26. Juni 2026

Der Traum vom Alphabets des menschlichen Denkens

Die Suche einer universalen Grammatik

Ein Essay von Jared Marcel Pollen

Träumer und Philosophen haben sich schon lange von der Vorstellung verführen lassen, dass ein universelles Zeichensystems imstande sei, das gesamte menschliche Denken in Schriftzeichen abzubilden.


Das Voynich-Manuskript 

Im Winter des Jahres 1890 entkam ein polnischer Revolutionär namens Michał Habdank-Wojnicz der eisigen Ödnis eines sibirischen Gefängnisses und durchquerte Europa im Verborgenen. In Hamburg versteckte er sich auf einem Schiff mit Kurs auf England – ein Land, das bereits anderen revolutionären Exilanten wie Karl Marx und Peter Kropotkin Zuflucht gewährt hatte. Wojnicz stammte aus einer Adelsfamilie, hatte sich jedoch von seiner Klasse losgesagt. Als junger Mann schloss er sich der revolutionär-sozialistischen Partei "Proletariat" an, die Polen von der zaristischen Herrschaft befreien wollte. Nachdem der Versuch gescheitert war, zwei zum Tode verurteilte Genossen zu befreien, wurde er verhaftet, monatelang in der Warschauer Zitadelle festgehalten und schließlich tief ins Innere des Russischen Reiches deportiert. Fünf Monate nach seiner Flucht ließ er sich in London nieder und eröffnete dort eine Buchhandlung für revolutionäre Literatur.

Mit der Zeit entwickelte er ein Interesse an seltenen und antiquarischen Handschriften. 1912 reiste Wojnicz südlich von Rom zur Villa Mondragone, um eine Sammlung obskurer Texte zu erwerben. Auf dem Boden einer Truhe in einem der Räume entdeckte er ein auf Pergament geschriebenes Quartheft. Beim Durchblättern stieß er auf astrologische und botanische Diagramme in zarten Wasserfarben – verzweigte, beinahe halluzinatorische Bilder, die sich über die Seiten ausbreiteten; roh und zugleich schön, wie Kinderzeichnungen am Kühlschrank. Es gab Sternkarten, himmlische Medaillons und konzentrische Textkreise. Zu sehen waren außerdem nackte Frauen, schwangere junge Frauen, die in grüner Flüssigkeit badeten, oder Figuren, die in Gebilden ruhten, die an menschliche Organe erinnerten. Am rätselhaftesten aber war die Schrift selbst. Die Seiten waren mit Zeichen bedeckt, die keiner bekannten Sprache entsprachen. Nach seiner Rückkehr nach London begann Wojnicz sofort, Freunden von der "Sphinx" zu schreiben, die er entdeckt hatte. In der Tat handelt es sich um einen Text, der bis heute jeden, der ihn entziffern wollte, vor ein Rätsel stellte. Da weder Titel noch Verfasser bekannt waren, wurde die Handschrift schließlich nach der anglisierten Form des Namens ihres Entdeckers benannt: Das Voynich-Manuskript.

Das Alphabet des Manuskripts umfasst zwischen zwanzig und fünfundzwanzig verschiedene Zeichen. Die Wörter bestehen aus mindestens zwei und höchstens zehn Buchstaben – wobei selbst dies nicht mit Sicherheit feststeht, da es weder Satzzeichen noch Wortabstände gibt. Es ist daher unmöglich zu erkennen, wo ein Wort oder Satz endet und der nächste beginnt. Dennoch könnte man erwarten, syntaktische oder grammatische Muster zu entdecken, etwa anhand häufig wiederkehrender Wörter an bestimmten Positionen. Doch das Manuskript scheint keinem erkennbaren Muster zu folgen. Selbst Begriffe, die man unter den zahlreichen botanischen Zeichnungen wiederholt erwarten würde, unterscheiden sich jedes Mal.

