23. Juli 2017

Zu einer mehrdimensionalen Lebenskunst

Ginge auch beides?

Wer hat sie nicht, diese zwei Seelen in der Brust? Anspannen oder entspannen? Fitness-Center oder Couch? Mehr wollen oder sich mit dem zufrieden geben, was man hat? Karriere oder Ausstieg aus dem Hamsterrad? Wie bei allen dualen Entgegensetzungen vermute ich auch hier, dass ein Entweder-Oder nicht der richtige Ansatz sein kann. Eigentlich will ich doch sowohl das eine, als auch das andere. Anfang des Jahres war ich in einem ausführlichen und wirklichen guten Coaching, nach dessen Ende ich ein Kärtchen mit einem Slogen darauf überreicht bekam, er lautete: "Ginge auch beides?" Ich brauchte einen Moment, um mich damit anfreunden zu können und dann begriff ich, dass es mich nicht etwa als gierig beschrieb, sondern dass es mir meistens um ein Sowohl-als-Auch geht.

Die Frage, ob man sich lieber mit wenig zufrieden geben sollte oder doch ständig nach mehr streben sollte, ist eine klassische Frage der Lebensphilosophie, findet auch das neuste Philosophie Magazin mit dem Titel "Will ich zu viel – oder zu wenig?" Es gab schon in der Antike Stoiker, die auf der einen Seite Mäßigung in allen Lebensfragen anmahnten und Sophisten auf der anderen Seite, die vermuteten, dass das Predigen von Bescheidenheit ein Versuch der Schwachen sei, die Starken in ihrem Vorwärtsdrang zu bremsen (Nietzsche nannte das dann "Sklavenmoral").

Intensität als Versprechen des Seins (Burning Man CC BY 2.0)

Der naturalistische Fehlschluss, ein Blick in die Menschheitsgeschichte

Dabei unterlagen beide Seiten in ihrer Argumentation einem der häufigsten Fehlschlschlüsse, denn sie meinten aus der Natur ablesen zu können, dass alles entweder den Gesetzen der Mäßigung zum Zwecke der Selbsterhaltung oder aber einem natürlichen Drang nach immer mehr, das vor allem den Stärkeren zugute käme, zu gehorchen hätte. Selbst wenn man entscheiden könnte, dass das eine oder andere eine Naturgesetzlichkeit wäre, folgte daraus keineswegs, dass das eine besser als das andere sei. Als Beispiel: Ich habe die tägliche Freude, einem nun Einjährigen beim Aufwachsen zusehen zu können. Dabei beobachte ich, dass er nun, da er anfängt selbst zu essen, soviel in seinen Mund stopft, wie er nur greifen kann. Links die Aprikose, rechts den Zwieback und alles zurselben Zeit in den Mund und gleich anschließend, ohne überhaupt gekaut und geschluckt zu haben, wird schon nach der Ananas und dem Trinkbecher gegriffen. Ich bin da etwas kultivierter und esse nacheinander und nur solange, bis ich denke, das reicht, wenn ich auch noch nicht ganz satt bin.

Man könnte daraus schließen, dass mein Verhalten gelernt ist und dass das ursprüngliche Verhalten, das ich bei meinem Sohn beobachte, das natürlichere ist. Aber ist es das bessere, weil es natürlicher ist? Nein, heute nicht mehr, denn wir leben in Zeiten des Überflusses. Zu Zeiten der Jäger und Sammler war die Gier ein natürlicher Überlebensgarant, denn man fand meistens nicht viel zu essen. Wenn man dann einmal ein größeres Beutetier erlegen konnte, dann kam es zum Gelage und alle schlugen sich die Bäuche voll, bis die Beute verspeist war. Kühltransporter zum Aufbewahren und Transportieren verderblicher Waren gab es schließlich nicht. Es war durchaus möglich und üblich, viele Tage kaum etwas zu essen, wenn man sich nur ab und zu richtig den Bauch vollschlagen konnte.

