14. Juli 2026

Vagus, Baby!

Das philosophische Nervensystem

Vor rund 2000 Jahren widerlegte ein Arzt die damals bereits 500 Jahre gültige These des Aristoteles, dass das Herz über den Körper bestimme. Aristoteles schrieb in De anima, dass das Herz der Ort sei, an dem die wahrnehmende Seele wohne, wo der Sitz des Verstandes sei. Der Kopf war für ihn lediglich eine Art Kühlsystem für das Blut. (Sicher kennt jeder von uns irgend jemanden, bei dem das tatsächlich so ist.)

Galen und der Pneumatische Nerv (vom Autor mit KI erstellt, Juli 2026)

Galen, der griechisch-römische Arzt des 2 Jahrhunderts nach Christus, entdeckte dann eben diese 500 Jahre später nicht weniger als die Einheit von Körper und Geist, er nannte es den "pneumatischen Nerv": ein System von Nerven, das den Hirnstamm und sogar Teile des präfontalen Cortex mit vielen Organen in unserem Körper verbindet. Es sollte noch einmal 1500 Jahre dauern, bis Galens Erkenntnisse medizinisch eine Renaissance erfuhr. Das alles interessierte aber Philosophen wie René Descartes kein Stück. Sie zerlegten lieber das Leben in Geistiges und Mechanisches. Um der strengen Gewissheit wegen, tat man sogar so, als wäre die Annahme, dass alle außer ich – und Tiere sowieso – Automaten seien, nicht total hirnverbrannt. Diese Distanz zum (Er-)Leben "der Anderen" war sicher auch ganz hilfreich (Inquisition, Kolonisation, Holocaust) durch die europäische Geschichte hindurch.

Kybernetischer Vagabund in Kopf und Körper

Der Vagusnerv heißt so, weil er durch unseren Körper mäandert. Es ist ein ganz außerordentliches System: bi-direktional kann es nicht nur sensorische Reize oder Information aus den Organen ins Gehirn bringen, sondern gibt den verknüpften Hirnarealen auch die Möglichkeit, motorisch auf die angeschlossenen Organe zu wirken.

Man kann sich den Vagus als unseren Kybernetes vorstellen. Der antike Kybernetes ist die Ur-Figur des Krisenmanagers. Er stand für die Kunst, trotz unvorhersehbarer äußerer Störungen durch ständige Kurskorrekturen ein festes Ziel zu erreichen. Dieses Ziel bei uns ist ein langfristiges Überleben in Homöostase. Denn nichts geht lange in extremo: Flucht/Angriff, Entzündung/Entzündungshemmung, Stress/Ruhe... Unser Gleichgewicht in allem beruht auf den ständigen Feedbackloops zwischen Körper und Gehirn. Vagus, Baby!

Geht's dem Vagusnerv gut, geht's auch uns gut. Und umgekehrt: Eine alte Bekannte von mir kann nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Sie leidet nach einer COVID-Infektion permanent unter Müdigkeit, Brain Fog, Verdauungsproblemen, Atembeschwerden und Herzrasen. Zytokine fluten ungebremst den Körper, Entzündungen laufen außer Kontrolle. Ärzte und Pharmakologen scheinen machtlos. Vagusnervstimulation bietet Hoffnung.

Ich selbst habe meine eigene, viel harmlosere Geschichte mit diesem zehnten Hirnnerv. Im Wesentlichen ist es eine Stressgeschichte, die ich sogar objektiv durch meine individuelle Heart Rate Variablity (HRV) messen kann. Hätte ich nicht eine krasse Kurskorrektur eingeleitet, dann wäre auch bei mir der Vagus nach und nach degeneriert. Brain Fog, Schlafstörungen und Verdauungsprobleme hätten zugenommen und schulmedizinische Hillfe – so viel wussten die Ärzte – gibts nicht bei solchen unklaren Symptomen. Alle Werte sind gut und der Mensch ist trotzdem kaputt.

Yoga! Vagus! Pranayama!

Das wirklich krasse am Vagusnerv ist, dass er durch seine Bi-direktionalität bis in den Präfrontalen Cortex hinein, nicht nur vegetativ (unwillkürlich) den Körper und seine Organe steuert. Wir können ganz bewusst und gezielt den Vagustonus, also seine Spannung und Entspannung, beeinflussen und somit direkt auf Entszündungen, Stress, Verdauungsprobleme, Herz- und Kreislauf einwirken. Ich habe hier mit KI wirklich einfache tägliche Maßnahmen zur Vagusgesundheit zusammengestellt.

Regelmäßige Yogapraxis hat bei mir ohne Quatsch "Wunder bewirkt". Nicht nur, dass ich langjährige Hüftprobleme damit schmerzfrei managen kann. Meine kurzen, manchmal nur 15 minütigen Sessions allein zu Hause haben vor allem über die Atmung meinen Vagustonus wieder in Schwung gebracht. Nicht nur mein Wohlbefinden ist enorm gesteigert, auch meine HRV ist jetzt deutlich besser – meinem Vagus geht es also auch objektiv und messbar besser. 

Es gibt einige Atemtechniken (Pranayama) aus dem Yoga, die relativ einfach zu lernen sind und über die man wie auf Knopfdruck den Vagus zur Ruhe bringen und damit Herzrasen, Entzündungen, Atemprobleme etc. direkt und schnell beeinflussen kann. Oder auch einfach mal vor dem Spiegel die Augen massieren, wenn man sich sowieso das Gesicht eincremt... 

Wie gesagt, das Krasse ist die Bi-direktionalität und die Homöostase dieses Systems. Den Vagus nur zur Ruhe bringen, wird ihm keinesfalls gerecht. Wir müssen ihn auch reizen, z.B. durch intensiven Sport, kalte Duschen, kontrollierte Hyperventilation, Koffein etc. Ich vermute, dass in meinem Leben so ab dem 30. Lebensjahr, wo meine zuvor extreme sportliche Aktivität geringer wurde, dieser starke sympathische Reiz nachgelassen hat. Mein Vagus war Krasses gewohnt und als das ausblieb, ließ die Vagusspannung eben sehr nach, mit allen Nebenwirkungen. Ich habe jetzt also wieder auftrainiert und mache mit 50 wieder mehr Sport als noch mit 40 Jahren.

Vaguskrise 

Für die meisten von uns wird der Fokus auf dem Parasympathikus (also der Entspannung) liegen, weil wir meistens nicht über zuwenig "Stress" klagen. Trotzdem bleibt es wichtig festzuhalten, ein wirklich gesunder Vagusnerv (und damit ein gesunder Körper und Geist) braucht beides: Stress und Entspannung, Ying und Yang, Tag und Nacht... Sie wissen schon.

Generell habe ich das Gefühl, wir leben in einer Vaguskrise: Aufregung und Stress allerorten, unklare Symptome, Long-COVID, Brain Fog. Es täte uns gut, unser ausgleichendes Nervensystem zu schonen, zu pflegen und zu aktivieren. Wann haben wir denn verlernt zu atmen?


Einige der genutzen und empfohlenen Quellen:

Das passt dazu:

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