14. November 2015

Die drei Lebenspartnerschaften eines jeden Menschen

Oder warum Work-Life-Balance keinen Sinn macht

Immer wieder, wenn ich über die sogenannte Work-Life-Balance hörte oder las, hatte ich das Gefühl, dass da was nicht stimmt. Das Konzept passt nicht zu mir und irgendwie auch zu niemand anderen, den ich kenne. Mal abgesehen von der sich neu entwickelnden Flexibilität, durch die am Ende weder das Privatleben noch die Arbeit an jeweils zwei entgegengesetzten Enden einer in Balance zu bringenden Schwebe, die wie Leben nennen, zu lokalisieren wäre. Auf eine noch viel fundamentalere Art macht das keinen Sinn. Dieser Artikel will zeigen, wie uns eine alternative, integrative Denkweise auf dem Weg, ein Leben im Einklang von Anforderungen und Bedürfnissen zu führen, helfen kann.

Sind wir alle ewige Seiltänzer? Bild von Tom A La Rue (CC BY-SA 2.0)

Als ich gerade einen Artikel über den englischen Autoren und Lyriker David Whyte und sein Buch The Three Marriages (Link zu Amazon) las, verstand ich, was da nicht stimmte: Die Arbeit, die Familie und unsere eigenen Bedürfnisse können wir nicht gegeneinander ausspielen, denn sie sind ineinander verwoben.


Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit


Menschen sind Geschöpfe der Zugehörigkeit, auch wenn manche vielleicht nur über lange Perioden des Abgegrenztseins und der Einsamkeit dahin kommen. (...) Dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit leben die meisten von uns durch drei grundlegende Dimensionen aus: erstens in den Beziehungen zu anderen Menschen und Lebewesen (insbesondere zu einem anderen Menschen in unserer Beziehung oder Ehe), zweitens durch unsere Arbeit und drittens durch unser Selbstverständnis, also dessen was es bedeutet, ein offenbar vereinzeltes Individuum zu sein, abgegrenzt von allen und allem anderen. Dies sind unsere drei Lebenspartnerschaften der Arbeit, des Selbst und des Anderen.

(...)

Wir können diese drei unterschiedlichen Verbindlichkeiten "Lebenspartnerschaften" (im Original "marriages") nennen, weil sie in der Regel lebenslange Verbindlichkeiten sind, die wir uns selbst ausdrücklich oder implizit geloben. Eine dieser drei Lebensverbindungen zu vernachlässigen, bedeutet, sie alle ihrem Wert zu berauben, denn sie sind keine von einander unabhängigen Verbindlichkeiten, sondern verschiedene Realisationen ein und desselben Bedürfnisses nach Zugehörigkeit.*

David Whyte führt diese Integration auf unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit zurück. Wir können diese drei Realisationen also deswegen nicht gegeneinander ausspielen, weil sie alle Manifestationen ein und desselben Bedürfnisses nach Verbundenheit und Sinnhaftigkeit unseres Lebens sind. Diese drei Teile mit einander in Balance zu bringen, ist deswegen die falsche Metapher. Wir können die einzelnen Teile nicht gegeneinander eintauschen, denn alle drei Teile sind wichtig, um unseren Drang nach Zugehörigkeit rundum ausleben zu können. Wir müssen also sehen, wie wir diese drei Beziehungen miteinander integrieren können, vielleicht sogar so, dass sie voneinander auch profitieren können.

Wie können wir Familie, Arbeit und uns selbst in Einklang bringen?

Das praktische Problem, dass wir damit kämpfen, alle Komponenten in unserem Leben in Einklang zu bringen, ist mit dieser Erkenntnis nicht aus der Welt. Aber anstatt Arbeit und Privatleben als Gegensätze zu begreifen, mag es helfen, sie als Ausdrücke ein und desselben Bedürfnisses zu verstehen. Damit machen wir es uns einfacher, die Integration und die fließenden Übergänge zwischen den verschiedenen Lebenskomponenten zu erkennen und füreinander zu nutzen.