Das war ganz natürlich, aber war das auch gut oder wenigstens gesund? Nein, wir leben heute mit der ständigen Verfügbarkeit ausreichender Nahrung viel besser und gesünder (und auch länger), wenn wir uns zu mäßigen wissen und müssen unsere Körper nicht aushungern, um sie dann plötzlich mit zu viel Nahrung zu überfordern. Und genauso ist es umgekehrt: Wäre die Mäßigung ein natürliches Prinzip, so folgte daraus nicht, dass sie auch ein moralisches Prinzip wäre. Es kommt eben darauf an, in welchen Umständen wir leben: Wenn ich viel habe und mein Nachbar hungert, dann wäre es durchaus ein moralisch gebotenes Verhalten, mich zu mäßigen und meinem Nachbarn etwas abzugeben. Das Prinzip ist dann aber nicht Mäßigung, sondern eher so etwas wie Empathie aus Mitmenschlichkeit heraus.

Aktiv oder Passiv?

Aber zurück zur Frage, ob wir nun aufwärts, vorwärts und nach mehr streben sollten oder ob wir uns lieber zurückziehen, bescheiden und unauffällig leben sollten, um unsere Umwelt und Mitmenschen nicht zu behelligen und gleichzeitig selbst entspannter oder achtsamer existieren zu können. Die Menschheitsgeschichte scheint uns nahezulegen, dass eines ihrer Prinzipien der Fortschritt ist. Aber wie wir gerade gelernt haben, ist das deshalb noch nicht gut. Wir profitieren jedoch davon auch als Individuen: Wir leben im Norden angenehmer und gesünder mit Heizung, wir leben risikoärmer seit Pasteur, wir hauen uns nicht mehr ständig gegenseitig die Köpfe ein, seit wir die zwischenstaatliche Diplomatie in den Vordergrund stellen, die Säuglingststerblichkeit ist stark zurückgegangen, während unsere Lebenserwartung immer weiter gestiegen ist und so weiter.

Wir sind schon lange vom Haben zum Sein gekommen. Heute geht es in unserer Gesellschaft kaum noch darum, mehr von dem ganzen Zeug zu besitzen, es geht vielmehr darum, das eigene In-der-Welt-Sein zu intensivieren, wie man im Interview mit Tristan Garcia nachlesen kann: "Intensität ist ein Versprechen des Seins, nicht des Habens." (Philosophie Magazin 05/2017, S. 54) Jeder Manager macht heute irgend einen Extremsport oder rennt wenigstens einmal im Jahr einen Marathon. Statussymbole sind weniger der Porsche als ein Ticket für die Mount Everest Besteigung. Wenigstens ein Trip in die Wüste zum Burning Man Festival muss drin sein. Für die mit weniger Geld bleiben andere Formen der Intensivierung des Erlebens, seien es Alltagsexzesse mit Alkohol und anderen Drogen oder auch eine Erhöhung des Verzichts zur eingenen als moralisch gut erlebten Existenz im Veganismus und Minimalismus.

Downsizing und -shifting, Minimalismus, Verzicht auf Fleisch oder gar alle tierischen Produkte, Ausstieg aus der ewigen Mühle der Erwerbsarbeit, Rückkehr zur Handarbeit, Regression im Garten oder auf dem Land – all das sind auch für mich attraktive oder zumindest sympathische Modelle der Existenz. Auf der anderen Seite ist da das persönliche Wachstum an den Herausforderungen in der Gesellschaft, der Liebe und Partnerschaft, der Familie, der Arbeit. Dieses Wachstum ist für mich ebenso wichtig, denn es bedeutet, dass ich Neues lerne, dass ich meine Fähigkeiten ausbaue, ein runderer Mensch werde, dass ich Sinn im Austausch mit anderen erlebe, dass ich helfen kann, Verantwortung für mich und andere trage. Für manche wird das am Ende ein neuer Suchtfaktor: die Macht.

