer Körper und jenseits unserer direkten Erfahrung."



    22. Februar 2016

    Unschuld und das Leben in totalitären Systemen

    Jonathan Franzen und das Internet

    "Das Internet bedeutet Tod [...] Das Ziel des Internets und der mit ihm verbundenen Technologien, war es, die Menschheit von den Aufgaben zu 'befreien' - Dinge tun, Dinge lernen, Dinge erinnern - die dem Leben zuvor einen Sinn gegeben, die das Leben ausgemacht haben. Nun schien es, dass die einzige Aufgabe, die noch etwas bedeutete, die Suchmaschinenoptimierung war." (Purity, S. 492*)

    Jonathan Franzen ist einer der größten lebenden Autoren der US Literatur. Angeblich schreibt er seine Bücher mit Noise-Cancelling-Kopfhörern in abgedunkelten Räumen und - wen wundert es - ohne Internetzugang.

    Ich habe seine Bücher "The Corrections" und "Freedom" sehr geliebt. Franzens Bücher sind immer enorme Wälzer, die ich aber in einem schnellen Rausch weg gelesen habe. Ich glaube das lag daran, dass The Corrections und Freedom sehr menschliche Geschichten von wirklich menschlichen Charakteren sind, die sich in existenziell beispielhaften Situationen und Beziehungen befanden. Etwas anders ist es mit seinem letzten Buch "Puriy". Was Franzen auch hier wieder hervorragend gelingt, ist die Authentizität der Gedankenströme seiner Figuren. In Purity sind diese Figuren jedoch allesamt Stellvertreter gesellschaftlicher Entwicklungen. Sie selbst sind so exemplarisch verstrickt in politische Geschehnisse, dass es schwer fällt, sich mit ihnen zu identifizieren. Das ist aber allein noch kein Manko. Einige der größten Figuren der Literatur sind alles andere als Identifikatoren, ich denke zum Beispiel an Gregor Samsa. Ich verlange von Literatur ja nicht, dass sie sich wegliest wie ein Kinderbuch, sondern dass sie zu mir spricht.

    Für alle, die wie ich ihre Jugend in der heimeligen Enge der DDR verbracht haben und dann irgendwie ohne viel Übergangszeit kopfüber in das grenzenlose digitale Zeitalter gestürzt sind, muss dieses Buch besonders deutlich sprechen. Zum ersten Mal lässt Franzen seine Figuren nicht überwiegend in Nordamerika spielen, sondern in Berlin und Leipzig, Bolivien und den USA. Die Hauptfigur Andreas Wolf macht genau diese von mir erlebte Zeitreise aus der Enge Ost Berlins in die Weite des globalisierten Netzes. Es gibt natürlich den großen Unterschied, dass Andreas Wolf immer irgendwie im Auge des Orkans steht, sei es die Stasi und ihre Beseitigung oder sein "Sunshine Project", so eine Art WikiLeaks, das er aus Bolivien steuert.

    Jonathan Franzen hat für dieses Buch beileibe nicht nur Applaus geerntet. Es scheint so, dass das Internet ihn mindestens genauso hasst, wie umgekehrt. Einige aus der Internetgemeinde bezeichneten das Buch als "wertloses Stück Scheiße". Dahinter steckt vor allem eine Ablehnung eines als überkommenen wahrgenommenen links-liberalen amerikanischen Realismus, als dessen Vorreiter oder Totengräber der mild-skeptische Intellektuelle Jonathan Franzen mit seiner Liebe für Vögel, vögeln und die anderen üblichen East-Coast-Probleme gilt. Und wenn man in das essayistische Herzstück des Romans vordringt, in dem Franzen das Internet als totalitäres System charakterisiert, dann muss man schon attestieren, dass es Franzen nicht gelingt, die heutigen Probleme entweder adäquat oder radikal zu analysieren. Waren die Corrections und Freedom noch nah am Erleben der amerikanischen Mittelschicht dran, so befindet sich Purity irgendwie in einem Limbo zwischen allzu menschlichem und ganz großen historischen Entwicklungen.

