21. Juni 2015

Islam für Dummies?

Zusammenhänge zwischen Koran, Islam und Islamismus

Das Philosophie Magazin versucht sich in seiner Sonderausgabe zum Koran an einer Aufklärung. Aus schierer Unwissenheit würden Islamisten und Islamkritiker den Koran - das schwer zugängliche Gebetsbuch der Muslime - für ihre Zwecke in Anschlag bringen. Tatsächlich gelingt es dem Magazin hervorragend, die Schwierigkeiten des Textes zu erläutern. Die fangen schon damit an, dass es als Gebetsbuch nicht zum Gesetzestext taugt, also Regeln zum Verhalten daraus eigentlich nicht ableitbar sind. Leider gehören nur die wenigsten Islamisten zur Leserschaft von Philosophie Magazinen und die Islamkritiker dürften sich eher bestätigt fühlen, durch das, was sie in dieser Sonderausgabe lesen.

Vorm Karstadt Reisebüro: Hier kann jeder seine Auffassungen bestätigt finden (Bildlizenz: CC BY 2.0)

Der Koran selbst, seine Form und sein Inhalt, bietet offenbar zahlreiche Anschlussmöglichkeiten für liberale Muslime genauso wie für Fundamentalisten und Islamisten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Text ein Sammelsurium von verschiedensten Versen aus verschiedensten Strömungen und Regionen ist, die in keinerlei kohärentem Zusammenhang stehen, sondern sich sogar inhaltlich widersprechen. So kann im Grunde jeder seine eigenen Auffassungen bestätigt finden. Sowohl die Religionsfreiheit kann man im Koran begründet finden, wie auch die Aufforderung, alle Ungläubigen mit dem Schwert hinzurichten. Frauen zu unterdrücken und sogar zu schlagen, wird genauso legitimiert, wie gleichzeitig eine absolute Gleichberechtigung durch das Prinzip der Einheit im Koran gefordert wird. Und Rationalismus und Mystizismus stehen im Koran genauso in einem Spannungsverhältnis wie Aktivität im Namen Gottes und Passivität im vorgezeichneten Schicksal.

Ganz generell ist die Auslegbarkeit natürlich ein Problem, dass alle (religiösen) Texte haben. Am Ende heißt das, dass auf jenen Autoritäten, die solche Texte lesen und für andere deuten, eine enorme Verantwortung lastet. Es ist an ihnen, ob Glaubensgemeinschaften friedlich mit anderen zusammenleben oder ob sie sich radikalisiert für die Hüter der einzigen Wahrheit halten. An dieser Stelle muss man mal der Institution "Papst" der katholischen Kirche ein Kompliment aussprechen: Durch solch eine zentrale Figur gelingt es einer Religion eher, eine Gemeinschaft zu sein, eine weitestgehend friedliche zumal. Das ist im Islam ganz anders. Zentrale Figuren gibt es hier nur politische wie in der Hamas, der Muslimbruderschaft oder bei den Taliban und die haben sich dem Fundamentalismus verschrieben

Fundamentalismus oder der Papst im Spagat

Wie alle religiösen Fundamentalisten weigern sich auch die islamischen Fundamentalisten, die sich wandelnde Realität anzuerkennen und ihren Glauben in historische Kontexte zu stellen. Vielmehr begreifen sie ihre Glaubensregeln als von der Zeit losgelöst, immer wahr und gültig und nicht wandelbar. Nur dadurch kann der reine Kern einer Religion bewahrt werden. Alles andere ist aus dieser Perspektive irgend etwas von Opportunismus bis hin zur Prostitution und Aufgabe des Glaubens. Auch hier noch mal ein Seitenblick auf die Katholiken: Ihr Papst war bislang auch eher ein Fundamentalist, der die reine Lehre bewahren wollte. Erst seit kurzem scheint sich das zu ändern und es ist eine große, fundamentale Änderung - der Spagat zwischen Bewahren der Religion und Erneuern der Religion, sodass sie zukunfts- und damit überlebensfähig bleibt. Der Koran und damit der Islam ist besonders geeignet für Fundamentalismus, weil er als direktes Wort Gottes begriffen wird (nicht wie im Christentum als Aufzeichnung von mehr als 40 Autoren) und als ewig neben Gott beständig. Damit lässt sich gut rechtfertigen, dass man das Gesagte weder bezweifeln noch erneuern kann.

