12. Dezember 2016

Das Unbehagen in der Kultur

Entfremdung, Freiheit und Idealismus bei Sigmund Freud

Wer fühlt sich schon wohl und behaglich in der Gesellschaft? Die meisten von uns müssen sich täglich mit Leuten umgeben, von denen sie einen beträchtlichen Prozentsatz für Idioten halten. Wir dürfen nicht tun und lassen, was wir wollen, wir werden gegängelt vom Kindergarten bis ins Hospiz. Unsere innersten Leidenschaften und Wünsche spielen für diese Welt keine Rolle. Schon immer haben die Menschen darunter gelitten und nur die wenigsten gehen so konsequent wie der Marquis de Sade dagegen vor.

Sigmund Freud 1921 (Fotografie von Max Halberstadt)

Dieses Unbehagen zu verstehen, ist ein Fokus im Denken des 20. Jahrhunderts. Einer der Grundbegriffe moderner Philosophie, wo sie uns als Menschen in solch einem unbehaglichen Weltverhältnis beschreibt, ist der Begriff Entfremdung. Arnold Gehlen, einer der in dieser Hinsicht originellsten Denker des 20. Jahrhunderts, sagt, es handle sich um eine "echte Kategorie, die für die Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit [...] unentbehrlich ist" [Gehlen 1983, S. 366]. Was jetzt folgt, ist ein längerer Artikel, der jenen zu empfehlen ist, die Spaß an philosophischen, psychologischen und soziologischen Begriffsfindungen haben. Zu diesem Zweck scheint es mir sinnvoll, mindestens drei große Begriffskomplexe rund um Entfremdung zu unterscheiden, die auf verschiedene Weisen verknüpft sind:

  1. Zum einen gibt es einen gesellschaftlichen Begriff der Entfremdung. Zu beschreiben wäre er als der menschlich-gesellschaftlich vorangetriebene Prozess der Aneignung der Natur und ihrer Umgestaltung zur Kultur, einhergehend mit allen auch negativen Auswirkungen, welche am Ende fremdbestimmt wirken, da sie den individuellen Impulsen und Wünschen nicht entsprechen. Als Illustration können wir uns hier Frankensteins Monster vorstellen und wir wissen, was gemeint ist.
  2. Zum anderen wäre da eine, wie ich sie nennen möchte, existentielle Entfremdung, die wir als Individuen erleben, denen es nicht gelingt aus sich heraus zur Welt, zum Anderen durchzudringen. Seinen bildlichen Ausdruck findet dieser Gedanke in unserer Kultur z.B. in der Vertreibung aus dem Paradies. Durch das Wissen (Apfel vom Baum der Erkenntnis) um das Abgetrenntsein vom Anderen, wodurch sich zur Erkenntnis sofort Angst und Scham gesellen, bleibt uns das Herstellen eines unschuldigen und naiven Zusammenhanges von Ich und Welt, wie wir es vielleicht Kindern noch zuschreiben, verwährt. Diesen Begriff würde ich beschreiben als das individuelle und der Steigerung fähige Gefühl der Vereinzelung und Abgegrenztheit von allen anderen Lebewesen und Dingen, zu dem Menschen aufgrund ihrer Selbstreflexion in der Lage sind und das durch individuelle psychische Konstrukte zu überbrücken versucht wird.
  3. Hinzu kommt ein Begriff des von sich selbst entfremdeten Ichs, wie wir es aus dem deutschen Idealismus, der Psychoanalyse und zuletzt aus den verunsicherten Fragen der modernen Subjekte kennen, die nicht mehr wissen, ob ihre Wünsche, Gedanken, Ängste und Taten noch ihre eigenen seien. Wer dazu eindrückliche Illustration sucht, kann sich beispielsweise David Lynchs Filme wie Mullholland Drive ansehen.

Sigmund Freud hat besonders diesen letzten Entfremdungsbegriff aus der Philosophie des deutschen Idealismus (besonders von J. G. Fichte) aufgegriffen und psychologisch weiterentwickelt. Freuds Aufsatz "Das Unbehagen in der Kultur" von 1929 kommt zwar, bis auf eine Stelle, ohne die explizite Nennung des Begriffes Entfremdung aus und fügt ihm doch neue Aspekte hinzu. Dazu zählen insbesondere die von Freud untersuchten psychische Instanzen, wie z.B. das Gewissen, als selbstgeschaffene aber doch fremdbestimmt wirkende Autorität.

