28. Februar 2016

Was kommt nach dem Nihilismus?

Ray Brassier über die Sinnlosigkeit durch den Verlust der Erzählung

Der Nihilismus ist eine Sinnkrise, sagt der Philosoph Ray Brassier. Solch eine Krise ist immer historisch geprägt, denn das, was wir als Sinn verstehen, ist historisch geprägt. Die große Sinnkrise, die wir gemeinhin mit Nihilismus bezeichnen, finden wir, wo das wissenschaftliche Weltverständnis die religiösen und mythischen Welterklärungen ablöst.

Sinn und Bedeutung gibt es nur in Geschichten

Die Evolution in der Biologie, das Periodensystem der Elemente in der Chemie oder die Krümmung von Raum-Zeit in der Physik vermögen als wissenschaftliche Modelle der Welterklärung das religiöse Weltverständnis nicht vollkommen zu ersetzen. Als Welterklärungsmodell macht das wissenschaftliche zwar die alten mystischen Welterklärungsmodelle überflüssig, weil wir nun zum Beispiel keine magische Schöpfungsgeschichte mehr benötigen, sondern rational erklären können, warum die Dinge sind, wie sie sind. Jedoch vermögen diese wissenschaftlichen Erklärungen nicht das große psychologische Bedürfnis der Menschen nach Sinn und Bedeutung erfüllen.

Was ist ein Nihilist?

Das liegt daran, dass die wissenschaftliche Welterklärung keine Geschichte erzählen kann. Damit die Dinge für uns Bedeutung bekommen, bedürfen wir Erzählungen, die sich aus einem Anfang heraus über eine Krise und schließlich die große Erlösung als Happy End entfalten. Alle Religionen und Mythen erzählen in solchen Mustern, die modernen Naturwissenschaften vermögen das nicht. Ein Nihilist ist heute jemand, der auf die Erzählung und damit auf den großen Sinn des Ganzen verzichten kann, ohne deshalb die Unterscheidung von wahr und falsch unter den Tisch fallen zu lassen. Ray Brassier hat in einem Interview I am a nihilist because I still believe in truth gesagt:

"Wie Nietzsche, denke ich, dass der Nihilismus eine Konsequenz des Strebens nach der Wahrheit ist. Aber anders als Nietzsche, denke ich nicht, dass der Nihilismus darin kulminiert, dass es keine Wahrheit gibt. [...] Ich verstehe mich als Nihilist genau insofern, als dass ich Nietzsches Schlussfolgerung ablehne und weiterhin an den Unterschied zwischen wahr und falsch, Realität und Erscheinung glaube. Mit anderen Worten, ich bin ein Nihilist, genau deshalb, weil ich an die Wahrheit glaube im Unterschied zu jenen, die über den Nihilismus triumphieren, indem sie die Wahrheit opfern. Ich denke, dass es möglich ist, die Sinnlosigkeit der Existenz zu verstehen und dass die Fähigkeit, Sinn und Bedeutung als regionales ober begrenztes Phänomen zu verstehen, ein großer Fortschritt der Erkenntnis ist." (Ray Brassier)

Interessant ist das nicht nur, um zu verstehen, was uns fehlt und wie wir mit dem Mangel umgehen können. Ich finde es auch aus der Selbstreferenzialität des Gesagten heraus spannend, denn unser Fortschritt der Erkenntnis ist vielleicht in sich selbst so eine Geschichte, die wir uns erzählen können: Vom Anfang des Wissens und Erzählens in Mythen über die Sinnkrise durch die Ablösung des erzählerischen Weltverständnisses bis hin zu hoffentlich einem Happy End, von dem jetzt noch nicht ganz klar ist, wie es aussehen kann.

