27. Oktober 2015

Der wahre Ödipuskomplex

Wie Väter die Tragik unserer Zivilisation in Gang setzten

In seinem Buch Die schrecklichen Kinder der Neuzeit versucht Peter Sloterdijk den Übergang von der Tradition in die Moderne anhand eines ausgeschlagenen Erbes darzustellen: Die Kinder scheren sich nicht mehr um die Traditionen ihrer Ahnen, sie schlagen das gesellschaftliche Erbe zu Gunsten einer radikalen Freiheit aus. Freiheit ist immer Freiheit von etwas oder Freiheit zu etwas. In diesem Fall ist Freiheit beides: Freiheit von der Sitte und Freiheit zu einer offenen und unbestimmten Zukunft. Traditionen werden durch Trends ersetzt. Das ist gewissermaßen das Charakteristikum der Moderne: die Mode (Nachahmung des Neuen) löst die Sitte (Nachahmung des Alten) ab. Das Alte, die Traditionen, die Ahnen, die Götter verlieren ihre Gewalt, aber auch ihre bindende Kraft über die Gesellschaft. Ja, es droht sogar ein Abreißen des Informationsflusses zwischen uns und der Geschichte, weil der Medienbruch zwischen der alten und der neuen Schriftkultur so einschneidend ist, wie seit Gutenberg nicht mehr.

Ödipus (einmal als Kind und dann erwachsen) und Iokaste (Penn Provenance Project CC by 2.0)

Wir sind es gewohnt, den Verstoß gegen die Sitten bei den Kindern zu verorten. Sie halten sich nicht an die althergebrachten Regeln, sie ziehen sich komisch an, spielen verrohende Spiele und hören nervtötende Musik. Das ist natürlich zuallererst ein gesellschaftlicher Evolutionsbeschleuniger, der tradiertes auf die Probe stellt, bewährtes weiterführt und veraltetes in Vergessenheit geraten lässt. Das hält die Zivilisationen frisch und bringt neues hervor. Was sich nun aber seit über 2000 Jahren anbahnt und seit über 200 Jahren deutlich beschleunigt, ist ein kompletter Abriss jeglicher Tradition und damit - so würden Kulturpessimisten sagen - die totale Trivialisierung der menschlichen Existenz und ein Herausfallen aus historischen und heutigen gemeinschaftlichen Sinnzusammenhängen.

Vor diesem Hintergrund wundert es uns nicht, dass ältere Kulturen ihren Zersetzern (Sokrates, Jesus, all die Heilerinnen, Sternenseher oder "Hexen" und Ungläubigen) mit tödlicher Vernichtung begegneten; man könnte ohne große Anstrengung auch den heutigen Islamismus als ein um Tradierung bemühtes Agens einer solchen älteren Kultur "verstehen". Solchen Kulturen gemein ist das Verständnis einer von der Tradition abfallenden neuen Generation schrecklicher Kinder, die den Karren vor die Wand fahren wird und deren Protagonisten daher vernichtet werden müssen. Das kannten natürlich auch die antiken Griechen schon, denn diese Angst ist so alt wie die erste Zivilisation.

Der Mythos vom Ödipus

Genau vor dieser Folie liest Sloterdijk nun die alte Ödipus-Geschichte neu. Die herkömmliche Lesung war in knappen Worten, dass Ödipus seinen Vater tötet, um seine eigene Mutter zu heiraten und mit ihr Kinder zu zeugen. Freuds Zentral-These vom mit Elternkomplexen beladenen Kind baut auf diesem vermeintlichen Grundmuster unbewusster Wünsche auf. Der Sohn will zurück in den Schoß und muss dazu den Vater beseitigen. Das unverrückbar erscheinende Inzest-Tabu aller Gesellschaften ist leicht als panische Angst vor der Regression in den tierischen Kreislauf von Sex und Tod zu verstehen:

"Die Paarung von Mutter und Sohn ist weit davon entfernt, nur eine erotische Aberration zu bilden... Sie zieht Wahnsinn, Reue und Irrfahrt nach sich, weil sie das Subjekt aus der positionellen Ordnung des Lebens entwurzelt. Indem sie die genealogische consecutio temporum auf den Kopf stellt, lädt sie das Anfangschaos ein, sich inmitten der humanen Ordnung einzunisten." (Sloterdijk S. 274)

Übrigens ist das mittelalterliche Bild oben in Hinsicht auf den gestörten Ablauf der Zeit, die auf den Kopf gestellte "consecutio temporum" bezeichnend: Ödipus gibt es in diesem Bild zweimal, einmal als weggeworfenen Säugling und einmal rechts als erwachsener Zeuge des Selbstmordes seiner Mutter Iokaste sich die Augen ausstechend. Soweit deckt sich auch Freuds Verständnis der Ödipus-Sage mit dem neuen von Sloterdijk. Womit der letzte uns überrascht ist die Aufdeckung des Freud'schen Missverständnisses vom Antrieb zum Verstoß gegen das Gebot vom Nacheinander der Generationen:

"Ödipus hatte aus seiner Sicht nicht seinen »Vater« ermordet, er hatte einen anmaßenden Verkehrsteilnehmer, der die Vorfahrt mißachtete, aus dem Weg geräumt. Er hatte nie seine »Mutter«geheiratet, er hatte eine politisch attraktive Witwe zur Frau genommen und an ihrer Seite den vakanten Platz in einer Dynastie eingenommen." (Sloterdijk S. 276)

