16. August 2014

Warum wir nicht wissen, was wir wollen

Wie können wir heute überhaupt noch etwas wollen?


Ist es schwerer geworden, heute noch etwas zu wollen? Was ist anders geworden? Schaut man die letzten hundert Jahre zurück, so ist an die Stelle der Alternativlosigkeit des Individuums (wer König war, blieb König; wer Bauer war, bleib Bauer) heute eine Überforderung durch ein Übermaß an Optionen und Ambitionen getreten. So diagnostiziert nicht nur Sloterdijk (Die schrecklichen Kinder der Neuzeit) die heutige Tragik der Freiheit und des Überflusses, die uns ratlos fragen lässt: "Was will ich eigentlich?"

Tragik des Übermaßes an Optionen überall (Jeremy Zilar via Flickr CC)

Überfluss an Optionen und Zwang zum Optimum

Durch das Übermaß an Optionen, an noch zu verwirklichenden Lebensentwürfen, an zu bereisenden Orten, an potenziell zu treffenden erotischen Partnern, ja Übermaß sogar in der Auswahl an Waschmitteln, sehen wir uns ständig dem Zweifel gegenüber, ob wir die beste Wahl getroffen haben. Ob es nicht noch besser geht? Am Ende wollen wir gar nicht genau dieses Waschmittel, diesen Urlaub, diese Arbeit oder genau diese Frau. Statt dessen wollen wir das Beste und können uns nie sicher sein, es auch erlangt zu haben. Auf die Frage, was wir denn nun wollen, haben wir mit "das Beste" immer noch keine Antwort.

Wollen müssen

Einen weiteren Grund, warum das Wollen so schwer geworden ist, zeigt der Philosoph Robert Pfaller mit Hinweis auf Alain Ehrenberg auf. Er meint, unserem Wollen gehe deshalb die Luft aus, weil wir in unserer heutigen Gesellschaft ständig wollen sollen.

"In einer Gesellschaft, in der man nicht darf, was man will, [...] kommt es zur Neurose. In einer Gesellschaft aber, die vorgibt: Leb dich aus, hab Sex, relax! - da wissen die Leute plötzlich nicht mehr, ob sie diesen Ermunterungen auch wollend entsprechen können." (Philosophie Magazin, Nr. 5 / 2014)

Das funktioniert nicht nur bei Kindern: Das begehrte Objekt verliert an Attraktivität, wenn es einem aufgedrängt wird, was hingegen verboten ist, weckt Begierden.

Zusätzlich zum Überfluss der uns überfordernden Alternativen kommt also noch die Problematik, dass wir gar nicht mehr selber wollen, sondern dass unser Wollen in der Form angewiesen wird, dass wir möglichst das Optimum für uns selbst herausholen sollen. Wir haben das fremdbestimmte Wollen unter dem Stichwort der Entfremdung bereits im Artikel Es gibt keine Identität ohne Masken besprochen. Hier hilft uns nur eine Offenheit gegenüber dem, was ohnehin geschieht und eine Bereitschaft, das dann auch zu wollen, wenn es zu uns passt.

Zurück zum eigenen Willen

Gegen die frühere Alternativlosigkeit der Existenz war kein Kraut gewachsen. Es gab keine zur Verfügung stehenden Techniken oder erlernbaren Kompetenzen (Gewalt und Verbrechen mal ausgenommen), die meine Optionen erweitern konnten - alternativlos eben. Der heutigen Überforderung stehen wir aber keineswegs machtlos gegenüber. Durch gesellschaftliche Veränderung, Erziehung und Bildung mit Fokus auf das Erlernen von Kompetenzen für die Handhabung unserer Welt der vielen Optionen oder eben auch die individuelle Verantwortung fürs eigene Leben, seine Anpassung an die (zum Teil selbst definierten) Erfordernisse und eine Offenheit gegenüber ihren Optionen können wir all das zu unserem Vorteil nutzen.

Dazu, so der philosophische Bestsellerautor Rolf Dobelli (u.a. Die Kunst des klaren Denkens), gehöre es auch, die Dinge auszuprobieren, die sich anbieten. Nur allein vom Durchdenken der möglichen Lebensentwürfe oder vom Lesen all der Inhaltsstoffe des Waschmittels kann man keine gute Wahl treffen. Es zeigt sich in der Anwendung, in der Praxis, ob es gut ist. Zumal sich unsere Vorlieben und Ziele auch ändern und es keinen Garant dafür gibt, dass mein Ich mit 40 die Wahl meines Ichs mit 20 immer noch gut findet. Das Risiko ist freilich beim Waschmittel viel geringer als in der Berufs- oder Partnerwahl.

In dieser Krise des Wollens, haben wir, soweit ich sehe, drei Möglichkeiten:
  1. Wir legen uns gar nicht fest und halten all unsere Optionen offen. Das ist die überall zu beobachtende Weigerung, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. 
  2. Wir legen uns fest und leben mit dem nagenden Zweifel, dass wir das Beste verpassen. Das macht uns am Ende verrückt. 
  3. Wir verstehen, dass wir nie im Optimum ankommen, weil leben immer auch bedeutet, (falsche) Entscheidungen zu treffen und sich mit Gegebenheiten anzufreunden und machen das beste daraus.

Nach dem wir uns klar gemacht haben, dass es ohnehin keine dauerhaft richtige Wahl gibt, können wir uns ja wenigstens an dem orientieren, was wir nicht wollen. Das ist doch auch schon mal ein Hinweis, der uns die Entscheidungen leichter fallen lässt: Auf keinen Fall das auf Dauer wählen, was ich nicht will! Die anderen Optionen einfach mal ausprobieren. Und vielleicht hilft uns zur nötigen Lockerheit auch Sokrates' Ratschlag: "Mach, was du willst, du wirst so oder so unglücklich werden."



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Kommentare:

  1. Guten Tag und vielen Dank für den Artikel.

    Das eigentliche Problem besteht doch darin, dass wir uns mit allem beschäftigen, was uns die Gesellschaft vorgibt, nur nicht mit uns selbst, wenn wir allerdings nicht in der Lage sind, uns mit uns selbst zu beschäftigen, können wir auch nicht wissen was wir eigentlich wollen. Wir denken wir müssen das Wollen, was uns die Gesellschaft vorgaukelt und der Gesellschaft respektive der Wirtschaft ist das mehr als recht. Sie wird diesen Zustand solange wie möglich aufrecht erhalten.

    Herzliche Grüße!

    Janett Marposnel

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    1. Wenn man sich mit seinen Bedürfnissen beschäftigen will, sollte man Abstrakta wie "Gesellschaft" und "Wirtschaft" besser nicht zu Agenten machen, schon gar nicht personalen, die einen bedrängen oder betrügen. Die Gefahr besteht sonst leicht, dass die aufkommenden Motive und Themen von einer gewissen Reaktanz überlagert werden, die schwer zu isolieren ist.

      Die Gesellschaft, das sind wir alle - und auch "die Wirtschaft" wird nicht von Aliens kontrolliert, die seltsam unnatürliche Bedürfnisse erzeugen. Selbst wenn man meint, durch einen "Blick in sein Innerstes" die ureigensten Bedürfnisse zu verorten: Eine kurze Recherche bei amazon wird ergeben, dass mindestens hundert Schriftsteller Ähnliches gefunden haben.

      Der Pferdefuß bei so gut wie allen Lebensphilosophien, die eine Natur-Kunst-Dichotomie aufmachen: Derjenige, der den "natürlichen Weg" geht, fühlt sich schnell überwältigt von der "Künstlichkeit" der Welt. Und da steht er dann, der Mensch des Nanozeitalters - im Kaufgeschäft überwältigt von der Vielzahl der Spaghettisaucen. Umdenken? Iwo - heute, wo die Natur dank Buddha, Laotse, Shiva und Konsorten so viele andere Gesichter haben kann. Und egal, wie groß die kognitiven Dissonanzen angesichts der Andersartigkeit der Welt werden: Man hat immer recht.