In diesem Klassiker vom Erzähler Kurt Vonnegut finden sich vielleicht einige Variationen des Fortgangs unserer Geschichte:





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Kommentare:

  1. Neulich mal wieder im TV gesehen, dass wir evtl doch in einem Perpetuum Mobile stecken, wie ein Bagel könnte unser Universum sein, also juckt mich das eh nicht mehr ob es einen Sinn oder Unsinn gibt. Es wird schon richtig sein wie es ist, die frage eines jeden ist doch, ob das seinige Sinn macht und wahr ist. Jeder Mensch lebt in seinem eigenen Universum und die Kunst ist es nicht mit dem anderer zu kollidieren sondern ein neues, größeres zu schaffen. So das wars, ich geh ins Bett, gute Nacht zusammen

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  2. Das "Happy End" wäre, wenn alle überein kämen, dass es GUT ist, wie es ist! Die Alternative wäre doch für ein heutiges Individuum grauenhaft: eine nicht selbst gemachte Sinngeschichte des Großen & Ganzen. Da könnte man ja nur bestehen oder versagen, 0 oder 1 - angesichts einer nicht weiter hinterfragbaren Forderung: Erfülle den Sinn oder stirb!

    " Alle Religionen und Mythen erzählen in solchen Mustern, die modernen Naturwissenschaften vermögen das nicht. Ein Nihilist ist heute jemand, der auf die Erzählung und damit auf den großen Sinn des Ganzen verzichten kann, ohne deshalb die Unterscheidung von wahr und falsch unter den Tisch fallen zu lassen."

    Wahr und falsch sind Kategorien, für die sich aus meiner Erfahrung MÄNNER ganz intensiv interessieren. Wogegen für mich das Problem eher bei der Frage nach "gut oder böse" zu liegen scheint. Wie können wir uns in einem "wahrhaftig sinnlosen" Gesamtgeschehen anmaßen, zu bestimmen, was GUT und BÖSE ist? Und das anderen abverlangen, gar aufzwingen?



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    1. Gut und böse und wahr und falsch sind Grundbegriffe in der Philosophie. Dabei ist das Geschlecht völlig egal. Das erste Begriffspaar findet in der sogenannten praktischen Philosophie (Ethik) seine Domäne, während das zweite zwar übergreifend, aber besonders in der Erkenntnistheorie und Logik ihre Domäne haben.

      Insofern halte ich absolut gar nichts davon, diese an einer Genderfrage gegeneinander auszuspielen. Es gibt nicht mal einen Hinweis darauf, dass mehr Philosophinnen in der praktischen Philosophie "unterwegs sind", als in der Wissenschaftstheorie und Logik.

      Der Hinweis auf das "Unter-den-Tisch-fallen-Lassen" von wahr und falsch kommt als Korrektur des Zusammenmixens von "Sinn" und "Wahrheit" bei Nietzsche.

      Dein Hinweis auf die Anmaßung von "gut" und "böse" in einem sinnlosen Gesamtgeschehen ist aber absolut berechtigt. Interessant ist hier, dass gut und böse genauso wie "Sinn" nur in einer Erzählung funktionieren. Mit dem Periodensystem der Elemente finden wir kein gut oder böse. Das heißt, moralische Kategorien funktionieren so wie Sinn und Bedeutung nur "als regionale ober begrenzte Phänomene" wie Brassier sagt. Und genauso sind sie auch historisch geprägt.

      Eine Verfassung, ein Gesetzbuch, eine Religions- oder Staatsgründung usw. könnten solche Grenzen, Regionen und historische Zusammenhänge herstellen, in denen sowohl "Sinn" als auch "gut" und "böse" ihre Anwendung finden.

      Wenn also der Nihilist sagt, "das große Ganze hat keinen Sinn", dann heißt das nicht automatisch, dass eine Geschichte wie die einer Religion keinen Sinn hat, denn die ist ja abgegrenzt.

