10. August 2011

Boxen - den Moment überleben und darüber hinaus

Dieser Artikel ist Muhammad Ali gewidmet, ruhe in Frieden!

Sich ein Herz fassen, sich durchsetzen, mit Aggressionen umgehen können und trotzdem die Regeln des Miteinanders beherzigen. Nirgends kann man diese Fähigkeiten besser trainieren als im Sport. Ich selbst bin Jahrzehnte lang schon begeisterter Amateurboxer und finde gerade in diesem Sport zu mir selbst. Es kann sich ganz schön einsam anfühlen, wenn man im Ring seinem Gegner gegenüber steht. Boxen ist nicht nur ein Kampf mit dem anderen, sondern auch mit sich selbst. Zuvor war ich lange Schwimmer im Leistungssport und habe auch dort viel über den Kampf mit mir selbst gelernt.

 

Der einsame Kampf

Beim Vergleich fällt mir aber auf, dass man im Boxen gar nicht so einsam ist. Das Schwimmen ist viel einsamer. Hier ist man wirklich von seiner Mannschaft, dem Trainer, dem Publikum und seinen Kontrahenten getrennt. Das Wasser ist der perfekte Isolator. Man kann sich kaum sehen, nicht mit einander reden und sich schon gar nicht berühren. Beim Boxen ist man immer im Kontakt. Man kommuniziert ständig, auch wenn sprechen im Kampf nur dem Ringrichter erlaubt ist. Man blickt sich an, macht Grimassen, hört den anderen, riecht ihn, umarmt ihn, schlägt ihn. Man beantwortet die Aktion des Gegners mit einer Defensivbewegung oder durch einen Gegenangriff. Es entsteht ein nonverbaler Dialog. Die Trainer hingegen brüllen Kommandos, das Publikum feuert die Boxer an. In der ein-minütigen Pause sitzt oder steht man in der Ecke und hört seinem Coach zu, nickt und versucht vor allem zu atmen.

Sport und keine Schlägerei

Anders als man denken mag, ist man mit allen beteiligten meistens auch in einem sehr freundlichen und vertrauten Kontakt. Der Kontakt mit dem Trainer ist oft fast väterlich. Die Trainingspartner müssen sich gegenseitig vertrauen, wenn sie keine Verletzungen befürchten wollen. Und auch bei richtigen Kämpfen im Ring gibt es keine echte Feindschaft. Es ist eben das genaue Gegenteil einer wilden Schlägerei: The fine art of bruising. Boxen ist ein Sport mit ganz genauen Regeln, in dem auch nachweislich weniger Verletzungen passieren als beispielsweise beim Fußball.

Mit dem Kopf gewinnen

Mehr als jede Sportart, die ich kenne, ist das Boxen zum großen Teil eine Kopfsache. Ein Kampf steht und fällt mit der psychischen Konstitution ebenso wie mit der physischen. Man muss hart trainiert haben, um die Fitness und Technik mitzubringen. Man muss aber auch den Mut und die Konzentration mitbringen, um dort ganz alleine gegen einen anderen Mann in den Ring zu steigen, der nichts anderes will, als einen mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Allein die Konfrontation damit, nimmt einem die Luft. Hinzu kommt der Druck, vor den Freunden, der Mannschaft, dem Trainer und dem Publikum eine gute Figur zu machen. Wer will schon bewusstlos und mit blutiger Nase am Boden liegen. Es ist zwar keine Schande, aber es fühlt sich so an. Die Energie, die von der Aggression des Gegners ausgeht, ist enorm und sie ist nicht positiv. Man muss den Umgang damit lernen, die Aggression mit Würde aushalten, Nervosität ablegen und kühl bleiben können. Manche werden gar süchtig nach dieser animalischen Herausforderung des Willens. Bei Profiboxern sieht man immer wieder die Rituale des Hineinsteigerns in die Situation: "Mein Gegner will meinen Kindern das Essen wegnehmen." Solche Reduktionen helfen dabei, die Gegenspannung aufzubauen, um den Druck auszuhalten. Es ist eine Extremsituation, gerade für den Kopf und die Emotionen. Ich kann nicht sagen, dass ich mich nach der Aggression sehne. Aber ich sehne mich nach der Überwindung der Angst vor der Aggression.