Denn wie ist es denn wirklich zu dieser Tragödie gekommen? Ödipus' Vater Laios hatte auf den Orakelspruch hin, der seinen eigenen Tod und den Inzest mit der Mutter Iokaste voraussagte, den Säugling ausgesetzt und so dem sicheren Tod geweiht. Der von einem Hirten gerettete und bei Zieheltern aufwachsende Ödipus hatte Laios und Iokaste jedoch nie als Vater und Mutter kennen gelernt. Ödipus verließ sogar Korinth, wo er seine leiblichen Eltern vermutete, um dem Fluch zu entgehen, als er vom Orakelspruch erfuhr. Mordlust und Inzestwunsch können also unmöglich sein Antrieb gewesen sein. Man kann Freud immer zugute halten, dass er ein beobachtbares Phänomen (Inzest fand und findet unleugbar mit großem Antrieb statt) eben nur mehr oder weniger treffend benannt hat. Was aber lernen wir aus Sloterdijks Lesart des Ödipus-Dramas?

"Es ist die vorauseilende Furcht vor dem unberechenbaren Kind, die das genealogische Kontinuum von innen zerstört. Bei Charakteren vom Typus Laios und Jokaste zieht korrumpierendes Halbwissen, aus Angst und Unbehagen gemischt, ein destruktives Vermeidungshandeln nach sich, dessen Folgen auf sie zurückfallen. Es ist letztlich die Selbsterhaltung des Vaters auf Kosten des Sohns, die als Agens des Unheils die Verkehrung natürlicher Bezüge auf die Spitze treibt." (Sloterdijk S. 275)

Und:

"Griechische Dichter waren es, die das Wesen der »Erbsünde« tiefer erfaßten, als es jüdischen und christlichen Erzählern je gelang. Sie wußten mehr als irgendwer vor und nach ihnen (...) von den verblendeten und instabilen Vätern, die durch ihren Verrat am Kind den zerstörerischen Schicksalsmechanismus in Gang setzen. Sie und zunächst nur sie, die vagen Väter, die illoyalen, panischen, selbstsüchtigen, glaubenlosen und liebesunfähigen Zeuger einer beliebigen Nachkommenschaft, sind es, die den Hiatus aufklaffen machen, der eines Tages bis an die Schwelle der Auflösung alles Herkommens reicht." (Sloterdijk S. 276)

So wie Sloterdijk hier noch den Begriff Erbsünde fallen lässt, scheint er - ohne dass er es im Text ausspricht - eine Weitere Parallele zu sehen: Schließlich vertrieb auch der alttestamentarische Gott als Vater seine Kinder aus dem Paradies und brachte so das ganze Unheil in Gang, das wir heute Zivilisation nennen für das der "Hiatus" (das Auseinanderklaffen) steht.

Wie die Kluft schließen?

Was uns meiner Meinung nach aus dieser Zerstörung des Herkunfts-Kontinuums heute am stärksten bedroht, ist die Radikalisierung des Individuum-Seins. Zugleich ist das heutige Individuum das größte Ergebnis der oben beschriebenen Abkopplung von der Tradition, die nicht zuletzt vom Christentum vorangetrieben wurde. Dieses gab jedem die "Freiheit des einzelnen vom Zwang des ersten Herkommens" (Sloterdijk S. 310) ganz so, wie Jesus sich unter Leugnung seines irdischen Vaters diese Freiheit nahm. Dass im Folgenden die Kirche selbst ihre eigenen Sitten möglichst orthodox versuchte zu tradieren, ist ein Fingerzeig auf das, was uns heute vielleicht fehlt: Eine nach-religiöse Bindung der Menschen zueinander im Kleinen und eine Bindung in den größten denkbaren Rahmen, den Kosmos. Können wir zu eigenen Traditionen kommen, die über wechselnde Trends und Moden hinausgehen? Wie können wir verhindern, dass wir statt dessen weiterhin stetig auseinander stürzen, so wie wohl das gesamte Universum nach einem Urknall.

Ob man sich nun einer (kultur)pessimistischen Perspektive anschließen möchte oder nicht (Sloterdijk kann man ohnehin darauf nicht festnageln), ist es doch eine verblüffende Lesart, dass nicht wir Kinder oder unsere Kinder automatisch für den Abriss der Traditionen verantwortlich sind, sondern dass es vielmehr eine Entfremdungsgeschichte ist, die unsere Eltern (wir als Eltern) und Ahnen immerfort anstoßen, damit die gehegten Befürchtungen über die schrecklichen Kinder endlich auch zur Wahrheit werden. Wie das ganz praktisch aussehen kann, haben wir in Eine Übung für schreckliche Kinder ohne Zukunft genauer untersucht. Haben Sie Kinder? Dann können Sie sich ja mal fragen, was Sie eigentlich tun, damit ihre Albträume wahr werden.



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1 Kommentar:

  1. Welch ein reißerischer Titel des Herrn Sloterdijk. Dank deinem Post wandert er mal zu späteren Ergründung in meine "Wunschliste" des verlinkten Anbieters. ^^

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