7. März 2015

Esoterik zwischen Philosophie und Nonsens

Wo kommt Esoterik her und was sind ihre Mechanismen?

Die Esoterik hat über die zweitausend Jahre der abendländischen Philosophiegeschichte einen lustigen Salto hingelegt. In der antiken Philosophie gab es zuerst das Wort "exoterisch", das die philosophischen Werke beschrieb, die sich nach außen ("exo") an die Bevölkerung wandten. Später beschrieb man die Schriften, die vom Volk wohl kaum zu verstehen waren als "esoterisch", also nach innen gerichtet. Das Innen meinte dabei die Gemeinschaft der Philosophen und ihrer Schulen, also das, was man heute universitäre Philosophie nennen würde. Diese "esoterischen" Schriften handelten also nicht von magischen, irrationalen oder innerlichen Dingen, sondern zeichneten sich lediglich dadurch aus, dass sie ein philosophisches Verständnis voraussetzten.

Glauben Sie an Horoskope? Wahrscheinlich nicht, wenn Sie ein Stier sind. (Lizenz: CC0 Public Domain)

Esoterik und Idiotie

Heute ist es geradezu umgekehrt: Esoterische Schriften oder Lehren, man denke an die New-Age-Bewegung mit ihrer Astrologie, den UFOs und Verschwörungstheorien, setzen keine philosophische Kenntnis voraus, sondern setzen geradezu auf die Unkenntnis der Philosophie und Wissenschaften. Esoterik wendet sich also gerade nicht mehr an einen inneren Kreis der Gebildeten, sondern an den großen Kreis der Öffentlichkeit, dem es an Bildung mangelt, der aber nach Sinn sucht und der die vermeintlich verlorengegangene Einheit von Mensch und Universum - wenigstens für sich selbst - wiederherzustellen versucht. Dabei ist das Unwissen vor allem methodischer Art, denn die Theorien können durchaus randvoll mit interessantem Halbwissen und zusammengewürfelten Fakten aus den Naturwissenschaften sein. Es fehlt aber die Logik, das methodische Denken und das skeptische Schlussfolgern, also all die Werkzeuge, auf die wir uns als denkende Wesen zu Zwecken der Kommunikation und Erkenntnisgewinnung geeinigt haben. Schade, denn so werden mitunter interessante Ansätze und Ideen, die oft im Zentrum von esoterischen Sytemen stehen, volkommen diskreditiert und für ernstzunehmende Lösungsansätze unbrauchbar.

Als Beispiel kann man hier den Holismus als eine esoterische Grundfigur heranziehen. Holismus heißt ja erst einmal, dass die Welt sich nur in der Zusammenschau ihrer Details offenbart, alles hänge mit allem zusammen. Dagegen ist so pauschal gar nichts einzuwenden. Aber was die Esoterik daraus macht, ist: "Alles ist eins." Man macht einen völlig unlogischen Schritt, vermengt Kategorien (Zusammenhang ist eben nicht dasselbe wie Einheit) und folgert aus der Tatsache, dass der Mensch in Beziehung mit dem Lurch steht, dass es keinen Unterschied zwischen Mensch und Lurch gäbe. Jegliche Differenzierung fällt weg, das Denken hört auf und man versteht die Welt eigentlich nur noch, wenn man LSD gelutscht oder bis zur Besinnungslosigkeit meditiert hat. "Alles ist eins" heißt, dass sich das Weiterdenken erübrigt. Man muss sich dann nicht mehr mit Einzelheiten beschäftigen, nicht mehr angestrengt differenzieren, sondern versucht im "großen Ganzen" mit aufzugehen, bis man selber wirklich ein Lurch geworden ist.

