26. März 2016

In der Falle des Authentischseins

Die philosophischen Höllen des Byung-Chul Han

Byung-Chul Han ist ein interessanter Philosoph der Gegenwart, einer, dessen Texte ich nicht leiden kann. Gerade deshalb kann ich mich natürlich gut daran reiben und gerade deshalb regen sie mich zum denken an. Warum ich sie nicht leiden kann? Weil sie in Sätzen wie "die Diversität ist eine neoliberale Strategie der Produktion" mit einem ideologischen Furor daherkommen, der sich nicht um Differenzierung bemüht und weil sie in der Aneinanderreihung von Behauptungen deren Begründungsnotwendigkeit schlicht ignorieren. Byung-Chul Hans Texte sind in dieser Hinsicht arrogant und das ist in meinem Verständnis anti-philosophisch. Ideologisch kann man Han deswegen nennen, weil er ohne Interesse an den möglicherweise vielfältigen Zusammenhängen der gesellschaftlichen Phänomene lediglich auf das sogenannte "Neo-Liberale" und den "kapitalistischen Markt" abzielt. Nicht, dass ich damit nicht sympathisiere, aber diese Aspekte allein machen noch keine Realität.

Als Anderssein noch was bedeutete: Sex Pistols 1978 (Bruno Ehrs, CC BY-SA 3.0)

So auch in seinem Text "Der Terror des Andersseins" (Auszüge aus Die Austreibung des Anderen, das im September 2016 erscheinen soll) im neuen Philosophie Magazin. Terror? Wirklich? Ich weiß nicht, aber das ist ein starker Begriff in einer Zeit, in der Terror ganz praktisch bedeutet, dass Leute in den U-Bahnen unserer Städte ihre Beine oder ihr Leben verlieren, in einer Zeit, wo die Gemeinschaften im Ursprungsgebiegt unserer Zivilisation zwischen gierigen Diktatoren auf der einen Seite und fanatischen Glaubenskriegern auf der anderen Seite pulverisiert werden. Han setzt noch einen drauf, wenn er sagt, dass dieser vermeintliche Terror des Andersseins "in die Hölle der Konformität" führe. Lautes Gebrüll für einen teilhabenden Beobachter der Wohlstandsgesellschaften.

Ich meine, dass es in dieser Welt schlimmere Höllen als die der Konformität gibt und es gibt wahrlich schlimmeren Terror als den des Andersseins. Aber hören wir mal in Hans Text hinein, vielleicht verbirgt sich ja unter dem Hölle-Terror-Jargon tatsächlich ein Gedanke. Hans These ist:

"Der Terror der Authentizität als Produktions- und Konsumform schafft die Alterität ab. Das Andere oder der Andere verschwindet zugunsten des Gleichen, nämlich des gleichen Anderen." (S. 59)

Mit anderen Worten, weil wir uns im modischen Bedürfnis, authentisch zu sein, ständig miteinander vergleichen, kommt es lediglich zu einer leichten Diversität (das gleiche Andere) und so etwas wie wirkliche Verschiedenheit verschwindet. Aber wie jetzt genau?

Objektive Ausdrucksformen, Institutionen

Es gäbe einen Zwang zur Authentizität, der unseren narzisstischen Selbstbezug in uns verschärfe und der uns "objektive Ausdrucksformen, mit denen das Ich sich identifizieren könnte" (S. 58) als einengend ablehnen lässt. Objektive Ausdrucksformen sind vielleicht das, was in der heißen Phase des kalten Philosophenkrieges zwischen Kontrahenten wie Arnold Gehlen und Theodor W. Adorno noch "Institutionen" hieß (siehe Video unten). Damals war die Linie klar: Institutionen wie Ehe, Religion und andere gesellschaftliche Regelsysteme äußerten sich für die Linke vor allem als Entfremdung, Repression und Zwang, während die Rechte darin vor allem die zur Freiheit nötige Entlastung und den notwendigen Kitt der Kultur begriff. Interessanterweise stellt sich heraus, dass die linken liberalen Ideen von der Selbstentfaltung, von der Befreiung jeglicher Zwänge und vom Widerstand gegen die Institutionen zum Kapitalismus weitaus besser passten, als die konservativen Ideen vom Erhalt der Sitte und die Besinnung auf die Herkunft. Die Liberalisierung hat, wie Peter Sloterdijk sagt, zur Mode (Nachahmung des Neuen) geführt und die Sitte (Nachahmung des Alten) abgelöst.

Arnold Gehlen und Theodor W. Adorno sprechen 1965 über Freiheit und Institutionen

Han ist also hier überraschenderweise in konservativer Kulturtradition unterwegs, wenn er bedauert, dass die "objektiven Ausdrucksformen" als Handlungs- und Identifikationsrahmen und damit auch als Gestaltungsrahmen für persönliche Freiheit abhanden kommen und von einer totalen Pseudofreiheit abgelöst wird, die uns auf uns selbst zurückwirft und unser Ich mit noch mehr Ego belädt, wie er es ausdrückt. Überraschend ist diese Position auch, weil sie so links-rebellisch klingt, als gäbe es überall diese Systemzwänge, gegen die wir aufbegehren müssten (oder auch nur könnten):

"Der Authentitätszwang zwingt das Ich, sich selbst zu produzieren. Die Authentizität ist letzten Endes eine Produktionsform des Selbst. Das Ich als Unternehmer seiner selbst produziert sich, produziert sein face und bietet sich als Ware an." (ebd.)

Das ist die typische Figur des Byung-Chul Han von der äußeren Freiheit als inneres Gefängnis. Als jemand, der selbst in einer Diktatur (ohne äußere Freiheit) groß geworden ist, habe ich eine große Skepsis gegenüber solchen vermeintlich dialektischen Zwangsläufigkeiten. Ich hätte viele Fragen dazu, zum Beispiel: Ist das wirklich ein Zwang, so wie der Zwang innerhalb einer Betonmauer leben zu müssen? Oder: Wer sagt, dass ich mich als Ware anbieten muss? Gibt es tatsächlich keinerlei Wahl mehr für mich? Kann ich mich dem Authentizitätszirkus nicht auch entziehen? Ich persönlich scheiße darauf, was andere als authentisch empfinden. Ich habe andere Probleme. Aber das ist Han: Er zögert nicht, differenziert nicht, sondern er dogmatisiert und spricht gern für uns alle.

Gutes Theater und böser Markt?

Natürlich aber hat Han Recht, wenn er ganz in der Tradition von Arnold Gehlen erkennt, dass die Institutionen geradezu die Voraussetzung zur Identifikation und damit zur Selbstwerdung sind. Ein gewisses Maß an Maskierung ermöglicht uns die nötige Privatheit. Wer meint, so authentisch sein zu wollen, dass er anderen immer nur als entblößtes Selbst gegenüber tritt, befindet sich bereits wieder in der Inszenierung seiner Authentizität. Wir können nicht anders, als Rollen vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte, unserer eigenen Ansprüche und der Erwartungen unserer Gesellschaft zu spielen.

Han stellt die Antike in Form des Theaters der Moderne in Form des Marktes gegenüber. Im Theater spielen wir eine Rolle mit unseren Masken und ohne "subjektive Innerlichkeit". Auf dem Markt müssen wir zeigen, was wirklich in uns steckt und das führe zu einer "Kultur der Distanzlosigkeit" und ohne Distanz gäbe es keine Geselligkeit. Ein Beispiel dafür wäre etwa die Kirche. Die Beichte gegenüber der einen verschwiegenen Person oder das Gebet zu Gott ist hier die Entlastung des Gewissens und ermöglicht in der Gesellschaft das Aufrechterhalten der Maske. Nun ist das zweischneidig, denn ich möchte schon sagen, dass es ein Fortschritt ist, dass beispielsweise Schwule und Lesben auch in der Gesellschaft (statt in "der Sünde") sie selbst sein können und mit ihrer Präferenz nicht hinter dem Berg halten oder sie gar unterdrücken und in falschen Ehen leben müssen. In Hans Logik jedoch zählt das zur "Gesellschaft des Geständnisses, der Entblößung und der pornografischen Distanzlosigkeit". Wohlgemerkt nicht die Präferenz (homosexuell vs. heterosexuell) an sich, sondern die Thematisierung der individuellen Sexualität überhaupt. In einer Gesellschaft der Masken gehört die Sexualität zur verborgenen Innerlichkeit des Subjekts, sauber maskiert von der selbstverständlichen Heterosexualität, die aber ohne ein Gegenkonzept gar nicht erst in Erscheinung tritt.

Diversität und die Logik des Vergleichens

Bekennende Schwule und Lesben sind von der Authentizität her betrachtet erst mal genau so aus dem Schneider wie Trans-Gender-Leute oder Donald Trump. Was aber ist mit uns "Normalos"? Punk sein ist spätestens seit Sascha Lobo nicht mehr authentisch. Um überhaupt noch in seiner Anti-Haltung ernst genommen zu werden, muss man heute schon Islamist werden. All unser authentischer Eifer endet beim Hipster oder als möglichst kreativ auf Facebook inszenierte Freizeitgestaltung. Wie aber kommen wir nun durch den "Terror des Andersseins" geradewegs "in die Hölle der Konformität"? Han meint, dass wir uns ständig mit anderen vergleichen, um unsere eigene Authentizität einschätzen und schärfen zu können:

"Die Logik des Vergleichens lässt das Anderssein ins Gleichsein umschlagen. So verfestigt die Authentizität des Andersseins die gesellschaftliche Konformität. Sie lässt nur die systemkonformen Differenzen, nämlich die Diversität zu. Die Diversität ist eine neoliberale Strategie der Produktion. So ist sie der Andersheit entgegengesetzt, die sich jeder ökonomischen Verwertung entzieht. Die Diversität ist eine Ressource, die sich ausbeuten lässt." (S. 59)

Diversität lasse keine Wahl zwischen Gegensätzen zu, sondern lediglich eine Auswahl zwischen Optionen. Ist das nicht interessant? Nun sind wir doch wieder in einem Gestell angekommen, in einem Rahmen, der mir die totale Freiheit vorenthält und, ähnlich wie die von den Liberalen abgelehnten Institutionen, Bedingungen bietet innerhalb derer ich mir meine Freiräume erarbeiten muss. Es ist fast so, als würde Han uns hier unter Druck setzen, noch authentischer, nämlich gänzlich anders zu werden.

Vielleicht würde Han mit deinem Diversity-Bashing sogar irgendwo ankommen, wenn er das etwas differenzieren würde. Denn es ist schon spannend, das derzeit auch aus vielen fortschrittlichen Unternehmen der Ruf nach Diversity zu hören ist. Damit sind alle möglichen Schattierungen gemeint, von Geschlecht, über Hautfarbe und körperlicher (Un-)Versehrtheit bis hin zu mehr oder weniger extremen Persönlichkeitsausprägungen und sexuellen Präferenzen. Dahinter steht nicht nur eine große Toleranz, sondern auch die Erkenntnis, dass diversifizierte Systeme auf Dauer gesehen ertragreicher und stabiler sind. Das ist nicht nur in der Landwirtschaft so, sondern auch dort, wo man Produkte für einen globalen Markt produziert, der nun mal divers ist. Nun dachten wir schon, wir machen endlich mal das Richtige, indem wir Diversität in den Unternehmen fördern, aber da kommt dann Byung-Chul Han und sagt: Ihr wollt vielleicht etwas Richtiges, aber ihr wollt es aus den falschen Gründen und nicht doll genug!

In einem liberalen Kapitalismus, der es versteht, seine jeweiligen Gegner einfach zu assimilieren und zu Geld zu verwandeln (sei es Punk, die Öko-Bewegung oder Street Art), kann man immer so argumentieren. Selbst Hans radikale Kritik an allem und jedem stützt letztlich das System, gegen das er anschreibt. Seine Philosophie trägt einfach zur Diversität bei. Und deshalb nervt Han einfach, denn wenn man immer schon von vornherein verloren hat und der Untergangsphilosoph aus systemimmanenten Gründen sowieso nicht falsch liegen kann, warum soll ich mich damit dann noch auseinandersetzen.

Zwang zur Authentizität?

Offensichtlich ist an dem Gedanken etwas dran, dass der Drang nach Authentizität uns unter Druck setzt und zu einem ständigen Vergleichen führt, bei dem man nur verlieren kann. Aber Han vernachlässigt die Macht des Individuums über sich selbst. Und bevor wir uns hier in Han'schen Denkschleifen verlieren, rate ich uns allen, einfach etwas weniger irgendwelchen Originalitätsversprechen hinterher zu rennen. Kümmern wir uns einfach etwas mehr um uns selbst und unsere engsten Mitmenschen, sehen wir zu, dass sie durch uns und wir selbst ein gutes Leben haben. Damit haben wir eigentlich schon genug zu tun und so weder Zeit noch Grund, uns mit anderen zu vergleichen. Einen Zwang zur Authentizität kann ich jedenfalls genauso wenig erkennen, wie einen Zwang, mein Innerstes zu Markte zu tragen. Der Drang dazu ist spürbar und vielleicht gebe ich dem sogar nach, aber ich könnte es auch lassen.



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Kommentare:

  1. "Einen Zwang zur Authentizität.."
    In unserer Zeit hat so mancher (auch ich) den Wunsch, etwas Bleibendes zu hinterlassen. Trademark oder Fußtritt nennt man das wohl.
    Schrecklich der Gedanke, abzutreten, ohne irgendeine Bedeutung im Leben oder darüber hinaus erlangt zu haben. Das setzt uns unter Druck!
    Früher, so könnte man meinen, war es ein guter Rat, ein ordentliches Mitglied der Gemeinde zu werden und gute Kinder zu hinterlassen, die alle zu guten und tüchtigen Mitgliedern der Gemeinschaft wurden.
    Aber wie gesagt: Der Vogel in unserem Kopf flüstert uns heute ein, daß wir das Leben nicht führen dürften, ohne ringsum wirksam zu sein, Bedeutung zu erlangen, ein Individuum zu werden, das man "nicht vergisst".
    Das dürfte der steigenden Angst vor dem individuellen Tod geschuldet sein. Der moderne Mensch kann dies immer weniger akzeptieren, so scheint es mir.

    Gruß
    Gerhard

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    1. Ein paar spontane Resonanzen zu diesem tollen Artikel:

      "Warum ich sie nicht leiden kann? Weil sie in Sätzen wie "die Diversität ist eine neoliberale Strategie der Produktion" mit einem ideologischen Furor daherkommen, der sich nicht um Differenzierung bemüht und weil sie in der Aneinanderreihung von Behauptungen deren Begründungsnotwendigkeit schlicht ignorieren."

      Ich finde, jede/r hat das Recht, Dinge einfach nur zu behaupten. Andere, die sich davon angesprochen, inspiriert oder genervt fühlen, könnten dann ja nachfragen und die Differenzierung bzw. Begründung einfordern. ERST wenn jemand das verweigert, ist für mein Empfinden Kritik (an der Art der Kommunikation) angebracht.

      "Selbst Hans radikale Kritik an allem und jedem stützt letztlich das System, gegen das er anschreibt."

      Daran ist er nun wirklich nicht selbst schuld. :-) Das ist die Genialität des Kapitalismus, der eben nicht nur ein "Ausgedachtes" ist (wie der Sozialismus, die Planwirtschaft etc.), sondern etwas Naturwüchsiges immer neu formatiert.

      Dein letzter Absatz: Wunderschön! Eine Osterbotschaft, die es in sich hat!

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    2. Danke für die Kommentare und das Lob zum letzten Absatz.

      Zu deinem Gedanken "jede/r hat das Recht, Dinge einfach nur zu behaupten", will ich nur sagen, dass das absolut richtig ist. Aber es geht mir nicht ums individuelle Recht von Prof. Han, sondern um intellektuelle Redlichkeit, die Philosophie aus meiner Perspektive unbedingt haben muss, ansonsten hat sie gar keine Basis, für irgend etwas einzutreten.

      Im Grunde ist es genau deshalb ein Problem, weil - wie du sagst - jede/r das Recht hat, Dinge einfach nur zu behaupten. Aber Philosophie will ja mehr als einfach nur was behaupten. Philosophie will Behauptungen untersuchen, kritisieren und nicht einfach aufstellen. Das ist nur die Hälfte des Jobs.

      Mich nerven arrogante Autoren ganz besonders, wenn sie Philosophen sein wollen.

      Und dass er das System stützt, ist nicht seine Schuld, aber es ist mein Hinweis darauf, dass er sich mit seinem Furor in einem nicht besonders originellen Regress befindet, der depressiv macht. Wenn man Han mit anderen kritischen Philosophen vergleicht (Russell, De Botton oder gar der leicht zynische Sloterdijk), stellt man fest, dass seine Philosophie durch diesen Regress lähmend wird. Wenn man ihn liest, dann meint man doch, egal wie man sich verhält, man hat bereits verloren, man kann nichts richtig machen. Also: es ist nicht seine Schuld, aber es ist seine Wahl, keine Alternativen Denkanstöße zu geben, die uns praktisch in diesem "falschen Leben" helfen können.

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  2. Mir haben besonders gefallen:

    Der erste Satz.
    Der letzte Satz.

    Was dazwischen steht, bringt die Sache gut auf den Punkt, insbesondere die in allen ärgerlichen Han-Texten, die ich kenne, zu beobachtende Unlust am Differenzieren. Aber diese Unlust ist Hans explizites Programm, das wird er jedem, der auf eine Lesung von ihm geht und nachfragt, auch bestätigen. Er arbeitet, wie er wohl sagen würde, gerne mit Projektionsflächen, insofern interessiert ihn weder Diversität noch Kapitalismus, sondern nur, was ER daraus ableiten kann. Seine Gedanken sind meistens reine Abstrakta, konkrete Menschen hinter seinen Konzepten haben ihn nie interessiert, das wird jedem bewusst, der seine Schriften liest. Die guten wie die schlechten.

    Dabei ist der Grundgedanke kein schlechter. Der paradoxe Gedanke vom Anderssein als Konformität steckt ja in jedem 2. Werbespot - es ist mithin eine Frage, wie ernst man die Sache nimmt. Sieht Han den großen Neoliberalismus hier wüten, müsste er mindestens eine Version B bieten, wie ers denn gerne hätte. Aber ich nehme an, so weit dringt er nicht vor?

    In einem würde ich mich seinem Hohn vielleicht aus guter schlechter Erfahrung anschließen: Der Ruf nach Diversity in den Marketingtexten der Unternehmen (unendlich variierte Textbausteine) ist dort tatsächlich auf der Medaillenrückseite nichts anderes als ein Zurichtungsversuch auf einheitliche Strukturen. Wer, um aus dem Nähkästchen zu plaudern, in einer Firma in Tokio ins Büro geht, soll sich dort ebenso nahtlos zurechtfinden wie in Washington oder Frankfurt, unter Einebnung aller wichtigen kulturellen Unterschiede. Aber ehrlich gesagt: Am Ende zählt in diesem Fall der Kontostand, der Rest berührt keinen Bereich, der eine Frage der Würde wäre.

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    1. Danke für die Ergänzungen, das ist interessant!

      Projektionsflächen... ist das nicht etwas für Lyriker oder Maler? Ist ja auch alles legitim, aber (und hier halte ich jetzt mal die Institutionen hoch) von einem Philosophen erwartet man doch zurecht Reflexion und nicht Projektion, oder bin ich da zu naiv oder nicht postmodern genug oder so was?

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  3. Unabhängig davon, dass Authentizität für mich etwas anderes bedeutet finde ich es immer spannend, wenn bestimmte Denker Systeme und Institutionen verteufeln. Ich finde es durchaus sinnvoll das System zu durchleuchten und die Vorgehensweisen von Institutionen zu hinterfragen.
    Was mich aber an am Ende stört, ist das Darstellen einer reinen Objektivität der Institutionen und als wären sie schon immer da gewesen und nie weg zudenken, als wären sie einfach aus dem Nichts entstanden. Wichtig hierbei finde ich, sich klar zu machen, dass gerade das System und die Institutionen von Menschen geschaffen wurden und weiter geschaffen werden. Das wiederum bedeutet für uns Menschen, dass wir auch auf sie einwirken, sie ein Stück weit mit verändern können. (Auch wenn sie knöchern und manchmal starr wirken/sind)

    Liebe Grüße!
    Maria S.