Entfremdung als Spaltung des Ichs

Arnold Gehlen fragt mit Blick auf Freud, "was sind die Träume, die Ticks, die unüberwindlichen Zwänge und überhaupt das ganze Arsenal anders, als bewußtlose Produkte der Selbsttätigkeit des Ich, die sich ihm entfremden und als Übermacht gegenübertreten...?" [Gehlen 1983, S. 368] So finden wir bei Freud zunächst eine psychologische Ausformungen des Entfremdungsbegriffes:

"...orientiert an seiner psychoanalytischen Theorie des Individuums [...] als Spaltung des Ich in Ich und Es, wobei das Es, als Teil der Persönlichkeit, dem Ich unbewußt ist, ihm fremd, und es zu beeinflussen vermag." [Trebeß, S. 135]

Ein gegenüber seinen Vorgängern neuer Aspekt dieses Begriffes Freuds ist, dass bei ihm tatsächlich, ohne "theologische Schmuggelware" (Safranski, S. 143), also ohne eine Bestimmung des Menschen, wie er sein soll, annehmen zu müssen, von einer Art Urzustand, von einer frühkindlichen Vorentfremdung ausgegangen werden kann.

"Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet es eine Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein eingeschrumpfter Rest eines weit umfassenderen, ja - eines allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ichs mit der Umwelt entsprach." (Freud, S. 200)

Diese gedachte Möglichkeit der Abwesenheit von Entfremdung oder besser eines Zustands vor der Entfremdung ist ein Alleinstellungsmerkmal der Freud'schen Theorie, der den Menschen in seiner psychologischen Verfassung beschreibt und nicht in seiner gesellschaftlichen. Ein gesellschaftlich verstandener Begriff von Entfremdung schließt einen Zustand vor der Entfremdung aus, denn zum Kulturwesen Mensch gehört die Entfremdung, wie das Fell zum Affen. Bei Freuds psychologischen Entfremdungsbegriff lässt sich immerhin plausibel machen, dass jedes Individuum in einem unentfremdeten Zustand auf die Welt kam. Diesen Zustand wieder zu erreichen, lässt sich aber auch hier nur sehr schwer vorstellen. Es erscheint aber möglich, Schritte in diese Richtung zu gehen, das heißt über einige vom Selbst entfremdete Aspekte der Persönlichkeit die Verfügungsgewalt wiederherzustellen. Zumal wenn sich, wie Freud meint, "das primäre Ichgefühl im Seelenleben vieler Menschen" [Freud, S. 200] erhalten kann. Es ist nicht nur vorstellbar, sondern psychoanalytische Praxis, verschiedene der Kontrolle des Individuums entfremdete psychische Leistungen wieder unter die Kontrolle des Ichs zu bringen. Freud beschreibt es als Störungen des Ichgefühls, wenn

"...Stücke des eigenen Seelenlebens, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle wie fremd und dem Ich nicht zugehörig erscheinen, andere, in denen man der Außenwelt zuschiebt, was offenbar im Ich entstanden ist und von ihm anerkannt werden sollte." (Freud, S. 199)

Solche psychischen Leistungen sind dem Ich also nicht eigentlich fremd, sondern fremd geworden – entfremdet. Der Freiheit, uneingeschränkt über sich selbst zu verfügen, so könnte man hoffen, kommt das Ich ein Stück näher, wenn es diesen Entfremdungsvorgang umkehrt. Das liegt ganz auf der Linie des Ansatzes von Fichte, nachdem "im Bewußtsein unbewußte Prozesse vor sich gehen, also Vorgänge ihr Wesen treiben, von denen das 'Ich' gar nichts weiß und deren Resultate es einfach vorgelegt erhält." [Gehlen 1983, S. 367] Diese Notwendigkeit der psychischen Vorgänge und ihrer Resultate, das ungeheure "Zwangssystem der Erfahrungswelt" [a.a.O.], so Gehlen, sei das, wogegen sich der Gedanke Fichtes und Freuds richte und zwar mit aller Konsequenz:

"Alles im Bewußtsein Vorfindbare, einschließlich dieses Scheins, dieser Suggestion von Fremdheit, Übermacht und Außenwelt sollte abgeleitet werden aus Akten des Ich, und so wollte er [Fichte - GD] ihm seine Freiheit wiedergeben." [a.a.O.]