Die eine Wahrheit, die keine Diskussion zulässt

Im Grunde ist das der Mechanismus der Esoterik: Sie sagt uns, dass wir nicht versuchen sollten, sie denkend zu verstehen, allerhöchstens fühlend könne man die Zusammenhänge begreifen. Das beleidigt den Intellekt eines jeden Menschen. Denken und fühlen sind ja keine scharf voneinander getrennten Operationen, das sollte erst Recht die Esoterik verstehen, die doch sonst so gern alles in einen Topf wirft (siehe Holismus). Mit der Argumentation, dass das Denken keinen Zugang zu ihr biete, macht sich die Esoterik gegen jeden Einwand immun. Man merkt das, wenn man sich mit Esoterikern über deren Theorien austauschen oder sie gar kritisieren möchte. Schnell heißt es, man könne es eben nicht verstehen, man habe noch nicht die erforderliche Bewusstseinstufe erreicht (oder ähnlicher Quatsch). Die Taktik ist klar: Man entzieht sich der Kritik, indem man sagt, dass das Denken nicht das richtige Werkzeug sei, vielmehr müsse man erleuchtet sein. Es ist also nicht nur beleidigend, es ist auch feige, überheblich und unredlich, wenn man seine Theorien auf solche Art vor jeder Kritik schützen möchte. Dabei offenbart das Sprechen über das angeblich Verborgene allein schon den Grundwiderspruch der Esoterik:

"Über ein Verborgenes können eigentlich keine Aussagen gemacht werden, dann wäre es kein Verborgenes mehr. Anhänger des Okkultismus und der Esoterik aber machen genau dies. Sie schreiben dem Unbekannten und Verborgenen bestimmte Eigenschaften zu, beispielsweise die Wirkung von Geistern, Toten, anderen Lebenden oder eines Weltbewusstseins usw. zu sein. Es ist dies der Grundfehler der Esoterik und des Okkultismus, dass er über ein tatsächliches oder angenommenes Unbekanntes Aussagen macht. Wenn immer es möglich ist, diese Aussagen zu überprüfen, stellt sich heraus, dass die esoterischen Aussagen über ein Unbekanntes und Verborgenes falsch, unnötig und irreführend sind. Esoteriker wie Okkultisten ertragen offensichtlich die Tatsache nicht, dass uns Menschen vieles unbekannt und verborgen ist und schreiben sich ein Wissen und auch Macht über das Unbekannte und Verborgene zu. Dies mag ihren Wünschen entsprechen, nicht aber der Wirklichkeit." (Hartmut Zinser, Brennpunkt Esoterik, 2006)

Esoterisch ist heute also das, was nur noch unerklärlich im Innern des Individuums selbst haust und sich jedem differenzierten Austausch darüber entzieht. Man kann zwar gemeinsam pendeln und Karten legen, aber man kann sich nicht gegenseitig erklären, was genau passiert. Die Griechen nannten das "Ideotie": Ideotes waren die Menschen, die nicht mit anderen sprachen, bei denen sich alles um sie selbst drehte und die nicht erklären konnten, was in ihnen vorging.

Supermarkt der Spiritualität: 25 Milliarden € pro Jahr in Deutschland (Lizenz: CC0 Public Domain)

Von der Philosophie in den Supermarkt der Spiritualität

Historische Vorläufer der modernen Esoteriker wie Giordano Bruno, Jakob Böhme oder Emanuel Swedenborg, die durch ihre Visionen zu Mystikern wurden, zeigen uns auch, dass Esoterik traditionell schon immer eine Sakralisierung des Psychischen ist. Die Visionen und Eingebungen, die Stimmen in den Köpfen der Schizophrenen wurden als göttlich oder teuflisch gedeutet. Damit wurde ihnen ein Stellenwert und eine Realität zugestanden, an welche die normalen, von allen vergleichbar wahrgenommenen Phänomene nicht heranreichten. Heute wissen wir, dass wir nichts so wenig trauen können, wie unseren eigenen Gehirngespinsten.

Der Übergang von der Esoterik im Sinne der Gelehrten der Antike zur modernen esoterischen Idiotie der Schwingungen, Auren und Astro-TV hat also eine lange jüdisch-christliche Geschichte von Geheimlehren, Kulten und der Verschränkung von Wahnsinn, Wissenschaft und Religion. Die Alchemie gehört in diese Geschichte genauso wie die Kabbala, Hildegard von Bingen oder die Steinmetze. Man kann sogar argumentieren, dass frühe esoterische Strömungen mit ihren philosophischen Fragestellungen unsere modernen Wissenschaften mitbegründet und erst ermöglicht haben. Was daraus allerdings geworden ist, ist traurig: Eine denkfaule Bewegung, die ihren größten Wert darin hat, dass sie den Markt der Guru-Literatur ankurbelt, Wahrsager finanziert, Kristalle aus Plastik oder Metallarmbänder kauft und so die Esoterik-Industrie reich macht. Man schätzt den Umsatz der deutschen Esoterikmarktes auf mehr als 25 Milliarden Euro jährlich. Zum Vergleich: Das ist weit mehr, als die Pornoindustrie jährlich weltweit umsetzt.

Umsatzstärke allein ist kein Stigma, aber es zeigt doch deutlich, worauf es heute bei der Esoterik am Ende ankommt: Leichtgläubigen Menschen wird mit einem geheimnisvollen Raunen das Geld aus der Tasche gezogen. Was aber vielleicht noch schlimmer ist: Verletzlichen Menschen wird vorgegaukelt, dass es einfache Lösungen für die Probleme des Lebens und mächtige verborgene Gesetze gibt, wenn man nur an sie glaube. Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte zuerst: Es gibt keine einfachen Lösungen und keine alles bestimmenden Gesetze des Schicksals. Die gute Nachricht ist: Um unserem Bedürfnis nach Sinnsuche nachzukommen, müssen wir keinen Gurus, Verschwörungstheoretikern und Esoterikern auf den Leim gehen, wir können unseren eigenen Verstand bemühen und mit philosophischen Mitteln nach Weisheit im Denken, Handeln und Fühlen streben.



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Kommentare:

  1. "Was ist was"-Spirit für Erwachsene - sauber.

    Der Stein von Rosette fürs Verständnis der meisten mystischen Systeme ist "agnosia" im transitiven Sinne - ein "Unwissenmachen" all dessen, was Gott ist/sein kann. Und dafür wird - man muss es als Radikal-Dialektik verstehen, die auch neuropsychologische Techniken beinhalten kann - häufig erst mal alles zu Gott, damit der Adept versteht, dass er nicht versteht.

    Esoterikern Wischiwaschi-Logik vorzuwerfen ist absurd, da dort nur die Logik zählt, die den differenzierenden Verstand ausschalten soll. Das Mindset von "Brights" und anderer Verteidiger westlicher intellektueller Grundwerte muss aber befriedigt werden: Schnell sind die Leute, die man erst als Zausel beschrieben hatte, satisfaktionsfähig genug, um "beleidigend, auch feige, überheblich und unredlich" sein zu können, wenn das nicht hinhaut, kommt als nächste Stufe gerne auch mal sowas:

    https://www.youtube.com/watch?v=RybNI0KB1bg

    Das offenbart eher die Bedürfnisse des Argumentierenden.
    Ich pinne hier nur noch eine bezeichnende Volte:

    "Es gibt keine einfachen Lösungen und keine alles bestimmenden Gesetze des Schicksals. Die gute Nachricht ist: Um unserem Bedürfnis nach Sinnsuche nachzukommen, müssen wir keinen Gurus, Verschwörungstheoretikern und Esoterikern auf den Leim gehen, wir können unseren eigenen Verstand bemühen und mit philosophischen Mitteln nach Weisheit im Denken, Handeln und Fühlen streben."

    Klappe zu. Affe tot.

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  2. Ich denke, Esoterik füllt ist eben eine Art Religion, und wie auch schon hier im Blog meiner Erinnerung nach mal zu lesen war, haben wir einen Mangel an Religion. Sie hat in Form der Kirche gründlich ausgedient. Kirche ist altmodisch, von doofen Dogmen behaftet und so weiter. Esoterik hat ein frisches Kleidchen an.

    Ich war mal bei einer Party geladen, wo eine sehr esoterisch "bewanderte" Person einen anwesenden Physiker zum Thema "Energie" ausquetschen wollte. Er wollte nicht mitmachen. Mein Einwurf, dass spirituelle Energie vielleicht ein ganz anderes Konzept sei als die Energie im Sinne der Physik, sorgte für allgemeine Verwirrung.

    Ist die Naturwissenschaft nicht fast auch schon eine Religion geworden? Verstehen kann sie der Einzelne sowieso nicht mehr, wir sind quasi wie im Mittelalter auf Priester angewiesen, die sie uns vortragen. Und wir halten uns an ihr fest, wir sagen gerne Sätze wie: "Das ist wissenschaftlich erwiesen" – ohne zu wissen, was das eigentlich bedeutet, vielleicht nur, um uns sicher zu fühlen in Logik und Rationalität.

