9. Dezember 2016

Am Anfang war das Wort

Die Bibel – zur Sonderausgabe des Philosophie Magazins

Die abendländische Philosophie, so Susan Neiman, bei der ich in Berlin ein Semester zu Moral und Literatur studiert habe, sei ohne die Bibel nicht zu denken. In unserer Geschichte sei Philosophie die längste Zeit eng an Theologie gekoppelt gewesen und viele der philosophischen Grundfragen kämen aus der Bibel, wie z.B. die nach dem Bösen, nach dem Guten, die nach dem Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft oder ob Gehorsam vor der eigenen Moral kommt oder umgekehrt. Das Philosophie Magazin stellt mit seiner aktuellen Sonderausgabe die Frage, ob die Bibel auch für die heutige Philosophie noch relevant sei.

"Ja, unbedingt! Nicht zuletzt deshalb, weil es doch auch darum gehen muss, den Graben zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen zu überwinden. Wir können, gerade angesichts der Entwicklungen der letzten 25 Jahre, nicht mehr davon ausgehen, dass Religionen einfach aussterben, dass sie im besten Fall unvernünftig, im schlimmsten Fall gefährlich sind … Ein in dieser Weise radikal säkulares Denken ist nicht klug. Da ist etwas, das wird auf absehbare Zeit Teil unserer Kultur bleiben, und damit müssen wir uns auseinandersetzen." (Susan Neiman, Philosophie Magazin, Sonderausgabe 07, S. 7)


Sonderausgabe 07 des Philosophie Magazins

Damit ist die Legitimation zu dieser Ausgabe kurz vor dem Reformationsjahr schon gegeben. Nach dem Koran, betrachtet das Magazin nun die Bibel. Und tatsächlich wird ja immer deutlicher, dass wir uns mit dem Glauben auseinandersetzen müssen und dazu ist es notwendig, die zugrundeliegenden Texte zu kennen. Ich denke auch, dass wir uns nicht nur deswegen mit den Religionen auseinandersetzen müssen, weil wir sie nicht loswerden oder weil nun unterschiedliche Religionen auch in Deutschland aufeinander treffen. Die Religionen stellen immer noch eine Menge an Gedanken und Techniken bereit, die wir zu unserem Wohl in unser gesellschaftliches Zusammenleben re-integrieren könnten, ja vielleicht sollten. Denken wir an so etwas wie Tugenden oder auch Techniken wie das Meditieren oder das Üben von Dankbarkeit (typischerweise in Gebeten wie dem Vaterunser). Gesellschaften schulden auch einiges ihres Zusammenhaltes den Zeremonien und Ritualen, die nun zu verkaufsoffenen Sonntagen im Advent und somit zu ihrem Gegenteil zusammengeschrumpft sind.

Geschichte und das Paradies auf Erden

Die Bibel hat über ihre Geschichte hinweg und ganz besonders nach Entwicklung des Buchdrucks ab 1450 und dem Erscheinen der Lutherbibel von 1534 unser Leben und Denken wie kein anderer Text geprägt, egal ob wir es heute noch merken oder nicht.

"Das ist der große Rahmen und eigentlich auch die wirkliche Erfindung des Alten Testaments, diese Vorstellung von Geschichtlichkeit als großem Bogen: vom perfekten Anfang über den Sündenfall und damit die Imperfektion bis zum verheißenen Ende der Geschichte in Gottes Herrlichkeit. Man kann diesen Geschichtsbegriff auch Heilsgeschichte nennen..." (Wilhelm Schmidt-Biggemann, Philosophie Magazin, Sonderausgabe 07, S. 65)

Dieses christlich geprägte Denken mit seinem alles transzendierenden Anfang (die Erbsünde) und einem schon garantiertem Reich Gottes mit vorgelagertem Jüngsten Gericht hält uns in seinem Bann:

"Wir denken Geschichte immer noch weitestgehend als Fortschrittsgeschichte, als Geschichte der Verbesserung der Welt [...] so etwas wie eine perfekte Gesellschaft.
[...]
Wir brauchen eine solche Vorstellung des Endes beziehungsweise einer anzustrebenden Perfektion, sonst hätten wir alle keinen Grund, irgendwelche Projekte zu vollenden. Auch wir streben nach wie vor danach, unsere Gesellschaft zu verbessern, und wir stellen uns als Ziel eine gerechte und humane Welt vor...
[...]
Eine entscheidende Änderung gibt es allerdings schon: Wenn man im säkularen Kontext das Jüngste Gericht aufgibt, dann ist die Weltgeschichte nicht mehr moralisch. Das heßt, das Gite wird am Ende nicht mehr belohnt und das Böse nicht mehr bestraft. Das hat für die Politik erhebliche Folgen, denn die Herrscher müssen nicht mehr fürchten, am Ende für ihre Taten belangt zu werden." (Wilhelm Schmidt-Biggemann, Philosophie Magazin, Sonderausgabe 07, S. 65)

Oder wie Heinrich Heine schon im Deutschland ein Wintermärchen sagte: "Wir wollen hier auf Erden das Himmelreich errichten [...] Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen." Auf die Art und Weise, wie wir weltliche Geschichte und Geschichten überhaupt verstehen und schreiben hat die Bibel einen nicht zu unterschätzenden Einfluss, ebenso wie auf die gesamte westliche Philosophie, die in nach der Antike bis vor rund zweihundert Jahren zugleich immer Theologie war.

Gott als Philosoph

Überhaupt kann man sagen, dass der biblische Gott ein Philosoph ist oder mindestens ein Autor, denn er erschuf die Welt mit nichts weiter als seinem Wort. "Wirklichkeit wird von ihm gesetzt oder geschaffen, indem er sie ausspricht." (Saskia Wendel, Philosophie Magazin, Sonderausgabe 07, S. 12) Das ist natürlich ein Wunder, muss man schon sagen. Zumal es vorher nichts gab, außer Gott, der etwas ist, das zur Welt in Beziehung steht, aber nicht selbst Teil der Welt ist. Also irgendwie wirklich wie ein ganz typischer Autor eines Romans. Aber, und darauf besteht die Bibel, er ist eine Art One-Hit-Wonder oder ein Autor, der nur ein Buch geschrieben hat. Denn er ist mit seiner Schöpfung eine unauflösliche Verbindung eingegangen.

Auch wenn ich unterschreibe, dass die Kenntnis der Bibel auch für moderne Geisteswissenschaftler unerlässlich ist, habe ich selbst nur einen großen Versuch unternommen und bin nicht über die Genesis hinausgekommen. Aber man muss ja nicht unbedingt immer die Originalquellen lesen, dafür ist das Leben zu kurz. Die Lektüre dieser Sonderausgabe hilft schon beim Verständnis und macht zudem Spaß. Besonders die zeitgenössichen Autoren und Interviews sind sehr erhellend, während die zu kurzen Ausschnitte historischer Philosophen zu eklektisch (Wie bitte kann Friedrich Nietzsche fehlen!?) und fragmentarisch sind, um zu einem modernen Verständnis viel beizutragen. Was mich jedoch sehr begeistert hat, ist der Auszug aus der Schrift "Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte" von Immanuel Kant aus dem Jahr 1786, die belegt, dass er zurecht der moderne Philosophenkönig ist. In der Untersuchung der Zustände zwischen Vernunft und Instinkt legt er eine Modernität an den Tag, die seinesgleichen sucht. Selbst Arnold Gehlens Anthropologie durch Entlastung und Institutionen, ist in Kants Gedanken zum Übergang vom Natur- zum Kulturzustand bereits angelegt.