Ganz so radikal, gegen den Zwang einer Außenwelt überhaupt, wendet sich der Ansatz Freuds sicher nicht. Freud geht es schließlich nur um das "neurotische Arsenal", von dem er den Menschen durch Rückaneignung zu befreien hofft. Der zugrundeliegende Gedanke ist der selbe.

Entfremdung und Über-Ich

Der andere Entfremdungsbegriff Freuds, kommt mit dem Auftritt des Über-Ich, als einer auf das Ich wirkenden fremden Autorität ins Spiel.

"Das Böse ist oft gar nicht das dem Ich Schädliche oder Gefährliche, im Gegenteil auch etwas, was ihm erwünscht ist, ihm Vergnügen bereitet. Darin zeigt sich also fremder Einfluß; dieser bestimmt, was Gut und Böse heißen soll." (Freud, S. 251)

Das Gewissen ruft im Individuum Spannungen zwischen wollen und sollen und somit Schuldbewusstsein hervor. Dieser jetzt als fremd erlebte Einfluss ist aber vom Menschen selbst geschaffen und kann so als ein typischer Prozess der Entfremdung markiert werden. Trebeß formuliert die Zusammenhänge so:

"Hier gibt es eine fremde Position, die das Individuum Zwängen unterwirft, die nicht unmittelbar aus ihm selbst kommen, aber, im kulturellen Zusammenhang, auch nicht unabhängig von seiner eigenen Tätigkeit sind [...] Das ist nicht mehr - wie im ersten Fall - 'Entfremdung' des Individuums von sich selbst, sondern es ist Entfremdung im kulturellen Zusammenhang." [Trebeß, S. 135]

Die Entfremdung aus der Spaltung in Ich und Über-Ich (individuell) und die aus der Gegenüberstellung von Ich und Es (kulturell) kann man zwar getrennt betrachten, aber sie sind sicher nicht ohne gegenseitige Abhängigkeiten zu denken. Es ist vielleicht sogar eine Pointe Freuds, die Menschen könnten ein behaglicheres Leben in der Kultur führen, befreit von vielen psychologischen Entfremdungen, wenn sie sich der Entfremdung im gesellschaftlichen Zusammenhang bewusst würden. Aus welchem Grunde sonst, meinte Freud, die Menschheit auf die Couch legen und sie von ihrer allgemeinen menschlichen Zwangsneurose, der Religion befreien zu müssen? Diese Neurose bedeutet ja erst einmal

"...eine großartige Erleichterung für die Einzelpsyche, wenn die nie ganz überwundenen Konflikte der Kinderzeit aus dem Vaterkomplex ihr abgenommen und einer von allen angenommenen Lösung zugeführt werden." [Freud, S. 164]

Vorwärts zur Kultur

Von dieser Entlastung fort strebt Freud zu einer "Erziehung zur Realität". Die individuellen und bedrohlichen Abgründe, die sich in einer Gesellschaft ohne Gott wohl öffnen würden, müsse der Mensch ertragen lernen, den Rest besorge der Fortschritt der Wissenschaft. Es eröffnet sich ein Blick auf das zukünftige Behagen in der Kultur:

"Dadurch, daß er [der Mensch - GD] seine Erwartungen vom Jenseits abzieht und alle freigewordenen Kräfte auf das irdische Leben konzentriert, wird er wahrscheinlich erreichen können, daß das Leben für alle erträglich wird und die Kultur keinen mehr erdrückt." [Freud, S. 183]

Ungeheuerlich frei von existentiellen Entfremdungsgefühlen zeigt sich Freud in der gesamten Behandlung des Themas Religion und Gesellschaft. Fast naiv spricht Freud in Die Zukunft einer Illusion von unserem "Gott Logos", dem "Primat des Intellekts" im Auftrage einer glänzenden Zukunft, sobald uns der andere Gott ausgetrieben ist. Als gäbe es nicht genügend Gründe, auch an der Stelle wo der Logos das Leben übernimmt, auf ebenso verheerende Auswirkungen aufmerksam zu machen. An diesem Punkt übernehmen dann später Heidegger, Horkheimer und Adorno die Kulturkritik. Aber für Freud ist auch klar, dass es kein vollständiges Behagen in der Kultur geben kann. Kultur fordert Triebverzicht und diese Forderung stellt sich sogleich einem ausschließlichen Folgen des Lustprinzips entgegen, wenn auch gleichzeitig Wege ihm zu genügen, z.B. in der Sublimierung, eröffnet werden.