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    2. Ach Gilbert! Ich hab das doch nur anekdotisch erzählt! Ist halt meine Erfahrung gewesen, Philosophie war immer mein Hobby, in der Schule die "freiwillige AG", viele Jahrzehnte immer wieder Lesestoff und Diskussionsgegenstand. Das Wahre, Gute und als Drittes das Schöne - wer kennt die Grundbegriffe nicht? Und immer wieder fand ich bei männlichen Gegenübern eine Präferenz für den Wahrheitsdiskurs, der mir (und vermutlich anderen Frauen, da hatte ich wenig Gesprächspartnerinnen) nicht so wichtig war wie die thische Frage nach gut/böse bzw. richtigem/falschem Handeln.
      Daraus leite ich nichts weiter ab, schon gar nicht eine irgendwie gartete Kritik! Aber interessant finde ich es schon... :-)

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    3. Wie gesagt: Dein Hinweis auf die Anmaßung von "gut" und "böse" in einem sinnlosen Gesamtgeschehen ist absolut interessant. Darüber lässt sich gut diskutieren, über deine Beobachtung von wenigen Gesprächspartnerinnen hingegen kann man sich nun gar nicht austauschen.

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    4. Zum Thema, das dich angesprochen hat: In einem Radio-Feature (Daten dazu kann ich ermitteln, nur nicht jetzt) berichtete ein Kundiger / Forschender aus Gesprächen mit radikal religiösen Moslems, dass eine tiefe Sorge/selbstverständliche Annahme dieser Menschen davon ausgeht, dass "ohne Religion" die Menschen rein hedonistisch agieren könnten.

      Er hat das heraus gefunden durch Befragungen, die abfragten, wie sich die Jeweiligen denn verhalten würden, hätten sie ein Zauber-Equipment, das sie "gegenüber Allah" unsichtbar macht. Nun, sie gaben an, dann richtig loszulegen.. Gott siehts ja nicht!

      Wir könnten darüber lächeln, aber es gab auch in Europa eine Zeit, in der das Christentum und die machtvollen Kirchen die "Zivilisierung" der Menschen bei Strafe der Hölle zu erzwingen suchten. Mit einigem Erfolg.. bis dann die Werte internalisiert waren und mehr und mehr klar wurde, dass man auch als "Ungläubiger" ein guter Mensch sein kann.

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    5. Liebe Claudia, ich finde "wahr" und "falsch" ein weniger passendes Gegensatzpaar als "richtig" und "falsch" und bei letzteren stimmte ich einem Känguru aus Berlin zu: "Das sind doch bürgerliche Kategorien!"

      Außerhalb der Philosophie dienen diese Kategorien vielen Leuten sicherlich zum festhalten. Ob da Männer oder Frauen besonders betroffen sind? Keine Ahnung. Aber es scheint ein gewisses Bedürfnis zu geben, alles "richtig" zu machen. Es scheint mir zumindest in meinem Umfeld ausgeprägter als das Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit, also in meinem Verständnis: Die Dinge zu sehen versuchen, wie sie wirklich sind. Und damit auch: Ehrlich zu sich selbst zu sein.

      Gut und böse sind ebenfalls eine Sicherheit, die wir suchen. Das sieht man ja beim Flüchtlingsthema. Am liebsten wäre uns doch eine Schublade "Flüchtlinge = böse" und "Deutsche = gut" oder andersrum, wenn wir linksradikal sind. Das wäre eine sichere Sache. Aber so einfach ist es halt nicht.

      Ich vermute, dass die Philosophie das ganze anders sieht und sich eher darum kümmert, wie es dazu kommt, dass wir etwas richtig, falsch, gut oder böse finden. Ich bin da nämlich relativ ahnungslos.

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    6. Und noch ein Nachtrag zu einem anderen Kommentar: Als ungläubiger ein guter Mensch sein.

      Eines fernen Tages in meinem Leben hatte ich einen ehemals zukünftigen Schwiegerpapa, der genau das zu mir sagte: "Wie kannst du als Ungläubiger ein guter Mensch sein?" – er war kein Moslem, er war Pietist. Das ist jetzt etwa 8 Jahre her.

      Und natürlich haben auch die Schwaben mit einem "blinden Herrgott" geliebäugelt. Der Entstehungsmythos der Maultasche, dass man das Fleisch eben in Teig verpackt, damit es beim Einverleiben der Herrgott nicht sieht, ist ein Hinweis darauf.