    Dazu kommt vielleicht, dass der Mensch sich nach Vereinfachung sehnt. Unsere Welt ist unüberschaubar, schon im persönlichen Leben können Kausalitätsbeziehungen manchmal nicht mehr hergestellt werden. Dabei predigt unsere (über)ratrionale Welt genau das: Logisch, quadratisch, gut. Was aber, wenn es nicht funktioniert? Und es kann nicht funktionieren, solange wir noch einen Rest Gefühl in uns haben, der uns die Geburt als Wunder und den Tod als ungerechte Tragödie empfinden lässt. Das gefühlte Erleben sprengt bisweilen das Rationale beträchtlich und das ist auch gut so, denn darin liegt der große Zauber, ohne den wir alle nur depressive Biomaschinen wären.

    Wir brauchen eine Lösung für die zunehmende Komplexität. Ich für meinen Teil versuche damit zu leben, dass ich sowieso den größten Teil der Welt nie wirklich verstehen werde. Wem das zu offen und zu unsicher ist, der braucht einen größeren Glauben. Neoliberaler denn je wie wir heute sind, bietet sich die Esoterik an, sie ist käuflich, vereinfachend, modern wirkend und fördert das Selbst-Schuld-Prinzip einer modernen Leistungsgesellschaft.

    Dass sie vielen Menschen am Ende womöglich nicht gut tut, unterscheidet sie nicht von anderen Religionen.

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    1. Vielen Dank für deine Ergänzungen und Erweiterungen. Ich habe großes Verständnis für jeden, der sich am Kopf kratzt und nach Antworten sucht. Mein Punkt ist einfach, man sollte nicht den erst besten Weg gehen und sich für blöd verkaufen lassen.

      Vielleicht kann da der mittelalterliche Ockham weiterhelfen: "Steht man vor der Wahl mehrerer möglicher Erklärungen für dasselbe Phänomen, soll man diejenige bevorzugen, die mit der geringsten Anzahl an Hypothesen auskommt und somit die 'einfachste' Theorie darstellt."

      Wenn man sich gezwungen sieht, komplizierte magische Kozepte in Stellung zu bringen, dann ist das ein gutes Indiz dafür, dass man auf dem Holzweg ist. Dann lieber mal das Unerklärliche auf sich beruhen lassen, es aushalten.

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    2. Das Sparsamkeitsprinzip hilft wirklich weiter, weil es besagt, dass man Entitäten nicht über das Notwendige hinaus vermehren dürfe, wenn der Sachverhalt mit eben dieser notwendigen Anzahl von Entiäten AUSREICHEND erklärt ist. Jetzt mag man dem Esoteriker vorwerfen, dass er eine Handvoll von Phänomene, die man nicht erklären kann (Spontanheilung, krasse neurophysiologische Veränderungen etc.) in sein Märchengewand kleidet, damit sein System davon profitiert - aber das heißt eben noch nicht, dass diese Phänomene nicht existieren, nur weil man die Analogien, die zur Vermittlung benutzt werden, abschießt.

      Kommt eben drauf an, was man will: Gruppierungen und deren Meinung diskreditieren, weil sie sich nicht an unterstellte Standards halten - oder zum Kern dieser Dinge selbst vordringen. Dann braucht es allerdings eigene Erfahrung. Und die macht man mit Techniken und Methoden. Und die kleidet man dann wieder in Analogien, wenn man meint, es wäre wert, sie zu kommunizieren ...

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    3. "Komplizierte magische Konzepte" finde ich ein bisschen erheiternd. Und ich denke, ich sehe es ähnlich. Bei einigen Esoterikern erlebe ich es aber so, dass da einfach eine gewisse (Selbst)Verblendung stattfindet. Denn die haben auch komplizierte magische Konzepte für ganz einfache Dinge. Lange habe ich das ganze Themenfeld abgelehnt, aber dann habe ich einen Menschen getroffen, der seine "Übersinnlichkeit" auf eine ganz eigene Art lebt. Und da ging's dann auch nicht mehr um Kupfereinlagen für die Turnschuhe und so nen Kram. Es gibt Menschen, die sich vom Glauben tragen lassen können. Das finde ich beneidenswert. Und natürlich gibt es zuhauf Menschen, die ihren Glauben als Ausrede benutzen, oder als Waffe, oder als Sonstwas. Aber die werden auch nicht getragen von ihm. (Mit Glaube meine ich hier auch Esoterik, aber auch z.B. den christlichen Glauben, denn ich kenne auch Menschen, die sich davon tragen lassen können.)

