22. Mai 2013

Zehn Tugenden für das moderne Leben

Das letzte Buch des Atheisten und Philosophen Alain de Botton mit dem Titel Religion für Atheisten: Vom Nutzen der Religion für das Leben legte den Finger in eine Wunde unserer Gesellschaft: Ein guter Mensch zu sein, ist heute - da die Religionen ihre prägende Rolle verloren haben - eine für viele von uns bizarre und sogar deprimierende Idee, während Boshaftigkeit und Verruchtheit ein eigenartiger Glanz anhaftet. Aus diesen Erkenntnissen heraus entstand das Projekt Tugend, das de Botton mit seiner School of Life in Großbritannien gestartet hat. Es geht darum, Weisheit, Ethik und Würde auch jenseits von Religionen zu finden und in konkreten täglichen Beispielen zu leben. Ich finde dieses Projekt großartig und habe Alain de Botton gefragt, ob ich die Texte dazu ins Deutsche übersetzen könnte und so das Projekt auch hier unterstützen kann. Natürlich fand er, das sei eine gute Idee. Wörtlich sagte er, als ich ihm den Artikel und das Poster dazu zeigte: "I am delighted, thank you so much, what an honour."


Das Poster und die Karten können hier klein und hier groß heruntergeladen werden

Wenn wir in unserer modernen Welt hören, jemand versuche, ein guter Mensch zu sein, kommen uns alle möglichen negativen Assoziationen: Wir denken an Frömmigkeit, Pathos, Blutlosigkeit und sexuelle Abkehr. Es ist, als sei Tugend etwas, das man nur dann ins Auge fasst, wenn alle anderen Optionen bereits ausgreizt sind.

Durch die gesamte Menschheitsgeschichte haben Gesellschaften ihre Tugenden gepflegt, indem Menschen sich darin geübt haben, tugendhafter zu sein. Wir sind eine der ersten Generationen, die gar kein Interesse an solcherart Training zu haben scheint. Du kannst zwar deinen Körper trainieren, aber erkläre mal, dass du trainieren möchtest, ein besserer Mensch zu werden und die Leute um dich herum werden dich für verrückt halten.

Es klingt vielleicht ziemlich schräg, vielleicht sogar etwas verrückt. Es sollte aber etwas ganz normales sein und darum geht es in diesem Manifest der zehn Tugenden für das moderne Leben.

Es gibt keinen wissenschaftlich gesicherten Weg, tugendhaft zu sein, aber der Schlüssel dazu scheint eine Liste zu sein, an der man seine ethischen Muskeln trainieren kann. So eine Liste erinnert uns daran, dass wir alle immer daran arbeiten müssen, tugendhaft zu sein. So, wie wir auch an allem anderen, das von Bedeutung für uns ist, konstant arbeiten.