Die Gretchenfrage

Jeder zivilisierte Mensch, jede Gemeinschaft, die erst genommen werden möchte, muss sich heute die eine zentrale Frage gefallen lassen: Nun sag, wie hast du’s mit der Gewalt? Erst wer darauf eine differenzierte Antwort geben kann, wird überhaupt als Kandidat für eine Wertegemeinschaft infrage kommen. Eine differenzierte Antwort ist beispielsweise: Gewalt ist nur in Ausnahmesituationen akzeptabel, um größere Gefahr abzuwehren und das Monopol dazu hat der demokratisch legitimierte Staat. Andere Antworten sind denkbar, wenn auch schwierig. Die Christen haben ihre eigene Gewaltgeschichte inzwischen zu einem befriedigenden Punkt zu Ende gebracht. Der Islam, so wie er heute wahrgenommen wird (und das ist vor allem durch das Brennglas Islamismus), gibt jedenfalls keine befriedigend differenzierte Antwort auf diese Frage. Wie kommt es zu dieser wahrgenommenen Gewaltbereitschaft im Namen des Islams?

Das lässt sich nicht allein theologisch erklären, sondern nur historisch verstehen. Die klassische Phase des Islams geht bis ins 18 Jahrhundert; um 1800 erfolgt dann mit dem Eindringen der europäischen Mächte ins zusammenfallende Osmanische Reich ein massiver Bruch. (...) Die klassische arabische Welt des Islams geht unter... All das, was wir mit Islamismus und Fundamentalismus heute verbinden, entsteht im Grunde erst ab diesem Zeitpunkt. (Thorsten Gerald Schneiders, Philosophie Magazin, Juni 2014 S. 89)

Interessanterweise entsteht der Islamismus jedoch nicht direkt als Gegenwehr gegen dieses Eindringen des Westens. Im Gegenteil: Die damalige arabische Welt säkularisiert sich selbst, übernimmt politische Ideen wie Kommunismus und Nationalismus und macht sich damit zum ungleichen Partner des Westens, ohne dabei zu Wohlstand zu kommen. Vielmehr wird die arabische Welt abhängig vom Westen und bald zum Spielball der globalen Mächte.

Das wiederum hat irgendwann dazu geführt, dass einige genau diesen Import fremder Gedanken aus Europa als das Problem ausmachten, das verhinderte, dass die islamische Welt nach vorne komme. Und daraus entwickelten sich dann die Überlegung, dass nur eine Rückbesinnung auf die Wurzeln, auf die eigene islamische Geschichte, hin zu einer traditionellen Religionsauffassung das richtige politische Rezept sein könne. Das ist die Geburt des modernen Islamismus. (Schneiders, ebd. S. 90)

Der Islamismus wird eigentlich erst in den siebziger Jahren relevant, so Schneiders. Bis in die neunziger Jahre kämpften vor allem säkulare politische Organisationen wie die PLO für die Sache der einzelnen Interessengruppen (hier Palästinenser) und erst seit kurzem werden diese politischen Ziele mit fundamentalistischen religiösen Motiven verschleiert, wie wir es von der Hamas oder jetzt dem IS kennen. Sie nutzen fundamentalistische Ideen lediglich, um sich vom Westen abzugrenzen und die Linie zum Feind deutlich werden zu lassen. In diesen Gruppen mag es auch religiöse Menschen geben, aber die wenigsten werden den Koran gelesen oder sich mit der Geschichte des Islam vertraut gemacht haben. Bekannt sind Anekdoten von westlichen Kids, die auf dem Weg nach Syrien im Buch "Koran für Dummies" geblättert haben. Der Großteil sind wie bei so vielen extremen Gruppen einfache Mitläufer, die andere als religiöse Probleme zu kompensieren versuchen. Wie stark dieser moderne Trend des pseudoreligiösen Fundamentalismus ist und wie wenig authentisch, zeigt Schneiders am Beispiel der Steinigungen:

Wenn Sie sich die klassische arabische Literatur anschauen, dann finden sie in über 1200 Jahren allenfalls zwei oder drei historische Aufzeichnungen über Steinigungen. Was also der IS macht, oder was in den letzten Jahrzehnten auch im Iran oder Somalia zu sehen ist, diese Steinigungen, die unter Rückbezug auf "den Islam" durchgeführt werden, die haben im Grunde mit der Geschichte des Islams kaum etwas zu tun. Sie sind vielmehr eine Erscheinung der Moderne. Und die Botschaft, die von solchen Gewaltakten ausgeht, richtet sich insbesondere an den Westen. Man weiß genau, was das im Westen für Emotionen auslöst. (Schneiders, ebd. S. 91)

Haben also Koran und Islam mit all dem nichts zu tun? Ist es eine erklärliche Reaktion der arabischen Welt auf den Kolonialismus des Westens? Madame de Staël sagte: Alles verstehen heißt alles verzeihen. Und im Absoluten stimmt das sicherlich. Ich habe aber Verständnislücken. Mir fehlt das Verständnis dafür, dass sich die heutige islamische Gemeinschaft nicht radikal gegen diesen politischen Missbrauch ihrer Religion wehrt. Dann wieder, wenn ich die Nachrichten sehe, verstehe ich es. Wo soll in diesem ganzen Schlamassel die Hoffnung grünen? Die holzschnittartige Gegenüberstellung der armen gebeutelten Aufrichtigen im Süden und der doppelzüngigen Reichen im Westen ist zu überzeugend. Feige Kriege mit Drohnen gegen vermeintliche Märtyrer mit Sprengstoffgürteln helfen da ebenfalls nicht.

Eine hoffnungsvolle Aufklärung ist nicht in Sicht

Der Islam hat es in der Breite versäumt, sich selbst in die Moderne zu übersetzen. Schlimmer noch: Er hat durch seinen weit verbreiteten und die Gegenwart leugnenden Fundamentalismus einen Großteil seiner Anhänger in ein vormodernes Denken zurück transportiert. Der heutige Islam wurzelt "in seinen Wertvorstellungen und seinem Weltverständnis in der Zeit seiner Entstehung" (Yadh Ben Achour, ebd. S. 65). Die Fundamentalisten haben mit Hilfe der westlichen Steigbügelhalter gesiegt, die liberalen intellektuellen Moslems sind deutlich in der Minderzahl und offenbar nicht in der Lage, ihre Glaubensbrüder und -schwestern maßgeblich zu beeinflussen.

Diese Sonderausgabe des Philosophie Magazins ist in der Tat aufklärerisch, ohne dass sie besonders Hoffnung zu machen vermag. Der Koran und der Islam sind in der heute präsenten Form kaum (und das ist ja auch politisch beabsichtigt) an die Moderne anschlussfähig. Das ist traurig, denn wie gut würde unserer Welt ohne Gott eine um den Islam bereicherte Diversität mit ihrer wissenschaftlichen, künstlerischen, spirituellen und weltanschaulichen Geschichte tun! Statt dessen ist für die Moderne beinahe alles Islamische inzwischen desavouiert.

Wie in den anderen Sonderausgaben des Magazins sind auch hier wieder die zeitgenössischen Stimmen die interessanten. Wenig tragen abgedruckte Texte von Goethe oder Nietzsche zum Verständnis des Korans bei, denn sie konnten eben kaum Ahnung haben, wovon sie schrieben. Beide nutzten als ästhetische Genies ohnehin alles als Projektionsflächen für ihre eigenen fixen Ideen. Lediglich Hegel hat im 19 Jahrhundert bereits den Kern des Fanatismus als einen "abstrakten Gedanken" beschrieben, "der negierend sich zum Bestehenden verhält" und vor dem drohenden zerstörerischen Fanatismus als Rückseite der Erhabenheit, "frei von allen kleinlichen Interessen und mit allen Tugenden der Großmut und Tapferkeit" gewarnt. Könnte ich mir etwas wünschen, dann dass dieser Islam der Tugend und des Großmuts den Islamismus der kleinlichen Interessen besiege.



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1 Kommentar:

  1. http://issuu.com/s-i-r/docs/20151111_sud_stw?e=3299734/31298720
    http://www.ahmadiyya.de/mediathek/videos/art/islam-verstehen-zeichen-der-endzeit/
    Es gibt diese Leute immer noch oder sogar verstärkt treten sie wieder auf, die an die Endzeit glauben: Apokalypse, Armagedon
    Im Christentum die Offenbarung: Eher ein Nihilismus als ein Leben in der Gegenwart und Gestaltung der Zukunft aus der Gegenwart heraus. Ich kann es nicht beurteilen, wie aufgeschlossen sie mit ihrer Religion bezüglich der Demokratiefähigkeit wirklich sind. Ich möchte ja auch kein Insider sein. Ich kenne diese Vereine auch nicht. Wenn diese Endzeit-Ideologien nur nicht wären? So, als ob sie es nicht erwarten könnten und dauend die Gegenwart auf irgendwelche deutlichen Anzeichen interpretieren müssten. Wenn das die einzige Religion ist muss ich meinen Text auch jetzt beenden, weil ich mir ja nichts daraus mache.

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