21. März 2021

Das unglückliche Bewusstsein

Zur Überwindung oder Akzeptanz, ein Mensch zu sein

Philosophie, besonders die deutsche ab der Aufklärung muss sich oft vorwerfen lassen, kaum lesbar zu sein und zunehmend weniger praktische Relevanz für das Leben des Einzelnen zu haben. Auch wenn der erste Teil der Kritik stimmt und Philosophen wie Kant, Schelling oder Hegel heute kaum noch lesbar sind, ist der zweite Vorwurf falsch. Man muss doch nur solche philosophisch zentralen Begriffe wie Hegels "unglückliche Bewusstsein" hören und unweigerlich fragt man sich, ob sich darin nicht Erklärungsmöglichkeiten des eigenen Lebens, das immer auch Leiden ist, verbergen.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel von Gustav Blaeser, Hegelplatz, Berlin-Mitte (Daderot)

Der Philosoph Hans Friedrich Fulda schrieb 1971 zu Hegels Begriff des unglücklichen Bewusstseins, es sei das "in sich entzweite Bewußtsein":

"Dieses ist sich des Widerspruchs bewußt, dessen Seiten der Skeptizismus dadurch auseinanderhält, daß er etwas anderes sagt als tut." (Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1, S. 905)

Das finde ich äußerst treffend beobachtet und für unseren Alltag sprechend: Sagen und denken wir nicht alle immer ständig etwas anderes, als was wir tun? Am deutlichsten vielleicht in unserem Versuch, uns selbst als Menschen zu beschreiben. Im Denken über uns, im Sagen von uns tritt zum Beispiel die eine Dualität immer wieder auf, die es im wirk-lichen Leben ansonsten gar nicht gibt: Körper vs. Geist. In jedem Moment, den wir leben, sind wir beides in Gänze und immer zugleich, Körper und Geist. Diese beiden Aspekte des Menschseins sind nicht von einander zu trennen oder einzeln zu haben und dennoch intuitiv-abstrakt (siehe Hegel Wer denkt abstrakt?) nur als sich widersprüchlich entgegenstehend zu denken. 

Trennung und Unglück

Im Alltag sind wir also alle Skeptiker, resignierte Skeptiker, die zu wissen meinen, dass die ganze Wahrheit und die Dinge "ansich" nicht erkennbar sind. Kein Gott, keine Seele oder aber doch und dann nicht erreichbar hier im dinglichen Leben. Geist und Körper, der eine will, der andere kann nicht und muss dann doch. Wir sprechen also in Dualitäten und Differenzen, obwohl wir einen Monismus leben, wir leben jeweils als ein ganzer Mensch, Leib und Seele drücken sich in allen unseren Handlungen und Erlebnissen zugleich, gemeinsam und ununterscheidbar aus.

In der absoluten Wahrheit ist das entzweite Bewusstsein natürlich auch nur ein einheitliches, eine Medaille mit zwei Seiten, wenn man in grob vereinfachenden Metaphern sprechen will. Von dieser ihm eigenen Einheit weiß das entzweite Bewusstsein jedoch nicht. Warum aber, ist das entzweite Bewusstsein, dass sich zwar seiner Widersprüche, aber nicht seiner die Widersprüche aufhebenden Einheit bewusst ist, ein unglückliches Bewusstsein? Um das zu klären, müsste man bis in die Gnosis hinabsteigen, also in die Denkschulen, die aus der Idee entstanden, dass das wahre Selbst des Menschen ein Teil des göttlichen Seins sei, der sich durch einen Sturz in die Materie verloren habe (siehe Misanthropie, die Erkenntnis des verletzten Lebens).

"Trennung ist Schmerz, der Widerspruch ist das Böse und die Erkenntnis darüber macht das Bewusstsein unglücklich." (Bruce Baugh, Hegel in Modern French Philosophy: The Unhappy Consciousness [PDF-Link zum Dokument], S. 426, Übersetzung von mir)

In antiker und gnostischer Tradition ist "in sich entzweit sein" gleichbedeutend mit "unglücklich sein" und das ist ja auch unserem modernen Verständnis nicht zuletzt auch dank dem Deutschen Idealismus und der Romantik noch nah. Dass wir nun in Göttlich-Geistiges auf der einen und Dämonisch-Körperliches auf der anderen Seite auseinanderklaffen, macht uns zu unglücklichen Bewusstseinsträgern, die höchstens in der Askese versuchen können, das Dämonische zu verringern. Geht die Askese so weit, dass man daran als körperliches Wesen zugrunde geht, dann kann man das einen vollen Erfolg nennen, die Trennung aufzuheben. Aber das war auch schon Friedrich Nietzsche ungeheur, als er dichtete, als sei es nicht erstrebenswert: "Man geht zugrunde wenn man immer zu den Gründen geht." So lange das Bewusstsein von seinem eigenen Wesen (Einigkeit) dadurch getrennt ist, dass es nichts von ihm weiß, muss es ein unglückliches Bewusstsein sein.

Jean Paul Sartre postulierte übrigens, dass das menschliche Bewusstsein ganz selbstverständlich ein unglückliches sein müsse, wenn es keinen Gott gibt, der in seiner Totalität alle Widersprüche aufhebe. Mit Hegel könnte man widersprechen, dass der Geist durch seine eigene Hervorbringung in Form von zunehmend inklusiver Vernunft, ja selbst die Totalität vor Augen habe, in der alle Widersprüche getilgt sein werden.

Kann es ein glückliches Bewusstsein geben?

Natürlich sind die meisten von uns auch glücklich, manche begreifen sich als überwiegend glücklich, manche als oft glücklich und manchmal sind wir auch unglücklich. Aber all das, das kontingente Glück oder die Zufriedenheit dank unserer Lebensumstände, ist hier nicht vordergründig gemeint. Hier ist ein fundamentales Gespaltensein gemeint, dafür gab es in der Historie viele sprachliche Bilder wie das Vertriebensein aus dem Paradies, Entfremdung, metaphysische Obdachlosigkeit, der Ekel oder das Absurde. Die Wurzel all dieser Begriffe ist der Wunsch nach Überwindung des Gespaltenseins.

"Wenn Hegel einander Entgegengesetztes im Begriff vereint, der die Vielfältigkeit aller Bestimmungen und Negationen in sich enthält, dann hat er einen philosophischen Weg zur Ganzheit gefunden, die er vorher in Liebe und Religion gesucht hatte." (Bruce Baugh, s.o.)

Können wir dieses Gespaltensein jemals wirklich überwinden, ist das unglückliche Bewusstsein heilbar? Kann das Bewusstsein sich mit sich selbst und der objektiven Realität versöhnen? Es gab seit Hegel viele philosophische Demonstrationen, dass das nicht möglich sei. Oben nannten wir bereits Sartre, der in dieser Frage sicher nicht weit weg von Camus ist. Es gibt allerlei Argumente, die gegen das Überwinden des gespaltenen Bewusstseins sprechen.

Das vielleicht schönste Argument ist, dass Hegel hier ein kapitaler kategorialer Fehler unterlief: Hegel verwechsele hier Wörter mit Dingen:

"das wirkliche Sein mit dem Konzept 'Sein', das Konzept 'Nichts' mit dem wirklichen Nichts... Die Hegel'sche Dialektik, die nur Worte betrifft, ist 'nichtig'. Das wahre Streben nach dem Konkreten, ist 'eher ein Oszillieren als eine Dialektik' [...] eine konkrete Realität, die über die Gedanken hinausgeht, ist 'die Grenze der Dialektik und ihres Ursprungs'." (Bruce Baugh, a.a.O., S. 431)

Somit wäre Hegels Gebrauch der Sprache also eher ein Symptom des unglücklichen Bewusstseins und keine Kur. Andere Gegenargumente wie die der oben genannten Existenzialisten sind eher grundsätzlicher Natur, in dem Sinne, dass Leben für Menschen immer auch Unterscheidung und Negation bedeutet und ein Verschwinden des Gespaltenseins somit den Tod bedeutete. Ähnlich ist es in Freuds Sprache vom Unbehagen in der Kultur, das ebenfalls aus dem Gespaltensein des Bewussteins des Einzelnen und dem Versagen der Befriedigung seiner Begierden resultiert, aber eben notwendigerweise, damit ein Leben in Gesellschaften überhaupt möglich ist. Auch die Selbstreferenzialität des Bewusstseins, das sich nie komplett selbst verstehen und umfassen kann, weil es als sich selbst erkennendes Subjekt immer über das Objekt der Erkenntnis hinausgeht, ist ein Argument gegen die Möglichkeit vollständiger Ganzheit. "Nach Sartre suche das Bewusstsein stetig nach Einheit und finde Trennung." (Bruce Baugh, a.a.O., S. 436)

Frieden mit dem unglücklichen Bewusstsein

Wenn uns die Überwindung des unglücklichen Bewusstseins hier im Leben versagt bleibt, dann ist die zweitbeste und einzig positiv verbleibende Option die Akzeptanz des unglücklichen Bewusstseins. Auch dafür gibt es mindestens zwei verschiedene Wege. 

Erstens gibt es den religiösen Weg, der zwar die Hoffnung auf Überwindung in diesem Leben aufgegeben hat, aber nicht die Hoffnung auf Überwindung im ganzen Leben, das das Leben nach dem Tod einschließen würde. 

Zweitens gibt es einen philosophischen Weg, der zwar die Unüberwindbarkeit der Spaltung und des Unglücks in der Gänze des Lebens zur Kenntnis nimmt, dies aber entweder mit Gelassenheit (z.B. Sigmund Freud oder Albert Camus) oder ausdrücklicher Affirmation des Unglücks (z.B. E. M. Cioran oder Albert Caraco) quittiert.