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    7. Das ist eine Diskussion ganz nach meinem Geschmack, denn sie ist anti-romantisch. Keiner von euch scheint davon auszugehen, dass wir "von Natur" aus gute Menschen sind. Das ist ja die Leier von Rousseau und seinen Nachfolgern.

      Zu wahr und richtig hilft uns der Gebrauch der Sprache: Eine Handlung kann richtig sein, aber nicht wahr. Somit ist "wahr" also keine moralische Bewertung, "richtig" kann moralisch bewertet werden. Interessant ist, dass Aussagen nicht nur wahr, sondern auch richtig sein können. Dann gibt es "wahr" auch noch als "authentisch". Ein wahres Mienenfeld der Sprache.

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    8. Wären Menschen nur "gut", gäbe es uns nicht. (Hätte Rousseau vielleicht anders gedacht, hätte er sich mit Drei/Vier-Jährigen beschäftigt und nicht erst mit Heranwachsenden ?...:-))

      Mit der Kategorie "wahr" hab ich meine Schwierigkeiten, wenn sie auf etwas außerhalb naturwissenschaftlich überprüfbare Fakten angewendet wird. (Das "wahre Motiv" einer Handlung ist nicht wirklich feststellbar, oft nicht einmal vom Subjekt, das handelt.)

      "Richtig" ist ein etwas unscharfer Begriff, denn das kann sowohl "wahr" als auch "gut" bedeuten. Würde ich also lieber raus lassen.

      @Toc7: dass das Thema nicht nur in orientalischen Kulturen relevant ist, hab ich ja extra dazu geschrieben. Bei uns ist das halt eine längere Zeit her...

      "Das sind doch bürgerliche Kategorien!"

      Was sagt das? Was bedeutet das? Warum stimmst du dem zu? Was ist an "bürgerlichen Kategorien" falsch?

      Mich hat es schon als Teeny (70ger) genervt, dass allerlei K-Gruppen-Mitglieder dies und das als "bürgerlich" gebasht haben. Alles Studies, die echt nichts mit klassischen Arbeitern oder deren Kultur zu tun hatten. (Das ist jetzt nicht als Vorwurf gemeint, sondern rein anekdotisch erläuternd, warum ich da so anspringe)

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    9. Ja, das mit den "bürgerlichen Kategorien" interessiert mich auch. Bin hin- und hergerissen, an welchen Stellen die noch taugen und wo man schon "nach-bürgerliche" anbringen müsste. Ich glaube z.B. dass man in der Bildung nicht mehr weit kommt, wenn man "nur" bürgerlich rangeht. Auf der anderen Seite scheint mir das komplette Vergessen all dessen auch in die Hose zu gehen.

      Liebe Claudia, mit dir und deinem "wahr" und "falsch" verliere ich gleich die Geduld. Wenn ich es nicht anders wüsste, würde ich meinen, du willst hier Verwirrung stiften. In meinem Text oben geht es genau um diese Verwendung von "wahr" im (natur-)wissenschaftlichen und theoretischen Sinne. Dann bringst du in deinem zweiten Kommentar das "Wahre, Gute und Schöne" ins Spiel, um jetzt hier plötzlich zu sagen, dass du das schwierig findest (ich nebenbei gesagt auch). Aber warum bringst du das dann rein, es ging ja gar nicht darum, bevor du es zum Thema gemacht hast. Ich stimme dir also voll zu: Lass es uns raushalten, ich hatte nie eine andere Absicht.

      Unscharf sind die Begriffe, die wir nicht scharf machen. Dafür unter anderem eignet sich ja Philosophie, so wie ich oben schon versucht habe mit dem Gebrauch der Sprache, wo ich bereits sagte "'richtig' kann moralisch bewertet werden". Ich kann doch Begriffe nicht weglassen, weil sie manchen unscharf erscheinen. Wir müssen sie scharf machen! Oder mit anderen Worten einfach dazu sagen, welchen Gebrauch wir meinen. 1 + 2 = 3 - Ist das wahr oder richtig oder beides? Auf jeden Fall ist es ein richtiges Rechenergebnis, ohne dass das einer moralisch meinen könnte. Finde ich gar nicht so unscharf, wenn man es klärt.

