10. April 2016

Hab Mitgefühl mit deinem Körper!

Schmerz ist, wenn dein Leib um dein Leben kämpft

Die alten Griechen sagten, der Körper sei das Grab der Seele. Und ja, am Ende ist es der Körper, der uns stilllegen wird. Wären wir nur Geist, so könnten (oder müssten) wir wohl endlos leben. Wenn unser Geist auf unseren Körper angewiesen ist, dann heißt das aber auch, dass unser Körper nicht nur das Grab, sondern auch der Garten der Seele sein muss.

Das Leben in den Knochen spüren (Bild gemeinfrei)
  
Wenn man vierzig wird, hört man es zunehmend von Freunden und spürt es selbst in den Knochen: Der Körper gibt nach, baut ab, steht einem manchmal mehr im Wege, als dass er Hilfe auf dem Weg ist. Ich habe bereits eine Hüftoperation hinter mir, gute Freunde haben Organschäden oder Gelenkschmerzen. Das sind nicht die Art von Wehwehchen, die wir mit zwanzig hatten und die nach zwei Wochen wieder verschwanden. Der Abbau hat begonnen. Das Gefühl, es gehe nun bergab und die beste Zeit liege hinter uns, kann einen deprimieren.

Dabei ist es - wenn wir ansonsten "unversehrt" waren - das erste Mal, dass sich der Körper uns derart aufdrängt, dass wir ihn in seiner Verletzlichkeit hartnäckig spüren. Bislang war vor allem das "Nichts" in unseren Körpern, also die Stellen, die wir nicht spürten, weil sie nicht schmerzten. Und davon gibt es auch jetzt noch viel mehr, als wir denken. Und diese Stellen sind nicht nichts. Aus ihnen kommt unsere Stärke, dort speist sich das Leben und gleichzeitig denken wir nie an sie, sondern bemerken und verfluchen unseren Körper erst da, wo er schmerzt und ächzt, wo wir ihn also spüren.

Unsere Kultur ist geprägt von der Dominanz des Geistes über den Körper. Der Körper ist uns Mittel zum Zweck, egal ob Garten oder Grab (was am Ende ja dasselbe ist), der Körper wird als ein leider notwendiges Gefäß für unseren Geist begriffen. Deshalb denken und verfügen wir oft auch voller Ungeduld und ohne Erbarmen über unsere Körper. Wir vernachlässigen oder betrachten sie so lange als selbstverständlich, bis sie anfangen zu versagen. Und dann nehmen wir sie als Ärgernis wahr, als etwas, das eigentlich funktionieren sollte und nun kaputt geht.

Eine etwas andere Perspektive können wir von Menschen gewinnen, die ihr Leben lang keinen voll "funktionierenden" Körper haben, weil sie mit starken Beeinträchtigungen geboren wurden oder weil sie einen schweren Unfall hatten. So zum Beispiel Matthew Sanford, der seit einem Autounfall in seiner Kindheit querschnittsgelähmt ist und sein Leben dem Yoga gewidmet hat. Seine Perspektive ist, dass wir zu einer besseren Körperbeziehung kommen müssen, zu einer die über das Verständnis des Körpers als Werkzeug hinausgeht. Und dazu müssen wir uns aufgeben, uns hingeben können:

"Spüre die Kraft, die aus der Stille kommt, sei präsenter, gib dich der Welt hin und fühle mehr. Du wirst dich verletzlich fühlen, wenn du dich selbst einfach so in der Welt sein lässt. Darum vermeiden wir das. Die Dominanz über die Körper ist, was wir Menschen seit tausenden von Jahren praktizieren, Dominanz über die Natur und über die anderen. Unser Überleben wird davon abhängen, ob wir ein subtileres Bewusstsein unserer Körper erlangen könne." (Übersetzung aus dem englischen Interview Compassion for Our Bodies)



Sanford geht damit über das übliche Denken von Körpern hinaus und ich sehe darin sogar Parallelen zu einem neuen Realismus, der Objekte, Körper und alle Seinsformen mindestens so ernst zu nehmen versucht, wie das vermeintliche Wissen über die Dinge. Es ist eine Philosophie der Liebe zu den Körpern, die wir hier anstreben. Diese Liebe zu unseren eigenen Körpern kann und muss auch übergehen auf andere Menschen mit ihren Körpern, auf Tiere und letztlich die ganze Welt.

