Was steckt hinter der Liebe zum Frieden bei der neuen Rechten?
Traditionell gilt der Pazifismus als eher linkes oder christlich-humanistisches Projekt. Links entstand er aus der Überzeugung, dass Kriege meist Ausdruck von Herrschafts-, Klassen- und Machtinteressen sind und gewöhnliche Menschen für Konflikte sterben, die primär den Eliten, Staaten oder ökonomischen Systemen dienen. Die rechten Nationalisten hingegen standen für genau diese Machtinteressen, auch die, die neben "Nationalismus" das Label "Sozialismus" führen wollten. Die alte Rechte hatte regelrecht Lust am Krieg und keine Angst vor ihm.
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| Give Peace a second Chance! (AI generiert, 2026) |
Heute fällt auf, dass ausgerechnet rechte Bewegungen in den USA und Europa ständig von "Frieden", "Abrüstung" und "Deeskalation" sprechen. (Israels Rechte bildet in ihrer bellizistischen Siedlungslust eine offensichtliche Ausnahme.) Die neue westliche Rechte präsentiert sich zunehmend anti-interventionistisch. Sind unsere Rechten jetzt zart, friedliebend und harmoniesüchtig geworden? Auf jeden Fall sind sie wehleidig, faul und mutlos geworden. Ein Glück!
Es gibt natürlich auch noch einen linken Pazifismus. Einer der wichtigsten Berührungspunkte zwischen linkem und rechtem Anti-Interventionismus scheint mir in der nebulösen Ablehnung von "Eliten" zu liegen. Beide Seiten misstrauen einer als irgendwie herausgehoben wahrgenommenen Schicht aus politischen, wirtschaftlichen, medialen und technokratischen Akteuren, die Kriege angeblich im Namen abstrakter Werte oder eigener elitärer Interessen führen, während die gesellschaftlichen Kosten "vom kleinen Mann" getragen werden.
Die Linke interpretiert diese nebulöse Elite traditionell als kapitalistische oder imperialistische Machtstruktur; die Rechte dagegen eher als globalistische, kosmopolitische oder kulturell entfremdete Klasse oder gar Verschwörung. Trotz völlig unterschiedlicher Weltbilder entsteht daraus ein ähnlicher Affekt: die Vorstellung, dass normale (nicht elitäre) Menschen für geopolitische Projekte geopfert werden, die nicht ihren eigenen Interessen dienen. Gerade deshalb können heute antielitäre, antiinstitutionelle und friedenspolitische Argumente in linken und rechten Milieus oft erstaunlich ähnlich klingen.
Friedenstugend oder Erschöpfung und Egoismus
Bei der Rechten handelt es sich nun gerade nicht um einen Pazifismus im bisherigen Wortsinn. Die traditionelle Friedensbewegung argumentierte universalistisch: Krieg galt als moralisches Übel, unabhängig davon, wer ihn führte. Der neue "rechte Pazifismus" funktioniert anders. Er ist weniger humanistisch als defensiv. Sein Grundgefühl lautet nicht: "Krieg ist immer falsch", sondern eher: "Warum sollen wir für fremde Interessen kämpfen?"
Dahinter steht ein tiefer kultureller Wandel. Die alte Rechte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war heroisch, expansiv und militaristisch. Nationalisten verstanden sich und ihre Nationen (so wie man es noch im heutigen Russland sehen kann) als geschichtliche Akteure, die Größe, Opferbereitschaft und militärische Stärke verkörpern sollten. Die heutige Rechte dagegen entsteht in alternden, individualisierten Konsumgesellschaften, die weniger von Aufbruch als von Erschöpfung geprägt sind. Nicht Expansion, sondern Rückzug wird zum Leitmotiv. Viele rechte Bewegungen wollen keine Imperien mehr errichten, sondern lediglich Grenzen sichern, in Ruhe gelassen werden und von Zumutungen verschont bleiben.
Hinzu kommt die Erfahrung der westlichen Interventionskriege seit 2001. Gerade in der nationalistischen, zum Teil rassistischen und stramm rechten MAGA-Bewegung in den USA gelten die Kriege in Vietnam, im Irak, in Afghanistan und in Libyen als Sündenfälle einer politischen Elite, die gigantische Ressourcen verschwendet und zugleich das eigene Land vernachlässigt hat. Der alte konservative Interventionismus der republikanischen Neocons wird deshalb zunehmend abgelehnt.
Das geht soweit, dass auch diplomatischer Isolationalismus gefordert wird (Verächtlichmachung von UNO und anderen internationalen Institutionen). "America First" bedeutet außenpolitisch oft schlicht: kein Einsatz für internationale Demokratie und keine Hilfe gegen Diktatoren in anderen Ländern (aka "keine endlosen Kriege"). Nicht ganz unverständlich, wenn man sich die Bilanz der Interventionen von Vietnam bis Afgahnistan ansieht.
Verschiebung des Militarismus nach innen
Auch Europas Rechte hat sich verändert. Viele rechte Parteien bewundern heute weniger militärische Expansion als kulturelle Stabilität, Souveränität und autoritäre Ordnung. Daher auch der verstörend freundliche Blick auf als sozial stramm konservativ wahrgenommene Länder wie Russland (nicht gerade pazifistisch) und Orbans Ungarn (RIP). Es entsteht ein eigentümlich friedlicher Nationalismus: Man lehnt westliche Militärpolitik ab, ohne Gewalt oder Machtpolitik grundsätzlich infrage zu stellen. Der Militarismus verschwindet also nicht völlig; er verschiebt sich von äußerer Expansion hin zu innerer Ordnung, Grenzsicherung und kultureller Selbstbehauptung.
Diese Entwicklung ist nicht neu. Historiker wie Enzo Traverso (The New Faces of Facism, 2018) haben darauf hingewiesen, dass sich die neue Rechte stark von den futuristischen und revolutionären Bewegungen des klassischen Faschismus unterscheidet. Sie ist weniger dynamisch als melancholisch, weniger imperial als nostalgisch. Statt von einer glorreichen Zukunft träumt sie häufig von einer verlorenen Vergangenheit. Ihr Geist ist nicht mehr die modernistische Revolutionsenergie wie in den 1920er/30er Jahren, sondern eine kulturelle Verbitterung inklusive ängstlicher Identitätssicherung und nostalgischer Rückwendung.
Ein neuer "rechter Pazifismus" ist eher kein Zeichen universeller Friedensliebe. Er ist vielmehr Ausdruck einer Epoche kultureller Müdigkeit und geopolitischer Ernüchterung und ein Versuch gesellschaftlicher Selbstabschließung. Anders als bei christlichen und humanistisschen Pazifisten sind Vertreibung, Folter und Totschlag bei der Rechten nicht generell abzulehnen. Das ist dann halt so, so lange das Verderben "die Richtigen" trifft.
Das passt dazu:

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