20. April 2016

Von der Abstraktion zum realen Leben kommen

David Whyte über unsere Verbindung zu den Dingen der ersten Ordnung

Kennt ihr das Gefühl, dass irgendwie nichts mehr real zu sein scheint, und wir nur abstrakten Sorgen und Bedürfnissen hinterher rennen? Ziele erreichen ist alles: Karriere, Besitz, Status. Dabei wissen wir doch, dass das am Ende nicht viel zählen wird. Der britische Autor David Whyte hat dagegen eine Medizin: Zurück zu den Dingen! Ein poetischer Realismus. Whyte sagt in dem Interview The Conversational Nature of Reality (zum Anhören im Original unter dem Zitat eingebettet):
"Der Ort, an dem die Dinge real werden, ist die Grenze zwischen dem, was du für dein Du hältst und dem, was du nicht dafür hältst. Was immer du von der Welt möchtest, wird nicht genau so passieren, wie du es magst. Und was immer die Welt von dir möchte, wird auch nicht passieren. Was eigentlich passiert ist dieses Treffen an der Grenze. Aber es ist erstaunlich, wie viel Zeit wir von dieser Grenze abgewendet verbringen, abstrahierend, außerhalb unserer Körper und jenseits unserer direkten Erfahrung."



Whytes Poesie und Philosophie gründen in der dialogischen Struktur der Realität, wie er selbst sagt. Und aus dieser sehr geerdeten und trotzdem so lyrischen Philosophie können wir viel fürs Leben lernen. Zum Beispiel wie gut es tut, die Dinge um uns herum wahrzunehmen. Wir hätten so viele Verbündete in unserer Welt, meint Whyte, wie beispielsweise die Farbe Blau am Himmel oder der Wind auf der Haut oder einfach den Boden unter unseren Füßen. Wir schenken diesen alltäglichen Dingen kaum Aufmerksamkeit, obwohl sie uns einladen, aus der Abstraktion zurück in die Welt zu finden. Es widerstrebt uns, so Whythe, im hier und jetzt gegenwärtig zu sein, ja wir hätten geradezu Angst, uns der Stille und dem Alleinsein auszusetzen, die das Reale benötigt:

"Was wir in der Stille und im Alleinsein fürchten, ist der Tod der Peripherie. Wir haben Angst, dass unser Alltag da draußen, der Ort, an dem wir unsere Persönlichkeit aufgebaut haben, in der Stille verschwinden. Das ist einer der Gründe, warum es uns so schwer fällt, allein zu sein, das Radio oder den Fernseher abzustellen oder Zeit ohne unsere Smartphones zu verbringen. Wir haben Angst, dass das zu unserem Niedergang führen könnte. Und die Intuition trügt nicht, es kann tatsächlich zu einem Niedergang unserer Alltagsperson kommen, aber es führt uns zu diesem tieferen und reicheren Ort, der in unserem Alltag nicht vorkommt."

Dieser Ort wäre jenseits unserer abstrakten Sorgen und Bedürfnisse in einer Selbstverständlichkeit, einer Vertrautheit und Körperlichkeit zwischen den Dingen und den anderen Wesen zu finden. In Religionen finden wir die Reinkarnation z.B. die "Wiedergeburt" oder besser die "Wiederfleischwerdung" von Jesus. Das ist ein starkes Bild, das sicher viele Anknüpfungspunkte hat, aber eben auch den, vom Abstrakten zurück ins Irdische zu kommen. Um das leisten zu können, müssen wir uns auf die Welt einlassen, uns zu einem Teil von ihr machen. Aber wie?

Aufmerksamkeit als Voraussetzung der Vertrautheit

Wir vergessen oft, dass unsere primäre Beziehung zur Welt eine körperliche Beziehung ist, dass wir aus der Erde kommen und am Ende auch wieder zur Erde gehen. Freilich haben wir mit unserem Geist ein Vehikel, mit dem wir uns über das Irdische erheben können. Aus Mythen, Religionen und der Poesie lernen wir aber auch, dass wir mit unserem Geist nicht überheblich (im wahrsten Sinne des Wortes) werden sollten. "Aufmerksamkeit ist die verborgene Disziplin der Vertrautheit", sagt Whyte in seinem Gedicht Everything is Waiting for You (Alles wartet auf dich)...



Aufmerksamkeit, wie Whyte das Wort benutzt, erinnert an das, was man heute im allgegenwärtigen Mental-Hype auch Achtsamkeit nennt. Aber man benötigt dazu gar keinen Coach, Therapeuten oder Guru, man kann das auch einfach selbst üben, ach was sag ich, über einen kommen lassen. Warum starren wir aufs Meer hinaus, ohne dass es uns langweilt? Warum zählen wir die Sterne, laufen durch den Wald und lauschen den Vögeln? Das ist die Achtsamkeit, die in uns als Freude und Interesse am Realen angelegt ist. Was uns an der Natur so erfreut, ist, dass die Dinge und Wesen dort nur sie selbst sind. Diese absolute Realität, die Abwesenheit jeglicher Mehrdeutigkeit hat etwas heilendes auf unsere in der Abstraktion verwundeten Seelen.

Wenn im Gedicht davon die Rede ist, dass die Seifenschale uns ermächtigt und wie die Fenstergriffe unsere Freiheit garantieren und dass die Treppenstufen die Lehrmeister der Dinge sind, die da auf uns zukommen und dass die Türen immer da waren, um uns gleichzeitig zu ängstigen und einzuladen, dann erinnert das daran, dass wir diese Dinge gar nicht mehr wahrnehmen, obwohl sie unseren Alltag und das Verständnis unserer Welt strukturieren.

Whytes Gedicht mahnt uns, dass jede Vertrautheit in Gefahr ist, wenn wir nicht aufmerksam sind. Das gilt für Lebenspartnerschaften genauso wie für unsere Beziehung zur Welt insgesamt oder die zu unserem Körper. Wer unachtsam gegenüber den Dingen des Alltags wird, dessen Sein wird weltfremd. Die Aufmerksamkeit gegenüber den anderen, gegenüber der Natur und den Dingen um uns herum verspricht uns ein körperlich-geistiges und ins Leben eingebettetes Sein und einen sorgsameren Umgang mit allem um uns herum.

All die Vögel und Geschöpfe der Welt sind unsagbar sie selbst

Vor dem Schlussvers "Alles wartet auf dich" heißt es etwas kryptisch im Gedicht: "All die Vögel und Geschöpfe der Welt sind unsagbar sie selbst". Hier sehen wir den philosophischen Realismus von Whyte am Werk: Das da draußen ist nicht Einbildung, da sind Dinge und Geschöpfe, die aus sich selbst heraus existieren und so unfassbar komplex sind, dass wir sie gar nicht auf etwas Abstraktes reduzieren können. Vielmehr können wir sie nur in ihrer Mannigfaltigkeit annehmen und uns von ihnen begeistern lassen. Die Dinge und Geschöpfe da draußen sind unser Trost, sie sind, was zählt, sie sind die Anker, an sie können wir uns halten, um zwischen all den täglichen Zumutungen der Nutz-Beziehungen, in denen wir uns wiederfinden, in Verbindung mit dem wirklichen Leben zu bleiben.

Aus der Zeile spricht aber auch, dass wir von diesen Geschöpfen lernen können, hin und wieder auch einfach wir selbst zu sein. Man kann das anthropologisch naiv nennen, denn es unterscheidet gerade den Menschen von allen anderen Wesen, dass er entscheiden kann, nicht er selbst zu sein, sondern über das Reale hinaus ins Abstrakte zu gehen. Das und die Fähigkeit der selektiven Wahrnehmung (wir benutzen Treppen und Fenstergriffe, obwohl wir sie nicht mehr sehen), befähigen den Menschen zu Kulturleistungen... zum Abstrakten eben. Aber Whyte weiß natürlich, dass er sich nicht radikal auf die andere Seite schlagen kann. Das Abstrakte und die Kultur sind absolut notwendig, nur will er uns davor bewahren, dass wir uns gedankenlos und radikal ans Abstrakte verlieren. Wir müssen beides zusammen bringen und das Abstrakten als das erkennen, was es ist und nicht mit der Realität verwechseln.



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Kommentare:

  1. Guter Text!
    "Was uns an der Natur so erfreut, ist, dass die Dinge und Wesen dort nur sie selbst sind. "
    "Die Dinge und Geschöpfe da draußen sind unser Trost"
    "...erinnert das daran, dass wir diese Dinge gar nicht mehr wahrnehmen"

    Gerade das Letzte ist eigentlich ein alter Gedanke (denke ich). Ich stimme überein, daß wir oft garnicht mehr wahrnehmen, was wir sehen. Wie leicht das Nichtwahrnehmen möglich ist, zeigt ja das berühmte Experiment des Videos, in dem man einem Fußballspiel beiwohnt, ohne zu bemerken, daß zwischendrin ein in einem Affenkostüm steckender Mann quer über das Feld rennt. Was nicht vorkommen kann, kommt nicht vor.
    Irgendwo las ich kürzlich (wohl bei Doidge), daß sich durch massives Nutzen von Bildschirmen das Sehen verändere, denn das ausgewogene Sehen mit dem normalen Wechsel zwischen Nah und Fern ect lasse gewisse neurologische Strukturen verkümmern: Es verändert sich tatsächlich physisch etwas.
    Egal!

    Dieses Sehen/Ansehen der Dinge, von denen Du sprichst, ist eigentlich ein alte Forderung, die von vielen schon vorgebracht worden ist. Das ist ja für mich das eigentlich Erstaunliche! Was in unserem modernen Leben ist dafür verantwortlich, daß wir so handeln? So "gottlos" sozusagen?!
    Ist es eine Krankheit? Ist es eine stete Einflüsterung? Ist es das blanke Haben-Wollen, was schon Erich Fromm beschrieb?
    Wir messen dem Innehalten keinen Wert zu, es ist nicht mess- und quantifizierbar. Es geht so vordringlich um Status, Sichbehaupten, besitzen, als wäre das das eigentliche Spiel.
    Soviel dazu.