Gibt es nur diese zwei? Nein, hier schließt sich der Kreis und wir finden Hegel, der eine Synthese aus diesen beiden Wegen ging, um das Religiöse mit dem Philosophischen zu vereinen, angereichert durch diesen grenzenlosen Optimismus (Oder soll man es Größenwahn nennen?) dass das möglich sei und zwar in diesem Leben und durch ihn, Georg Wilhelm Friedrich Hegel selbst.


Das passt dazu:

Kommentare:

  1. "In jedem Moment, den wir leben, sind wir beides in Gänze und immer zugleich, Körper und Geist."

    Daran beginnst du zu zweifeln, wenn du dich mal drei Meter über deinem Körper vorfindest, der unter dir "schlafend" liegt!

    Aber davon abgesehen: Ich denke, dass nicht die "Gespaltenheit" das Hauptproblem ist, sondern die Vergänglichkeit, die ständige Veränderung. Der Geist ist etwas bio-negatives, weil er die Statika will: Endlösungen für alles, perfekte Zustände als Ergebnis jeglichen Tuns rund um jede Problematik.

    Im Geist können wir Perfektion denken, im Leben jedoch nie erreichen, jedenfalls nicht auf Dauer. Das zeigen schon Banalitäten wie der Zustand eines Zimmers: einmal aufgeräumt und geputzt, verdreckt es doch wieder, auch wenn man gar nichts tut! :-)

    Leben kennt keine Perfektion, die Natur ist aus "krummem Holz" und macht überall Fehler (nur mal als Beispiel die Tragik angeborender Pädophilie), die jedoch meist "im Großen und Ganzen" dem Fortbestand der Arten nicht schaden (Individuen aber schon!).

    Die wunderbare Fähigkeit, logich zu denken und uns perfektes Funktionieren vorstellen zu können (wenn auch nicht immer im Detail) macht uns "unglücklich", weil wir Unmögliches anstreben - und doch nicht davon lassen können, denn "Verbessern" kann und will mensch nicht lassen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für diesen lebensnahen philosophischen Kommentar! Bei deinem Gedanken "dass nicht die "Gespaltenheit" das Hauptproblem ist, sondern die Vergänglichkeit" stellt sich mir die Frage, ob Vergänglichkeit und Gespaltensein nicht zwei Ausdrucksformen deselben sind.

      Die Vergänglichkeit steht eben der Ewigkeit entgegen, von der wir annehmen, dass sie das Vergängliche umschließt. Oder wie Sloterdijk schreibt: "Geburten sind Launen des Absoluten, das sich mit der unendlichen Komödie der Individuationen die Ewigkeit vertreibt." (Weltfremdheit, 237)

      Wir selbstverliebten Individuen entwickeln daraus oft die Enttäuschung, dass wir nicht dem Ewigen, sondern dem Vergänglichen angehören.

      In der Hinsicht, finde ich es immer wieder ironisch, wie eigentlich Selbstverliebt und sich wichtig nehmend die sind, die behaupten, ihre Individualität zu überwinden (z.B. in der Gnosis oder dem Buddhismus). Warum nehmen sie sich nicht einfach als das, was sie sind, "isolierte 'Egos' in Hautsäcken"? Sie nehmen sich ironischerweise sehr wichtig, als die auserwählten, die das Gespaltensein überwinden können und durch die wie durch wahre Götter das ganze Sein fließt.

      Löschen
  2. Ja, so in etwa hab ich auch weiter überlegt und du bringst es nun auf den Punkt. Und was für ein wunderbarer Spruch von Sloterdijk!

    Der verlinkte Artikel über Alan Watts ist ebenfalls eíne Perle!

    Ich habe trotzalledem Respekt z.B. vor dem Buddhismus, der viele Weisheiten und auch Methoden lehrt, den "Weg aus dem Leid" zu beschreiten. Nicht, dass ich das im buddistischen Sinn je wirklich getan hätte, aber meine Auseinandersetzung damit hat mir viel gebracht - und immer wieder eín neues Verständnis.

    Dass wir all das, was auch Watts beschreibt, nicht nur lesen, mental wissen oder glauben, sondern auch erleben können, ist für mich der Kern der Mystik. Das Selbst als das Ganze, das Alleswasist wird da fühlbar, sichtbar, erlebbar - nur dass dazu eben zwingend gehört, dass es in diesen Momenten/Zuständen niemanden mehr gibt, der es sieht und erlebt.

    So manche/r, der/die dann anfängt "zu lehren" oder sich auf sonst eine Weise als "was Besonderes" zu geben, ist genau das: Die "große Einsicht" wird zum Bestand gestellt, wie Heidegger sagen würde, wird Gegenstand des rechnenden Denkens: Ich bin schon SOOOO weit... etc. usw.

    Das fällt uns aber vermutlich vor allem unangenehm auf bei Menschen aus der eigenen Sozialisation/Kultur. Sie sind nun mal nicht eingebettet in eine alte, bewährte Tradition, wie mit so etwas umzugehen ist - und reproduzieren dann eben halbwegs unbewusst die Eigenheiten unserer westlichen Konsum- und Karriere-Gesellschaften.






    AntwortenLöschen

Top 5 der meist gelesenen Artikel dieser Woche