    Um zum Punkt dieses Artikel über das Internet als totalitäres System zu kommen: Im Wesentlichen zieht Franzen die drei folgenden Parallelen zwischen dem Internet und der DDR, um zu zeigen, dass es sich auch beim Internet um ein totalitäres System handelt, das uns zu Funktionären oder zu Funktionen seiner selbst macht.

    14. November 2015

    Die drei Lebenspartnerschaften eines jeden Menschen

    Oder warum Work-Life-Balance keinen Sinn macht

    Immer wieder, wenn ich über die sogenannte Work-Life-Balance hörte oder las, hatte ich das Gefühl, dass da was nicht stimmt. Das Konzept passt nicht zu mir und irgendwie auch zu niemand anderen, den ich kenne. Mal abgesehen von der sich neu entwickelnden Flexibilität, durch die am Ende weder das Privatleben noch die Arbeit an jeweils zwei entgegengesetzten Enden einer in Balance zu bringenden Schwebe, die wir Leben nennen, zu lokalisieren wäre. Auf eine noch viel fundamentalere Art macht das keinen Sinn. Dieser Artikel will zeigen, wie uns eine alternative, integrative Denkweise auf dem Weg, ein Leben im Einklang von Anforderungen und Bedürfnissen zu führen, helfen kann.

    Sind wir alle ewige Seiltänzer? Bild von Tom A La Rue (CC BY-SA 2.0)

    16. September 2015

    Das Leben siegt immer... und der Tod auch

    Vor der Stille der Sturm von Wallace Stegner

    In den letzten zwei Wochen habe ich mir eine Online-Auszeit gegönnt und es wirklich genossen. Auf Facebook hatte ich ein paar Beiträge im Voraus geplant, sodass ohne mein Zutun wenigstens ein bisschen was an meine Leser dringt. Es war schön, einmal ohne selbst aktiv zu sein, nur zu lesen, am Strand zu liegen und ein neues Land kennen zu lernen. Eines der Bücher, die ich las war Wallace Stegners Vor der Stille der Sturm (im Origial: All the Little Live Things). Diese Erzählung hat mich wirklich beeindruckt und mitgenommen. Sie hätte wohl eigentlich eine Novelle werden sollen, denn am Anfang und am Ende stehen geradezu unglaubliche Begebenheiten, währen der Text in der Mitte nur so mit Gesprächen, Gedanken und kleinen Konflikten am Leben gehalten wird. Gerade die letzten Kapitel des Buches gehören jedoch zum besten und atemberaubendsten, das ich je gelesen habe. Kurz gefasst geht es um die junge Mutter Marian, die ein zweites Kind erwartet und gleichzeitig mit Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs im Sterben liegt. Sie verwehrt jegliche Chemo- und Strahlentherapie, um das ungeborene Kind nicht zu gefährden. Es ist ein Wettlauf - buchstäblich - um Leben und Tod. Dass der Tod dabei siegen wird, ist nie auch nur eine Sekunde unklar. Aber wird das Leben wenigstens ein kleines bisschen siegen? Das ist das große Thema der Erzählung: Das Leben siegt immer... und der Tod auch. Marian sagt in einem der vielen philosophischen Gespräche mit dem Erzähler:

    "Es stimmt, der Tod muss in der Welt sein. Sterben ist so natürlich wie geboren werden. Wir sind alle ein Teil dieses großen Pools des Lebens und wir schulden der Welt den Raum, den wir einnehmen und die Chemikalien, aus denen wir gemacht sind. Sobald wir zugeben, dass das keine Abstraktion ist, sondern etwas, das wir persönlich schulden, sollte es nicht mehr so schwer sein." (von mir aus dem Englischen übertragen, S. 287)

    Stegner hat ein Buch geschrieben, das einem alles lehren kann, was man zum Leben wissen muss: AUGEN AUF UND DURCH, könnte man sagen. Es wird immer wieder höllisch schmerzen und gleichzeitig ist es das beste, was uns widerfahren kann. Es gibt kein gutes Leben ohne Leid und Tod. Ich empfehle eine Online-Auszeit und Vor der Stille der Sturm.