Was Whyte weiter beschreibt sind zwei auf den ersten Blick gegensätzliche Bedürfnisse: das nach Zugehörigkeit zu anderen Menschen und das Bedürfnis nach dem Alleinsein. Besonders introvertierte Menschen kennen diesen starken Drang, völlig in Ruhe und allein gelassen zu werden, damit sie ihrer Sehnsucht nach innerem Frieden und dem Aufgehen in einem bedeutungsreichen Innenleben nachgehen können, wo es keine Grenzen gibt und wo niemand anderes Zugang hat. Für mich ist es genau dieses Bedürfnis, das mich manchmal bereuen lässt, dass ich nun zur Arbeit und unter Leute muss. Ich sehne mich dann nach der Sicherheit und Einfachheit meiner privaten kleinen Welt ohne Eindringlinge und ohne die Pflicht zu kommunizieren. Ich denke dann, dass ich ohne Arbeit so viel mehr Zeit für mein "wahres Ich" hätte. Auf der anderen Seite weiß ich ganz genau, wie viel ich meiner Arbeit verdanke und dass meine Persönlichkeit ohne eine Form der Arbeit um einige Seiten ärmer wäre.

Arbeit ist ein ständiger Austausch. Es ist ein Vor und Zurück zwischen dem, was ich als mein Ich begreife und dem was nicht Ich ist; es ist der Grat zwischen dem, was die Welt von mir benötigt und dem, was ich von der Welt benötige. Genauso wie die Person, mit der ich in einer Beziehung lebe, verändert sich die Arbeit ständig und überrascht mich mit ihren Anforderungen und Bedürfnissen, aber auch damit, wohin sie mich führt, wie viel sie mir beibringt und ganz besonders, wie viel Takt, Geduld und Reife sie von mir verlangt.*

Das ist für mich eine ganz besonders gelungene Beschreibung dafür, was mir in Gänze (also auch meinem Familienleben und meiner Beziehung zu mir selbst) die Arbeit ebenfalls gibt. Es ist nicht nur der Verdienst, sondern das Ausbilden so vieler Fähigkeiten im Umgang mit mir selbst und mit meinen Mitmenschen, von dem ich als ganze Person profitiere. Es ist interessant, wie uns die drei von Whyte gebrauchten Begriffe "Takt, Geduld und Reife" an ganz menschliche Tugenden erinnern, die dazu beitragen, uns am Ende zu runden, ja vielleicht sogar zu weisen Menschen zu machen.

Übrigens meine ich nicht zwangsläufig ein Büro, Labor oder Fließband, wenn ich von Arbeit rede. So wie Whyte seiner Arbeit als Autor nachgeht, gehen andere auf die Bühne und spielen Instrumente oder sie veranstalten Ausstellungen oder trainieren als Sportler für ihre Profikarriere. Arbeit kann sehr verschieden sein und ist doch nie einfach nur Spaß. Arbeit schafft ganz bestimmte Rahmenbedingungen, die wir anpassen können, in denen wir uns aber bewegen müssen. Das Familienleben schafft wiederum andere und die Beziehung zu unserer eigenen Individualität hat wieder ihre ganz eigenen Gesetze. Was die Partnerschaft mit dem Selbst für uns so schwierig macht, sind oft die großen Fragen rund um unsere Sterblichkeit. Die Stille in der Beziehung zu uns selbst kann nicht nur eine Ressource für den Blick nach vorn sein, sondern auch ein Fingerzeig auf die Kürze des Lebens: "Das Leben erwartet uns in dieser internen Beziehung zu uns selbst, aber der Tod, der wartet ebenso."*

David Whyte sagt sehr poetisch, jeder von uns sei wie ein Fluss mit einem beständigen Charakter, der jedoch je nach dem Territorium, durch das er fließt, immer wieder ein ganz anderes Gesicht zeigt. Ruhig und ausgeglichen durch die Felder, verspielt und glucksend oder dunkel und undurchsichtig durch die Wälder, aufgewühlt und manchmal haltlos durchs Gebirge. Vielleicht hilft uns dieses Bild, weniger in Abgrenzungen der einzelnen Territorien zu denken und statt dessen unser zugrunde liegendes Wesen zu erkennen, das all diese Territorien benötigt, um sich auszudrücken und das in all diesen Territorien dasselbe ist, sich aber jeweils unterschiedlich ausgeprägt zeigt.

