8. Oktober 2015

Hip, hip, Hipster

Immer da sein, wo vorne ist: das Paradox des Andersseins

Wenn Sie in einer Großstadt wohnen oder vor kurzem mal in einer vorbeigeschaut haben, dann haben Sie ihn auch gesehen... Das war kein studierter Holzfäller, sondern ein sogenannter Hipster. Madeleine Hugai studiert Umweltethik in Augsburg und hat sich für Geist und Gegenwart soziologisch mit dem Phänomen Hipster befasst. Wie lässt sich diese Subkultur - wenn es überhaupt eine ist - aus moralischer Perspektive betrachten? Und welche Veränderungspotentiale ergeben sich - wenn überhaupt - aus dem Phänomen Hipster für unsere Gesellschaft?


Der Hipster als Street Art (von F CK)

Vintage-Kleidung, große Brille, enge Hose, Jutebeutel, Rennrad oder Fixie: Klischeehafte Merkmale eines gewollt nachlässigen, aber doch modebewussten Stils. Hier genügt ein kurzer Blick, um den Hipster zu erkennen. Die Soziologen Andreas Spengler und Tobias Waldmann bewerten seinen Drang nach Individualisierung in unserer neoliberal geprägten "Selbstkontrollgesellschaft" als angepasst und somit als einen Teil von ihr. Als Ethikerin stellt sich für mich darüber hinaus die Frage, ob die Individualität des Hipsters anderen moralisch wertvolleren Maßstäben unterworfen ist, als der wirtschaftlich ausgerichtete Mainstream.

Auf vergleichbare Art anders sein

Soziologen beschreiben unsere Zeit als eine Epoche, die durch ihren widersprüchlichen Charakter gekennzeichnet ist: Einerseits sind positive Entwicklungen zu erkennen, die man mit Befreiung des Subjekts von herrschenden Autoritäten und mit politischer und sozialer Mitbestimmung beschreiben kann, andererseits ist die negativen Folgen von zunehmender Anonymisierung, Maschinisierung und Rationalisierung der Lebenswelten nicht zu übersehen. Diese Paradoxie der Neuzeit und die damit einhergehende Sinnfrage führen zur Entwicklung von Gegenbewegungen, die oftmals mit Subkulturen in Verbindung stehen. Während die meisten Subkulturen über gemeinsame Symbole und Rituale verbunden sind, kennzeichnet den Hipster, dass er selbst für die Doppeldeutigkeit der Moderne steht. Er passt damit sehr gut in eine Zeit, die geprägt ist vom Überfluss und Konformismus einerseits, sowie vom Streben nach Wesentlichkeit und individueller Autonomie andererseits.

Steht der Hipster einer Gesellschaft entgegen, die sich heute vordergründig im Streben nach Individualität paradox konformistisch zeigt, oder ist er selbst Produkt genau dieser gesellschaftlichen Normen, die sich im Zwang der kreativen, egozentrierten Selbstdarstellung äußern? Mit Spengler und Waldmann kann man im Hipster einen "marktkonformen Nonkonformismus" erkennen, weil seine Unangepasstheit und Distinktion ohnehin allgemeingültige gesellschaftliche Normen sind.

Der Hipster interessiert sich nicht unbedingt für Kultur oder Politik, sondern er nimmt das auf, was der Markt an ihn als hip und underground heranträgt. Heute wird alles, was hip ist, eher früher als später von den Medien und den Marketingabteilungen der Unternehmen so lange reproduziert, bis es im Überfluss vorhanden und dadurch gerade nicht mehr hip, sondern Mainstream und damit für den Hipster out ist. Der hippe Mensch hat kaum die Zeit, selbständig etwas Neues hervorzubringen, sondern wird von der konsumorientierten Welle der ökonomisierten Lebenswelt getragen und ist somit eine perfekt einschätzbare Zielgruppe unserer Marketingabteilungen.

Abgesehen davon, dass die hippe Konsumneigung soziale und ökologische Nachhaltigkeit ad absurdum führt, lebt jeder Prozess des Wandels immer von Veränderung nicht mit, sondern gegen den Strom. Mit seiner konsumkonformen Einstellung steht der Hipster solchem Bewusstseinswandel entgegen und erschwert ihn, in dem er ihn nur als Maske trägt.

Hipster bleiben ist schwer

Das Charakteristikum der Einzigartigkeit, das der Hipster für sich beanspruchen möchte, ist in unserer neoliberalen Zeit, in der die Individualisierung als allgemeines Kriterium für Erfolg und Zufriedenheit steht, nicht mehr exklusiv. Der Einzelne agiert heute individuell und aktiv, um dann über Marktmechanismen kontrolliert und reguliert werden zu können. Spengler und Waldmann nennen das die "Selbstkontrollgesellschaft".

"Der Hipster ist immer da, wo vorne ist und vorne ist da, wo der Hipster ist." Die Identität des Hipsters ist von ständigem Wandel und ständiger Verwandlung geprägt. Pausenlos ist er auf der Suche nach einer neuen, bisher vom breiten Publikum unentdeckten Nische. Hipster zu bleiben ist also durchaus eine Herausforderung, die ihm die Zeit für Reflexion und Tiefgang und damit das unabdingbare Rüstzeug im Kampf um einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft raubt. Die vom Hipster geforderte Geistesgegenwärtigkeit schließt die Reflexion des Vergangenen und die Berücksichtigung des Zukünftigen aus – zumindest auf den ersten Blick.

Der typische Hipster kann also einfach kein Avantgardist sein, kein Rebell, keiner, der neue moralische Standarts setzt und sich für die Beseitigung der gesellschaftlichen Missstände einsetzt. Vielleicht lebt er wirklich lieber in den Tag hinein, läuft gedankenlos jedem Trend hinterher (bzw. voraus und ist subkultureller Spiegel des narzisstischen Charakters des Mainstreams im 21. Jahrhundert. Schade, denn Potential ist ja offenbar vorhanden: Ganz im Sinne seiner Andersartigkeit hat jeder die Fähigkeit, sich von der Masse abzukoppeln und sich bewusst – ganz gegen den Strom schwimmend – auf das Wesentliche zu besinnen. Der Hipster muss vielleicht wie wir alle nur lernen "[…] ohne Angst anders verschieden zu sein", wie es Ulrich Bröckling in Das unternehmerische Selbst so treffend formuliert.



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Kommentare:

  1. Ein flauschiges Thema tiefgreifend abgehandelt. Das gefällt besser, als das vom Postillion posaunte. Gerade zu hip, heute oder gestern. ^^

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  2. Für mich hört sich das ziemlich anstrengend an...immer unbedingt anders sein zu wollen, nur damit man sich von anderen Menschen abheben kann. Sich selbst neu zu erfinden und sich selbst als Unternehmer seiner selbst zu begreifen muss nicht unbedingt nur zu dem Thema "Hipster" passen, sondern prägt viele andere Bereiche der Gesellschaft und kann sowohl als Chance und Freiheit gesehen werden, aber ich sehe darin auch die Gefahr sich eines anderen Zwangs zu unterwerfen, der eben darin besteht, sich immer wieder zu beweisen und zu funktionieren. Wie wäre es mal zu schauen, was einem wirklich gut tut und in sich hinein zu horchen? Oder ist dafür keine Zeit mehr in einer schnelllebigen Gesellschaft? Und was ist mit Menschen, die das eben aus bestimmten Gründen nicht können? Unabhängig, ob ich ein Hipster bin oder nicht, Machtstrukturen in der Gesellschaft werden trotzdem präsent bleiben und sich diesen ganz zu entziehen halte ich für unwahrscheinlich. Natürlich bleibt die Frage, wie man damit umgeht. Wie dem auch sei, die Widersprüche wurden auf jeden Fall aus dem Artikel klar.

    Maria S.

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