Dem Manuskript war ein Brief beigefügt, verfasst von Jan Marek Marci, dem damaligen Rektor der Prager Karls-Universität. Darin behauptete er, das Werk sei von Kaiser Rudolf II. für 600 Dukaten erworben worden. Der auf das Jahr 1665 datierte Brief ist an den deutschen Jesuiten und Universalgelehrten Athanasius Kircher gerichtet, der einen großen Teil seines wissenschaftlichen Lebens der Kryptographie und dem vergleichenden Studium heiliger Sprachen widmete. Sein Werk Turris Babel (1679) behandelt den Verlust der adamitischen Ursprache nach dem Einsturz des Turms von Babel. Marci schrieb die Handschrift Roger Bacon zu, einem der bedeutendsten Gelehrten des Hochmittelalters.

Bacons Hauptwerk, das Opus Majus, umfasst Untersuchungen zur Naturphilosophie, Mathematik, Theologie, Himmelsmechanik, Optik, Ethik und Sprachwissenschaft. Darüber hinaus entwarf Bacon Maschinen, die ihrer Zeit um Jahrhunderte voraus waren – Fluggeräte, Aufzüge und Tauchglocken. Man sagte ihm sogar nach, einen bronzenen Automaten konstruiert zu haben, einen Vorläufer moderner Roboter. Die enorme Bandbreite seiner Interessen, seine Sprachkenntnisse und seine Beschäftigung mit den damals als okkult geltenden Wissenschaften – und damit die vermeintliche Notwendigkeit, seine Gedanken zu verschlüsseln – überzeugten Voynich davon, dass Bacon tatsächlich der Verfasser des Manuskripts gewesen sei. Über viele Jahre hinweg war das Werk deshalb als "Bacons Chiffre" bekannt.

Zahlreiche Menschen versuchten, das Manuskript zu entschlüsseln – ohne Erfolg. Besonders hervorzuheben ist William Friedman, ein Kryptologe der US-Armee, der den Signal Intelligence Service leitete, jene Codebrecher-Einheit, die während des Zweiten Weltkriegs die Verschlüsselungen der Achsenmächte analysierte. Ihr gelang es unter anderem, die japanische Chiffriermaschine "Purple" durch die Rekonstruktion ihrer komplexen Rotoren- und Schaltmechanismen zu knacken.

Friedman war seit Langem vom Voynich-Manuskript fasziniert. Nach dem Krieg gründete er gemeinsam mit seiner Frau Ethel Lilian Voynich (Autorin von The Gadfly) eine Arbeitsgruppe, um den Text zu entschlüsseln. Mithilfe derselben alphabetischen Verschiebungsverfahren, die auch bei der Purple-Chiffre zum Einsatz kamen, übertrugen sie die Zeichen des Manuskripts in Buchstaben des lateinischen Alphabets. Diese wurden anschließend in Zahlenwerte umgewandelt und auf Lochkarten übertragen, die wiederum von einem IBM-Rechner  – jenem Computertyp, der wenig später auch bei den Berechnungen für die Entwicklung der Wasserstoffbombe eingesetzt werden sollte – verarbeitet wurden.

Friedman und sein Team veröffentlichten ihre Ergebnisse jedoch nie. 1946 wurde das Projekt eingestellt. Jahre später, als man ihn drängte, seine Erkenntnisse offenzulegen, reagierte Friedman mit einem Scherz: Er veröffentlichte seine Schlussfolgerung als Anagramm (genauer ein transposition cipher), also in Form eines eigenen Codes, dessen Bestandteile sich auf vielfältige Weise neu anordnen ließen:  

I put no trust in anagrammatic acrostic cyphers, for they are of little real value – a waste – and may prove nothing. Finis.

Eine Transposition der Buchstaben, die seine Erkenntnis zusammenfasst: 

The Voynich MSS was an early attempt to construct an artificial or universal language of the a priori type. – Friedman.
Als Voynich 1930 starb, ging das Manuskript in den Besitz seiner Frau Ethel über. Sie selbst interessierte sich wenig für das rätselhafte Manuskript ihres verstorbenen Mannes. Dennoch war es ihr zu verdanken, dass Friedman und seine Mitarbeiter ihre Untersuchungen durchführen konnten – Forschungen, die ohne die Entdeckung der Booleschen Algebra durch Ethels Vater George Boole, kaum möglich gewesen wären.