      Vielleicht gibt es sowas wie Magie. Oder sowas wie Gott. Oder ein Universum (als spirituelle Kraft). Oder wie die alle heißen. Aber vermutlich haben die alle mit dem Bild, das wir davon haben, nur sehr wenig zu tun. Vielleicht sind diese Konzepte nur Begriffe für eine innere Kraft, die wir nicht mehr anzapfen können, weil unsere Welt (wie ich immer wieder meine) zu rational geworden ist. Was wir nicht erklären können, wollen wir nicht haben. Was für eine Verschwendung!

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  3. "Die Visionen und Eingebungen, die Stimmen in den Köpfen der Schizophrenen wurden als göttlich oder teuflisch gedeutet."
    Und heute werden sie psychopathologisiert, könnte man auch sagen. :-) Es gibt spirituelle "Sozialarbeiter", die in psychatrischen Anstalten nach Menschen suchen, die nicht "ver-rückt", sondern "ent-rückt" sind im Sinne anderer Bewusstseinszustände, die man normalerweise nur durch Meditation oder Drogen erreicht. Sie geben ihnen dann die Möglichkeit, die Erfahrung eben ANDERS zu framen (wie man heute sagt), woraus sich die Chance ergibt, wieder ein alltagskompatibles Leben zu führen. Ganz ohne Pillen...

    Der Artikel klingt toll und stimmig... und doch: Es gibt tatsächlich MEHR im Menschen als nur die Ratio und deren Methoden und Ergebnisse. Sinnempfinden wird allein durch Denken eben nicht gewährleistet, sonst gäbe es nicht so viele Unglückliche, die zwar immer "vernünftig" gelebt haben, aber niemals ihre persönliche Erfüllung erreichten.

    Eine platte Denkverweigerung ist tatsächlich blödsinnig, doch angesichts der Tatsache, dass der Beobachter das Beobachtete verändert, ist gelegentliches Absehen vom Denken durchaus mal hilfreich. Man kann sich eben nicht gleichzeitig im Modus der Erfahrung UND in der Reflexion darüber befinden.

    "Man schätzt den Umsatz der deutschen Esoterikmarktes auf mehr als 25 Milliarden Euro jährlich. Zum Vergleich: Das ist weit mehr, als die Pornoindustrie jährlich weltweit umsetzt. "

    Wow! Das ist ja glatt ein Grund zur Freude: den Deutschen ist die Glücks- und Sinnsuche mehr wert als allen Porno-Konsumenten der Welt ihre Medien! :-)

    Was mich stört am Artikel ist das "alles in einen Topf werfen": vom Glauben an Armbänder und Kristalle bis hin zu den Schriften großartiger spiritualler Weiser und Mystiker.

    "Man kann zwar gemeinsam pendeln und Karten legen, aber man kann sich nicht gegenseitig erklären, was genau passiert. "

    Doch, man kann. Nur eben eins nach dem anderen, nicht gleichzeitig. Die sogenannten "divinatorischen Methoden" sind Dialoge mit dem Unbewussten, das mit diversen Mitteln "evoziert" werden kann. Was unser Unbewusstes ist, ist an sich schon ein ganz eigener Bereich der Wissenschaftsgeschichte - wobei sich Freud, Jung und erst recht neuere psychologisch-psychotherapeutische Konzepte ja durchaus vieler Methoden bedienen, die jenen des Schamanismus oder diversen magisch-spirituellen Praktiken aus alten Zeiten / anderen Kulturen ähneln.

    Für mich gibt es also nicht "die Esoterik", denn was darunter fällt und wie der Begriff gefüllt wird, ist allzu veränderlich und schillernd.

    Und NEUERDINGS stellt sich ja wieder die Frage der Religion, die in ihrem Innersten doch auch komplett irrational ist.Der Katolizismus hatte das EIGENE Gottes-Erleben durch das Monopol der Priesterschaft ersetzt, weshalb man sich nicht wundern muss, dass dadurch allerlei "Esoterisch-Mystisches" als Ketzerei daneben entstanden ist. Der Protestantismus ist dagegen ungemein verweltlich, wurde gar zur spirituellen Basis des Kapitalismus (=Fetischisierung von "Hard Working").