"Doch einen Zustand aufgehobener Entfremdung gibt es nicht mehr: [...] Entfremdung bleibt dauernd nötig zur Unterdrückung des Individuums, zur Beherrschung der ihm angeborenen Triebe durch die von ihm selbst erzeugte Kultur. Kultur ist Entfremdung, Entfremdung ist der Prozeß der Kultivierung der Triebnatur des Menschen." [Trebeß, S. 139]

Auch für Freud kann es keine Gesellschaft ohne die das Individuum entfremdenden Institutionen, die zum Teil für Entlastung sorgen, die sich aber auch den Trieben entgegenstellen und so Kultur erst ermöglichen, nicht geben. Freud ist da nicht so radikal wie Gehlen, dessen Blick auf Entfremdung noch affirmativer ist: bei ihm wird schließlich die Freiheit aus der Entfremdung geboren. Wie schon bei Hobbes ist die Entfremdung die Kultivierung des Menschen, die nicht aufgegeben werden kann, deren Aufgabe man nicht einmal wünschen kann, wenn man nicht von der rohen Natur verzehrt werden möchte. Die linke Gegenposition zu solch konservativer Bejahung der Instititutionen kann man mit Adorno aufmachen, der die Entfremdung zwar für genauso unumgänglich hält, in ihr allerdings nur Negatives entdecken kann (ein interessantes und historisches Streitgespräch zwischen Gehlen und Adorno kann man hier sehen). Die Ironie (und Dialektik) der Geschichte liegt freilich darin, dass sich Adornos Ansatz aus den liberalen Ideen von der Selbstentfaltung, von der Befreiung jeglicher Zwänge und vom Widerstand gegen die Institutionen zum modernen konsumistischen Kapitalismus weitaus besser passen, als die konservativen Ideen vom Erhalt der Sitte und die Besinnung auf die Herkunft, wie sie etwa Heidegger oder Gehlen vertraten. Die linke Kulturkritik sieht in Entfremdung und Institutionen eine Bedrohung der Freiheit, die rechte sieht darin die Voraussetzung zur Freiheit.

In Freuds psychoanalytischen Verständnis besteht Freiheit lediglich darin, die Verfügungsgewalt über das Ich (und dessen Teile) wieder hergestellt zu haben. Als Fluchtpunkt wäre vielleicht so etwas wie ein "allumfassendes Ich-Gefühl" zu nennen, von dem wir uns nach der Geburt sukzessive entfernen. Wo Es war, soll Ich werden, ist der berühmte Schlachtruf. Von der Macht des Über-Ichs als eine Konsequenz der Institutionen könnte man sich dann auch gleich noch freimachen.

Und was ist mit der Entfremdung durch den aufgenötigten Triebverzicht? Hier hilft vor allem Kunst, Dichtung und Philosophie als Erhöhung und Triebabfuhr. Freuds Ansicht, die zu dieser künstlerisch/intellektuellen Sublimierung Unfähigen, sollten ihr Glück in der Erwerbsarbeit finden, ist ein in der Entfremdungsdiskussion nahezu absurder Gedankengang. Bei Freud heißt es, die Arbeit binde den Einzelnen fest an die Realität und füge ihn sicher in die menschliche Gemeinschaft. Dieser Gedanke ist schon bei Marx und erst Recht bei Adorno und Horkheimer oder auch bei Hannah Arendt völlig unmöglich. Immerhin betont auch Freud den Wert, den die freie Wahl der Arbeit nach persönlicher  Neigungen habe. Die schwierigsten sozialen Probleme aber leiteten sich laut Freud aus der Arbeitsscheu der Menschen ab.

Als Kulturoptimist zeigt sich Freud jedoch frei von jedem Entfremdungskonzept: Zwar kann es nie ein vollständiges Behagen des Einzelnen in der Gesellschaft geben, aber die Errungenschaften der Menschheit insgesamt und besonders in der Technik, kommen nicht wie bei Heidegger oder Adorno und Horkheimer als Bedrohungsszenarien daher, sondern als promethische Verheißung:

"Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist direkt die Erfüllung aller – nein, der meisten – Märchenwünsche, was der Mensch durch seine Wissenschaft und Technik auf dieser Erde hergestellt hat, in der er zuerst als ein schwaches Tierwesen auftrat..." [Freud, S. 222]

