20. Dezember 2014

Was sexuelle Neigungen über uns verraten

Was bedeuten die Dinge, die uns wirklich anmachen?

Klar leben wir hier im Westen in sexuell befreiten Zeiten. Wir dürfen unsere Verlangen nicht nur ausleben, wir sollen sogar. Das geht Hand in Hand mit Leistungsfähigkeit im Beruf, mit Konsum und der Demographie unserer Gesellschaften. Aber was ist mit den Dingen, die uns wirklich richtig anmachen?

Bildausschnitt aus einem einschlägigen Internetforum von mir bearbeitet (Urheber unbekannt)

Über unsere sogenannten perversen Fantasien, unsere Fetische, geheimen Wünsche und Gedanken reden wir nicht, meistens nicht mal mit unseren Partnern. Das liegt daran, dass diese Gedanken mitunter sehr abgründig, vielleicht sogar verachtend und politisch ganz und gar unkorrekt sein können. Wir fürchten vielleicht die Reaktion des anderen darauf, vermuten sogar, dass irgend etwas mit uns selbst nicht stimmt oder haben sehr früh ziemlich strikte Schamgrenzen kennen gelernt und übernommen. Wir gehen damit das Risiko ein, uns selbst zu stigmatisieren oder den Zugang zu wichtigen verborgenen - keinesfalls nur sexuellen - Wünschen in uns zu verlieren. Wenn wir überlegen, was unsere Fetische eigentlich bedeuten, kann es uns gelingen, ein besseres Verhältnis zu ihnen und damit zu einem bedeutenden Teil unserer selbst zu etablieren. Schon mit dem Wort Fetisch wird die Stellvertreterfunktion unserer sexuellen Obsessionen deutlich: Ein Fetisch ist etwas "unechtes", das wir anstatt des unsichtbaren "Echten" verehren.

Wozu sind bizarre Neigungen gut?

Jede sexuelle Obsession, jeder Fetisch, jede Perversion ist eigentlich eine erotische Lösung zu einem tatsächlichen Problem in unserer Umwelt. Diese Probleme, die wir mit der Welt haben, sind zumeist verwandt mit einem Mangel an Verbindung, mit einer Angst vor Alleinsein, vor Zurückweisung und Verlassenwerden. Lasst es uns ganz klar sagen: Viele unserer Sexualpraktiken taugen leider nicht zur Fortpflanzung, sorry. Vielmehr helfen sie uns, das verlorene Paradies wenigstens für einige Augenblicke zurück zu erobern. Das Paradies war, als wir ganz nackt auf dem nackten Körper unserer Mama liegend an unserem Daumen oder ihrer Brust saugen konnten und somit alles - Körper, Geist und Umwelt - eins war, ohne Wertung, Scham und Grenze. In unseren Sexualpraktiken, in denen jedes Körperteil eine Rolle spielen kann, rufen wir diesen paradiesischen Urzustand der Entgrenzung noch einmal auf. Mit unserem Groß- und Erwachsenwerden geht jedoch nicht nur dieses schamlose Paradies verloren, es kommen auch ganz neue realweltliche Probleme auf uns zu, die wir in unseren sexuellen Obsessionen verarbeiten und umwerten. Wir werden sehen, dass unsere Fetische jeweils auf Utopien zielen, die wir uns anstatt der oft gleichgültigen bis feindseligen Realität herbeisehnen. Wie das im einzelnen aussehen kann, soll in den folgenden vier Beispielen deutlich werden.

1. Uniformen

In unserer imaginären Welt der Lüste sind Uniformen allgegenwärtig. Zwar ist nicht jeder davon gleichermaßen eingenommen, aber die Fetischisierung der Uniformen von Polizisten, Ärzten, Krankenschwestern, Feuerwehrmännern, Stewardessen und Piloten ist unheimlich verbreitet. Warum ist das so?

Es hat auf der einen Seite etwas mit der Angst vor Autoritäten zu tun und auf der anderen mit einer Sehnsucht nach Geborgenheit und Umsorgtwerden. Uniformierte sind Stellvertreter für organisierte Mächte, die uns oft mit Willkür, Gleichgültigkeit und Herablassung, vielleicht sogar mit Feindseligkeit und Gewalt begegnet sind. Auch von Ärzten, Piloten und Feuerwehrmännern können wir extrem abhängig und damit machtlos ausgeliefert sein. Wir fühlen uns ihnen gegenüber klein und unsere Wünsche scheinen in Anbetracht ihrer Autorität keine Rolle zu spielen. Im Sex können wir den Spieß umdrehen. Die Uniform steht auch hier noch für Macht, jedoch nun für eine, die uns die Aufmerksamkeit gibt, die wir brauchen. Endlich stillt eine Autorität mal unsere Bedürfnisse. Der Fetisch Uniform zeigt auf eine Utopie, in der Macht und Organisation gut sind, wo sie uns helfen, bekräftigen und unterstützen, anstatt uns einzuschüchtern. Wir sehnen uns nach der Hingabe an eine Macht, die uns sicher und entspannt ganz uns selbst sein lässt.

2. Unterwerfen

In einer Zeit, in der die individuelle Reife und Stärke mit Unabhängigkeit von anderen assoziiert wird, übernehmen wir ständig die Verantwortung für uns selbst und so viel mehr. Nicht erstaunlich also, dass es sexuelle Spielformen gibt, die genau das Gegenteil ins Visier nehmen: Unterwerfung. Unsere Fantasien grenzen hier an gesellschaftliche Tabus: ein Sklave sein zu wollen, ein Sexsklave zumal, ist eigentlich nicht akzeptabel. Warum ist dieser Gedanke für so viele Menschen so aufregend?

