Gebrochene Selbstaffirmation unter den Bedingungen des digitalen Kapitalismus
Gerade lese ich Steffen Martus' Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute (Berlin 2025). Das Buch taugt nicht nur als literaturwissenschaftliches Werk unter besonderer Behandlung der jeweiligen "literarischen Felder", in denen alle Autoren und ihre Veröffentlichungen spielen. Es taugt ganz besonders auch als soziopolitische Betrachtung unserer Gegenwart. Selten habe ich die derzeitig überaus verwirrenden gesellschaftspolitischen Entwicklungen (also eigentlich Verwicklungen) so auf den Punkt gebracht und aus großer Flughöhe analysiert bekommen.
![]() |
| XKCD: Duty Calls |
Die eigene Befindlichkeit als ein und alles
Ein Grund für die Schwierigkeit der Gegenwartsanalyse ist ja der mangelnde zeitliche Abstand zum Untersuchungsgegenstand. Bei Martus liest man aber über Dinge, die heute geschehen, als seien sie aus geschichtlicher Perspektive mit großem Abstand beobachtbar. Immer wieder kommt er auf die offenbare Krise der Demokratie zu sprechen, die natürlich gerade auch in der Literatur behandelt wird. Besonders die Literatur, die Martus "Autosoziobiographie" nennt (Anke Stelling, Daniela Dröscher, Christian Baron), erkläre "die eigene Befindlichkeit und die Realisierung des eigenen Selbst zu einem wichtigen Gradmesser sozialer Gerechtigkeit." Daran schließen sich die zwei unten zitierten Absätze an, die mir so glasklar einen Hauptaspekt unseres derzeitigen gesellschaftlichen Seins auf den Punkt zu bringen scheinen.
Wir sind die Verstärker der Verhältnisse, die wir ablehenen
Ein Merkmal unserer Zeit scheint mir das selbstzerstörerische Verhalten all derer, die zurecht sauer wegen sozialer Ungerechtigkeiten sind. Man sieht das im gegen die eigenen Interessen gerichteten Wahlverhalten (Trump, AFD, etc.) und in der sogenannten "Spaltung der Gesellschaft", wo die Benachteiligten v.a. medial aufeinander losgehen. Das machen sie mit den Werkzeugen, die ihnen die Spalter erst kostenpflichtig in die Hände gedrückt haben.
"Wir stehen vor einem aktuellen Dilemma: Das Ressentiment gegen die Verhältnisse an und für sich entspringt einem berechtigten emanzipatorischen Ungenügen, das aus der Differenz zwischen der formal-rechtlichen Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger und der offenkundigen materiellen Ungleichheit resultiert. Diese Berechtigung muss anerkannt werden. Das Ungenügen schlägt jedoch leicht in eine eigentümlich bodenlose, unverhältnismäßige Unzufriedenheit um, und es trägt zur Verstärkung der Verhältnisse bei, gegen die es sich eigentlich wendet. Es lebt vor allem von Vergleichsinteresse und Urteilslust, also genau jenen Kommunikationsdrogen, die in der «Bewertungsgesellschaft» gedealt werden und die sozialen Medien [...] berauschen." (A.a.O., S. 470)
Das begehrliche Selbst, das immer nur enttäuscht sein kann und dessen Enttäuschung sich auch ökonomisch gut gebrauchen lässt, hängt mit der Verfasstheit von Medien, entsprechenden Kommunikationsweisen und Wirtschaftsformen zusammen. Es zeichnet sich durch eine «eigentümlich gebrochene Selbstaffirmation» aus, weil es sich «als Resultat eines unbedingten Neins zu einem ‹Außerhalb›, zu einem ‹Anders›, zu einem ‹Nicht-Selbst›» konstituiert. Es kultiviert seine Ohnmacht, pflegt eine Art von «Lebensneid» und sucht händeringend nach «Verkörperungen», um «eigene Nachteile mit fremden Vorteilen» zu verrechnen. Das Schlimme daran ist: Es hat unter Bedingungen des digitalen Kapitalismus dazu beigetragen, auf dem Konto von Tech-Giganten menschheitsgeschichtlich noch nie da gewesenes Vermögen anzuhäufen und schreiende Ungleichheitsverhältnisse entstehen zu lassen. (A.a.O., S. 470)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen