26. August 2026

Alles i.O.: Fantasie- und Traumreisen

Kindergeschichten gegen den Wahnsinn

Ich habe ein Kind, dem ich ab und zu helfen muss, abends im Bett zur Ruhe zu kommen. Seine Gedanken rasen, ich spüre das. Der Mund geht unablässig wie unsere Geschirrspülmaschine. Da wird abgewaschen, durschgespült und klargespült, was am Tag so alles passiert ist. Und da wird dann auch schon gründlich vorgespült, was so morgen wohl alles sein wird.

Alles in Ordnung in der Fantasiereise zum Dschungel (erstellt mit KI 2026)

Das ist zwar alles ziemlich unnötig, besonders das Vorausschauen, aber irgendwie auch ganz normal in einer Welt, die vor allem eins suggeriert: Kontrolle ist das A und O. Blutbild, Grenzkontrolle, Schlafphasen, Kalorien-Tracking. Mangelnde Kontrolle, Überkontrolle, Angst vor Kontrolle, Angst vor Kontrollverlust – Kontrollstress. 

Hurra, die Moderne: Messen, Kontrollieren, Kallibrieren und Steuern. Dann noch mal kontrollieren und nachsteuern. Die Welt als Feedbackloop. Alles muss vermessen, gesteuert und kontrolliert werden, nichts kann seinem Lauf mehr überlassen werden. Das ist uns zur zweiten Natur geworden und dringt bis in unsere Psychen vor.

Wie also helfen, außer generell öfter das Gefühl zu geben: Alles ist i.O.? Da ich selbst als Teenager und junger Erwachsener mit Autogenem Training (oder Body Scanning, wie es heute heißt) rumexperimentiert hatte, dachte ich, das könnte auch meinem Kind helfen. Also schön vorbereitet und dem Kind was ganz tolles versprochen... nur um dann im Bett sehen zu müssen, wie es sich damit quält, sich dagegen wehrt. "Was für?" und "Ist das langweilig!" "Papa, kannst du bitte einfach gehen." Das konnte ich als engagierter Vater nicht auf mir sitzen lassen.

Katathymes Bilderleben, Guided Imagery und Traumreisen

Statt dessen habe ich mir überlegt, was mein Kind wirklich mag und was es interessiert und wie man das mit autogenem Training zusammenbringen kann. Als der verhinderte Geschichtenerzähler, der ich bin, habe ich für uns ein erzählerisches Konzept entdeckt und individuell für mein Kind weiterentwickelt: Die Fantasiereise. Ich weiß, das Konzept ist nicht neu: Traumreisen wurden als therapeutisches Werkzeug im letzten Jahrhundert in der Verbindung von Psychotherapie und Reformpädagogik entwickelt. 

Die deutsche Psychologin Gisela Preuschoff passte die in den USA schon als "Guided Imagery" eingesetzten Traumreisen in den 1980er Jahren gezielt für Kinder im deutschsprachigen Raum an und machte das Konzept auch hier populär. Besser gesagt, sie holte es zurück in den deutschen Sprachraum. Denn schon in den 1950er Jahren entwickelte der deutsche Psychotherapeut Hanscarl Leuner das sogenannte Katathyme Bilderleben: Patienten reisten in ihrer Fantasie an bestimmte wohlige Orte, um unbewusste Konflikte zu lösen. "Katathym" heißt dabei einfach aus dem Gemüt entstehend. In unserem Fall geht es weniger um Konfliktlösung, als darum, Körper und Geist zu entspannen.

Wie funktioniert das?

Wer meinen letzten Blogpost Vagus, Baby! gelesen hat, weiß ja, dass ich auf Konzepte stehe, die Soma (den Körper) und Psyche (den Geist) als Einheit angehen. Eine Traumreise senkt über die beruhigende Wirkung der inneren Bilder messbar den Muskeltonus, die Herzfrequenz und den Blutdruck (Somatik), während sie gleichzeitig das Stresserleben reduziert, neuronale Entspannungsmuster aktiviert und die emotionale Selbstregulation stärkt (Psyche).

Dazu hat eine Fantasie- oder Traumreise einen schematischen, therapeutisch fundierten Aufbau aus sechs Phasen:

  1. Einleitung und Vorbereitung: Einnehmen einer bequemen Liege- oder Sitzposition und Schließen der Augen.
  2. Ruhe- und Atemphasen: Bewusstes, tiefes Ein- und Ausatmen zur ersten körperlichen Entschleunigung.
  3. Die Brücke (Übergang): Symbolischer Weg vom Hier und Jetzt in die Fantasiewelt (z. B. Fliegen auf einer Wolke, Gehen durch eine Tür).
  4. Die Hauptgeschichte (Der Erlebnisraum): Das Verweilen an einem sicheren, friedlichen Ort mit der Ansprache aller Sinne.
  5. Die Verankerung (Der Ruheort): Ein Moment der Stille, in dem das Gefühl von Sicherheit im Körper abgespeichert wird.
  6. Die Rücknahme (Das Aufwachen): Bewusstes Recken, Strecken und tiefes Durchatmen, um erfrischt in die Realität zurückzukehren.

Auf die sechste Phase verzichte ich bewusst, denn es geht ja nicht darum, erfrischt in die Realität zurückzukehren, sondern darum in die Traumwelt hinüberzugleiten. Wer ein Beispiel lesen oder gar selbst ausprobieren möchte, findet hier die Reise in den Regenwald. und hier die Reise zum Meeresgrund.

Reisebegleitung und neue Selbstverständlichkeiten

Als der am Bett vorlesende Erwachsene bin ich die Reisebegleitung. Ich initiere nicht nur die verschiedenen Phasen, sondern ich leite an und mache alles mit (auch für meine eigene Gesundheit gut). Meine Worte, mein Atmen und meine Handgriffe unterstützen die Reise und vertiefen sie. Die tiefe Atmung zur Aktivierung des Parasympatikus mache ich demonstrativ mit und mein Kind versucht dann z.B. mindestens so lange wie ich, wenn nicht länger auszuatmen. Wenn sich in der Geschichte Tiere auf die Beine legen, dann drücke ich die Beine etwas in die Matratze, wenn Trula die Tarantel auf der Stirn sitzt (Achtung: nicht bei arachnophobischen Kindern anwenden ;), dann streichen meine Finger wie acht Beine über seine Augenlider. Es ist erstaunlich, wie immersiv das Lesen, Atmen und Berühren für das Kind ist, es lässt sich völlig darein fallen und spürt und sieht förmlich mit geschlossenen Augen die erzählten Szenen.

Ich würde sagen, dass vier von fünf Sessions wirklich erfolgreich sind und das Kind danach sehr rasch einschläft. Um die Erfolgsaussichten zu maximieren, ist es wichtig, dass das Kind hinterher nicht noch einmal aufstehen muss oder große Sorgen zu verarbeiten hat. Also vorher auf Klo und noch einmal alles durchgesprochen, was jetzt wirklich Sorgen oder große Aufgeregtheit verursacht. 

Im besten Fall hilft das alles nicht nur beim Einschlafen, sondern gibt dem Kind auch etwas für's Leben mit. Neue Selbstverständlichkeiten wie die Einheit von Körper und Geist, die Möglichkeit der selbstbestimmten Regulierung von Emotionen, das reziproke Zusammenwirken von Nervensystem und Organen oder die täglichen Heilungen durch gesundes Essen, ausreichenden Schlaf und viel Bewegung könnten unseren Kindern ein Leben lang helfen.


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