Die heute viel zitierte Work-Life-Balance ist zu einfach gedacht. Den Menschen fällt es schwer, die Arbeit mit der Familie und die Familie mit ihren eigenen Bedürfnissen in eine Balance zu bringen, vielleicht, weil es gar keine Frage der Balance ist. Andere Dynamiken sind hier im Spiel und sie haben etwas mit dem sehr menschlichen Verlangen nach Glück zu tun, das man nicht quantifizieren und in drei verschiedenen Domänen gegeneinander ausspielen kann. Wir sind kollektiv erschöpft, weil es uns bisher nicht gelingt, die als mit einander im Wettbewerb stehenden missverstandenen Teile unseres Lebens auf eine integrative Art in Einklang zu bringen.*

Versuchen wir uns also an einer integrativen Lösung. Der Gedanke, dass die drei Komponenten nicht gegeneinander in Stellung zu bringen sind, weil sie Ausdruck ein und desselben Verlangens nach Sinnhaftigkeit und Zugehörigkeit sind, kann dazu ein Fundament sein. Wie soll die Lösung jedoch ganz praktisch in unserem Leben aussehen? Ich denke, dass es dazu ganz viele verschiedene Ansätze gibt, zum Beispiel die berufliche Umorientierung, wenn die Arbeit wie ein Fremdkörper im Leben schmerzt. Oder die bewusste Flexibilisierung im Umgang mit Familie und Arbeit. (Warum nicht noch Abends eine E-Mail senden, wenn es mir den Stress am nächsten Morgen erspart?) Und vor allem die Besinnung auf die eigenen Bedürfnisse, wenn wir uns Muße und Zurückgezogensein erlauben oder eben die direkte Zugehörigkeit zu anderen Menschen und Lebewesen suchen. Es gibt viele integrative Wege zur Vereinbarkeit der Komponenten unseres Lebens. Wie macht ihr das? Was sind eure Tipps zu einem Leben in dem ihr sein dürft, wer ihr seid?



*Alle Zitate sind von mir aus dem Englischen übertragen und stammen aus The Three Marriages: Reimagining Work, Self and Relationship von David Whyte, das bisher noch nicht auf Deutsch erschienen ist.

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Kommentare:

  1. Work-Life-Balance: Gefällt mir wie Du diesem Begriff die Erklärung gegeben hast, dass es drei Teile sind, Arbeit, Partnerschaft und die Besinnung auf sich selbst. Als der Begriff Work-Life-Balance in Mode kam, erklärte ich mir das auf Anhieb so: Die Zeit der Arbeit (Beruf) und der Rest ist die Freizeitgestaltung mit dem Partner oder Freunden/Bekannten. Also nur zwei Anteile, die ich völlig getrennt voneinander, quasi abgeteilt in Zeiteinheiten, sah. Ich glaube, das habe ich dann genauso erlebt, dass da was nicht stimmen kann. Ich muss es sogar noch deutlicher abgrenzen: Bei mir war es Beruf und Partnerschaft, denn ich hatte eine langjährige Fernbeziehung. Der Fehler, der sich bei mir eingeschlichen hatte, den habe ich gar nicht bemerkt oder war dann eben doch gezwungen, den Fehler zu bemerken. Es war die Besinnung auf mich selbst, die ich vergessen hatte. Eher zufällig entdeckte ich das Lesen, weil in der Stadt eine neue Buchhandlung eröffnet hatte, mit gemütlichen Sitzecken und sogar einem Angebot an Kaffee und Snacks, über drei Etagen. Irgendwie hatte es mir auch die Gestaltung der Räumlichkeiten angetan. Mit meinem Partner am Wochenende waren wir auch oft dort. Und ich möchte nun einfach bestätigen, dass es wichtig ist, sich selbst nicht zu vergessen. Ehrlich gesagt ist es mir noch nicht gelungen, der Einklang, die drei alle unter "einem Dach" zu vereinen. Ich bin (noch) ein Mensch mit Extremen. Ich mag die Selbstbesinnung am stärksten. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es an den Charakteren des Menschen liegt, dass vielleicht das eine oder andere Bedürfnis einfach stärker ausgeprägt ist. Trotzdem lohnt sich die Mühe, diese unterschiedlichen Sehnsüchte in eine Ausgeglichenheit zu bringen. Man stürzt sich gerne leidenschaftlich in was hinein und bemerkt nicht, dass die Kräfte nicht mehr gleichmäßig beachtet werden. Es liegt auch an persönlichen Interessen, die sich auf einmal ändern und man triftet (Partnerschaft) von einander weg und versteht nicht mehr warum eigentlich. Oder man möchte sich beruflich verändern, aber die Familie oder Partner versteht es nicht. Es ist auch eine Eigenschaft, sich zu sehr an etwas festzuklammern und plötzlich verliert man es, weil man nur noch immer in die selbe Richtung denkt. Es ist eigentlich eine Kunst, wenn man keines der Drei vernachlässigt. Sicher bin ich mir noch nicht wie der Mensch da so gestrickt ist. Ich bei mir zumindest glaube, dass ich etwas sprunghaft bin und dadurch auch schwer für andere einzuschätzen, etwas unberechenbar bin ich schon. Deswegen überrasche ich mich auch selbst, wahrscheinlich, weil ich mich selbst damit überrasche und erst einmal selbst eine Erklärung dafür finden muss. Dann kann man es auch anderen besser verständlich machen. Man hat ja dann als Persönlichkeit auch eine soziale Ader und so sollte es auch sein. Ich merke während des Schreibens, dass ich irgendwie doch (noch) nicht ganz einen Wohlfühl-Effekt vernehme. Aber vom Verstand her stimmt es schon, diese Verwobenheit.

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    1. Danke, Gabriele Fritz! Ein schöner Kommentar, der die Schwierigkeiten, ein Leben zu führen, anstatt "nur" zu leben anspricht. Ich möchte davor warnen zu erwarten, dass wir diese perfekte Integration all der verschiedenen Komponenten (mögen es drei oder mehr sein) jemals erreichen. Im Grunde gilt das für alle Ansprüche, die ich an mich selbst habe und von denen ich hier manchmal berichte: Stressen wir uns nicht selbst mit unseren Ansprüchen, ein sinnerfülltes Leben zu führen, bestimmte Tugenden zu leben, am Ende ein weiser Mensch zu sein etc. Das Leben ist für mich eine Reise der Annäherung an diese Ideale. Perfektion ist nicht möglich, besser werden hingegen schon. Viele Grüße!