Die Reduktion auf den Moment

Anders als man meinem mag, tut boxen nicht weh. Das Hirn ist in Adrenalin getränkt, wenn man sich mit einem anderen schlägt. Die Schmerzübertragung ist blockiert. Das Furchtbare ist also nicht der Schmerz, sondern die Orientierungs- und Hilflosigkeit und die Demotivation, die einen überkommen können, wenn man hart getroffen wird. Aber auch hier spielt das Adrenalin die Hauptrolle. Beim Boxen wird man zu einem Raubtier, dessen gesamtes Nervensystem sich auf den Moment fokussiert. Man sieht nichts mehr bewusst, sondern wird von lange antrainierten Reflexen ferngesteuert. Gute, erfahrene Boxer haben natürlich gelernt, der reflexartigen Reaktion kalkulierte Handlungen zur Seite zu stellen. Nur dadurch kann auch mit Strategie gekämpft werden.

Sehnsucht nach Frieden

Wenn der Kampf endet, dann fallen sich die Kontrahenten meisten in die Arme. Es sieht nicht nur von außen aus wie Liebe. Es ist eine große Hochachtung vor der Leistung des anderen, eine gemeinsame Freude, dass man es über die Runden geschafft hat und eine große Erleichterung, wenn die enorme Spannung, die vom Kampf gegeneinander kommt, von den Kontrahenten abfällt. Es kommt mir immer wieder so vor, als seien eigentlich beide erleichtert, dass die Zeit der Aggression gegeneinander vorbei ist. Denn eigentlich - so meine These - wollen Menschen sich nicht gegenseitig bekämpfen. Das ist ein bisschen wie im Krieg zweier Völker: Es kostet eine Unmenge an Energie, das normale Leben hört auf und eigentlich will man sich gegenseitig nichts Böses. Man sehnt sich nach Frieden.

Der Überlebenskampf

Die Faszination kommt für mich aus dem Überlebenskampf, den das Boxen simuliert. Das scheinen Sportler und Zuschauer ähnlich zu empfinden. Dieser Sport ist einer der wenigen sehr sicheren Wege, sich solch einer extremen Urerfahrung für kurze Zeit und so oft man möchte auszusetzen. Man geht in einem Rausch auf, in dem nichts von der Welt außerhalb des Rings mehr zählt. Und egal ob man aus diesem Rausch als Sieger oder Geschlagener zurück kommt, man hat immer an Größe gewonnen. Denn man hat sich seinen grundlegendsten Ängsten gestellt und sich an die Grenzen der psychischen und physischen Leistungsfähigkeit begeben. Das ist ein ganz großartiges und erhebendes Gefühl, das durch die Blessuren, das Blut und den Schweiß höchstens noch verstärkt wird.

Was hat das mit meinem Leben zu tun?

Im Alltagsleben ist es zum Glück nicht immer so intensiv. Jedoch geht es auch hier vordergründig oft ums Scheitern oder Siegen innerhalb bestimmter Regelwerke. Man kann selbst entscheiden, wie man sein Engagement in der Welt versteht. Ich habe Freude daran, auch etwas zu wagen ohne die Sicherheit, dass ich als "Sieger" daraus hervor gehe. Das duale Sieger-Verlierer-Konzept nehme ich für mein Leben gar nicht an. Es geht mir vielmehr darum, meine Angst anzunehmen, ihr auch einmal entgegen zu treten und Grenzen zu testen. Wenn ich zum Beispiel eine neue berufliche Herausforderung annehme, die eigentlich eine Nummer zu groß für mich ist, dann kann ich dabei wenigstens lernen. Klar kann ich mir auch eine blutige Nase dabei holen. Aber was ist schon das Schlimmste, das passieren kann? Im Extremfall lasse ich es wieder sein und mache etwas anderes. Mein Leben geht jedenfalls weiter und die einzige Schmach wäre, irgendwann zu bereuen, dass man nicht gelebt hat, nichts gewagt hat.

Kommentare:

  1. SEHR GUTER Artikel! Hier hat sich wirklich mal jemand Gedanken übers Boxen gemacht und das Leben gemacht! Ich finde vor allem die Schlusspassage, die die parallel zum "normalen" Leben zieht sehr gelungen! Wir brauchen mehr solcher Artikel! Also: Weiter so! Mit mir hab ihr nen neuen Fan!

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  2. Danke für das Lob und viel Spaß beim Weiterlesen (und/oder Boxen).

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