Eine neue Balance ist möglich und nötig

Wieso sollte man sich heute denn festlegen auf entweder Karriere oder Ausstieg? Das ist doch gar nicht nötig. Nötig ist vielmehr eine neue Geschmeidigkeit im Leben, eine neue Balance. Und das beste ist doch, dass die Gesellschaft es – zumindest bei den gut ausgebildeten – auch zulässt. Klar habe ich eine Karriere, aber ich war im Leben auch schon drei Mal arbeitslos gemeldet und habe Unterstützung bezogen, ich habe knapp acht Jahre studiert und dabei viel abgehangen, viel gefeiert und bin rumgereist. 2011 habe ich nach sechs Jahren häuslichen Wohlstands ein halbes Jahr aus dem Koffer gelebt und entweder in tristen Absteigen oder auf den Sofas von Freunden und Kollegen geschlafen. Und immer wieder nehme ich im Beruf oder zwischen verschiedenen Anstellungen eine Auszeit. Der Zeit eines anstrengenden Wachsens an beruflichen Herausforderungen folgt eine Zeit des Zur-Ruhe-Kommens mit der Familie, in der Natur, im Reflektieren. Wolfram Eilenberger schreibt im Philosophie Magazin zu einer mehrdimensionalen Lebenskunst:

"Gerade in Existenzen, die sich in weit mehr als einer Rolle zu suchen und zu finden haben, also modernen Existenzen, wäre neben dem Drang zur ständigen Vertiefung des eigenen Erfahrens auch der Mut zu dessen partieller Verflachung erforderlich. Das heißt konkret: das rhythmisierte, absolut schuldfreie Zulassen von Dumpfheit und kontrastfreier Leere. Nicht als eigentliches Ziel, sondern als ermöglichende Etappe, auf zu den neuen und durchaus ehrgeizig aufzusuchenden Intensitäten, die unsere Existenz potenziell in jedem Moment bereithält." (Philosophie Magazin 05/2017, S. 49)

Also: Ginge nicht auch beides? Im Nichtstun versumpfen, zu sich selbst kommen, Muße finden und Reflexion üben. Und auf der anderen Seite machen, schaffen, vorwärtskommen, weiterlernen, aufsteigen. Ich meine ja, ich meine sogar, dass beides nötig ist. Ich erlebe diesen Rhythmus von Anspannen und Entspannen im Leben als sehr bereichernd, ja intensivierend. Er bringt Kontraste in ein Leben, dass ansonsten auch langweilig und gleichförmig sein könnte. Was ich an mir in den Zeiten des Entspannens auch beobachte, ist eine starke "Erdanziehungskraft". Wenn ich erst mal ein paar Tage auf der Couch liege und abhänge, dann könnte ich dort auch versumpfen. Es braucht eine ziemlich große Anstrengung, den sprichwörtlichen inneren Schweinehund zu überwinden und wieder aktiv zu werden. Auch darum bin ich ganz dankbar für diese der Erdanziehungskraft entgegengesetzte "Vertikalspannung", die sowohl aus mir selbst heraus als auch aus den gesellschaftlichen Anforderungen erwächst. Ich vermute, dass es zu einfach ist, sich niedersinken zu lassen und nichts zu tun. Und das wäre eine Anspruchslosigkeit, die ich nicht zu meinem Leben werden lassen wollte. Ich habe regelrecht Angst davor.



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Auch mich treibt das um.
    Ich will manchmal SEHR VIEL, erlebe mich im Sekundenrausch, in Hektik, weil ich "alles umfassen möchte".
    Gestern gab es die andere Seite: Ich lies los und schlief ein Weilchen auf dem Schlafsessel: Eie merkwürdige, aber als angenehm empfundene Leere nahm ich wahr, als ich ab und an aufwachte. Was war das schön, sich als vollkommen leer zu empfinden. Wenn Dinge von einem abfallen...

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    1. Ja, super dass du das kannst. Nicht allen ist es beschieden, beides gleichermaßen zuzulassen. Gelingt es dir auch in größeren Zeitabschnitten, also z.B. ein Jahr arbeiten und dann man drei Monate Pause?

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    2. Vielleicht entstand ein falscher Eindruck von grundsätzlicher Befähigung zu beidem - Aktivität und Passivität, durch ungenaues, schnelles Kommentieren meinerseits?! Jedenfalls bin ich sehr oft der Getriebene, auch weil ich GLAUBE, vieles im Leben versäumt zu haben. Bestimmtes!
      Meditieren ist mir z.B. nicht so zugänglich. Aber schlafen kann ich, gerade wenn ich mich müde bin und mich unproduktiv fühle. Oder einen Spaziergang unternehmen.

