4. Mai 2014

Lob dem Eros

Gott ist Liebe, Sex ist Sünde 


Ein prägendes Thema der abendländischen Philosophie, ihre große immer noch entzündete Wunde vielleicht, ist der Leib-Seele-Dualismus. Wenn man an Leib und Seele denkt, dann drängt sich der Komplex Liebe, Sex, Eros geradezu auf. Man wundert sich, dass es da nicht zu großen philosophischen Auseinandersetzungen gekommen ist. Daniel Briegleb, Musiker und Autor in Hamburg, hat dazu im Passagen Verlag seinen Essay Lust an Liebe veröffentlicht. Im folgenden Text stellt er uns einige Gedanken aus seinem Essay vor...

Distanz erst ermöglicht uns wieder nahe zu kommen (lp0005 von Gabriele Chiapparini, CC Lizenz)

Gedanken aus Lust an Liebe - ein Essay von Daniel Briegleb


Zweimal pro Woche Geschlechtsverkehr mit Ejakulation ist gesund, sagt mein Urologe. Wenn ihr euch auf diese Weise stimuliert, werdet ihr multiple Orgasmen haben, sagt das Ratgeberbuch. Das Gehirn ist das eigentliche Sexualorgan, Sex findet im Kopf statt, steht in der Zeitung. Wecken Sie ihre Fantasie, lesen Sie ein erotisch ansprechendes Buch, dann werden Sie wieder auf den Geschmack kommen, sagt die Sexualberatung im Internet.

In kaum einem anderen Lebensbereich werden wir so von Ratschlägen und Wahrheitsbildungen strapaziert wie im Bereich der sexuellen Liebe. Dieses permanente Einreden ist eine Folge und Stütze des Imperativs Sex. Sex muss stattfinden, die körperliche Begegnung ist mit den verschiedensten Erwartungen überladen. Dass unablässig und mit vielen Stimmen auf uns eingeredet wird, erleichtert uns nicht gerade, darüber bewusst zu werden, was wir uns wünschen, was wir wirklich brauchen. In der Folge eines durch die sexuelle Enttabuisierung angestoßenen Sex- und Orgasmusgebotes haben wir es tatsächlich so weit gebracht, dass wir vielschichtige Hilfsangebote benötigen, auch um aus den Sackgassen der Hypersexualisierung wieder herauszufinden. Im guten Falle weisen uns solche Beratungen einen Weg, den man allerdings auch ganz allgemein begehen kann: eine eigene Stimme, eine Intuition dafür zu entwickeln, was uns gut tut, was gerade stimmig ist und was nicht. Das erschafft kein Dauerglück, es vermeidet keine Interessenskonflikte und andere Liebesprobleme. Doch wir sind beweglicher, wenn wir ein vielseitiges Gespür für Wahrheit – die nie unbewegt und zeitlos, sondern immer nur die Wahrheit einer Interpretation ist – und damit für vielleicht mehr Authentizität verfolgen und pflegen.

Die Kraft der Zwischenräume

Liebe, Lust, Körper, werden gegenwärtig in einer zerstückelten Weise konsumiert, dass einem schwindelig werden kann. Diese Fragmentierungen bedeuten einen Zerfall des Erotischen, und damit auch einen Verlust an Kontemplation. Nähe wird erst durch eine ihr innewohnende Ferne gehaltvoll und bedeutsam. Ihr Reiz besteht in der Gleichzeitigkeit der Anwesenheit des anderen und seiner Unergründbarkeit, seiner Andersartigkeit. Dieses Spannungsverhältnis bereitet Eros den Weg, weil der daraus sich ergebende Abstand einen dynamischen Zwischenraum schafft, aus dem heraus Unbegangenes erwächst und begehbar wird, und sich Wege zum anderen eröffnen. Erotische Nähe - in einem weiteren Sinne - verschwindet heute jedoch zunehmend, weil diese Zwischenräume, in denen Gemeinsames entsteht und lebt, durch Ratschläge, Bilderfluten, Vermessungen, pornographische Transparenz und die damit zusammenhängende Abstandslosigkeit erstickt werden. Kontemplation ist eine Kunst des Verweilens in Zwischenräumen. Aus diesen erwachsen die unscheinbareren Stimmen der Spuren und Zeichen und fließen in unser Bewusstsein. Sie erweitern Glaubenssätze, Erwartungen, kognitive Selbstbilder um eine spontanere, mehr ahnend-forschende Orientierung.

