21. Februar 2021

Drogen – Extase und Vernunft

Die Sucht nach Inexistenz, erste und zweite Philosophie

Ich würde mich einen Menschen der vorsichtigen Ekstase nennen, einen, der gern mal Grenzbereiche auslotet, mindestens ausleuchtet. Eines meiner Lieblingsbücher in der Adolesenz war Die Pforten der Wahrnehmung. Himmel und Hölle. Erfahrungen mit Drogen von Aldous Huxley. Seit seiner Lektüre stellte ich mir die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass der Drogenrausch kein Mittel der außerordentlichen Erkenntnis mehr ist, sondern zu einem Alltagsphänomen wurde. Ich stelle mir immer vor, dass der Rausch für vormoderne Völker viel wichtiger gewesen sein muss als für uns. Zugleich wichtiger und auch eingeschränkter. Der Rausch wird nur in zeremoniellen Momenten und für wenige Repräsentanten verfügbar gewesen sein, zum Beispiel Schamanen oder Stammesangehörige an einem ganz bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben. Heute ist es umgekehrt: Wie in Huxleys Schöne Neue Welt und seiner Droge Soma gehört der Rausch in Form von Alkohol und anderen Drogen einfach dazu. Rausch ist täglich verfügbar und gehört mindestens am Wochenende zum guten Ton. Damit einher geht natürlich eine Entwertung, eine Vulgarisierung: Bis auf den gesundheitsgefährdenden Zeitvertreib bedeutet der Drogenkonsum heute nichts mehr. Oder?

Natürlich bedeuten alle Dinge mehr, als man ihnen auf Anhieb ansieht, was ja der Grund der philosophischen Neugierde ist. Die Frage nach dem Rausch geht interessanterweise einher mit der Frage nach der Philosophie überhaupt, denn anfangs sind Philosophie und Rausch gar nicht von einander zu trennen.

Hätten heutige Philosophen einen Berufsehre, so käme sie daher, "daß sie es sich mit ihren Meinungen schwerer machen als andere Leute." Philosophie heute kann mit Ekstase, Eingebungen oder Visionen nichts anfangen und baut statt dessen auf nüchternerne Analyse. "In gewisser Hinsicht ist das Philosophieren nichts anderes als die Prozeßform von Nüchternheit", meint Peter Sloterdijk in Weltfremdheit (S. 121 f.). Das war nicht immer so, sondern geht gewissermaßen auf eine Ungeduld der Verunft zurück, die seit Sokrates nicht mehr so gern über mystische Umwege, sondern durch analytische Schlüsse in einer Kürze zur Erkenntnis strebte, die der Endlichkeit des aktiven Lebens in der Polis angemessener schien, als das eremitische Leben in der Wüste oder einer Höhle. 

 

Ur-Philosophie: Ekstase, Monismus, Seele

Vor der westlichen sokratischen Philosophie der analytischen Differenzierung und Zerlegung der Welt in ihre Einzelteile, lag der Fokus der Weisheit auf dem großen Ganzen. Ein metaphysischer Monismus verlangte eher nach dem Verschwinden von Differenzen und so nach dem Aufgehen der menschlichen Seele im großen Einen, so wie wir es heute noch aus östlichen und religiösen Anschauungen kennen. Die Frage war dabei nicht, wie man die Welt sprachlich beschreiben und ihre atomisierten Phänomene genauestens erfassen kann, sondern wie man umgekehrt sich selbst ins große Ganze integrieren konnte, sodass man selbst nicht zu einem Anderen, einem Erkennenden gehörte, sondern sich alles Erkennen, Erklären und Trennen erübrigte. Eine große Weisheit sozusagen, eine vor-, neben- oder wenigstens nachsprachliche Weisheit. Für solche Art der Weisheit aber, musste man sich bereit gemacht haben, Entrückung, Verzückung waren nötig. Die erreicht man nicht nur mit Drogen, sondern auch durch Askese, Schmerz, Verzicht oder Einsamkeit – Deprivation insgesamt. 


Moderne Philosophie: Nüchternheit, Argumentation

Diese Ur-Philosophie ist es, von der dann die zunehmend analytische Philsophie nur noch sprach.  Illumination ging über in Kontemplation. Die Kunst der Rede löste die Kunst der Ekstase als Liebe zur Weisheit ab. Und das wussten die antiken griechischen Philosophen auch, sie waren stolz darauf, sich von den bloßen begeisterten Reden der Wahnsinnigen gelöst zu haben und mit der analytischen Argumentation ein präzises Werkzeug des Geistes für wirkliche, also wirkmächtige Erkenntnisse in Stellung gebracht zu haben. (Mit Erleuchtung allein lassen sich schließlich keine Raketen bauen.) Gleichzeitig wussten sie auch, dass sie sich damit von der großen Weisheit entfernten und damit eine Weisheit zweiter Ordnung etablierten. Plato nannte die zeitgenössischen Philosophen daher die Amateure der Weisheit.