    18. Juli 2015

    Mit Hans Fallada in Carwitz

    Meine poetische Reise in die Feldberger Seenlandschaft

    Hans Fallada ist der Schriftsteller, der mich bereits seit meiner Kindheit begleitet. Mein Vater las mir immer wieder aus meinem Lieblingskinderbuch Fridolin, der freche Dachs vor. Und als ich irgendwann zu alt wurde, las ich selber das Buch wieder und wieder. Was mich am meisten faszinierte, war das geschilderte Landleben, die Einfachheit, die Natürlichkeit, die kleinen und großen Tragödien des Lebens vor der mecklenburgischen Landschaft. Fallada schuf so etwas wie eine Heimat für mich, er weckte mein Interesse für die nordostdeutsche Flora und Fauna. Alles, was mir seitdem in den brandenburgischen und mecklenburgischen Wäldern begegnete, sah ich mit den Augen, die mir Hans Fallada durch sein Kinderbuch gegeben hatte.

    Das Hans Fallada Haus mit Garten in Carwitz
    Das Hans Fallada Haus mit Garten in Carwitz (Fotos: Gilbert Dietrich)

    Später las ich auch Falladas Erwachsenenbücher Wer einmal aus dem Blechnapf frißt, Kleiner Mann - was nun? oder Bauern, Bonzen und Bomben Am Ende war Falladas geniale Erzählweise, die von ihm entwickelten Romanwelten, die den süchtigen Leser verschlingen, sicher mitschuldig, dass ich neben Philosophie auch die deutsche Literatur studierte.

    18. November 2014

    Martha Nussbaum und die Gefühlswelt

    Wie wir unsere innere Welt pflegen

    Immer wieder finde ich es paradox, wie wir einerseits darauf stolz sind, dass wir freie und autonome Individuen sind und andererseits diese Freiheit und das Autonome nicht aushalten wollen oder damit nicht umgehen können. Was wir nicht alles erfinden, um uns von uns selbst abzulenken und nicht allein zu sein: angeblich Freunde zum Beispiel, die es mit ihren jeweiligen Mikro-Universen nur in sogenannten sozialen Netzwerken gibt oder Shopping als Freizeitbeschäftigung. Gibt es nichts sinnvolleres zu tun?


    Martha Nussbaum: "Wir sind schockierend schwach und inkomplett..." (Bild von Robin Holland)

    Jeder will heute zwar irgendwie als sensibel gelten, ein reiches inneres Leben haben, ein guter Zuhörer sein und auch mal nachdenklich sein dürfen. Wir bewundern eher die einsam vor sich hin schaffenden Maler, Komponisten oder Schriftsteller, als die Reden schwingenden Verkäufer von Ideen, Staubsaugern oder politischen Parteien. Aber dann müssen doch alle unbedingt in Teams arbeiten können und große Reden schwingen, um es zu etwas zu bringen. Oder Backpacking: finden wir eigentlich auch besser, als den Massentourismus. Doch dann buchen wir (als Mehrheit der Konsumenten) den Pauschalurlaub.

    Es gibt diese große Angst vor dem Alleinsein. Eigenbrötler sind doch kurz vor der Klapse. Also beteiligen wir uns zumindest konsumierend am permanenten Medienrummel, fühlen uns schlecht, wenn wir keine Lust auf After Work Partys haben und schauen eigentlich immer eher nach außen, als nach innen: Was sind wir (von Beruf)? Was haben wir (uns erarbeitet)? Wie können wir unseren Status manifestieren? Was ist das nächste Ding, das wir besitzen müssen? Was dabei zu oft hinten runter fällt sind Fragen wie: Wie geht es mir eigentlich? Was will ich mit meinem Leben machen? Was tut mir gut?