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    2. Hallo Gilbert,
      ich glaube, dass dies die Irritation in mir war (Wohlfühl-Effekt), dass die perfekte Integration nicht sofort gelingen muss. Wunderbar und trifft es in meiner Situation auch auf den Punkt genau mit Deinem Satz: "Das Leben ist für mich eine Reise der Annäherung an diese Ideale. Perfektion ist nicht möglich, besser werden hingegen schon."
      Heute morgen kam mir ein Gedanke in Erinnerung, eigentlich schon vorgestern. Bei mir tut sich nämlich gerade eine berufliche Veränderung auf, mit der ich nicht gerechnet hatte.
      Das Skurrile daran ist, dass der Zeitpunkt, den ich ganz vage, ohne zu wissen, was es genau sein wird, für September, spätestens Ende Oktober 2015 in einer Excel-Tabelle festlegte. Auf diese Idee kam ich übrigens irgendwie auf der Geist&Gegenwart-Seite. Meine Excel-Tabelle war schon weit gediehen. Dann löschte ich zu einem späteren Zeitpunkt diese Tabelle wieder, weil ich eigentlich mit planen sozusagen aus einer Laune heraus mich entschlossen hatte: Eine Planerin war ich noch nie so in dieser Art, mein Leben in einer Excel-Tabelle festzuzurren. Nun ist es (zufälligerweise?) so, dass der Plan (beruflich) genau so eingetreten ist, nur mit einer geringfügigen Verzögerung von nur zwei Wochen, Mitte November 2015. Also sind Excel-Tabellen und Pläne wieder doch interessant für mich. Dass die Veränderung eintritt, ist zu 99%, eigentlich schon 100 %, sicher. Eine neue spannende Herausforderung, auf die ich mich freue. Ich bin an "1000 Dingen" im Internet, Inspirationen in vielen Gebieten, interessiert. Deswegen greife ich die Gelegenheit heraus, mich für Eure Seite zu bedanken. Es wird sich künftig für mich lohnen, da mal noch öfters reinzuschauen. Grüsse von Gabi

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    3. Hallo Gabi,

      danke für die schönen Worte, freut mich immer, wenn Gedanken aus Geist und Gegenwart auch praktisch einen Unterschied machen.

      Die Excel-Tabelle hat bei dir scheinbar "nur" die Funktion eines Mediums gehabt. Es war wichtig, dass du deinen "Plan" einmal in einem Medium verankert hast, selbst wenn dieses Medium dann gelöscht wurde. Dadurch hast du deine Idee einmal explizit gemacht und so die Dinge in Gang gesetzt. Das ist gar nichts Geheimnisvolles, sondern funktioniert wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Ich nutze solche "Explizitmachungen" ganz bewusst, um Dinge in meinem Leben voranzubringen. Im Grunde ist Geist und Gegenwart für mich eine einzige "Explizitmachung".

      Würde mich interessieren, was am Ende deine neue Herausforderung sein wird. Kannst du ja irgend wann einmal mitteilen, wenn es sich gut anfühlt. Viel Erfolg dabei! Veränderungen sind immer aufregend.

      Viele Grüße,

      Gilbert

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    4. Hallo Gilbert,

      Deinen Tipp mit der Excel-Tabelle lese ich soeben genau im richtigen Moment. Ich wollte ja sowieso eine neue Excel-Tabelle wieder beginnen. Ich arbeite bereits seit 3 Wochen dort. Es ist eine Zweigstelle und ich übernehme nach und nach die Aufgaben im Büromanagement. Ich mache mir eine Excel-Tabelle explizit diese Aufgaben betreffend. Wenn ich mir alles in die Kategorien einteile, kann ich besser erkennen, wo weitere Fragen noch offen sind oder noch Unsicherheiten, die ich besser verstehen möchte. Denn es soll ja dazu führen, dass ich dann auch die Gesamtzusammenhänge der betrieblichen Abläufe verstehe. Es ist alles noch neu, aber spannend alle mal. In die zweite Excel Tabelle werde ich auch meine privaten Vorstellungen wieder aufnehmen. Das mit den Medien, ich glaube, das ist es, was ich wollte. Die Dinge auch immer wieder schriftlich zu fixieren in allen möglichen Variationsmöglichkeiten bereichert mich. Geist und Gegenwart liefert mir dazu viel Inspiration.

      Mein Leben hat eine Wende genommen, die ich so wirklich nicht beabsichtigt habe, denn auch waren Zufälligkeiten im Spiel. Die Struktur glaube ich, habe ich mit der Excel-Tabelle bewirkt. Es gut mir gut, mir damit eine Richtung zu geben, ohne dass ich das Gefühl habe, einen festen Plan zu schreiben, es wirkt aber eben doch im Hintergrund. Für Menschen, die einen Drang haben, sich in Themen unendlich zu verlieren, denn das ist ja bei mir so, also da hilft es mir zunächst einfach mal ziellos drauf los zu schreiben, aber dann in der Excel-Tabelle konkret eine Gestalt zu formen, wie ein Gesamtbild. Und immer wieder zu aktualisieren.

