19. Februar 2026

Fiesta oder Nostalgie

Wenn der Kapitalismus gegen Nationalromantik gewinnt

Die vieldiskutierte Half Time Show des Super Bowls 2026 hat eine Sache auf den Punkt gebracht, die latent auch vorher zu beobachten war: Menschen vor die freie Wahl gestellt, mögen Spaß, sie wollen es bunt, sie wollen lieben, singen, tanzen, lachen. 

Fiesta / Nostalgie: Together we are America (KI-generierte Illustration, erstellt 2026) 

Dann gibt es Antagonisten, die so viel gute Laune gar nicht mit ansehen können. In dem Beispiel der Half Time Show war die eine Seite unter dem Motto "Together we are America" repräsentiert durch den Spanisch singenen Superstar Bad Bunny und seine Abermillionen Fans in den USA und auf der ganzen Welt. Die andere Seite war repräsentiert durch den "Trumpismus". Seine Anhänger auf Fox News und anderen rechten Kanälen hatten schon früh genörgelt, was aus dem uramerikanischen Event geworden sei, dass man dort nun Spanisch sänge, das verstehe doch niemand und überhaupt alles dekadent und unamerikanisch. 

Wie bereits faktisch falsch das ist – auf die falsch eingeschätzte Stimmungslage kommen wir gleich – sieht man bereits daran, dass auf den amerikanischen Kontinenten den maximal 380 Millionen englischsprechenden Muttersprachlern bis zu 500 Millionen spanischsprechende Muttersprachler entgegenstehen. Selbst in den USA leben ca. 68 Millionen Latinos, die von Hause aus oft Spanisch sprechen und sicher nichts gegen Spanisch sprechende Superstars haben.

Exkurs Kapitalismus vs. Kulturkampf 

Vorweg: Der rechte Kulturkampf ist ein Minderheitenprojekt, das sich oft als Mehrheitsbewegung inszeniert. Warum haben sich die Veranstalter der Half Time Show diesem Kampf widersetzt und so erfolgreich gegen Trump durchgesetzt, während reihenweise Banken, Medien, Konzerne und sogar große Eliteuniversitäten vor Trump einknicken? Super Bowl ist noch "reiner" Kapitalismus mit globaler Stoßrichtung:

"Die NFL treibt ihre Pläne zur Globalisierung weiter voran. Commissioner Roger Goodell hält sogar einen Super Bowl außerhalb der USA für möglich. [...] Nach London, Mexiko, Deutschland und Brasilien wird auch Spanien im kommenden Jahr Austragungsort eines Spiels sein. Auch Irland soll laut Roger Goodell bald zur International Series hinzustoßen." (ran.de, abgerufen am 19.2.2026)

Globaler Kapitalismus ist kulturell opportunistisch, der rechte Kulturkampf ist partikularistisch. Somit kann der Trumpismus der NFL nicht helfen, sich zu internationalisieren. Die NFL hat ja aber auch sonst eine kommerzielle Aufgabe und ist keine Institution, die sich dem Kulturkampf verschreiben kann: Sie schaut, wie mit ihren Sport-Events das meiste Geld zu holen ist und da orientiert man sich offenbar nicht an zweitklassigen Musikern wie Kid Rock, die ihre beste Zeit schon hinter sich haben, sondern man versucht die Musiker zu buchen, die die (Streaming-) Charts und den populären Diskurs bestimmen, Künstler wie Kendrick Lamar, Taylor Swift und eben Bad Bunny. Populäre Musiker ziehen Zuschauer an, wer hätte das gedacht?

Bitte füttere deinen Hund!

Der Rechten in den USA wurde dieser kapitalistische Spaß, dieses Internationale offenbar einfach zu bunt. Wenn sich irgendwo jemand amüsiert, wenn jemand tanzt oder lacht, dann brauchen sie eine Alternativveranstaltung, wo sie sich Leid tun können. Also hat die von Charlie Kirk gegründete und von Trump unterstützte rechtsextreme Jugendorganisation Turning Point USA "The All American Halftime Show" produziert.

Hier wurde nicht nur nicht "ausländisch" gesungen, sondern hier konnte man sich auch in seinem Minderwertigkeitskomplex und seinem Verfolgungswahn selbst vergewissern. Als Beispiel Zeilen aus dem Song "(It ain't easy being) Country Nowadays" von Lee Bryce:

"I just want to fish. I want to drive my truck. I want to drink a beer. I want to feed my dog. Wear my boots. Cut my grass."

