29. Mai 2026

Der nicht endenwollende Knieschuss

Gebrochene Selbstaffirmation unter den Bedingungen des digitalen Kapitalismus

Gerade lese ich Steffen Martus' Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute (Berlin 2025). Das Buch taugt nicht nur als literaturwissenschaftliches Werk unter besonderer Behandlung der jeweiligen "literarischen Felder", in denen alle Autoren und ihre Veröffentlichungen spielen. Es taugt ganz besonders auch als soziopolitische Betrachtung unserer Gegenwart. Selten habe ich die derzeitig überaus verwirrenden gesellschaftspolitischen Entwicklungen (also eigentlich Verwicklungen) so auf den Punkt gebracht und aus großer Flughöhe analysiert bekommen.
 

XKCD: Duty Calls
 

Die eigene Befindlichkeit als ein und alles

Ein Grund für die Schwierigkeit der Gegenwartsanalyse ist ja der mangelnde zeitliche Abstand zum Untersuchungsgegenstand. Bei Martus liest man aber über Dinge, die heute geschehen, als seien sie aus geschichtlicher Perspektive mit großem Abstand beobachtbar. Immer wieder kommt er auf die offenbare Krise der Demokratie zu sprechen, die natürlich gerade auch in der Literatur behandelt wird. Besonders die Literatur, die Martus "Autosoziobiographie" nennt (Anke Stelling, Daniela Dröscher, Christian Baron), erkläre "die eigene Befindlichkeit und die Realisierung des eigenen Selbst zu einem wichtigen Gradmesser sozialer Gerechtigkeit." Daran schließen sich die zwei unten zitierten Absätze an, die mir so glasklar einen Hauptaspekt unseres derzeitigen gesellschaftlichen Seins auf den Punkt zu bringen scheinen.

Wir sind die Verstärker der Verhältnisse, die wir ablehenen

Ein Merkmal unserer Zeit scheint mir das selbstzerstörerische Verhalten all derer, die zurecht sauer wegen sozialer Ungerechtigkeiten sind. Man sieht das im gegen die eigenen Interessen gerichteten Wahlverhalten (Trump, AFD, etc.) und in der sogenannten "Spaltung der Gesellschaft", wo die Benachteiligten v.a. medial aufeinander losgehen. Das machen sie mit den Werkzeugen, die ihnen die Spalter erst kostenpflichtig in die Hände gedrückt haben. 

"Wir stehen vor einem aktuellen Dilemma: Das Ressentiment gegen die Verhältnisse an und für sich entspringt einem berechtigten emanzipatorischen Ungenügen, das aus der Differenz zwischen der formal-rechtlichen Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger und der offenkundigen materiellen Ungleichheit resultiert. Diese Berechtigung muss anerkannt werden. Das Ungenügen schlägt jedoch leicht in eine eigentümlich bodenlose, unverhältnismäßige Unzufriedenheit um, und es trägt zur Verstärkung der Verhältnisse bei, gegen die es sich eigentlich wendet. Es lebt vor allem von Vergleichsinteresse und Urteilslust, also genau jenen Kommunikationsdrogen, die in der «Bewertungsgesellschaft» gedealt werden und die sozialen Medien [...] berauschen." (A.a.O., S. 470)
 
Die Zerrüttung von Anstand, vernüftger Diskussion und fairem politischem Wettbewerb, getrieben aus dem Verlangen nach einer wütend eingeklagten Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Teilhabe, fällt uns dann noch vor dem Versuch der Gestaltung dieser Gleichberechtigung und Teilhabe auf die Füße. Alle schießen gegen alle aus der Deckung ihrer jeweils eigenen vermeintlich exklusiven Identität. Ein klassischer Schuss ins Knie, der alles noch schlimmer macht und den politischen Rändern zuarbeitet, die – v.a. auf der rechten Seite – das Spiel mit dem Online-Ressentiment gut verstehen.

Das begehrliche Selbst, das immer nur enttäuscht sein kann und dessen Enttäuschung sich auch ökonomisch gut gebrauchen lässt, hängt mit der Verfasstheit von Medien, entsprechenden Kommunikationsweisen und Wirtschaftsformen zusammen. Es zeichnet sich durch eine «eigentümlich gebrochene Selbstaffirmation» aus, weil es sich «als Resultat eines unbedingten Neins zu einem ‹Außerhalb›, zu einem ‹Anders›, zu einem ‹Nicht-Selbst›» konstituiert. Es kultiviert seine Ohnmacht, pflegt eine Art von «Lebensneid» und sucht händeringend nach «Verkörperungen», um «eigene Nachteile mit fremden Vorteilen» zu verrechnen. Das Schlimme daran ist: Es hat unter Bedingungen des digitalen Kapitalismus dazu beigetragen, auf dem Konto von Tech-Giganten menschheitsgeschichtlich noch nie da gewesenes Vermögen anzuhäufen und schreiende Ungleichheitsverhältnisse entstehen zu lassen. (A.a.O., S. 470)
 
Die nicht zuletzt durch die Digitalisierung und das Internet stimulierten Egalitätserwartungen lassen sich "unter Bedingungen des digitalen Kapitalismus" nicht einlösen, auch deshalb nicht weil sie nicht ernst gemeint waren. Klar kann jeder mitreden, veröffentlichen, Videos machen etc. In einer Figur der sich aufschaukelnden Entfremdung führt aber gerade das zu einer Verstärkung der gefühlten Ungerechtigkeit, denn es folgt aus dieser geduldeten Teilhabe kein wirkliches Mitspracherecht bei der Gestaltung der Welt, was dann die beleidigten Anklagen und Beschimpfungen des Status quo noch verstärkt. Einige wenige Menschen werden mit unserem Wüten gegeneinander unglaublich, unvorstellbar, sagenhaft reich. 
 
Wollen wir (we, the users) vielleicht einfach mit dem Wüten aufhören?
 

Das passt dazu:

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Top 5 der meist gelesenen Artikel dieser Woche