Nehmen wir als ersten Schritt unsere eigenen Körper stärker wahr in ihrer Schönheit, in ihren Empfindungen. Bemerken wir zur Abwechslung einmal, was alles geht, anstatt das, was gerade mal nicht geht. Was könnte zum Beispiel schöner sein, als im Sommer in einen See zu tauchen, die Frische auf der Haut, die prickelnden Wasserbläschen, das Seegras, das an den Füßen kitzelt. Oder was ist mit Tanzen? Wenn die Musik erst einmal wie ein Elektro-Quirl in dein Hirn dringt, alles durcheinanderbringt und die Synapsen bis in die Füße explodieren.

Genießen wir unsere Körper und verzeihen wir ihnen, wenn sie nicht immer klaglos funktionieren. Sie funktionieren viel mehr, als dass sie nicht funktionieren. Wenn dir etwas weh tut, dann ermutige deinen Körper, denn er tut sein bestes. Der Schmerz ist ein Zeichen für seinen Kampf um dein Leben. Hilf ihm dabei, in dem du ihm gibst, was er braucht. Bewegung, gute Ernährung und einen regen Geist, der ihn bewohnen kann. Nicht zuletzt ist es auch ein Zeichen der Weisheit, wenn man akzeptiert, dass der Körper nicht für die Ewigkeit gemacht ist. Unsere Leben schreiben sich ein in unsere Körper. In den Narben, dem Verschleiß und den Krankheiten finden wir unsere eigene Geschichte. Wir können sie annehmen und weiterführen, so gut es eben möglich ist. Den eigenen Körper mit seinen Gebrechen zu lieben, ist auch eine Chance, das ganze Leben anzunehmen und auszukosten. Dabei hilft es nicht, danach zu fragen, was man jetzt nicht mehr kann, sondern das zu suchen, was jetzt möglich ist. Ein anderes Leben gibt es nicht.



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Kommentare:

  1. Als ich im Dezember erfuhr, daß ich Diabetes habe und daß dieser wohl für mein übermässiges Schwitzen verantwortlich gewesen war, begann ich wieder mit körperlicher Bewegung.
    Ich hatte ja mit 31 das mir äusserst wichtige Joggen wegen Gelenkprobleme aufgeben müssen, gerade mal nach gut einem Jahr "Baden im Wunderquell Joggen". Es war ein Rausfallen aus liebgewonnerer Sucht.
    Danach ging mein Bewegungskonsum sehr langsam zurück - ich war ja "Bewegungsmensch" nachwievor! Bewegung war immer eine der wesentlichen Quellen von Freude. Vor 10 Jahren allerdings gab ich Bewegung fast völlig auf.

    Jetzt durch diese Zucker-Diagnose fand ich wieder zurück zu Bewegung. Ich liebe Bewegung wie einst mit 30, verfüge über einen "jungen" Körper, bei dem ich nur geringe Spuren von Verschleiß feststelle. Es fühlt sich gut an, wieder in einem wendigen, elastischen, leistungsfähigen Körper zu stecken. Und ich labe mich wieder an meinem Urquell Bewegung.

    Du schriebst von den Möglichkeiten, die es für uns nachwievor gibt, trotz so mancher Einschränkungen. In der Diabetes-Klinik, in der ich im März war, wurden viele Leute damit konfrontiert, welche Bewegungsmöglichkeiten für ihren Körper noch existieren. Es gab da wenige Ausreden.
    Ich bin froh, Bewegung wieder zu einem wichtigen Teil meines Lebens gemacht zu haben!

    Zum Thema "Körper" würden auch meine Erfahrungen in Körpertherapie passen: "Der Körper als Sprachrohr der Seele". Doch lasse ich das mal an dieser Stelle weg.

    Gerhard

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    1. Als ich Ende dreissig mit Yoga anfing, war ich ein plumper, kränkelnder Sack ohne jedes Körperbewusstsein. Bewegung und Anstrengungen jeder Art nervten nur, die einfachen und gar nicht "extremen" Hatha-Yoga-Übungen brachten mich schon an die Grenze dessen, was ich meinte ertragen zu können. Trotzdem hab ich weiter gemacht, damals auch noch 5 x wöchentlich ca. eine Stunde geübt.

      Nach drei Monaten rutschte ich auf der Straße auf einer Bananenschale aus. Zu meiner großen Verwunderung erreichte ich im Fallen gar nicht erst den Boden! Der Körper fing das so schnell ab und stand wieder gerade, viel schneller als ich gedanklich folgen konnte, geschweige denn eine bewusste Bewegung machen.

      WER war das? "Ich" war es nicht, jedenfalls nicht der Teil, den ich gewohnt war, als "Ich" zu labeln. Mein bewusstes Denken ist tatsächlich nur ein kleiner Teil des Ganzen - und es befindet sich sowieso die meiste Zeit im Halbschlaf, konzentriert auf irgend etwas Gedankliches, nicht auf das Dasein hier und jetzt.

      Es ist eine spannende Reise, die ganze Körper/Geist-Entität zu erforschen und ihre unauflösliche Verwobenheit zu erfahren. Es eröffnet auch sehr viel zusätzlichen Handlungsspielraum im Getriebe der Welt: ich kann heute entscheiden, ob ich die Energie z.B. dafür verschwenden will, mich zu ärgern. Wie? Emotionen finden körperlich statt und sind mit Anspannung verbunden. Lernt man, nicht mehr automatisch zu verspannen (bzw. die Verspannungen automatisch zu lösen) ist unglaublich viel gewonnen!



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    2. Das sind auf jeden Fall gute Beispiele vom Aufheben dieser so fest eingeübten Dualität. Was mir auch gefällt: Es ist (fast) nie zu spät, man kann damit immer anfangen. Wer war das? Ja, egal, denn es war einfach nur geil.

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    3. Das Auffangen des Ausrutschens geschah durch, so eine geläufige Sicht, durch Neuverschaltung von Gehirnstrukturen, die im Schlaf gelegen haben. "Use it or lose it". Wenn man "aus dem Stand" ausgiebig so etwas wie Yoga trainiert, werden sicher brachliegende neurologischen Strukturen aktiviert bzw. zusammengeführt. Das Gehirn besitzt eine große Plastizität.
      Gerhard

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  2. Interessant finde ich, dass zwar der harsche Dualismus als Problem erkannt wird, als Alternative aber empfohlen wird, mit einem - nun liebenden - Geist die Reise fortzuführen, die ohne diesen so wenig existieren würde wie das Fahrzeug, das metallene.
    Es ist nicht nötig, (Konzepte wie) "Körper" und "Geist" als getrennte Entitäten anzunehmen. "Organismus" und "Bewusstseinsveränderung" etwa wären schon nicht mehr ganz so weit auseinander und könnten durchaus zum gewünschten subtileren Bewusstsein, nämlich einem organischen, führen.

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    1. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob du über meinen Text schreibst (ich problematisiere den Dualismus ja nicht explizit und rede auch nicht von Reisen oder metallenen Fahrzeugen) oder ob du über das Interview schreibst. Aber das ist auch egal, denn das Thema ist für beides relevant. Für mich triffst du das ganz gut, wenn du sagst, dass der "harsche Dualismus" ein Problem ist. Denn ganz weg vom Dualismus, können wir kaum und im Alltagdenken und -sprechen schon gar nicht (siehe auch meine bildhafte Sprache vom Geist, der den Körper bewohnt).

      Aber auch philosophisch muss man sagen, dass man nur deshalb, weil man Körper und Geist nicht von einander trennen kann, nicht darauf schließen kann, dass sie ein und dasselbe sind. Mein vorläufiges (vor KI) Verständnis wäre, dass Organismen mit zunehmender Komplexität ihres Nervensystems auch zunehmend bewusst werden. Das Bewusstsein ist jedoch etwas anderes als der Körper. Es ist ein Zustand, ein Erleben.

      In dem, was du oben sagst, gebe ich dir Recht: "Es ist nicht nötig, (Konzepte wie) 'Körper' und 'Geist' als getrennte Entitäten anzunehmen", wenn man dadurch nicht den Fehlschluss macht und behauptet, sie seien ein und dasselbe. Konkretisiert müsste man sagen: Bewusstsein ist auf Körper (Organismen) angewiesen, Körper (Organismen) aber nicht auf Bewusstsein.

      Ich weiß nicht, wie ernst du den Titel deiner Website und deines Avatars hier "Alles ist Bewusstsein" tatsächlich nimmst, aber ich bin dezidiert nicht der Auffassung, dass alles Bewusstsein ist. Ganz im Gegenteil. Bewusstsein ist ein Ausnahmenzustand. Kannst du erklären, wie du das meinst, wenn du sagst, alles sei Bewusstsein?

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    2. Der Dualismus wurde zwar nicht explizit als philosophisches Konzept benannt, aber in der anfänglichen Beschreibung vom Körper, der vom Geist-Benutzer daran erinnert wird, dass "er" lebt und geschätzt wird, wird das Mitgefühl, später gar die Liebe, als Mittler ja aus diesem Grund benötigt.
      "Weg vom Dualismus" ist durchaus möglich, wenn man nicht die Landkarte mit dem Gelände verwechselt - das glauben nur viele nicht, weil sie sich auf die Narrative und Konzepte etwa der Non-Dualisten (als typisches ausgeschlossenes Drittes) einlassen. Und da hört sich vieles nach bullshit an, weil dort traditionell eine Dialektik bevorzugt wird, ein "Hineintäuschen in das Wahre" (Kierkegaard), das der gewohnten Hermeneutik entgegenläuft und einen nicht nur gegenüber dem Ziel, sondern auch dem eigenen Verstand skeptisch werden (sollen) lässt.
      Aber das muss nicht sein: Man kennt durchaus die Macht von Paradigmenwechseln aus anderen Kontexten - und Bewusstsein ist eben ein Meditationsobjekt, das, wenn man sich ganzheitlich darauf einlässt, zu einem Erleben führt, das Alan Watts so schön als "Look ma, no hands!" beschrieben hat. Man braucht nicht die Negation anderer Konzepte - sie sind nach einer gewissen Zeit einfach nicht mehr auf dem Schirm. Und in der Hinsicht SIND sie nicht mehr. Das hört sich läppisch an ohne den üblichen Rekurs auf Kosmos und Beinahe-Solipsismus - aber da man schon bald nicht mehr "Geist in mir" und andere Leitideen bemüht, die über die Jahre viele relationale neuropsychologische Netzwerke aufgebaut haben, sind die Ergebnisse doch erstaunlich: Weniger Muskelanspannung, weniger Hautwiderstand, weniger geistige "Alertheit", dafür ein "lebendiges" Erleben und, ja, das Bewusstsein, nicht mehr so getrennt zu sein von der Umwelt.

      Meine Definition von Bewusstsein wäre "wessen man sich bewusst ist". Der Selbstbezug sorgt auf unspektakuläre Art und Weise dafür, dass man sich bewusst wird, wie wenig abstrakt ... Bewusstsein eben sein kann.

      Das Axiom "Alles ist Bewusstsein" setzt eine anthropozentrische Perspektive voraus, die erst einmal ohne Relation zu Abstrakta jedweder Art auskommt - das setzt natürlich voraus, dass Bewusstsein selbst keine abstrakte Angelegenheit für einen ist. Und dann ist Bewusstsein eben - früher oder später - nichts anderes mehr. Und noch später dann kein Ausnahmezustand mehr, nichts Spezielles: wu-shih, wie der Zen-Buddhist so schön sagt.
      Es ist, kurz gesagt, keine Proposition, die man mit "etwas anderem" untersucht, sondern eine Wahrheit, auf die man sich einlassen KANN. Eine von vielen.

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  3. Sorry, jetzt hab ich meinen Kommentar wieder falsch eingeschachtel!

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  4. "Körper und Geist nicht als getrennte Entitäten anzunehmen" oder wahrzunehmen?
    Ja, das ist mir bis jetzt noch nicht gelungen, dass das sozusagen in einem Fluss ablaufen könnte. Es läuft völlig getrennt, vermute ich mal, bei mir ab. Warum das so bei mir ist? Dazu habe ich noch keine Antwort gefunden. Also das ist schon so wie mein persönliches Fundament in mir verankert. Mir sind da schon einmal in einem Yogakurs lustige Dinge passiert. Bei dem Ablauf der Körperübung habe ich gar nicht bemerkt, dass mein Geist sich selbständig machte. Dann merkte ich es aber doch, weil der Ablauf der Übung eine völlig eigensinnige Abweichung kreiert hatte. Ich führte die Übung sozusagen falsch aus und war aus dem Konzept. Da musste ich den Geist stoppen und zur Übung zurückfinden. Ich habe einen eigensinnigen Geist und einen eigensinnigen Körper. Woher das kommt? Das weiß ich nicht.

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