Körpergeist mit Seele

Der Leib-Seele-Dualismus, der an den Wurzeln unserer Kultur entstand, drückt sich auch in einer Zweiteilung des Eros aus. Der medizinische und philosophische Diskurs der Antike ist von der Sorge durchzogen, dass die körperliche Lust von sich aus, von ihrer „Natur“ her, zum Übermaß drängt. Während das geistsinnliche Hören von Musik, das Beschauen einer schönen Statue, das Denken an einem faszinierenden Gegenstand kein Übermaß kennt, drängt die körpersinnliche sexuelle Lust und Betätigung „von sich aus“ zum schädlichen Exzess. So sollte denn eine sorgfältige Bemessung die Lust und ihre Ausübung begrenzen. Man könnte, nachdem seelen- und geistloser Sex heutzutage inflationär boomt, Hippokrates, Platon und Aristoteles durchaus bescheinigen, dass ihre Bedenken nicht unbegründet waren. Denn die leere, bloße Lust ist ja das, was die Griechen im Kern fürchteten: dem Instinkttier zu ähnlich zu werden. Heute sehen wir diese uralte Skepsis bestätigt, gegenwärtig ist ein guter Teil der Sexualität auf die Begierde im Sinne des basic instinct reduziert. Lars von Trier hat uns das gerade in seinem Nymphomaniac-Epos eindrucksvoll dokumentiert. Eine moderne Form der Trennung von körperlicher Lust und wahrer Liebe ist durch die Sexualisierung entstanden, ein neuer Leib-Seele-Dualismus, wenn man so will. Doch nur wenn man den psychischen Raum aus der Lust verbannt, wird sie zu einer blinden, oberflächlichen Energie, die, gerade in einer kapitalistisch durchwucherten Konsumgesellschaft, ins Übermaß zu drängen droht. Ein Erlebnis, aus dem heraus man keine seelisch tiefgründige und psychosoziale Bedeutung mehr generiert.


Trailer zu Nymphomaniac von Lars von Trier

Denken wir, die weisen Bedenken der alten Meister im Hinterkopf sowie christliche Schuld-und-Sünde-Gefühle hoffentlich gänzlich abschüttelnd, „Körper“ und „Geist“ mehr als einen sinnbildenden Konnex. Jedweder ästhetische Genuss ist ebenso körperlich-ekstatisch, wie körperlicher Genuss seelisch und geistig nährend ist – sofern man Eros als eine sinnbildende, schöpferische Kraft versteht, erhält, pflegt. Was die antiken Philosophen und Mediziner nicht dachten – Erkenntnis, Wahrheit, Läuterung auch aus dem leiblichen Gefühlsraum mit seinen Empfindungen und Strömungen heraus zu entwickeln –, könnte heute, im Zeitalter der Banalisierung der Lüste, fruchtbar sein. Heben wir die uralte, durch die Geschichte bis heute hindurchwirkende Gegenüberstellung von geistsinnlichem und körpersinnlichem Eros einmal auf, um in eine empathisch-erotische Empfänglichkeit zu münden, die sexuelle und nicht sexuelle ekstatische Gefühle gleichberechtigt bewegt und durchmischt. Das könnte im besten Falle den Sex entmystifizieren, und das leibliche Erleben generell aufwerten, erweitern, ausdehnen. Eros als ein Quell des Daseins. Dieses Dasein ist umso erotischer, je weniger es von Verbrauch und sexuellem Vollzug abhängt. Was keineswegs ausschließt, die körperliche Liebe als wichtigen und festen Bestandteil des Lebens zu begreifen.



Lust an Liebe
Ein Essay von Daniel Briegleb
Passagen Verlag Wien / Reihe Philosophie
ISBN 9783709201084
104 Seiten, Euro 11,90

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