Das Potenzial der Vernichtung, das dieser Aufschwung eines Mängelwesens zu einer gottgleichen technischen Allmacht über die Natur mit sich bringt, wird zwar auch von Freud erkannt. Nicht thematisiert jedoch, wird eine durch die Technik um sich greifende existentiellen Entfremdung der Individuen von ihrer Natur und von einander, wie das etwa von Erich Fromm später gesehen wird. Das Problem für Freud ist vielmehr, dass wir uns trotz der und in der göttlichen Rolle nicht glücklich fühlten. Das zu verändern ist Freud hier schließlich angetreten. Einen viel tröstlicheren Rat, als dass es vorerst das Beste sei, sich den Einschränkungen, die wir als Individuen durch die Kultur erfahren, zu beugen, kann Freud uns aber auch nicht geben, um dem Unbehagen in der Kultur zu entkommen. Der Weg zum Glück besteht bei Freud jedenfalls keineswegs in einem romantischen Zurück zur Natur:

"Es gibt freilich einen anderen und besseren Weg, indem man als ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft mit Hilfe der von der Wissenschaft geleiteten Technik zum Angriff auf die Natur übergeht und sie menschlichem Willen unterwirft. Man arbeitet dann mit allen am Glück aller." (Freud, S. 209)

In diesem Vorwärts zur Entfremdung ist Freud sehr modern, fast futuristisch. Jedoch kritisiert er die Kultur vor allem dahingehend, dass ihre Mitglieder im Geiste klein gehalten werden, was dazu führe, dass sie sich in der Kultur, die die psychologischen Verstrickungen der Menschen vor ihnen verberge, unwohl fühlen. Unter der Bedrängung durch entfremdete Bewusstseinsinhalte will keine rechte Behaglichkeit in der Kultur aufkommen. Es handelt sich um zu beseitigende Störungen und deswegen ist Freuds Befreiungsversuch immerhin nicht prinzipiell aussichtslos. 

Arnold Gehlen aber sieht darin eben jenen idealistischen Fehler zu glauben, "die Idealität, die allerdings im Menschen liegt, sei in der unmittelbaren Subjektivität lebbar." [Gehlen 1983, S. 377] Seine Perspektive geht genau anders herum: Desubjektivierung, Entlastung, Institutionen. Persönlichkeit lässt sich mit Gehlen nur im Zusammenhang mit den sie umschließenden Institutionen denken. Hier nun, in der drohenden Politisierung dieser subjektivistischen Freiheitsidee, sieht Gehlen auch die Gefahr für die Kultur. Der marxistische Entfremdungsgedanke, der die Bewegung weg von der Entäußerung des Einzelnen, hin zum Ich als Selbstbestätigung enthält und als Befreier des Ichs auftritt, beschädige die Institutionen.

Freuds Vorwärts zur Entfremdung hat also ein psychologisches Hintertürchen: den angestrebten Abbau des dank Entfremdung neurotischen Arsenals, die Befreiung von den ehemals eigenen, uns jetzt entgegentretenden Bewusstseinsinhalten. Es ist schwer hier außerhalb der psychischen Gesundung und Stabilisierung der Menschen kulturelle Befreiungsbestrebungen und einen Rückbau der Institutionen zu sehen. Gehlen sieht deshalb in Freud eine Art Wirtsorganismus, in dem der "anarchische Gehalt, wie ein Bazillus eingekapselt" [Gehlen 1983, S. 377] auf seine Politisierung wartet.

Freud will aufklären, nicht aber die Institutionen abbauen. Entlasten könne man sich in der Sublimierung oder, wenn man dazu nicht fähig ist, im Arbeitszusammenhang. Auch der Glaube als Entlastung fiele nach Freuds Aufklärung nicht ersatzlos weg und wo seine Abwesenheit eine existentielle Leere hinterließe, müsse man sie ganz übermenschlich ertragen. Die freiwerdenden Energien könnten eingesetzt werden, den realen Druck der Kultur auf die Menschen abzubauen. Eine Tendenz zum Abbau der Entfremdung gibt es bei Freud nur, insoweit sie das neurotische Arsenal betrifft. Hier gibt es eine Bewegung hin auf das ursprüngliche, das nicht entfremdete Ich. Auf der kulturellen Ebene ist die Entfremdung nicht abzubauen, sie muss bestehen und sich den individuellen Trieben entgegen stellen.

Und nun?

Zum einen interessieren mich einfach die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten dessen, was uns alle irgendwie bedrückt. Aber was sagen uns Freuds zugegebenermaßen in die Tage gekommenen Ansätze? Von einer Befreiung vom Glauben beispielsweise, die Freud sich noch vorstellte, kann ja heute unter dem plötzlichen Zusammentreffen verschiedentlich indoktrinierter Menschen gar nicht mehr gesprochen werden. Vielleicht kann das nicht einmal mehr gewollt sein. Was ich für mich aus den Gedanken Freuds und auch Gehlens mitnehme, ist zum einen die Gewissheit, dass jegliches Freiheitspathos mit Vorsicht zu betrachten ist und zum anderen, dass es völlig normal ist, sich unbehaglich zu fühlen. Wir können den verschiedenen Entfremdungen nicht entkommen, aber wir können sie als Stachel zum Weiterleben sehen. Hören wir auf, nach einem großen Behagen zu suchen und dabei über Leichen zu gehen. Richten wir uns ein und bejahen wir die nicht endende Kulturwerdung. Wir müssen das alle miteinander vorantreiben, nicht gegeneinander. Wir sind nichts besonderes, weil wir alle etwas besonderes sind!



Das passt dazu:

Literatur:
  • Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. In: Sigmund Freud. Studienausgabe. Band IX. Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion. Frankfurt am Main, 1974. S. 191 - 270
  • Sigmund Freud: Die Zukunft einer Illusion. In: Sigmund Freud. Studienausgabe. Band IX. Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion. Frankfurt am Main, 1974. S. 135 - 189
  • Erich Fromm: Die Kunst des Liebens. Frankfurt/M., Berlin, 1988
  • Arnold Gehlen: Der Mensch. Wiesbaden, 1997
  • Arnold Gehlen: Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung. In: Gesamtausgabe. Bd. 4. Frankfurt/M., 1983
  • Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. München, Wien, 1994
  • Achim Trebeß: Entfremdung und Ästhetik. Eine begriffsgeschichtliche Studie und eine Analyse der ästhetischen Theorie Wolfgang Heises. Stuttgart, 2001

Kommentare:

  1. Das passt ja zu meinen heutigen "10 Empfehlungen" bzw. zur Nr. 10

    "10.
    Verzeih dir dein Begehren, auch wenn es mal nicht deinen Werten entspricht. Es kommt nicht darauf an, das Verlangen abzuschaffen, sondern es zu zivilisieren und zu kultivieren. "

    Das "Unbehagen in der Kultur" hab ich mit 15 gelesen, zeitgleich mit Suzukis "ZEN". Es hat mich tief deprimiert. Beide Bücher zusammen haben mich quasi in den Geisteszustand der "Suchenden" initiiert. Interessant, das eine heute hier wieder rezensiert zu sehen!


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    1. Ja, dieser Punkt 10 gefällt mir sehr!
      Zugegeben, es ist auch schon länger her, dass ich diesen Text las (nicht mit 15, aber mit 25) und der Eintrag hier ist eine Destillation einer damaligen Arbeit dazu. Aber deprimiert? Wie kann dieser Text denn deprimieren?

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  2. Deprimiert hat mich die Auswegslosigkeit, das letztendlich bleibende "Unbehagen in der Kultur", die bleibende Entfremdung, die irgendwie "sublimiert", aber nicht abgeschafft werden kann.
    Das widersprach komplett meinem Verständnis des Zeitgeistest (es war 1969, Kulturrevolution, freie Liebe, Hippies, "Gammler"...) und dem jugendlich positiven Menschenbild: wenn die Zwänge der Alten und "Herrschenden" mal weg sind, werde das Paradies ausbrechen. So in etwa. :-)

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    1. Ja, das ist verständlich! Zumal die 68er ja als Aufbegehren gegen, Symptom der und letztendlich Manifestierung der entfremdenden Institutionen deutbar sind. Wie Aussichtslos (nicht in allem, aber in Hinsicht auf Entfremdung) das war, sah man schon an Andorno als Stoffgeber gegen die muffenden Institutionen auf der einen und dann als wahrgenommener Verfechter der Institutionen auf der anderen Seite.

      Die teuflisch-magische Dialektik des Kapitalismus drehte letztlich das, was als Konterrevolution gemeint war, herum und verwertete es als Treibstoff für den libertären und auf Vergnügen und Befriedigung ausgerichteten globalen Konsumismus, den wir heute so gern ablehnen.

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