6. April 2026

Abschiede, Wiedergeburten, innere Welten, äußere Welten

"Wherever there is coherence
there is endurance."
John Dewy 

Über Literatur, Musik und Spurenelemente

Ostern und mein Kind fragt mit Schokoladenmund: "Wie ist es denn, wenn ich tot bin? Ich kann es mir nicht vorstellen." Ich frage zurück: "Wie war es denn, bevor du geboren warst?"
 
Vor wenigen Monaten habe ich eine obskure Anämie gepaart mit Mangel an essentiellen Vitaminen und Mineralien erst erkannt und dann überwunden. Zum Tod hat es also noch lange nicht gereicht. Ich konnte sich einschleichende, erst quälende und dann manifestierende Jahre damit überleben – schön war es nicht. 
 
 
Das Lesen, habe ich kürzlich in einem Gespräch gehört, das Lesen ist eine ziemlich wichtige Praxis, um nicht schon zu sterben, während man doch noch lebt. Durchs Lesen bekommt man essentielle Nährstoffe für den Geist, auf die man nicht ohne Nebenwirkungen verzichten kann. Geschichten nähren unsere inneren Welten. Musikhören würde ich noch ergänzen. Klar kann man auch mit Instagramm und Tiktok und ohne Bücher überleben.

Die Wirklichkeit zusammendenken

Am 14. März starb Jürgen Habermas und am 25. März starb sein Freund Alexander Kluge. Zuletzt hatte ich Auch eine Geschichte der Philosophie (2019) von Habermas zu lesen begonnen. Eine schwierige Anmaßung, die ohne gründliche Kenntnis von Kant und Hegel zum Scheitern verurteilt ist. Aber solch eine Garantie kann einen Dilettanten nicht vom Versuch abhalten. Kants apriorische Voraussetzungen von Vernunft und Moral mit Hegel'scher geschichtlicher Entwicklung zusammenzudenken, verspricht nicht gerade ein intuitives Leseerlebnis. Letztlich verstehe ich seine Bemühungen, uns mit philosophisch entwickelter Vernunft und Moral bei Laune und Verstand zu halten: 

"...so darf eine damit [mit dem Begriff einer kommunikativen Vernunft] ausgestattete Kritische Theorie durchaus das Erbe der religiös-metaphysischen Tradition antreten und dem Menschen zu einem umgreifenden Selbst- und Weltverhältnis verhelfen." (Axel Honneth: Im unabgeschlossenen Dialog mit Adorno. Ein Nachruf auf Jürgen Habermas, 19.03.2026)

Ich weiß nicht – ganz individuell gedacht vielleicht... Egal: Hier gibt es eine tolle Sammlung von exzellenten Nachrufen auf Habermas und hier ein Dossier zu Alexander Kluge

Der Wirklichkeit vor-, ein- und nachspüren

Alexander Kluge ist der Mensch, der mir oft in der Einsamkeit der Nacht in neugierig-beruhigtem Ton einiges an Trost und Sinn gespendet hat. In seinen kurzen dctp Videos, den deutschen Privatsendern RTL, Sat.1 und VOX damals per Gesetz aufgezwungen, versuchte Kluge hartnäckig, noch die letzten verbliebenen Fernsehzuschauer zum Abschalten zu bewegen. Wenn ich kurz vor Mitternacht was von Kluge sah, z.B. Die Quintessenz des Kosmos oder etwas über das Duftgeflüster des Kohlweißlings, dann spürte ich, dass es auch morgen wieder einen Tag geben musste, einen neuen Anfang.