Manifest für gute Menschen - Zehn Tugenden für das moderne Leben

  1. Widerstand. Lauf weiter selbst wenn die Aussicht düster ist. Akzeptiere, dass Niederlagen normal sind. Denke daran, dass die menschliche Natur widerstandsfähig ist. Schrecke andere nicht mit deiner Angst.
  2. Emphatie. Übe deine Fähigkeit, dich in die Leiden und Erfahrungen anderer einzufühlen und hineinzudenken. Habe den Mut, ein anderer zu sein und auf dich selbst mit Ehrlichkeit zurück zu blicken.
  3. Geduld. Wir verlieren die Nerven, weil wir glauben, alles müsste perfekt laufen. Wir sind in einigen Dingen so gut geworden (Menschen laufen auf dem Mond), dass wir es kaum noch aushalten, wenn die alltäglichen Dinge trotzdem schief gehen, wenn der Verkehr, die Regierung oder unsere Mitmenschen einfach nicht "funktionieren". Werde ruhiger und lerne zu vergeben, indem du realistisch und ohne Urteil darauf blickst, wie die Dinge nun mal laufen: eben nicht perfekt. 
  4. Selbstlosigkeit. Es ist uns von der Natur mitgegeben, unseren eigenen Vorteil zu suchen, aber wir haben auch die wundersame Fähigkeit, unseren eigenen Erfolg für jemanden anderen hinten an zu stellen. Wir können keine Familie gründen, niemanden lieben oder diesen Planeten retten, wenn wir nicht die Kunst des Opferns am Leben erhalten. Bring täglich Opfer für deine Mitwelt.
  5. Höflichkeit. Höflich sein hat einen schlechten Ruf. Wir denken, es sei unecht und damit schlecht und dass ehrliches Ganz-wir-selbst-Sein authentisch und damit gut sei. Vielleicht sollten wir anderen ein Zuviel unseres wirklichen Selbsts ersparen, denn wir alle haben Abgründe in uns. Zeige Manieren, sie gehören zu den nötigen Regeln unserer Kultur. Deine Höflichkeit ist verbunden mit Toleranz - der Fähigkeit, mit anderen zu leben, deren Meinung du vielleicht niemals teilen wirst, denen du aber auch nicht immer aus dem Wege gehen kannst.
  6. Humor. Die lustige Seite der Dinge und deiner selbst zu sehen, klingt nicht sehr ernsthaft, ist aber unentbehrlich für die Weisheit. Dein Humor ist das Zeichen dafür, dass du wohlwollend akzeptierst, dass das Leben nicht immer all das geben kann, was du dir wünschst. Wie Wut, so kommt auch Humor aus der Enttäuschung, aber es ist eine optimal ventilierte Enttäuschung. Humor ist das beste, was du aus deiner Trauer machen kannst.
  7. Selbsterkenntnis. Entwickle einen Sinn dafür, was in dir selbst vor geht und was zum Draußen der Welt gehört. Dich selbst zu kennen, heißt, niemanden anderen für deine Sorgen und Stimmungen verantwortlich zu machen.
  8. Vergebung. Erinnere dich immer an die Momente, in denen du glücklich warst, dass dir jemand vergeben hat. Denke daran, dass das Leben mit anderen nicht möglich ist, ohne ihre Fehler zu entschuldigen.
  9. Hoffnung. Die Welt heute, ist nur ein blasser Schatten dessen, was sie eines Tages sein könnte. Wir sind immer noch am Beginn der Geschichte. Wenn du älter wirst, kommt auch die Verzweiflung immer leichter, fast wie ein Reflex. Halte dagegen! Pessimismus ist nicht tiefgründig und Optimismus ist nicht oberflächlich. Übe das Hoffen.
  10. Mut. Die größten Projekte und Ideen scheitern aus keinem anderen Grund, als dass wir uns nicht trauen. Dein Selbstbewusstsein ist keine Arroganz, sondern gründet auf deinem Gewahrsein, dass das Leben kurz ist und wir im Grunde gar nichts riskieren, wenn wir alles riskieren. Sei täglich mutig und selbstbewusst.
Der englischen Originaltext von Alain de Botton kann unter dem Titel Ten Virtues for the Modern Age nachgelesen werden.


Das Manifest als Poster herunterladen

Weisheit und die Kunst zu leben

Wie sollen wir leben? Das ist die zentrale Frage der praktischen Philosophie. Und egal wie lange wir zur Schule gehen, wir lernen dabei nicht, wie wir ein Leben in Zufriedenheit und Glück führen können. Wir lernen weder in der Schule noch im Bachelor Studiengang, wie wir miteinander umgehen sollen, wie wir mit Pessimismus und Hoffnungslosigkeit umgehen können, wie wir mutiger sein können, wie wir Geduld und Widerstandskraft aufbringen, wie wir uns selbst kennen lernen und uns in andere Menschen einfühlen können. Wer all das trotzdem lernt, lernt es nicht systematisch, sondern eher am Rande, wenn die Rahmenbedingungen günstig sind. Dann schließt sich an Schule und Studium in der Regel ein langes Arbeitsleben an, in dem es wiederum schwer sein dürfte, die eigene Weisheit auszubauen. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall und wir verkommen moralisch, weil wir in wirtschaftliche Zwänge und Routinen eingespannt sind, die kaum Zeit und Raum für die Pflege der Tugenden lassen. Und die großen Tugend vermittelnden Institutionen, vor allem die Kirche, die noch vor wenigen Generationen die Menschen täglich zu einer Einkehr, Ruhe, Dankbarkeit und Besinnung anhielten, verschwinden zunehmend aus unserem Leben. Wir benötigen andere Formen der Pflege unserer Tugenden. Nicht, um irgend einem Gott zu gefallen, unseren Eltern, Lehrern oder irgend einem Führer. Wir müssen die Tugenden um unser selbst Willen pflegen, wir müssen bessere Menschen werden, damit wir das Meiste an Glück, Zufriedenheit und Erlebnissen aus dem Leben mit anderen und uns selbst herausholen können. Oftmals kommen wir erst im Alter zu solchen Weisheiten, die uns schon früher im Leben gut getan hätten. Warum sollten wir nicht heute gleich damit anfangen?