Bryce beschwert sich darüber, dass man heute nicht mal mehr in Ruhe angeln, Auto fahren, Bier trinken, den Rasen mähen, Stiefel tragen oder den Hund füttern kann. Die Zuschauer – die sich z.T. kurz vor dem Ausgetauschwerden sehen – werden mit dem Kopf nicken, genau so ist es... die Sozialisten und Ökologen wollen uns alles verbieten... Der amerikanische Traum stirbt... (so Gott will). So ähnlich, wie es auch bei uns durch Misinformation gelang, viele Leute in ständiger Angst vor dem Gasheizungsverbot, Verbrenneraus oder dem Impfzwang zu halten. Nichts von dem Quatsch passiert wirklich, aber man kann darüber twittern oder singen. Der Comedian John Stewart sagte, bezugnehmend auf Bryce: 

"Sir, ich muss schon bitten: All das scheinen mir sehr erreichbare Ziele zu sein... Ich meine, du trägst ja deine Stiefel jetzt gerade! [...] Du bist so tapfer! Aber egal, wie schwierig das alles ist... Bitte füttere deinen Hund! Jeden Tag, Sir!" (von mir übersetzt nach: MAGA Rages Over Bad Bunny’s Spanish Halftime Show | The Daily Show)

Wer ist drinnen und wer kuckt von draußen zu? 

Während rund 128 Millionen Menschen Bad Bunny in der Half Time Show live sahen und feierten, taten sich in der Alternativveranstaltung rund 6 Millionen Amerikaner selbst Leid und dachten, sie seien die wirklichen Amerikaner. Immerhin war es ja die "All American Halftime Show" mit US-Flaggen, währen Bad Bunny die offizielle Half Time Show dann wirklich zur "All American Halftime Show" machte, weil er nicht nur die USA, sondern alle anderen amerikanischen Länder einzeln würdigte und mit Tanz und Flaggen in der am meisten gesprochenen amerikanischen Sprache (Spanisch) feierte. Aber das ist gar nicht der gesellschaftlich so relevante Punkt. Der ist vielmehr, dass auch das US Publikum in überwältigender Mehrheit die internationale Fiesta der abgestandenen und rumheulenden Nostalgie vorzog, selbst oder gerade dann, wenn die Fiesta auf Spanisch statt fand.

Was das zeigt, ist der große Irrtum, dem die misepetrigen Spaßverderber auf der rechten Seite unterliegen, dass sie für irgend eine Mehrheit sprächen. Nein, sie sind es, die sich selbst aus der Party ausgesperrt haben und nun von draußen reinkucken und trotzig sagen: Dann machen wir eben unsere eigene Party. Solche Partys von Spielverderbern haben aber nur zu oft das Problem, dass da niemand hin will. 

Wenn man das auf der politischen Seite betrachtet, passiert dort genau dasselbe: Trump und sein Kabinett mit insgesamt 13 (!) Milliardären (sagt David Rothkopf, Political Affairs Analyst) halten sich noch immer für die, die für das Volk sprechen bzw. sie spielen mehr oder weniger konsistent diese Karte. Aber selbst sie wissen es inzwischen besser, auch wenn sie die Umfrageergebnisse, die Trump und sein Kabinett als die historisch unbeliebteste Regierung zeigen, als "fake" von sich weisen. Das geht so lange gut, bis aus Umfragen Wahlen werden. Hier wird natürlich vorgesorgt, sodass es am besten nicht mehr zu freien Wahlen kommen kann. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...


Das passt dazu:

3 Kommentare:

  1. Toller Artikel, spricht mir aus der Seele: Als würde irgendjemand Bier trinken und Hund füttern verbieten - diese Leute sind schon ziemlich irre! Und ja: Kapitalismus ist ein dieser ganzen Regression entgegengesetztes System - dass das die Milliardäre rund um Trump nicht sehen (wollen) liegt vermutlich daran, dass sie ihre eigenes Schäfchen längst im Trockenen haben.

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    1. Sicher, die haben als Milliardäre eigentlich keine materiellen Sorgen... sollte man meinen. Es gibt ja sogar das Argument, dass man besser Menschen regieren lässt, die unbestechlich sind, weil sie bereits alles haben und nichts mehr begehren (auf dieser Idee fußen bspw. die Diätenerhöhungen unserer Abgeordneten). Das ist eine schöne Theorie, die aber offenbar zumindest in den USA nicht mehr greift, wie man an jener Regierung und ihrer Entourage sieht: Ein "Money-Grabbing" und eine Korruption sondergleichen.

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  2. Ich glaub, die Veranstalter für so eine große und eine bisher als "nordamerikanisch" betrachtete Veranstaltung sollten nicht nur sprachliche und kulturelle Symbole in Betracht ziehen, sondern auch die bisher akzeptierten Partystruktur.

    Angenommen du hast bisher mit deinen Freunden auf der jährlichen Party ein sehr deutsches Spiel namens "Werwölfe" gespielt, aber dieses Jahr hat jemand sein traditionelles türkisches Spiel mitgebracht und dieses Spiel wird auf Türkisch gepielt und überholt dann Werwölfe in totaler Weise.

    Ist das wirklich ein akzeptables Ding?

    Kapitalistisch gesehen mag man zwar Recht haben- je mehr Zuschauer, desto mehr Money-Grabbing. Aber da hätte man auch ein bisschen "Übergangsprozess" berücksichtigen können, damit man eine sogenannte Soft-Landing schaffen kann. Denn für die meisten Zuschauer, die größtenteils ihr lebenslang in Amerika geboren, aufgewachsen und niemals außerhalb von den USA herumgereist sind, für die augenscheinlich so eine "spanische Show" schon mal als ein großer Schock betrachtet werden kann.

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