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  2. So wie ich das sehe gibt es noch eine 4. Option – nämlich den Weg des Minimalismus. Wo es nicht mehr darum geht von allem möglichst viel zu haben sondern sich zu fragen, was man selbst will und das Leben bewusst so zu reduzieren, dass man sich der Vielfalt und der Fülle an Möglichkeiten entzieht.

    lg
    Maria

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    1. Danke, das ist eine super Ergänzung! Geht aus meiner Perspektive am besten einher mit einem Erwachsenwerden wie in Option 3, oder?

      Ich meine Krise des Wollens gar nicht unbedingt nur in Bezug auf physische Objekte, sondern auch in Bezug auf Familie, Urlaub, Karriere... Lebensentscheidungen. Wie kann hier der Minimalismus helfen?

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    2. Minimalismus bedeutet auch, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sich immer wieder die Frage zu stellen, was will ich wirklich?

      Und dann ganz zu der Entscheidung stehen und darin aufgehen. Das macht wirklich zufrieden und glücklich.

      lg
      Maria

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  3. Hier kann der Minimalismus vielleicht helfen, indem man sich etwas Zeit für sich nimmt. Ja, ich weiß leichter gesagt, als getan. Aber ich merke das gerade an mir selbst, dass ich z.B. den Rechner auslasse (Facebook ganz meide), meinen Partner nicht zu oft sehe, mein Studium zwar weiter beginne demnächst, aber alles halt etwas langsamer und bedachter...bewusster halt. Und ich bin eigentlich ein ehrgeiziger Mensch und möchte viel erreichen, nur dann bin ich irgendwann atemlos und das kann es halt auch einfach nicht sein. Die Frage, wofür man was macht? Diese hat mich beschäftigt unter den vielen Fragen und ich bin momentan einfach zu der Erkenntnis gekommen, dass manchmal weniger mehr ist.
    Allein ein Spaziergang tut mir gut. Letztens bin ich mit einer Freundin aus der Kindheit über ein Feld spazieren gewesen und auf einmal waren alle Sorgen und die Fragen nach dem Wollen weg.
    (Bis wir dann bei ihr waren und wir beide einfach nur Appetit hatten! :D)

    Vielleicht weiß man wirklich was man will, wenn man etwas aus der Distanz betrachtet? (Und ganz ehrlich, neben all den Einflüssen im Alltag, den ganzen Reizen, den Erwartungen aller ist es meiner Meinung nach nicht verwunderlich manchmal nicht zu wissen, was man SELBST will und das man den Wunsch nach Freiheit und Stille hat.)

    Das sind meine spontanen Gedanken dazu.
    Wünsche euch einen schönen Sonntag.

    Maria S.

    PS. Kloster ist auch nicht schlecht. Da war ich mal vor Jahren für eine Woche. Viel Stille, viel Zeit. Aber soweit muss es nicht kommen. Man kann seine eigene Stille in sich selbst schaffen.

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  4. Eine Frage, die sich mir nach Lesen der Kommentare aufdrängt: Warum um alles in der Welt soll ich denn herausfinden, was ich WIRKLICH will? Warum muss ich denn unbedingt etwas wirklich wollen? Ist das nicht der Punkt des Beitrags? Das Wollenmüssen? Wollen im engeren und weiteren Sinne impliziert für mich einen Mangel. Was nicht heißen soll, dass ich frei von Wünschen wäre. Im Gegenteil, der Beitrag bringt vieles in mir zum Klingen. Allerdings merke ich für mich im Alltag, dass ich mich leichter fühle, wenn ich mich auf das konzentriere was ich habe, statt auf das was ich will. Schon in den Kleinigkeiten im Alltag. Das klappt oft nicht. Aber wenn es klappt, fühle ich mich lebendig, mehr am Leben teilhabend. Und so Manches findet mich, kommt wie von selbst zu mir, von dem ich wetten könnte, dass ich es irgendwann mal gewollt habe ;-)
    S.

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