Aussagenlogik und Boolesche Algebra 

Eines Nachmittags im Jahr 1833 hatte George Boole beim Spaziergang über ein Feld nahe Doncaster eine Eingebung – eine Idee, die ihn in einem einzigen, zeitlosen Augenblick traf. Die Erfahrung ließ ihn die nächsten zwanzig Jahre nicht mehr los. Allmählich kam er zu der Überzeugung, dass ihm ein Code offenbart worden war: der Schlüssel zu einer universalen Sprache, die die unendliche Vielfalt und Komplexität menschlichen Denkens auf ein einfaches, formalisiertes System mathematischer Logik zurückführen könnte.

1854 veröffentlichte er An Investigation of the Laws of Thought, ein Werk, das sich zum Ziel setzte, "die grundlegenden Gesetze jener geistigen Operationen zu untersuchen, durch die Schlussfolgerungen zustande kommen", und ihnen Ausdruck in der "symbolischen Sprache eines Kalküls" zu verleihen. Booles binäre Algebra, die auf nur zwei Variablen – 0 und 1 – beruhte und Wahrheitswerte wie wahr und falsch repräsentierte, sollte später zur Grundlage aller modernen Computersysteme werden.

Boole war ein zutiefst religiöser Mensch. In den drei Dimensionen des Raumes glaubte er einen Ausdruck der Heiligen Dreifaltigkeit zu erkennen. Seine Vision bestärkte ihn in der Überzeugung, dass ihm etwas Geschenktes zuteilgeworden sei – eine Offenbarung Gottes. Zeit seines Lebens hielt er daran fest, einen Blick auf den Quellcode des Verstandes geworfen zu haben: auf die reinste Form des göttlichen Geistes und auf jenes logische Geflecht, das die gesamte Wirklichkeit zusammenhält.

Kircher, Decartes und Leibniz 

Boole war keineswegs der Erste, der vom Traum einer universalen, apriorischen Sprache ergriffen wurde. Eine frühe Form dieser Idee findet sich bereits in einem Brief, den René Descartes an den französischen Mathematiker Marin Mersenne schrieb. Dort erwähnt er die Möglichkeit eines "Alphabets des menschlichen Denkens", durch das sich alle Begriffe in elementare Bestandteile zerlegen ließen, die anschließend beliebig miteinander kombiniert werden könnten.

Auch Descartes hatte eine Erfahrung gemacht, die derjenigen Booles bemerkenswert ähnelt. Im Jahr 1619, während des Feldzugs, der in die Schlacht am Weißen Berg mündete, suchte er eines Abends in der Nähe von Prag Schutz in einem überheizten Zimmer. Dort hatte er eine Reihe von Visionen, die ihm, wie er später glaubte, eine völlig neue Philosophie des Geistes offenbarten.

Während Descartes scherzhaft bemerkte, eine universale Sprache werde wohl niemals existieren außer vielleicht dans le pays des romans, "im Land der Romane", verbrachte Gottfried Wilhelm Leibniz einen beträchtlichen Teil seines Lebens mit genau dieser Suche.

In seiner Dissertatio de arte combinatoria von 1666 entwickelte Leibniz die Idee einer characteristica universalis: einer Art Alphabet, das mathematische, metaphysische und ontologische Begriffe zugleich ausdrücken und dabei von allen Menschen verstanden werden könnte. Er beschrieb sie als

"eine allgemeine Algebra, in der alle Wahrheiten der Vernunft auf eine Art Kalkül zurückgeführt würden ... eine universale Sprache oder Schrift, jedoch unendlich verschieden von allen Sprachen, die bislang vorgeschlagen worden sind."

Zur Zeit der Abfassung dieser Schrift vertiefte sich Leibniz intensiv in die Polygraphia Nova (1663), eine Abhandlung über Kryptographie von Athanasius Kircher. Kircher verstand Polygraphie als den Versuch, "alle Sprachen auf eine einzige zurückzuführen". Zu eben jener Zeit befand sich das Voynich-Manuskript – oder das, was damals als Bacons Chiffre galt – möglicherweise bereits in seinem Besitz. Falls Marcis Brief authentisch ist, war Kircher der letzte bekannte Eigentümer des Manuskripts, bevor es für Jahrhunderte verschwand und erst von Voynich wiederentdeckt wurde.