    Man muss diese Widersprüche nicht verurteilen, es ist irgendwie verständlich (wenn auch deswegen noch lange nicht gut), dass wir so sind, wie wir sind. Aber was vergeben wir uns damit? Worauf verzichten wir, wenn wir sozusagen selbst- und seinsvergessen einfach mitmachen, was uns vorgeschlagen wird? Was sind die Gefahren, wenn wir vor unserer inneren komplexen Gefühlswelt davonlaufen und die Fähigkeit verlieren, ihr Ausdruck zu geben und mit ihr umzugehen? Es kann passieren, dass wir Gefühle wie Angst gar nicht mehr wahrnehmen können. Im schlimmsten Fall suchen sich solche Gefühle ihren Ausweg in Aggression gegen unsere liebsten Mitmenschen oder sie finden ihre Sackgasse in der Depression.

    Gerade las ich auf Brainpickings dazu einen Text der Philosophin Martha Nussbaum aus dem Buch Take My Advice. Leider liegt das Buch nur auf Englisch vor, weshalb ich folgenden kurzen Ausschnitt hier ins Deutsche übertragen habe.

    Vernachlässige deine innere Welt nicht!

    Das ist die erste und weitreichendste Empfehlung, die ich geben kann. Unsere Gesellschaft ist in ihrem Sehen sehr nach außen gerichtet und schaut fasziniert auf das neuste Ding, hört gern auf das letzte Geschwätz und lässt uns nach Selbstbestätigung und Status suchen. Wir alle beginnen unser Leben als hilflose Babys, von anderen abhängig, um Schutz und Nahrung, ja das Überleben schlechthin zu garantieren. Und obwohl wir im Laufe der Jahre einen gewissen Grad an Selbstständigkeit erlangen, bleiben wir trotzdem für immer schockierend schwach und inkomplett, abhängig von anderen und von einer unsicheren Welt in allem, was wir erreichen.

    Während wir erwachsen werden, entwickeln wir eine breite Palette an Gefühlen, die mit diesem Notstand in enger Verbindung stehen: Wir haben Angst, dass etwas schlimmes passieren könnte, das wir selbst nicht verhindern können. Wir lieben die, die uns helfen und unterstützen können. Wir trauern, wenn wir eine geliebte Person verlieren. Wir hoffen auf eine gute Zukunft. Wir werden wütend, wenn jemand etwas beschädigt, das uns wichtig ist.

    Unsere Unvollständigkeit wird durch unsere Gefühlswelt vollständig kartografiert. Eine Kreatur ohne jegliche Bedürfnisse, hätte keinen Grund, je Angst, Trauer, Hoffnung oder Wut zu empfinden. Aber aus irgend welchen Gründen sind uns unsere Gefühle und die damit verbundenen Bedürfnisse oft unangenehm. Also laufen wir vor unseren inneren Gefühlswelten davon und verlieren die Fähigkeit, ihr Ausdruck zu geben. [...] Wir alle werden mit Krankheit, Verlust und Alter umgehen müssen, aber wir sind durch eine Kultur der Äußerlichkeiten nicht besonders gut auf einen guten Umgang mit diesen inneren Herausforderungen vorbereitet.

    Was hilft gegen unsere Unzulänglichkeit? 

    Eine Eigenliebe kann uns helfen, die nicht vor den ärmlichen und inkompletten Teilen unseres Selbsts zurückschreckt, sondern die dieses unzulängliche Selbst mit Interesse und Neugier akzeptiert und versucht ihm eine Sprache zu geben, mit der die Bedürfnisse und Gefühle zum Ausdruck gebracht werden können. Geschichtenerzählen spielt eine große Rolle in der Entwicklung einer solchen Sprache. Wenn wir Geschichten über das Leben anderer erzählen, lernen wir uns in die Erfahrungen einzufühlen, die andere mit den verschiedenen Gegebenheiten des Lebens haben können. Wir identifizieren uns mit ihnen und ihren Gefühlen und lernen dabei etwas über uns selbst. Während wir älter werden, begegnen uns immer komplexere Geschichten - in der Literatur, im Film, in der Malerei oder Musik - die uns zu einem immer reicheren und subtileren Verständnis der menschlichen Gefühle und unserer eigenen inneren Welt verhelfen können.