    Gerhard

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    1. "denn das ausgewogene Sehen mit dem normalen Wechsel zwischen Nah und Fern ect lasse gewisse neurologische Strukturen verkümmern"
      Das ist natürlich Unsinn.
      Ich meinte:
      denn das ausgewogene Sehen mit dem normalen Wechsel zwischen Nah und Fern ect ist unserem Gehirn gemäss. Die reduzierte Form des Sehens lässt neurologische Strukturen verkümmern.

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  2. Sehr interessanter Artikel! Hatte vorher auch noch nie etwas von David Whyte gehört und dein Artikel ist wirklich gut geschrieben. Lg scarlet (von scarletthered.blogspot.com )

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  3. Entweder ich kenne mich da sehr gut, weiß aber, dass ich diese irgendwie Feststellung für mich selbst wieder gefunden habe, dass das alles bei mir vielleicht etwas anders abläuft. Oder ich täusche mich, dass ich mich doch nicht so gut kenne. Das schwirrt mir zur Zeit durch den Aufruf dieser Texte bei Geist und Gegenwart zum Thema ganz allgemein gesagt: Geist und Körper im Kopf herum.
    Also die Natur, das finde ich schön und selbstverständlich, dass es für mich, um mich kurz zu fassen, schön ist, die Natur zu betrachten oder die Geräusche zu hören, egal ob ich nur im Garten sitze nur mal so kurz für 5 Minuten oder ob ich Joggen gehe oder zu Fuß.
    Und nun die Feststellung bei mir, dass ich meine, dass das aber bei mir völlig getrennt vom Denken abläuft. Wenn ich denke, dann ist mein Körper oder die Natur absolut im Hintergrund. Ja wenn ich intensiv mich mit dem Denken und der Thematik befasse, ist der Körper wie gar nicht vorhanden. Also mein Körper. Oder die Sprache, das sind meine Gedanken, aber nicht mein Körper. Ich glaube, dass das schon merkwürdig klingt. Ich kann damit auch selbst gar nicht so viel anfangen. Nur durch diese Themen kam mir das Überlegen dazu in den Sinn.
    Ich erinnere mich sogar, dass mir meine Mutter mal wie so nebenbei erzählte, dass ein Arzt oder Kinderart damals zu meiner Mutter sagte, dass die Entwicklung nicht synchron abgelaufen wäre oder abläuft. Sprich: Entweder war es so, dass der Geist "zu schnell war" und der Körper "hinterherhinkte" oder es war umgekehrt: "Der Körper zu schnell" und der "Geist hinkte hinterher". Also die Schübe liefen getrennt von einander ab.

    Ich habe beispielsweise beim Joggen schon bemerkt, dass, wenn ich währenddessen anfange, wirklich intensiv mich mit einem Thema, das mich geistlich bewegt, während des Joggens zu befassen, dass ich den Körper vergesse, geht ja schlecht, also konzentriere ich mich blitzschnell wieder auf meine Bewegung und die Gedanken sind voll beim Körper. Neulich bei einer Autofahrt, Kurzstrecke, die ich teilweise aus dem FF kenne, wo ich mich mit meiner Schwester unterhielt und ganz bei meinem Thema war. Prompt wich ich vom Fahrplan ab und meine Schwester kennt ja ihre Wohngegend gut, so dass ich eben einen kleinen Umwelt gefahren bin. Also beim Autofahren mich so richtig mit einem Thema zu befassen oder auch wenn ich schon meine Lieblingsmusik früher gehört habe, dann kann es schnell passieren, dass ich in der Musikwelt bin und fast vergessen mag, dass ich selbst am Steuer sitze. Das passiert mir aber nur, wenn ich voll und ganz auf die Musik konzentriert bin. Ich lasse das auch meistens deswegen weg.

    Also beim Autofahren bin ich eine schlechte Unterhalterin oder eine schlechte Autofahrerin, denn, wenn ich im Gespräch bin, dann passiert es eben. Ich muss sozusagen schweigen während der Fahrt oder auch nicht richtig zuhören. Dann klappt es.
    Was das ist, weiß ich nicht. Aber ich gebe zu, dass es nicht normal ist. Aber ich kann damit umgehen. Ich weiß es zu handeln.

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    1. Das Nichtzweigleisigfahrenkönnen kennen viele. Bei meiner Partnerin trifft das zu, bei mir eben nicht. Vielleicht ist das bis zu einem gewissen Grad normal. Ab wann es schwierig und bedrohlich werden kann, ist wieder eine andere Frage.
      Daß hier bei Dir zwei Sphären existieren, die nicht wirklich vernetzt sind oder sich nicht mehr vernetzen, kann ich nachvollziehen. Man muß damit umgehen lernen.
      Gestern im Bus jemand neben mir zweimal etwas erzählt, in gewissen Abständen voneinander. Da er auf etwas ausserhalb optisch fokussiert war, bekam er es nicht mit. Zunächst war ich emöprt, aber Deine Story lässt mich das Erlebte anders bewerten bzw. das in Erwägung ziehen.
      Gerhard

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