Einen besonders wichtigen Einfluss auf Leibniz' Vorstellung einer universalen Sprache übte das I Ging aus, das alte chinesische Buch der Wandlungen, das im 17. Jahrhundert nach Europa gelangte. Es enthält vierundsechzig Hexagramme, die aus durchgezogenen und unterbrochenen Linien bestehen und zur Darstellung sprachlicher, mathematischer und philosophischer Zusammenhänge verwendet werden können.

Leibniz erkannte zutreffend, dass es sich dabei um ein binäres System handelte: Mit nur zwei Grundelementen ließ sich eine große Vielfalt komplexer Bedeutungen ausdrücken. Damit nahm das I Ging nicht nur Booles Algebra, sondern auch die Logik moderner Computer um Jahrhunderte vorweg.

Doch je intensiver Leibniz versuchte, eine einheitliche Grammatik des Denkens zu entwerfen, desto mehr entzog sie sich seinem Zugriff. Wie später Boole beklagte er die Zersplitterung philosophischen und wissenschaftlichen Wissens. Für Gelehrte wie Bacon oder Kircher bildeten diese Bereiche noch keine voneinander getrennten Disziplinen, sondern unterschiedliche Ausdrucksformen einer einzigen Wahrheit.

Obwohl diese universale Ordnung unerreichbar schien, hielt Leibniz bis zuletzt an der Überzeugung fest, dass ein solcher Kalkül existieren müsse – die eigentliche Sprache des Kosmos, die alles regiert: von den Bewegungen der Himmelskörper bis hin zu den kleinsten unendlichen Einheiten seiner Monadologie.

24 Monate, Jahreszeiten, Planetenkonstellationen aus dem Voynich Manuscript (Public Domain)
 

Kunstsprache des apriorischen Typus

In den 1990er Jahren wurden Pergamentproben des Voynich-Manuskripts mittels Radiokarbonmethode datiert. Das Ergebnis zeigte, dass die Handschrift im frühen 15. Jahrhundert entstanden sein musste – zu spät, um von Roger Bacon verfasst worden zu sein. Zugleich widerlegte dies die Vermutung, Voynich selbst könnte das Werk gefälscht haben.

Bis heute ist es niemandem gelungen, die Sprache des Manuskripts zu entschlüsseln. Vielleicht lässt sie sich deshalb nicht entziffern, weil sie gar keine Chiffre ist. Vielleicht handelt es sich um eine eigens erfundene Schrift, die auf nichts außerhalb ihrer selbst verweist – ein System leerer Zeichen ohne Bedeutung.

Doch die außerordentliche Sorgfalt, mit der Text und Illustrationen gestaltet wurden, die ästhetische Komplexität der Schriftzeichen und die offensichtliche Kohärenz des gesamten Werkes sprechen gegen eine bloße Mystifikation. Das Manuskript wirkt vielmehr wie etwas, das belehren oder mitteilen wollte – als habe sein Verfasser eine Bedeutung vermitteln wollen, die ihm von höchster Wichtigkeit erschien.

Später bemerkte Elizabeth Friedman, die Frau des Kryptologen William Friedman, die Hartnäckigkeit, mit der sich das Manuskript jeder Entschlüsselung widersetzte, spreche dafür, dass es sich überhaupt nicht um eine Chiffre handle. Wahrscheinlicher sei, dass sein Verfasser eine eigenständige Sprache erschaffen habe. Ohne einen Schlüssel zu dieser Sprache könne ihre Bedeutung niemals rekonstruiert werden. 1970, kurz nach Friedmans Tod, wurde schließlich seine offizielle Lösung des anagrammatischen Rätsels im Philological Quarterly (Vol. 49, No. 4 "William F. Friedman and the Voynich Manuscript") veröffentlicht. Sie lautete:

"Das Voynich-Manuskript war ein früher Versuch, eine künstliche oder universale Sprache vom apriorischen Typus zu konstruieren."


 
Quellenvermerk: Dieser Artikel basiert auf einem Text von Jared Marcel Pollen, der ursprünglich in Englisch auf Engelsberg Ideas erschienen ist. Mit freundlicher Genehmigung von EI durch Gilbert Dietrich und KI gekürzt ins Deutsche übertragen und sprachlich angepasst für Geist und Gegenwart.

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