    Meine zweite Empfehlung, die ganz eng mit der ersten verbunden ist, lautet: Lies viele Geschichten, höre viel Musik und denk darüber nach, was diese dir dort begegnenden Geschichten für dich selbst und deine nächsten Mitmenschen bedeuten. Auf diese Art wirst du nie allein und leer sein. Du wirst ein erneuertes, reiches Innen- und Eigenleben haben, das dich auch nach außen mit einer größeren Bandbreite der Kommunikation mit anderen ausstatten kann.



    Take My Advice: Letters to the Next Generation from People Who Know a Thing or Two: Der Autor James Harmon wollte inspirieren und helfen, aber nicht wie wir es von den typischen Selbsthilfebüchern und Ratgebern kennen, die seiner Meinung nach nur eine giftige Wolke lauwarmer Möchtegern-Weisheiten produzieren. Er wollte intelligent helfen. Also hat er die seiner Meinung nach inspirierendsten, provokantesten und intelligentesten Leute des 20. Jahrhunderts um Empfehlungen für die kommenden Generationen gebeten, darunter solche, die wie Judith Butler, Alain de Botton, Katharine Hepburn, Bette Davis, William S. Burroughs, Willard Van Orman Quine, Bettie Page oder eben Martha Nussbaum das eine oder andere vom Leben verstehen. Dieses Buch ist leider nur auf Englisch verfügbar.



    Das sollte Sie auch interessieren:

    14. September 2014

    Der Geist als hervorragender Diener...

    ...und furchtbarer Herrscher

    "Alles um mich herum, so wie ich es wahrnehme,
    stützt meinen tief verwurzelten Glauben, dass
    ich das Zentrum dieses Universums bin,
    die wahrhaftigste, lebendigste und
    wichtigste Person, die existiert."
    David Foster Wallace

    David Foster Wallace war einer der großen einflussreichen Intellektuellen und Schriftsteller der modernen USA. Im September 2008 nahm er sich das Leben, eine schwere Depression, gegen die er zwanzig Jahre kämpfte, hatte ihn in die Knie gezwungen. Drei Jahre zuvor hielt er vor den Absolventen des Kenyon Colleges eine Rede, die inzwischen als eine Anstiftung zum Denken berühmt geworden und als Buch verlegt worden ist. Ich las diese Rede zum ersten Mal vor drei Jahren. In diesem Artikel versuche ich Wallace' Kerngedanken herauszustellen, weil sie mich nicht loslassen und ich immer wieder spüre, wie wichtig sie für mein persönliches Leben, in Zeiten der Krisen, in denen ich mit mir und meinen Mitmenschen hadere, geworden sind.


    David Foster Wallace von Steve Rhodes (CC BY 2.0)

    In seiner Rede vor den Studenten meint Wallace, wir würden das so zwar nicht sagen, aber tief in uns drin, sind wir von Geburt an so gepolt, dieser Ego-Illusion zu unterliegen. Alles, was in unserem Leben passiert, sagt uns, dass sich die Welt um uns herum dreht. Und die Tatsache, dass unsere eigene Gedanken uns unmittelbar zugänglich sind, während die Gedanken der anderen umständlich und mit Informationsverlust kommuniziert werden müssen, scheint uns zu zeigen, dass wir wirklich und im höchsten Grad existieren, während andere zwar auch da zu sein scheinen, aber in einer Existenz zweiten Grades, die wir nur vermittelt wahrnehmen können.

    Top 5 der meist gelesenen Artikel dieser Woche