      Worum ging es dir eigentlich anfänglich? Ach ja: Wogegen für mich das Problem eher bei der Frage nach "gut oder böse" zu liegen scheint. Wie können wir uns in einem "wahrhaftig sinnlosen" Gesamtgeschehen anmaßen, zu bestimmen, was GUT und BÖSE ist? Und das anderen abverlangen, gar aufzwingen? Das ist interessant! Kannst du das für mich in Zusammenhang mit dem Ausgangstext bringen?

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    10. "Wahr" und Wissenschaft. Nachdem ich 5 Jahre lang als Wissenschaftler gearbeitet habe, kann ich dazu nur sagen: Ohje! Es gibt speziell in der Naturwissenschaft keine beweisbaren Fakten. Sie sind immer nur statistisch ganz gut gesichert. Wer nun Langeweile hat, kann z.B. die Wahrscheinlichkeit ausrechnen, dass 222 Menschen auf einmal 6 Richtige im Lotto haben. So geschehen im Januar 1988. Wenn ich richtig gerechnet habe, liegt die Wahrscheinlichkeit für 6 richtige bei ca p=7,151*10^-9. Die 5-Sigma-Regel, die von der Physik bei den großen Entdeckungen (Gravitationswellen, Higgs-Boson) angewandt wird, geht von einem 5-Sigma-Wert aus, das entspricht p=2,8*10-8.

      Kurzum: Dass die Gravitationswellen NICHT existieren, ist demnach wahrscheinlicher als 6 richtige im Lotto zu haben.

      Nun haben aber immer wieder Leute 6 richtige im Lotto. Heißt das nun, dass die Gravitationswellen nicht existieren? Nein, das heißt es auch nicht. Aber es heißt: Es gibt in der Naturwissenschaft eben keine 100% bewiesene Erkenntnis und auch ein sehr unwahrscheinliches Ereigbnis tritt eben doch ein (z.B. ein Lottogewinn). Statistik-Profs schimpfen gerne mit Studenten, die das Wort "beweisen" in ihrer Vorlesung in den Mund nehmen.

      Stattdessen beobachte ich für mich immer mehr, dass Wissenschaft wie eine Religion genutzt wird. Wirklich verstehen tut sie ja keiner, außer eben der, der sie betreibt. Alle anderen sind darauf angewiesen, der Wissenschaft zu GLAUBEN.

      Zu den bürgerlichen Kategorien: Den Hinweis auf das Känguru bitte nicht übersehen. (Marc-Uwe Kling googeln.) Natürlich habe ich das nicht ganz ernst gemeint. Mit "bürgerlich" verbinde ich, durchaus leicht gehässig, das Festhalten an einer kleinen, geschlossenen Welt, weil sie Sicherheit verspricht. Wobei ich die Verführung dieser Welt besser verstehe, als manch einer nun denken könnte. Mir fehlt nämlich oft selbst die Sicherheit.

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    11. Jetzt wirds natürlich interessant :) Bist du also auch ein "Nihilist", in dem du meinst, dass man nicht zwischen wahr und falsch (nicht im moralischen, sondern im erkenntnistheoretischen Sinne) unterscheiden kann? Gibt es für dich keinen Unterschied zwischen "Realität" und "Erscheinung"?

      Deine Beispiele sind ja aus der Statistik, die ja bewusst keine Aussage über wahr oder falsch treffen will, sondern über Wahrscheinlichkeiten. Was ist aber mit Dingen wie Kreationismus versus geologische Entstehung der Welt? Wenn auch die geologische Entstehung der Welt in ihren Einzelheiten immer hypothetische Elemente haben wird, gehört schon einiges an Irrationalismus dazu, den Kreationismus nicht für schlicht falsch zu halten, oder? Ich gebe dir zu, dass auch Fakten letztlich (also kognitiv) eine Glaubensfrage sind. Aber das spricht nicht dagegen, dass es zutreffende Sachverhalte gibt und unzutreffende.