Ein Sklave zu sein, bedeutet, dass jemand anderes weiß und anordnet, was wir zu tun haben. In solch einer Situation können Menschen, von denen unablässig Selbstkontrolle erwartet wird, jegliche Kontrolle und Verantwortung abgeben. Ein anderer Mensch erhält in der Sicherheit der Intimität und des Vertrauens die Erlaubnis, alles mit einem zu tun und zu lassen, was er möchte. Der sich Unterwerfende befindet sich in einer radikal vereinfachten Welt. Statt des gewohnten Überflusses an Wahlmöglichkeiten und der daraus resultierenden endlosen Aktivität, gibt es nur noch Passivität und das Ausgeliefertsein an den Willen eines anderen. Auch hier ist der andere, dem wir uns unterwerfen, gut zu uns, auch wenn es wehtut. Wir vertrauen der Person und sie verschafft uns sexuellen Genuss. Es kann uns offenbar sehr erregen, diesem Subjektstress des aktiven Entscheidenmüssens und der Verantwortung in einen Moment des passiven Objektseins zu entfliehen. Das kann sogar soweit gehen, dass auch Schmerzen als ein Ausdruck dafür begrüßt werden, dass wir im Erleiden gut sein können. Im Alltag ist es ja eher anders herum: Wir tun so, als wären wir unverwundbar, als kennten wir keinen Schmerz und kein Leid. In einer masochistischen Sexfantasie können wir in einer sicheren Umgebung üben, Schmerz willentlich anzunehmen, sichtbar darunter zu leiden, zu schreien und dieses Leid auszuhalten. Wir wissen, dass es ein Spiel mit Regeln und einem Ende ist. Natürlich kann es auch eine Übung für den Ernstfall sein, man kann nie wissen...

3. Beherrschen

Im Alltag ist es ein Glück zunehmend inakzeptabel, andere herumzustoßen, ihnen zu befehlen oder gar Gewalt anzutun. Wir möchten, ja müssen lieb und nett sein und vertrauen darauf, dass sich das durch Kooperation unserer Mitmenschen auszahlt. Manchmal geht die Rechnung auf, manchmal aber auch nicht. Was Wunder, dass es uns auch nach dem Gegenteil verlangt: Bedingungslos das erzwingen, was man selbst in diesem Moment möchte. Auch und - im Spiel der sexuellen Fantasien - gerade gegen den Willen eines anderen. Wenn unserer Partner oder unsere Partnerin uns das gestattet, ist das eine unheimliche Ehre, die uns da zuteil wird und ein großer Vertrauensbeweis. Unserer Gewalt wird sogar noch mit Lust begegnet. Auch das ist eine Utopie, die wir uns vielleicht wünschen: Gewalt ausüben, bedingungslos das bekommen, wonach es uns gelüstet, ohne am Ende Leid zu verursachen, sondern sogar noch Freude zu verschaffen.

4. Öffentlichkeit

Und warum kann es so aufregend sein, es draußen in der Öffentlichkeit zu treiben, im Park, im Fahrstuhl oder gar auf dem Klo in der Disco, wo uns jederzeit jemand ertappen könnte? Im Alltag müssen wir uns draußen zusammenreißen, wir sind züchtig gekleidet und benehmen uns zurückhaltend, ohne viel Emotion zu zeigen. In unseren Sexfantasien oder -spielen können wir der einengenden Realität einen Gegenentwurf machen und so tun, als sei der Raum da draußen gar nicht so feindselig, unpersönlich und gefährlich. Wir nehmen ihn vollständig ein, erklären ihn zu unserem intimsten Gebiet und tun, was wir wollen, zeigen unsere Gefühle und überleben doch. Genauso widerspricht es den Ängsten gegenüber der Wildnis, den Tieren und der Witterung, wenn wir es draußen in der Natur treiben. Wir zivilisieren den wilden Raum damit geradezu und das hilft uns dabei, dass wir uns draußen mehr zuhause fühlen. Hier ist die Utopie im Grunde wieder das Eins-Sein mit der ganzen Welt, wie damals an Mutterst Brust.


Von Perversionen zu freundlichen Utopien

Das sind nur vier Beispiele einer endlosen Palette von Fantasien, die zu unserem Leben gehören und die wir annehmen sollten, auch wenn sie zuerst noch so abgründig auf uns wirken. Die US-Amerikanische Autorin und Feministin Nancy Friday will ich in dieser Hinsicht vorbehaltlos empfehlen. Schon seit Jahrzehnten lässt sie Frauen und Männer über ihre sexuellen Träume sprechen und hat somit einen Austausch über auch extreme Fantasien enttabuisiert. Erst wenn wir uns einen Zugang dazu erlauben, können wir auch die tieferen persönlichen und gesellschaftlichen Potenziale heben, die sich in unseren Perversionen verbergen. Ich bin mir sicher, dass man alle unserer Fantasien vom Blickwinkel einer Utopie aus entschlüsseln kann. Es sind ja sehr schöne Utopien, sie haben nichts Grausames an sich. Sei es die wohlwollende Macht der Institutionen und Organisationen, ein Leben in Passivität und Freiheit von Entscheidungen, eine inhärent gute Allmacht, die wir gern ausleben würden oder eben der freundliche und von uns schamlos vereinnahmte öffentliche Raum. So betrachtet müssen wir unsere Fantasien gar nicht verstecken. Wir müssen uns nicht schämen, sondern können sie als Schlüssel zu unseren wahren Bedürfnissen nutzten. Vielleicht trauen sich unsere Leser, weitere solcher Beispiele in den Kommentaren zu besprechen?



Dieser Text ist auf Grundlage des folgenden Videos der School of Life des Philosophen Alain de Botton entstanden:


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