Vielleicht helfen die von Alain de Botton zusammengestellten Tugenden dabei. Wer immer mal wieder einen Blick darauf wirft, dem wird es leichter fallen, das Menschsein nicht aus den Augen zu verlieren. Wer möchte, kann sich diese Tugenden auch auf einem kleinen Poster ausdrucken und über den Schreibtisch hängen. Einfach hier oder auf das Poster-Thumbnail links klicken, dann mit der rechten Maustaste noch einmal ins Bild klicken und "Bild speichern als..." auswählen (Format: A2, 1,5 MB). Wenn es euch gefällt, dann teilt das Poster gern mit Freunden und Bekannten und diesen Artikel im Internet.

Kommentare:

  1. sehr toller Artikel!

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  2. "Tugenden" klingt so fromm. Ich lese das Manifest mit seinen zehn Strategien eher als ein Überlebensprogramm für die moderne Zeit.

    Vieles ist so komplex geworden, so unübersichtlich und wenig beeinflussbar, dass Geduld, Opfer bringen und Humor enorm wichtig sind, um nicht zu verzweifeln.

    Gut gefällt mir auch: "Schwierigkeiten sind ein Zeichen, dass die Dinge normal sind." Wie beruhigend.

    Ich finde de Bottons Thesen und Ihre kongeniale Übersetzung sehr ansprechend. Muss unbedingt verbreitet werden, wozu ich meine SocialMedia-Kanäle heute nutzen werde.

    Vielen Dank!

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    1. Find ich auch! ...und hab es mal gleich weiterverbreitet :-)

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  3. Vor 40 Jahren stand in meinem Poesie-Album (also steht jetzt immer noch) "Erfolg hat im Leben und Treiben der Welt, wer Ruhe, Humor und die Nerven behält". Also Humor ist immer gut und wegen der Nerven kann man ja mal den Vitamin B12-Status checken lassen ;-) Dann klappt's auch mit der Ruhe :-)

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  4. Gerade fällt mir noch ein, dass "resilience" ja eigentlich nicht Widerstand meint, sondern mehr die Unverwüstlichkeit, was ja auch in dem modernen Wort der "Resilienz" geprägt wurde. Also die menschliche Eigenschaft, sich von Traumata oder Niederlagen nicht unterkriegen zu lassen.

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    1. Das stimmt, die Übersetzung mit "Widerstand" ist ein Zugeständnis ans plakative Format. Widerstandsfähigkeit wäre zu lang und Resilienz vielleicht nicht verständlich genug für viele. Wenn man den kleinen Text dazu liest, wirds ja deutlicher. Insgeheim gefällt mir jedoch auch das Wort "Widerstand" in diesen Kontext zu bringen, vielleicht kann man es wiederbeleben und mit weiterer Bedeutung anreichern?

      Auch wenn "Tugenden" erst mal "fromm" oder ungewohnt altmodisch klingt, wäre es nicht doof, wenn wir uns wieder trauen würden, tugendhafter werden zu wollen, ohne Scheu aber in großem Abstand zu religiöser Frömmigkeit. Wörter wie "Tugenden" kann man ja durchaus der Inbesitznahme einzelner Traditionen entreißen.

      Vielen Dank, dass sie über ihre Social Media Kanäle helfen möchten, dieses "Manifest" zu verbeiten.

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  5. Wow, na das ist ja mal ein großartiger Artikel. Viele gute Impulse. Danke.

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  6. Das sind die 10 Gebote.......

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  7. Ich schließe mich Roland insofern an, als dass "Tugend" für mich ebenfalls fromm klingt. Das Wort hat bei mir eine religiöse Konnotation. Ich hätte sie spontan eher als "Werte" aufgefasst.