      Ich lese gerade einiges zum "Spekulativen Realismus", der sich gegen den Konstruktivismus stellt und einfach gesagt meint, dass es sehr wohl so etwas wie eine "autonome Realität individueller Dinge" unabhängig von unserer Wahrnehmung gibt (siehe Philosophie aus Liebe zum Objekt). Nur haben wir immer nur vermittelt über unsere Wahrnehmung oder unsere wissenschaftliche Beschreibung Zugang zu ihnen.

      Mit anderen Worten, es ist nicht alles nur Ansichtssache und relativ. Unabhängig von uns und unseren Auffassungen gibt es Dinge, die keine Glaubensfragen sind oder die von der Wissenschaft abhängen.

      Ich muss noch weiter lesen, es ist noch nicht ganz leicht zu fassen für mich. Vielleicht schreibe ich dazu bald noch mehr, wenn es mir gelingt.

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    12. Da muss ich nun an Semantik und Pragmatik denken. Vor allem die Semantik als Feld der Linguistik hantiert ja sehr viel mit Wahrheitswerten. Die formale Semantik konstruiert sogar Formeln für Sätze und immer wenn sie scheitert, dient die Pragmatik ihr als Mülleimer für diese Sätze. ;-)

      Aber warum ich an Semantik denke: Irgendwann kamen die Leute auch mal drauf, in Experimenten zu testen, ob diese "Truth Value Judgements" wirklich binär sind. Ob ein Satz also nicht irgendwie auch so "halbwahr" sein kann. Und "wahr" oder "falsch" meint in diesem Kontext durch die Bank die Bezeichnungen aus der Logik, ist also frei von moralischen Ideen.

      Die Ergebnisse der Wissenschaft als "Wahrheit" zu sehen, ist durchaus "richtig" (hihi). Aber diese Ergebnisse eben als absolut zu sehen, ist für mich genauso daneben, wie einen Gott zu haben, an dem man nicht zweifeln darf. Abgesehen davon ist die Wissenschaft - auch wenn sie es abstreitet - nie frei von den Prägungen ihrer Zeit. Gerade dann, wenn stark moralisierende Kräfte unterwegs sind.

      Ich denke schon, dass man zwischen wahr und falsch unterscheiden kann. Aber ein Unsicherheitsfaktor wird immer bleiben, auch in der Naturwissenschaft. In den Geisteswissenschaften sage ich gerne mal salopp: Da gibt es eben mehrere Wahrheiten.

      Realität und Erscheinung… nunja, ich bin da glaub ich eher leicht der konstruktivistischen Idee zugeneigt, dass sich jeder seine eigene Wirklichkeit schafft, auch wenn die durch Konvention genug mit den Wirklichkeiten des Umfelds übereinstimmt, sodass ein soziales Miteinander überhaupt erst möglich ist. (Außerdem leben wir auf Basis einer ähnlichen Wahrnehmung, da unsere Körper ähnlich gebaut sind, wobei es schwer ist, zwischen Anlage- und Umwelt-Einfluss zu trennen.)

      Die Wissenschaft beschreibt jedenfalls immer nur in Modellen. Aber selbst Wissenschaftler verwechseln das oft mit der Realität. Was es wirklich IST, das bleibt vielleicht sogar für immer unerfassbar. Auch wenn das Licht einmal mit dem Modell für die Teilchen und einmal mit dem für die Wellen funktioniert, was ist tatsächlich IST, nunja…

      … aber spielt das eine Rolle?

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  3. Wer sagt, dass das "wenige" waren? Alte Gerndenkerinnen können da über die Jahrzehnte schon mal mit mehreren 100 Probanden aufwarten.. ;-)

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    1. Ach so, ich hatte das aus deinem Halbsatz geschlossen, den du oben geschrieben hattest: "da hatte ich wenig Gesprächspartnerinnen".