Zur modernen Geschichte der Philosophie gehört natürlich trotzdem auch ein mystisches Potenzial: Gnosis, Romantik, Idealismus und monistische Figuren wie Leibnitz' Monaden oder Hegels Weltgeist. Auch diese Philosophien waren nicht ganz ohne den Rest mystischer Hintergrundstrahlung in christlicher Erleuchtung zu erlangen, meine ich. Ganz folgerichtig haben auch sie keinen Platz mehr in der heutigen akademischen Philosophie. Natürlich kann man argumentieren, dass diese Philosophie sich dadurch selbst jedes alltagsrelevantes Begeisterungspotenzial genommen hat. Der Triumph der Nüchternheit über den Rausch in der christlichen Kirche und ihrer Philosophie hat damit sehr wichtige Grundsatzfragen der Existenz und Inexistenz diskreditiert und so der Esoterik überlassen.


Heiligkeit, die heilt: zeremonielle Drogen

Wie oben schon angedeutet, haben wir durch die Nüchternheit unserer Weltanschauung nicht nur ein Esoterik-, sondern auch ein Suchtproblem. Drogen waren in der Vormoderne keine Mittel, um der Realität zu entfliehen. Vielmehr waren sie ein Mittel, um die Gemeinschaft in die alles bestimmende Realität einzubetten. Menschen und Gruppen benötigten die Zeremonien, um sich wieder eins zu fühlen mit der Welt und um sich der Gewogenheit ihrer Göttern zu versichern. Es ging gerade nicht um den privaten Rausch, sondern um die Verbindung mit dem Heiligen. Die Drogen sollten zusammen mit der Zeremonie heilen, also Menschen mit dem Heiligen wiedervereinen. In Südamerika gibt es solche Praktiken mit Drogen wie Ayahuasca immer noch und sie sind in ihrer Drastik aufschlussreich. Die tiefen somatischen und mentalen Veränderungen, die solch ein Drogenkonsum mit sich bringt und die der Körper gar nicht oft toleriert, erlauben erst gar kein Aufkommen einer Sucht. Drogen und Sucht sind also kein notwendigerweise zusammengehöriges Begriffspaar.

Die vormodernen zeremoniellen Drogenerfahrungen machen das Subjekt zu einer Leinwand. Das Subjekt ist nicht mehr der Akteur, sondern die Droge ist die agierende Macht und projiziert die All-Einigkeit auf den Konsumenten:

 

"In der alt-mediumistischen Weltordnung besitzen die »Drogen« einen pharmako-theologischen Status – sie sind selber Elemente, Akteure und Mächte des geordneten Kosmos, in den die Subjekte sich um ihres Überlebens willen zu integrieren versuchen. Die pharmazeutischen Helfer werden besonders angerufen in Zeiten, in denen sich Individuen krank und entfremdet fühlen. Zu ihnen nehmen Menschen Zuflucht, wenn sie sich am eigenen und sozialen Körper davon überzeugt haben, daß eine Störung der globalen Harmonie vorliegt. Die psychotropen Stoffe dienen also nicht der privaten Berauschung, sondern fungieren als Reagenzien des Heiligen, als Türöffner der Götter." (Weltfremdheit, S. 128 f.)

 

Die berauschenden Substanzen, die ja aus der Natur dieser Welt stammen, werden eingenommen, um sich wieder in diese Natur der Welt zu integrieren und nicht, um aus ihr zu fliehen. In einem entfernten Sinne ist es auch das, was man z.B. beim Rauchen von Cannabis erleben kann: Man wird selbst zur Pflanze und vegitiert mehr, als dass man agiert. Nur passiert das heute eben nicht, um sich wieder in die Natur zu integrieren, sondern um der Zumutung der Gesellschaft für einen vegetativen Moment zu entfliehen.

 

Profane Drogen: Flucht und Sucht

Das scheint die Richtung zu sein, die sich in unserem Alltag mit Drogen umgekehrt zu haben scheint. Zwar rufen auch wir verstärkt in Zeiten des Leidens oder der Entfremdung nach Drogen, aber wir haben dabei weniger den Anspruch, dass uns diese Drogen wieder fit für die Realität machen (sehen wir einmal ab von leistungssteigernden Drogen), als dass sie uns zur Flucht aus der Realität helfen.

Zur Profanisierung des Drogengebrauchs hat laut Sloterdijk ein großer weltanschaulicher Trend beigetragen: Das Verschwinden bzw. das Schweigen der Götter hat zu einer Abspaltung der Drogen von ihrem ehemaligen Gebrauch als Vermittler zwischen den Menschen und den Göttern geführt. Der Rausch wurde unspezifisch – die halluzinogenen Effekte treten zwar nach wie vor ein, aber sie haben keinen Informationsgehalt und keine Kommunikationsfunktion mehr. Vielmehr tritt in diesem Privatgebrauch das Risiko der Sucht hervor, denn die ursprünglich nur vermittelnde Substanz ist nun Zweck ansich. 