    Der Artikel ist auf den Punkt gebracht, der Inhalt erhält ganz klar das Prädikat "wertvoll", die Gestaltung des Posters finde ich top! Habe ich direkt mal auf Facebook geshared :)

    Vielen Dank.

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  8. Das ist ja alles schön und gut, nur wie viele von den Lesern, die das Manifest als "wertvoll" erachten, leben denn danach? Verzichten auf Autos, Flugreisen, Smartphones, essen nur regionale Produkte, arbeiten ehrenamtlich usw.? Und dies nur zum Punkt Selbstlosigkeit...
    Diese 10 Punkte, wie oben schon richtig angemerkt, sind den 10 Geboten verdammt ähnlich, somit seit mehr als 2000 Jahren bekannt und wie viele handeln danach?
    Ein Großteil der Menschen predigen Wasser und trinken Wein.

    Man möge mich jetzt nicht missverstehen, ich finde den Artikel gut und richtig, nur zeigt sich in der Menschheitsgeschichte, dass Wissen und danach handeln 2 verschiedene Schuhe sind.
    Und der entscheidende Punkt ist, dass dem Umweltaktivisten, der vor Wut kocht, es nicht hilft Geduld zu bewahren. Wir zerstören mit Vollgas unsere Umwelt und es ist schon lange nicht mehr 5 vor 12, es ist weit nach 12, nur die Wut von vielen Menschen wird etwas verändern, ohne natürlich die Grenzen der Menschlichkeit zu verlassen.

    Sie meinen, dies ist utopisch, es klappte schon mal 1989. Genauso, eine Mutter die nicht weiss wie sie ihre Rechnungen bezahlen soll, soll nicht verzweifeln? Von daher ist das Verbreiten dieses Artikels ganz nett, aber vielleicht sollten alle, meine Person eingeschlossen, mal etwas wirklich Selbstloses tun, und z.B. einer allein erziehenden Hartz-4 Empfängerin, mal ein paar hundert Euro anonym zukommen lassen , anstatt das Geld für Luxusgüter auszugeben. Oder einfach mal in das nächstgelegene Hospiz gehen und einem Menschen, der keine Familie oder Freunde hat, Sterbebegleitung geben. Um es nochmal klar zu stellen, ich halte mich nicht für einen besseren Menschen, ich bin genauso inkonsequent, bequem und scheinheilig wie fast alle Menschen, aber "Machen" ist immer noch besser als "Posten", denn den Menschen, den dieser Artikel spirituell wirklich helfen würde, werden ihn nie zu Gesicht bekommen und selbst wenn, wäre es noch fraglich ob sie ihn verstehen würden, denn die Verdummung ist bereits zuweit voran geschritten. Früher hiess es Herrschaftswissen, weil das arme Volk nicht lesen konnte, heute kann es zwar lesen aber nicht begreifen...

    Warum ich den Artikel überhaupt gelesen habe? Weil ich mit meiner Frau darüber herrlich diskutieren konnte und wir uns somit wieder ein Stück näher gekommen sind.

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  9. Sehr gut geschrieben, dieses Manifest und sehr gut die einzelnen "Tugenden" beschrieben. Ich meine, das jeder von uns diese Tugenden irgendwo versteckt hält, und wenn die Zeit gekommen ist, das wir das Leben verstehen lernen, auch anwenden. Manche mehr und manche weniger. Das "menschlich" sein hat jeder in uns, aber meistens kommt es erst zur "Anwendung", wenn wir selbst große Ängste überwinden und Hilfe "annehmen" konnten.

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  10. Genau danach habe ich gesucht.

    Es fühlt sich auch richtig an.

    Danke dafür <3

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    1. Danke fürs Kompliment! Ich freu mich, wenn du es weitersagst. Viele Grüße!

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  11. "Wir müssen die Tugenden um unser selbst Willen pflegen, wir müssen bessere Menschen werden, damit wir das Meiste an Glück, Zufriedenheit und Erlebnissen aus dem Leben mit anderen und uns selbst herausholen können."
    Diese "Plünder"-Einstellung ist mir zutiefst suspekt. Ich denke auch, dass sie letztendlich scheitern muss und nur durch die Kraft des Selbstbetrugs bis zum Ende aufrechterhalten werden kann.

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