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  4. Es liegt mir ferne, Verwirrung stiften zu wollen! DU hast nicht ein einziges Mal im Ausgangstext das Wort "richtig" verwendet! Das kam von Toc7, worauf ich antwortete, dass wegen der Zweideutigkeit (es GIBT ja tatsächlich beide Bedeutungen im Alltagsgebrauch) lieber raus zu lassen. War also eher eine Aktion GEGEN "Verwirrung stiften"!

    "Wogegen für mich das Problem eher bei der Frage nach "gut oder böse" zu liegen scheint. Wie können wir uns in einem "wahrhaftig sinnlosen" Gesamtgeschehen anmaßen, zu bestimmen, was GUT und BÖSE ist? Und das anderen abverlangen, gar aufzwingen?"

    Ist der Bezug zum Text da wirklich unklar? Das ist eine Resonanz, gedankliche Assoziation zu

    "Alle Religionen und Mythen erzählen in solchen Mustern, die modernen Naturwissenschaften vermögen das nicht. Ein Nihilist ist heute jemand, der auf die Erzählung und damit auf den großen Sinn des Ganzen verzichten kann, ohne deshalb die Unterscheidung von wahr und falsch unter den Tisch fallen zu lassen."

    und ebenso zu dem zitierten:

    "Mit anderen Worten, ich bin ein Nihilist, genau deshalb, weil ich an die Wahrheit glaube im Unterschied zu jenen, die über den Nihilismus triumphieren, indem sie die Wahrheit opfern. Ich denke, dass es möglich ist, die Sinnlosigkeit der Existenz zu verstehen und dass die Fähigkeit, Sinn und Bedeutung als regionales ober begrenztes Phänomen zu verstehen, ein großer Fortschritt der Erkenntnis ist."

    Für mich ergibt sich nun mal zwangsläufig aus alledem die Frage, wie man "gutes Handeln" in einem als sinnlos erkannten Gesamtgeschehen begründen kann. Ist das denn so entlegen? Und weiter: kann man es überhaupt rational begründen?

    Beispiel aus einem gärtnerischen Blick auf die Dinge: Beobachtet man das natürliche Geschehen, ist dort nirgends Harmonie und Friede. "Naturnahe Gärten" und die viel geliebten "Ökotope" bedürfen menschlicher Pflege, um ihre Artenvielfalt zu behalten. Ansonsten setzen sich bestimmte Arten durch und machen weitläufig alles andere nieder.

    Das GEFÄLLT UNS NICHT, also supporten wir die Artenvielfalt. "Gutes Handeln" ist hier die Bekämpfung allzu dominanter Arten und die Unterstützung der Schwachen. (Wir machen hier also Kultur, wobei das bei vielen fälschlicherweise als Unterstützung der Natur gesehen wird.) Begründen kann man das GUTE hier nicht aus der An- oder Abwesenheit einer großen Erzählung, und wahr/falsch sind auch keine hilfreichen Kategorien (erst dann wieder, in der Beurteilung erfolgter Handlungen und deren Ergebnisse/Erfolge/Misserfolge). Das Präferieren artenreicher Landschaften ist rein ästhetisch - und was gefällt, ist nicht wirklich rational begründbar.

    Meta: ich äußere mich hier vermutlich nicht akademisch-philosophisch korrekt, dazu ist meine Befassung mit Philosophie viel zu sporadisch. Ich bemühe mich, in verständlichen Alltagsbegriffen zu schreiben - sorry, wenns vielleicht nicht alles so "scharf" ist, wie hier gefordert!

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    1. Danke, alles klar... das ist nicht so entlegen. Ich wollte es nur verstehen. Tut mir Leid, wollte dich nicht nerven.

      Zu deiner Meta-Bemerkung: Nein, ich finde das Niveau auf dem wir hier diskutieren auf der sachlichen Ebene sehr gut. Denn dieser Blog will ja genau das: Verständlich und alltagsrelevant auf Philosophie rumkauen. Vielen Dank für deine Geduld beim Erklären.

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