Zuvor war es die Gottheit oder die magische Realität, die dem Subjekt als starke Übermacht, unter die sich das Subjekt fügen würde, gegenübertrat. Nun, da die göttliche Variable in der ehemaligen Dreiergleichung fehlt, ist es die Droge selbst, die in dieser verarmten Zweierbeziehung ihre Macht über das Subjekt in Form von Wiederholungszwängen gewinnt. Was uns überwältigt ist nicht mehr das Heilige, zu dem wir über die Droge Zugang bekamen, sondern es ist die Droge selbst. Erschwehrend kommt hinzu, dass wir als Drogenkonsumenten in dieser modernen, entritualisierten und individualisierten Beziehung allein sind und nicht mehr eingebettet in eine Gemeinschaft, die sich zusammen der Zeremonie hingibt. Allein einer Überwältigung gegenüberstehen zu müssen, schwächt unsere Position in einer solchen Abhängigkeitssituation einmal mehr.

 

Erlösung ohne Gott

Wieso aber überhaupt dieser Versuch der Flucht? Kurz gesagt: Wenn wir im Diesseits nicht mehr geheilt werden können, wenn wir nicht mehr mit dem, was uns als Realität gegenübersteht, versöhnt werden können, dann können wir eigentlich nur noch vor ihm davon rennen. Das ist vielleicht das, was Sigmund Freud mit dem Begrif Todestrieb versucht hat zu fassen. Den alten positiven Konzepten des Nichts (etwa das Nirvana) stehen nun durch den christlichen Erlösungsgedanken nur noch negative Konzepte des Nichts zur Verfügung (etwa der Tod). Uns ist ja auch der Blick auf den Menschen als einen Reisenden zwischen den Welten der Inexistenz und der Existenz verloren gegangen – unser westlicher Blick vermittelt den Eindruck, dass alles, worauf es ankomme im Diesseits liege. Dieser Eindruck lässt uns alles Jenseitige nur als negative Leerstelle, als ein Fehlen vorstellen. Und alles, was ist, ist hier – Realität, die sich uns aufzwingt, der wir nicht enkommen. Hinter ihr gibt es nur nichts. Nichts zu erwarten, nichts zu hoffen, nichts überraschendes.


"In der Sucht begegnet uns eine individualisierte, das heißt vom Mitwissen der Kulturmitglieder abgespaltene Revolte gegen die Zumutung des Daseins. Durch entritualisierten Privatgebrauch der Drogen bahnen sich die Subjekte sozusagen wilde Rückwege in die Inexistenz." (Weltfremdheit, S. 147)

 

Und das Schöne daran ist: Diese Inexistenz ist erlebbar. It's happening! Oft erleben wir sie mit einem gewissen Triumphgefühl gegenüber dem schnöden Existierenmüssen, das sich in Zumutungen wie ungewollten Begegnungen und unabschüttelbaren Verantwortlichkeiten manifestiert.

Ich will hier nicht den Eindruck vermitteln, dass Drogensucht irgendwie philosophisch edel und unproblematisch sei. Es kommt immer darauf an, welche Menschen welche Drogen nehmen und wie sie damit klarkommen oder an ihnen scheitern. Ich will aber darauf hinweisen, dass der Konsum von Drogen uns etwas über uns selbst sagt und darüber, was uns auf der einen Seite bedrängt und was uns auf der anderen Seite fehlt. Es bedrängt uns eine Realität mit zunehmender Aufdringlichkeit. Wegschauen geht nicht mehr, kurz stehen bleiben und Luft holen birgt das Risiko abgehängt zu werden. Uns fehlt eine positive Sicht auf die Abwesenheit von so einer Realität. Uns fehlt das Aufgehen des eigenen Ichs in einer der Natur oder dem Kosmos gegenüberstehenden Bedeutungslosigkeit. Manche Drogen erlauben uns einen Trip dorthin. Das gilt es immer mitzudenken, wenn wir uns fragen, wie es soweit kommen konnte.

Letztlich gibt es zu all diesen Ersatzdrogen (wenn man das Heilige als die Urdroge gelten lassen möchte) noch eine Droge dritter Wertigkeit, eine Ersatzdroge der Ersatzdrogen: Die Arbeit.

 

"Das von seiner eigenen Existentialität überlastete Subjekt ist heute wie seit jeher weniger weltflüchtig als weltsüchtig... In der äußeren Betriebsamkeit stehlen sich die Angehörigen der überforderten Gattung zurück in die Weltlosigkeit des betriebsamen Tieres." (Weltfremdheit, S. 155)

 

Es scheint also ein schmaler Grat zu sein, auf dem wir tanzen können und ich mag niemandem vorwerfen, auf der einen oder anderen Seite abzurutschen. Einen kurzfristigen Weg zurück in die Illumination sehe ich für mich nicht. Die Kontemplation ermöglicht einem wenigstens, von Existenz und Inexistenz zu reden und sich dazwischen zu verhalten. Man muss das alles natürlich nicht immer gleich so hoch hängen. Wer gern mal einen Rauschzustand hat, will sich vielleicht einfach mal ein bisschen abseitig amüsieren.



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