"Wahrheitssuche war eine Variable seines Erzählens, das sich der Unterscheidung von Fakten und Fiktionen entzog", heißt es im Nachruf der FAZ. Diesen epistomologischen Scheinwiderspruch kennen wir auch von Werner Herzogs "Ekstatischer Wahrheit", vielleicht ein Ding von Autoren und Filmemachern, die letztlich aus ihren inneren Welten Figuren, Handlungen, Tatsachen herausimaginieren, erschaffen und in Buchstaben und Bildern, äußeren Welten, sichtbar machen. Hier hätte ich gern mal einem vielleicht sogar einmal stattgefundenen Gespräch zwischen Kluge und Habermas zu dieser Art der fantastischen Epistemologie gelauscht. Sollte man die Aufzeichnungen zu solch einem Gespräch nicht finden, so muss man sie vielleicht anfertigen. Vielleicht können wir dieses Gespräch jetzt nach dem fast gemeinsamen Ableben der beiden Freunde Jürgen und Alexander nachholen lassen... Ich melde mich an geeigneter Stelle zu geeigneter Zeit dazu zurück.

Auch zum Trost für die Verluste der letzten Monate erschien "The Mountain" von den Gorillaz. Das Album entstand, nachdem die beiden kreativen Köpfe der Band, Damon Albarn und Jamie Hewlett, kurz hintereinander ihre Väter verloren. Zusammen mit Musikern wie Anoushka Shankar, IDLES, Black Thought und Trueno verarbeiten die Gorillaz diese Verluste und nähern sich der Akzeptanz von Sterblichkeit und dem Finden von Hoffnung. Wenn man diese Feier des Nach-, Wieder-, Auflebens, die trotz allen eingestandenen Verlustes optimistisch bleibt, in einem Rutsch hört, kann man sich in tiefere Schichten seines Selbsts führen oder ganz auf der Oberfläche dieser Musik ins Stretching und ins Driften kommen.

Reparaturbewegung des Selbst: Innere Welten auffalten

Auch Cormac McCarty hat mit "The Passenger" einen Abschied geschrieben, den ich gerade lese. Ein atemberaubender Abschied von Amerika, von der Moderne, von Liebe, vom Leben, vom Abenteuer, Risiko, von der Physik, der Schizophrenie und dem Selbstmord. Viel besser als sein dystopisches "The Road" – ein Roman wie ein Bad-Trip-Roadmovie, der uns in eine postapokalyptische Depression und Einsamkeit führt. "The Passenger" stellt der Einsamkeit immer wieder die Liebe in all ihrer Unmöglichkeit zur Seite. Ich bin in einer Lebensphase, in der ich so viel Zeit habe zu lesen, wie ich will. Es ist nicht immer leicht, weil es – anders als beim Scrolling – schwer erarbeitetes Dopamin ist. Aber im besten Fall faltet in mir innere Welten auf, von denen ich zuvor nichts ahnte. Die Geduld dazu muss ich erst wieder kultivieren.

Als ein nicht bloß reagierendes, sondern integrierendes Wesen, bin ich so wie du auf Bedeutungszusammenhänge angewiesen. Solche Zusammenhänge sind niemandem vorgegeben, sondern müssen hergestellt werden. Stress, Doom-Scrolling und Information-Overload führen bei mir – und wenn man John Dewy glauben kann, allen Menschen – zu einer Zersplitterung von Zusammenhängen und einer Fragmentierung der Zeit. Das ist das Gegenteil von Integration: Desintegration – Zerrüttung, Zerfall, Zerstörung. 

In Art as Experience (PDF-Link) argumentiert Dewey, dass eine ästhetische Erfahrung eine Erfahrung ist, die einen Bogen bildet: sie hat Spannung, Entwicklung, Erfüllung. Sie ist integriert. Sie bringt disparate Elemente unseres Erlebens in Zusammenhang. Ästhetische Erfahrung ist kein Eskapismus, sondern eine Reparaturbewegung des Selbst. Sie integriert Wahrnehmung, Emotion, Bedeutung und letztlich Handlung. Sie macht uns also nicht weltfern, sondern weltfähiger. 
 
Wir brauchen innere Entfaltung nicht, um der Welt zu entkommen, sondern um der Welt gewachsen zu sein. Es bleibt die lebensphilosophische Grundweisheit, dass ein Leben aktiv, kreativ, kontemplativ zum Tod geführt werden muss. Alles andere ist Vegetieren.


Das passt dazu:

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