Die Bibel wird sicherlich weiterhin an Einfluss auf die kommenden Generationen verlieren, so wie sie es seit Jahrhunderten tut. Sie hatte mit dem Beginn des Buchdrucks einen ziemlichen Vorsprung erhalten, nämlich als das für lange Zeit einzig erhältliche Buch. Den hat sie nun lange eingebüßt und heute könnte man keinem durchschnittlichen Studenten (es sei denn in der Theologie) mehr raten, er möge bitte vor allem anderen die Bibel lesen. Dazu ist der entstandene Überbau zu mächtig und alltagsrelevant geworden. Dennoch ist es gut, die Grundgedanken dann und wann wieder explizit zu machen und somit diesen Text zu tradieren. Denn ohne diesen Text können wir die Grundkonflikte unseres Daseins und Zusammenlebens nur schwer deuten. Zugegeben – man muss auch nicht alles deuten können, aber es hilft dabei, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. "Aber man muss ja nicht unbedingt immer die Originalquellen lesen, dafür ist das Leben zu kurz."

    Das ist, wenn es etwa um die christliche Bibel geht, ironischerweise aber sehr wichtig. Schließlich relativiert es "die Wahrheit" (mit dem großen W) doch ein bisschen, herauszufinden, dass etliche Stellen im "Alten Testament" (das zusammen mit dem NT traditionell im Rahmen der Substitutionstheologie wirksam sein solte) so verfälscht wurden, dass wenigstens mit (Daumen-)Biegen und Brechen auf den Erlöser verwiesen wurde.
    Mit diesem Fälschungs-Machwerk Tugenden vermitteln zu wollen, hat zwar ein Geschmäckle, fällt aber auch nicht sonderlich schwer, weil die Kalender-Weisheiten sich nicht wirklich unterscheiden von dem, mit was andere Hochkulturen ums Eck gekommen sind - neben Dämonenspaß und heute absurd unpraktisch wirkenden intellektuellen Superräumen. Man muss heute deshalb das große "Religion X war nun mal kulturstiftendend in unseren Breitengraden, ohne würden wir noch auf den Bäumen hocken" Natur-Kultur-Bohei fahren, damit Menschen des 21. Jahrhunderts ihre Allgemeinbildung, was Religion X (sind so gut wie alle, gerne auch mal in traditionell buddhistischen Ländern nachschauen) alles angerichtet hat, vergessen.

    Man könnte zum Zitat von Frau Wendel oben, dass Gott Wirklichkeit schafft, mutmaßen, dass "er" eher die realitas zur bereits bestehenden actualitas schuf - aber obwohl heute unklar ist, was tohu wa-bohu genau bedeuten mag: Gut kommt es nicht weg. Und diese übertriebende Opposition, erst zu kosmischen Entitäten, dann zu eigenen neuronalen Sachverhalten (nachash ist nicht nur die Schlange, sondern heißt auch "scheinen" und "wispern") wundert einen dann auch nicht wirklich bei der Kombi von null Ahnung vom Organismus und hochgejuxtem inneren Drama, durch den viele der Gottbewegten bis vorgestern von sich haben reden machen.

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    1. "Alles ist Fälschung" kann man da nur sagen. Zumindest was die Schriften von Religion X angeht.

      Frau Wendel sagt übrigens auch, dass "er" kein Geschlecht hat.

      Ich weiß nicht, auf welcher Ebene die Leute heute die Bibel lesen – sicher nicht (in der Mehrheit) um zu erfahren, was wirklich passiert ist, was jetzt ist und was sein wird, oder?

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    2. Neben der Sache mit der bewussten Verfälschung kommt auch noch das Problem mit der Übersetzung hinzu. Ich habe vor kurzem eine Alternative Übersetzung des Vaterunser gelesen, so wie man die wohl sehr vielfältige aramäische Sprache auch übersetzen könnte, und das war der Wahnsinn. Das Ganze Gebet hat eine ganz andere Tiefe und Bedeutung erhalten. So viel zur Bibel.

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