"Wherever there is coherence
there is endurance."
John Dewy
Über Literatur, Musik und Spurenelemente
Die Wirklichkeit zusammendenken
Am 14. März starb Jürgen Habermas und am 25. März starb sein Freund Alexander Kluge. Zuletzt hatte ich Auch eine Geschichte der Philosophie (2019) von Habermas zu lesen begonnen. Eine schwierige Anmaßung, die ohne gründliche Kenntnis von Kant und Hegel zum Scheitern verurteilt ist. Aber solch eine Garantie kann einen Dilettanten nicht vom Versuch abhalten. Kants apriorische Voraussetzungen von Vernunft und Moral mit Hegel'scher geschichtlicher Entwicklung zusammenzudenken, verspricht nicht gerade ein intuitives Leseerlebnis. Letztlich verstehe ich seine Bemühungen, uns mit philosophisch entwickelter Vernunft und Moral bei Laune und Verstand zu halten:
"...so darf eine damit [mit dem Begriff einer kommunikativen Vernunft] ausgestattete Kritische Theorie durchaus das Erbe der religiös-metaphysischen Tradition antreten und dem Menschen zu einem umgreifenden Selbst- und Weltverhältnis verhelfen." (Axel Honneth: Im unabgeschlossenen Dialog mit Adorno. Ein Nachruf auf Jürgen Habermas, 19.03.2026)
Ich weiß nicht – ganz individuell gedacht vielleicht... Egal: Hier gibt es eine tolle Sammlung von exzellenten Nachrufen auf Habermas und hier ein Dossier zu Alexander Kluge.
Der Wirklichkeit vor-, ein- und nachspüren
Alexander Kluge ist der Mensch, der mir oft in der Einsamkeit der Nacht in neugierig-beruhigtem Ton einiges an Trost und Sinn gespendet hat. In seinen kurzen dctp Videos, den deutschen Privatsendern RTL, Sat.1 und VOX damals per Gesetz aufgezwungen, versuchte Kluge hartnäckig, noch die letzten verbliebenen Fernsehzuschauer zum Abschalten zu bewegen. Wenn ich kurz vor Mitternacht was von Kluge sah, z.B. Die Quintessenz des Kosmos oder etwas über das Duftgeflüster des Kohlweißlings, dann spürte ich, dass es auch morgen wieder einen Tag geben musste, einen neuen Anfang.
"Wahrheitssuche war eine Variable seines Erzählens, das sich der Unterscheidung von Fakten und Fiktionen entzog", heißt es im Nachruf der FAZ. Diesen epistomologischen Scheinwiderspruch kennen wir auch von Werner Herzogs "Ekstatischer Wahrheit", vielleicht ein Ding von Autoren und Filmemachern, die letztlich aus ihren inneren Welten Figuren, Handlungen, Tatsachen herausimaginieren, erschaffen und in Buchstaben und Bildern, äußeren Welten, sichtbar machen. Hier hätte ich gern mal einem vielleicht sogar einmal stattgefundenen Gespräch zwischen Kluge und Habermas zu dieser Art der fantastischen Epistemologie gelauscht. Sollte man die Aufzeichnungen zu solch einem Gespräch nicht finden, so muss man sie vielleicht anfertigen. Vielleicht können wir dieses Gespräch jetzt nach dem fast gemeinsamen Ableben der beiden Freunde Jürgen und Alexander nachholen lassen... Ich melde mich an geeigneter Stelle zu geeigneter Zeit dazu zurück.
Auch zum Trost für die Verluste der letzten Monate erschien "The Mountain" von den Gorillaz. Das Album entstand, nachdem die beiden kreativen Köpfe der Band, Damon Albarn und Jamie Hewlett, kurz hintereinander ihre Väter verloren. Zusammen mit Musikern wie Anoushka Shankar, IDLES, Black Thought und Trueno verarbeiten die Gorillaz diese Verluste und nähern sich der Akzeptanz von Sterblichkeit und dem Finden von Hoffnung. Wenn man diese Feier des Nach-, Wieder-, Auflebens, die trotz allen eingestandenen Verlustes optimistisch bleibt, in einem Rutsch hört, kann man sich in tiefere Schichten seines Selbsts führen oder ganz auf der Oberfläche dieser Musik ins Stretching und ins Driften kommen.
Reparaturbewegung des Selbst: Innere Welten auffalten
Auch Cormac McCarty hat mit "The Passenger" einen Abschied geschrieben, den ich gerade lese. Ein atemberaubender Abschied von Amerika, von der Moderne, von Liebe, vom Leben, vom Abenteuer, Risiko, von der Physik, der Schizophrenie und dem Selbstmord. Viel besser als sein dystopisches "The Road" – ein Roman wie ein Bad-Trip-Roadmovie, der uns in eine postapokalyptische Depression und Einsamkeit führt. "The Passenger" stellt der Einsamkeit immer wieder die Liebe in all ihrer Unmöglichkeit zur Seite. Ich bin in einer Lebensphase, in der ich so viel Zeit habe zu lesen, wie ich will. Es ist nicht immer leicht, weil es – anders als beim Scrolling – schwer erarbeitetes Dopamin ist. Aber im besten Fall faltet in mir innere Welten auf, von denen ich zuvor nichts ahnte. Die Geduld dazu muss ich erst wieder kultivieren.
Als ein nicht bloß reagierendes, sondern integrierendes Wesen, bin ich so wie du auf Bedeutungszusammenhänge angewiesen. Solche Zusammenhänge sind niemandem vorgegeben, sondern müssen hergestellt werden. Stress, Doom-Scrolling und Information-Overload führen bei mir – und wenn man John Dewy glauben kann, allen Menschen – zu einer Zersplitterung von Zusammenhängen und einer Fragmentierung der Zeit. Das ist das Gegenteil von Integration: Desintegration – Zerrüttung, Zerfall, Zerstörung.
Das passt dazu:
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