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    1. Liebe Maria S.

      Danke für diesen interessanten Beitrag! Das ist in der Tat ein großes Problem aller Sozialwissenschaften, dass sie sich nie so richtig entscheiden können, wie autonom oder abhängig die Institutionen nun von uns sind.

      Bruno Latour sagt, dass diese Spannung eine der Erfolgsgarantien und Stolperfallen der Moderne zugleich ist:

      "Selbst wenn wir die Kultur nicht konstruieren, so ist sie doch, als hätten wir sie konstruiert." Also mit anderen Worten: Kultur hat in ihren Mechanismen Macht über uns als Menschen und erst recht über jedes einzelne Individuum. Sie unterliegt eben nicht einfach so unserer Kontrolle, aber die Moderne muss so tun, als sei Kultur lediglich ein Produkt, das wir hervorgebracht haben und das jederzeit umgestaltet werden kann.

      Das stetige Erodieren der Institutionen, das wohl unbestreitbar ein Kennzeichen unsere Zeit ist (Kirche, Ehe, Geschlecht, aber auch Gewerkschaft, Partei, Betrieb), führt ja zu dem, was Han hier projiziert: Die äußere Freiheit als inneres Gefängnis.

      Insofern fällt es mir im Moment schwer zu behaupten, wir würden die Institutionen nicht hinterfragen oder nicht verändern. Wir schleifen sie ja komplett runter und meinen damit die Freiheit zu erlangen, öffentlich so zu leben, wie wir sind (ungläubig, homosexuell, heterogam, unideologisch, unstabil).

      Beste Grüße!

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  4. Mich nervt dieses "wir" und "uns", als wenn die Schreiberlinge immer so genau wissen, was "alle" so denken und "wie sie ticken". Woher sie diese Weisheit haben? Im Grunde nur von sich selbst, denn sie schließen von sich auf andere. Dass "Andere" ganz anders denken und handeln könnten, kommt ihnen nicht in den Sinn...

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    1. Ein "Wir" kann ja nie eines sein, dass alle Menschen einschließt. Es steht jeder und jedem frei zu sagen, dass sie nicht zu dieser Gruppe gehören, für die der "Schreiberling" da zu sprechen meint. Und davon machen ja einige zum Glück auch hier in den Kommentaren Gebrauch. Dass diesen "Schreiberlingen" nicht in den Sinn käme, dass andere ganz anders denken und handeln, ist nur eine Unterstellung, denn wer das sagt, kann unmöglich alle Gedanken aller "Schreiberlinge" kennen.

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  5. Sehr spannende Gedanken. Diversität in der Gegenwart. Aber manches deutet sich schon an. Es geht ja erst los... selbst initiierte Behinderung, augapfeltattoos, cyborgs.... Authentizität kennt keine Grenzen. Finde deine unique sell Position. Kann gut sein, kann schlecht sein, kann beides oder nichts sein. Interessant darüber nach zudenken. Und danke für die Anstöße.

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  6. Das "Wir" ist eine freie Behauptung, keine normative. Jeder kann auswählen, ob er sich darin wiederfindet. Das ist auch Han seine Intension. Man nennt das Reflexion.

    Und ja. Ich sehe viele "Symptome" die er beschreibt. Man braucht nur auf die Strasse zu gehen, oder die psychischen Erkankungen zu registrieren.

    Sich an Han seine Begriffe abzuarbeiten ist keine Reflexion. Man sollte sich nicht an Begriffen "framen" lassen, sondern seinen Text als ganzes zu verstehen. Ansonsten steht es jeden frei - so frei sind wir - ihn zu ignorieren.

    Aber es muss ja etwas dran sein - das unsere inneren "Schattenanteile" irgendwie berührt

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