    Na, ein weites Feld...

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    1. Ja, in der Tat ein weites Feld das in einem Artikel nicht zufridenstellend beackert werden kann. Dennoch wollte ich schon so weit differenzieren, eben nicht die Schriften der Mystiker und Spirituellen in einen Topf zu werfen, deshalb schrieb ich ja:

      "Die Alchemie gehört in diese Geschichte genauso wie die Kabbala, Hildegard von Bingen oder die Steinmetze. Man kann sogar argumentieren, dass frühe esoterische Strömungen mit ihren philosophischen Fragestellungen unsere modernen Wissenschaften mitbegründet und erst ermöglicht haben. Was daraus allerdings geworden ist, ist traurig..."

      Ich widerspreche dir jedoch wehement, dass Esoterik dabei helfen kann, dem durchs Denken bisher nicht erklärbaren näherzukommen (in Einzelfällen möglich, aber nicht systematisch). Vielmehr ist es umgekehrt: Nicht der Philosoph oder Wissenschaftler hat Probleme, die Anwesenheit von Unerklärlichem zu ertragen: "Esoteriker wie Okkultisten ertragen offensichtlich die Tatsache nicht, dass uns Menschen vieles unbekannt und verborgen ist und schreiben sich ein Wissen und auch Macht über das Unbekannte und Verborgene zu. Dies mag ihren Wünschen entsprechen, nicht aber der Wirklichkeit." Wie sonst ist die Flucht ins Mystische zu erklären, wenn nicht durch die Unfähigkeit, das Unerklärbare auszuhalten? Hielte man es aus, müsste man nicht irgendwelche abstrusen Theorien erfinden.

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  4. Also ich empfinde gerade den Drang zur Erklärung und Beschreibung, ganz ebenso wie das darauf folgende "Macht ausüben" bzw. "nutzen wollen" als zutiefst menschlich. Gerade DARIN unterscheiden sich doch Myster, Esoteriker und Wissenschaftler nicht. Man will WISSEN - mindestens, meist aber auch nutzen. Oder etwa nicht?

    Und ist es nicht tatsächlich so, dass wir allein schon durch "zur Sprache bringen" über ein Phänomen eine gewisse Macht gewinnen? Das wird in alten Märchen kolportiert, wo es wichtig ist, den NAMEN des jeweiligen Geistes zu kennen, um ihn zu "bannen" - aber auch heute im von neuzeitlicher Wissenschaft durchsetztem Alltag ist das ständige Praxis. Wer etwa das eigene leidvolle Empfinden als "Depression" erkennt bzw. sich dieser Diagnose anschließt, wird nicht mehr glauben, dass das Leben grundsätzlich unerträglich ist und es 1001 Gründe gibt, sich umzubringen. Ganz ebenso bringt die Diagnose "Burnout" Entlastung vom Glauben, man sei eben individuell ein totaler Versager...
    Auch die Neuschöpfung von Begriffen wie "Shitstorm", "Wutbürger", "Gender-Wahn" und viele andere sind immer auch Versuche, Phänomene zu beschreiben und letztlich zu beherrschen - mal ganz abgesehen davon, ob in jedem Fall "bennannt = gebannt" immer klappt.

    Um das Thema auszuloten, wäre es sicher hilfreich, mal ein Einzelphänomen zu beleuchten und die verschiedenen Sichtweisen darauf beispielhaft vorzustellen. IRGENDWIE wollen wir doch alle verstehen,,, und nicht immer ist die moderne wissenschaftliche Form eine besonders nützliche. Beispiel: Placebo-Effekt.

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    1. Gute Punkte!

      Es mangelt mir auch nicht an Sympathie und Verständnis für das Verstehenwollen. Ich will nur darauf hinweisen, dass es verschiedene Wege dafür gibt und manche Wege deutlich schlechter sind, als andere.

      Das ist meine Perspektive, schon klar und deshalb werte ich auch sehr deutlich. Ich will eben nicht aus Verständnis für das Allzumenschliche jede Lösung tolerieren, sondern klar Stellung gegen Esoterik beziehen.