      Diese Option, von Der Du sprachst, habe ich noch nie ausprobiert!
      Abgesehen davon, daß ich bald nicht mehr arbeite: Ich würde ungern so etwas ausprobieren wie etwa eine längere Zeit eine Auszeit machen, etwa in einem spirituellen Retreat.
      Es erwächst die Gefahr (?), daß man nach längerer Auszeit nicht mehr zurück will oder sogar kann (weil es einem plötzlich "körperlich" nicht mehr möglich ist). Diese Eventualität gilt es zu bedenken. Aber die allermeisten kommen ja mit einem radikalen Wechsel zurecht, sagt man.

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    3. Ja, das ist sicher eine potentielle Gefahr, dass man dann nicht mehr will. Ein Retreat habe ich selbst auch noch nicht gemacht, meditieren ist auch nicht mein Ding. Meine Auszeiten waren immer eher für persönliche gestaltete Zeit oder für meine Familie. Es ist dann schon schwer, wieder in den Arbeitsalltag zurück zu gehen. Aber auf der anderen Seite ist es auch schön, denn ich will ja diese Aktivität und sie bewahrt mich davor, völlig zu versumpfen. Das wäre nämlich meine Gefahr, wenn ich unendlich Auszeit hätte. Vor diesem Stillstand habe ich auch Angst.

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  2. Beim Lesen dieser Seite heute bin ich zu Beginn erheitert, dann auch begeistert, dann aber auch nachdenklich geworden über mich selbst. Ich glaube, dass ich noch viele Anteile eines unbewussten Willens habe. Ein bewusster Wille ist das Mittel, dass man sich selbst auch so steuern kann, dass solche unkontrollierten Dinge weniger passieren, dass man über das Ziel - kann auch gedanklich sein - hinausschießt, ohne dass man es ja selbst bemerkt, also vorher, sonst würde man nicht über das Ziel hinausschießen. Das ist dann nach meiner Ansicht durch einen unbewussten Willen passiert. Hinterher kann man sich dann sagen, jetzt reguliere ich das nach, indem ich das Kontrastmittel der Ruhe einlege.

    Bei einem bewussten Willen passiert das aber schon vorher, man hat einfach eine klarere Sicht aus Erfahrung und vielleicht auch mehr Selbstreflexion darüber, was eigentlich der eigene Wille bedeutet.

    So ist der Wille für mich auch Energie. Deswegen finde ich die Gegenüberstellung mit den beiden Begriffen "Erdanziehungskraft" und "Vertikalspannung" eine sehr passende Metapher, ein Bild, das mir sagt, dass, wer diese Kräfte gut ausbalancieren kann, auch in eine gesunde Balance findet.

    Eigentlich ist das auch eine Kunst und hat für mich auch viel mit Kultur zu tun. Ich kann es auch eine gute Selbstbeherrschung nennen. So gut, wie man sich selbst kennt, so spiegelt das auch die eigene Selbstbeherrschung wider.

    Für mich eigentlich eine Herkulesaufgabe. Aber Herkulesaufgabe möchte ich es eigentlich auch nicht nennen, eben besser dann so, dass man sich darin üben muss - Schritt für Schritt. Aber wenn der Wille in vielen Anteilen unbewusst abläuft, dann ist das für mich teilweise auch immer noch ein Rätsel.

    Trotzdem sieht man ja, dass es funktioniert mit dem bewussten Willen, denn diese Anteile hat man ja auch.

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    1. Vielen Dank für diese Gedanken. Das mit dem Willen ist so passend und kommt bei mir so gar nicht vor. Schopenhauer und Nietzsche haben z.B. zu dieser Problematik genau den Willen in Visier gehabt, jeweils mit entgegengesetzten Ergebnissen. Schopenhauer wollte Abschied nehmen von diesem ewig drängenden Willen und Nietzsche wollte auf ihm durch seine Existenz reiten. Dass es gilt, diesen Willen dann bewusst zu machen, ist etwas das dann erst Freud so explizit thematisiert.

      Ja, natürlich ist es eine nie endende, schwere Aufgabe für alle von uns, in der wir nur durch andauernde Einübung langsam besser werden. Und schon sind wir bei der Vertikalspannung, denn niemand übt, der nicht von oben gezogen wird. Es geht meiner Meinung nach auch nicht um Perfektion, sondern um eine Annäherung, um ein Besserwerden. Ganz souverän werden wir nie, aber hier und da etwas bewusster, das geht.

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