      So denn bis ein anderes Mal beim nächsten Thema. Die Psyche arbeitet ja unaufhörlich und es macht mir Spaß, den Alltag von der philosophischen Seite her zu integrieren.

      Gruß von Gabi

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    5. Hallo Gabi,

      das klingt alles sehr spannend! Neues anfangen ist immer etwas beängstigend, aber es kann uns auch Energie geben.

      Ich wünsche dir viel Erfolg und Spaß bei den neuen Aufgaben und mit den Tabellen. Hoffentlich hast du noch genug Zeit, hier vorbeizukommen und im Dialog zu bleiben!

      Mit besten Grüßen,

      Gilbert

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  2. Ich vermute, dass der Wunsch Work-Life-Balance daher kommt, dass Work aus der Balance geraten ist. Ich habe hier eine Malerwerkstatt als Nachbarn. Die Maler sind schon früh morgens da und fahren dann auf ihre Baustellen. Aber am frühen Abend, da stehen alle zusammen draußen und rauchen eine und halten einen kleinen Schwatz und dann ist Feierabend. Es ist ein sehr kleines Unternehmen, aber es hat eine Kultur des "jetzt ist genug getan für heute" gefunden. Und eben dieses Signal bleibt - unbewusst oder gar mit Absicht - in den meisten Jobs heute aus. Es ist niemals genug, was du tust. Wenn du es nicht tust, tut es ein anderer (und du wirst arbeitslos). Und so weiter. Kurzum: Work-Life-Balance lebt als Konzept von der Entgrenzung der Arbeit.

    Die Arbeit möchte wie eine Krake alles fressen, da muss ein Gegengewicht her. Solange die Abwehr des Kraken das vorherrschende Thema ist, kommen wir davon auch nicht mehr runter. Wie soll ich denn Arbeit in mein Leben integrieren, wenn ich das Gefühl habe, mein Leben gegen die Arbeit verteidigen zu müssen? Dieser Gegensatz steckt tief in uns. Freizeit. Auch so ein Wort. Ohne Arbeitszeit gäbe es keine Freizeit. Wir haben die Arbeit als Feind, als notwendiges Übel kultiviert. Wer Arbeit hat, darf jederzeit darüber klagen. Wer keine Arbeit hat, wird als Versager abstempelt. Wie so oft sind es die Widersprüche, die das Wesen einer Gesellschaft aufzeigen.

    Am Ende ist es einfach und platt: Es gibt nur eine Zeit – Lebenszeit. Man sollte versuchen, das Beste daraus zu machen.

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    1. Hey Toc6,

      Ja, da ist etwas dran und ich höre es immer wieder: Man kann gar nicht genug arbeiten, es ist nie Feierabend. Die von dir beschriebene Kultur trifft es. Es wundert mich auch nicht, dass die heutige Büroarbeit weniger den Feierabend zelebriert, als die Handarbeit. Alles unterliegt so einer Art "Gamification", wenn man am PC arbeitet. Weitermachen ist oft einfacher, als aufhören.

      Trotzdem möchte ich sagen, dass jeder selbst die Entscheidung treffen muss. Und ich tue das ganz bewusst. Mal so und mal so. Mal mache ich früh Feierabend, mal arbeite ich noch was von Zuhause. So, wie es gerade am besten zu mir passt. Niemand wird heute am Schreibtisch festgekettet und wenn doch, dann sollte man flugs eine andere Arbeit finden.