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    2. Warum willst du "klar Stellung beziehen" gegen etwas, das nicht mal richtig abgrenzbar ist? Grade hab ich dir ein paar Alltags-Beispiele gegeben, die man sowohl als Alltagsmagie/Esoterik ansehen kann, als auch - modern gesagt - als angewandte Psychologie. Die Wirksamkeit ist jederzeit zu beobachten - warum möchtest du denn da pauschal "dagegen Stellung beziehen"???
      Jetzt lass ich es aber gut sein, schließlich find ich das nur einfach interessant und will dich nicht nerven.

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    3. Man "erkennt" Depression an den Symptomen, die leidlich bekannt sind. Man kann niemand eine Depression aufschwatzen, der "aktiv" ist und frei in allen Sinnen ist. Daß man 1001 unerquickliche Dinge des Lebens an sich ranlässt, das ist Depression. Depression ist nicht "normal". Sie geschieht u.a., wenn die Filtermechanismen a) nicht mehr funktionieren und b) kein Gegengewicht mehr in Form einer autonomen Lebenslust existiert.

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    4. Schönes Zitat von Vince Ebert auf Bitte Nachdenken gefunden:

      Wenn ich (...) behaupte 'Im Kühlschrank ist Bier', bin ich Theologe. Wenn ich nachschaue, bin ich Wissenschaftler. Wenn ich nachsehe, nichts finde und trotzdem behaupte, es ist Bier drin – dann bin ich Esoteriker!"

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    5. Ich denke schon, dass der "Drang zur Erklärung" Wissenschaftler und Gläubige (sei es Gläubige im Sinne von Religion oder Esoterik) unterscheidet. Der Gläubige sucht nach Bestätigung für seinen Glauben unabhängig von rationalen Argumenten, ein Wissenschaftler sucht nach Wahrheit.

      Der Begriff Glaube bezeichnet ja gerade eine feste Überzeugung, die eben nicht erklärbar ist (sonst bräuchte man ja nicht glauben). Ich frage mich immer: Muss ich für Dinge, die ich nicht weiss, eine feste Überzeugung haben? Ich ziehe es vor - ganz ohne Glauben - meine Unwissenheit zu akzeptieren.

      Aus wissenschaftlicher Sicht ist Glaube eigentlich nichts anderes als eine Hypothese. Nun kann man versuchen, diese Hypothesen zu begründen oder zu widerlegen (was ein Wissenschaftler tun würde) oder einfach - unabhängig von Fakten - daran festhalten (was der Gläubige tut).

      Hinzu kommt, dass ja grade in vielen religiösen und esoterischen Strömungen der Zweifel verteufelt wird. Das heißt: Dem "wahren" Gläubigen ist die Suche nach möglichen Widerlegungen sogar verboten.

      Dagegen klar Stellung zu beziehen, finde ich jederzeit gut.

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  5. Ich sehe das Problem des Artikels nicht. Moderne Formen der Esoterik schwingen ganz in ihrem Element, sind auf Sendern, oder irgendwelchen Youtube-Gemeinden unterwegs. Sie stellen sich aber nicht vor die Universitäten und protestieren oder schreiben gelehrte Bücher, die sie in die Bibliotheken in die exoterischen Bereiche schmuggeln. Etwas besseres kann einer sich aufklärenden Gesellschaft nicht passieren. Ich finde nicht, dass Esoterik als soziales und kulturelles Gut betrachtet werden kann, nicht als Tabu, solange es nur um den Umsatz auf irgendwelchen Buchmärkten geht und nicht darum, dass Esoteriker ihr Wunschdenken in die weiten Teile geistvoller und wissenschaftlicher Öffentlichkeit hinein tragen. Das ist nicht dasselbe.

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  6. "An allem Anfang aber steht die Vernunft, unser größtes GUT. Aus ihr ergeben sich alle übrigen Tugenden von selbst, ja, sie ist sogar wertvoller als das Philosophieren."

    (Epikur, Brief an Menoikeus)

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  7. Ich habe Esoteriker kennengelernt, die nicht nur vom Brot träumten, sondern dieses im Brotkarb fanden und aßen. Und ich habe Wissenschaftler kennengelernt die in extremer Situation (Krebserkrankung) zu esoterischen Heilern pilgerten.

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