      Beste Grüße,

      Gilbert

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    2. Hallo Toc6,
      ich finde das sehr gut in der kompakten Form zusammengefasst. So kann ich den Widerspruch, den Du meinst, sehr schell erkennen. Ich glaube mir geht es ähnlich, denn ich möchte mich nicht nur als Mensch in einer Funktion begreifen. Es ist nicht das WAS, sondern eher und vor allem das WIE. So banal ist es, nur die Funktion zu sehen. Ein Arbeitender oder ein Arbeitsloser. Dabei ist es ein Unterschied wie man sich verhält als Arbeitsloser oder als Arbeitender. Man stolpert viel zu sehr über das Urteil von Begriffen, die eine unangenehme Schwerlast haben. Nicht was mache ich oder wer kann ich damit sein, nur um eine funktionale Bedeutung als Person zu haben. Viel interessanter ist es wie man diese Funktion empfindet. Ein Anfang, um aus einem reinen Statusdenken heraus zu kommen und einen Abstand zu gewinnen.

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  3. So nun versuche ich noch einmal meinen Text zu formulieren, nachdem er grad einfach verschwunden ist.

    Wie immer gefällt mir die Mehrdimensionalität des Textes, da es nicht nur um zwei Dimensionen geht, die vielleicht miteinander duellieren, sondern dass es auch um das Selbst geht. Arbeit kann in der Tat soviel bedeuten. Ich finde, dass man durch die eigenen Arbeit/Tätigkeit auch das eigene Selbst zeigen kann und durch die kleinen und großen Aufgaben wachsen kann. So ist es auch meiner Meinung nach in Beziehungen und in der Partnerschaft. Ich kann von meinem Gegenüber auch etwas lernen. Ich denke jedoch, dass es da vielleicht noch mehr Dimensionen geben könnte, die man so noch nicht klar sieht....was ich gut finde ist, dass du dich auf die Bedürfnisse und Ideale des Menschen beziehst, denn diese halte ich als großen Motivationsfaktor für die weitere Entwicklung des Menschen. Und trotzdem sehe ich es manchmal so, dass nicht Arbeit oder Beziehungen an sich das Problem sind, sondern welche Bedeutung wir denen beimessen und in welchen Bildern, Bewertungen etc. wir darüber denken, was natürlich nicht bedeutet, dass man sich ewig einer bedrohlichen Situation ausetzen muss, oder dass es nicht ein Außen gibt, auf das man selbst einwirken kann.

    Was mich betrifft, so wünsche ich mir manchmal einfach nur Frieden, der alle Sehnsüchte, die im Menschen schlummern in Einklang bringen kann, ohne dass dies einen Stillstand bedeuten muss...

    Ganz lieben Gruß!
    Maria S.

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    1. Hallo Maria,

      das tut mir Leid, dass du zweimal schreiben musstest, weil beim ersten Mal wohl etwas schief ging. Aber dafür hat es sich gelohnt - wie immer, wenn du kommentierst. Danke für die Komplimente.

      "Frieden, der alle Sehnsüchte, die im Menschen schlummern, in Einklang bringen kann, ohne dass dies einen Stillstand bedeuten muss" - das ist ein wahnsinnig guter Satz, der so viele Dinge, denen ich zustrebe vereint.

      Danke dafür!

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  4. Hallo Gilbert,

    es gibt nun mal Situationen, in denen es sich lohnt, noch einmal anzufangen. :)
    Außerdem hilft mir der Blog hier immer Abstand zu meinem eigenen Buchprojekt zu finden, wenn ich wie jetzt grad an einer komplexen Stelle das Gefühl habe, nicht weiter zu kommen.

    Ja, der Satz mit dem Frieden kam ganz spontan und es freut mich, dass ich jetzt nicht alleine diesen Gedanken mit mir tragen muss und es auch anders wo Menschen gibt, die dem auch zustreben.

    Wir lesen uns wieder.

    Maria S.

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    1. Hallo Maria,

      ich würde mich freuen, mehr von deinem Buch zu hören. Worum geht es?

      Viele Grüße,

      Gilbert

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