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14. Juli 2026

Vagus, Baby!

Das philosophische Nervensystem

Vor rund 2000 Jahren widerlegte ein Arzt die damals bereits 500 Jahre gültige These des Aristoteles, dass das Herz über den Körper bestimme. Aristoteles schrieb in De anima, dass das Herz der Ort sei, an dem die wahrnehmende Seele wohne, wo der Sitz des Verstandes sei. Der Kopf war für ihn lediglich eine Art Kühlsystem für das Blut. (Sicher kennt jeder von uns irgend jemanden, bei dem das tatsächlich so ist.)

Galen und der Pneumatische Nerv (vom Autor mit KI erstellt, Juli 2026)

Galen, der griechisch-römische Arzt des 2 Jahrhunderts nach Christus, entdeckte dann eben diese 500 Jahre später nicht weniger als die Einheit von Körper und Geist. Er nannte das, wo beides zusammenkommt, den "pneumatischen Nerv": ein System von Nerven, das den Hirnstamm und sogar Teile des präfontalen Cortex mit vielen Organen in unserem Körper verbindet. Es sollte noch einmal 1500 Jahre dauern, bis Galens Erkenntnisse medizinisch eine Renaissance erfuhr. Das alles interessierte aber Philosophen wie René Descartes kein Stück. Sie zerlegten lieber das Leben in Geistiges und Mechanisches. Um der strengen Gewissheit wegen, tat man sogar so, als wäre die Annahme, dass alle außer ich – und Tiere sowieso – Automaten seien, nicht total hirnverbrannt sei. Diese Distanz zum (Er-)Leben "der Anderen" war sicher auch ganz hilfreich (Inquisition, Kolonisation, Holocaust) durch die europäische Geschichte hindurch.

Kybernetischer Vagabund in Kopf und Körper

1611 nannte Caspar Bartholin der Ältere den "pneumatischen Nerv" dann "Vagusnerv", weil er fast durch unseren gesamten Körper mäandert. Der Name blieb und die moderne Forschung begann. Es ist ein ganz außerordentliches System: bi-direktional kann es nicht nur sensorische Reize oder Information aus den Organen ins Gehirn bringen, sondern gibt den verknüpften Hirnarealen auch die Möglichkeit, motorisch auf die angeschlossenen Organe zu wirken.

22. Mai 2022

Von der Sorge und vom Denken

Warum ist das Denken so unbeliebt?

Denken hat heutzutage nicht unbedingt den besten Ruf. Lange habe ich mich am Kopf gekratzt, wenn ich mitbekam, dass Menschen um mich herum in Zweifel zogen, dass das "Philosophieren" ein guter Weg wäre, einen Zugang zur Welt und zur eigenen Position in dieser Welt herzustellen.

Zuviel denken macht krank! Solche Aussagen haben mich immer sehr irritiert. Oder: Meditieren, statt denken! Wir müssen im Hier und Jetzt sein. Oder: Nicht immer nur denken, auch mal machen! Das hat sich mir dann schon eher erschlossen, wenn ich auch immer umgekehrt dachte, dass zu viel machen ohne genügend nachgedacht zu haben, das eigentliche Problem sei. Besser verstanden habe ich das Problem bei typischen Fagen wie: Wie kann ich es abstellen, dass meine Gedanken immer so rasen?

Es geht bei all den oben so unbehaglich problematisierten kognitiven Vorgängen gerade nicht ums Denken. Wie soll denn denken, krank machen können? Und gerade beim Denken bin ich doch am ehesten im Hier und Jetzt! Und denken schließt doch das Handeln nicht aus, ist hier vielleicht "zögern" gemeint? Und "rasende Gedanken" ist eigentlich schon das Gegenteil von denken.

21. Juli 2018

Dein Gehirn ist zum Gehen da

Protest gegen die tägliche Tretmühle

Wozu haben wir ein Gehirn? Der Neurowissenschaftler Daniel Wolpert sagt, damit wir uns bewegen können. Deswegen brauchen stationäre Lebewesen wie Bäume auch kein Gehirn. Sein schönstes Beispiel für die Plausibilisierung seiner These ist die sogenannte Seescheide (Ascidiae). Dieses Tier bewegt sich am Anfang seines Lebens, um einen geeigneten Platz zu finden, auf dem sie siedeln kann, damit sie sich für den Rest des Lebens nicht mehr bewegen muss. Und was passiert dann?

"...beim Ansiedeln auf dem Felsen, wo sie immer bleiben wird, verdaut sie als erstes ihr eigenes Gehirn und Nervensystem als Nahrung. Sobald man sich nicht mehr bewegen muss, braucht man den Luxus eines Gehirns nicht mehr." (Daniel Wolpert: Der wahre Grund für Gehirne)

Das Bewegen, das Gehen, das Wandern sind nicht zuletzt deswegen auch immer schon beliebte Themen der Philosophie gewesen. Denn die Liebe zur Weisheit (wörtliche Übersetzung von Philosophie) hat ja gewissermaßen das Gehirn als seinen Fetisch und ohne Bewegung kein Gehirn und ohne Gehirn keine Weisheit und erst recht keine Liebe.

Gehen in der Schlucht von Verdon, Frankreich

7. Februar 2016

Warum wir so erschöpft sind

Tagträume und andere Rezepte zum Überleben

Im letzten Flow (siehe Bild links) las ich im Interview mit dem Neurowissenschaftler Daniel Levitin, dass ein erwachsener Mensch heute fünfmal mehr Informationen aufnimmt, als noch vor 30 Jahren (Flow Nr. 12, S. 59). Ob in der Freizeit oder auf der Arbeit, die Dichte, die Schlagfrequenz an Informationen ist enorm angewachsen. Nicht verwunderlich, dass sich ein allgemeiner Erschöpfungszustand breit macht, den viele dann gern damit verbringen, ihr Hirn noch mehr zuzumüllen, mit dem was das Internet so bietet. Denn größer als die Erschöpfung ist nur noch das sogenannte FOMO (fear of missing out), die Angst, etwas zu verpassen. Ich setze dem zunehmend das JOMO entgegen: joy of missing out. Das ist dann in Unterhaltungen immer wieder lustig, wenn Freunde sagen: "Was, davon hast du nichts gehört? Das war doch überall auf Facebook!" Ich freue mich dann heimlich an meiner Unwissenheit.

Neulich hatten wir einen Coach im Unternehmen, der sich auf Themen wie Stress und Burn Out konzentriert. Ich habe ihn eine Stunde gebucht und er schloss mich mit Kabeln an einen Computer an, der meine Stresslevel visualisierte. Wir machten ein paar Experimente, um meine Level durch tückische Fragen hochzutreiben und mit Durchatmen wieder abzubauen. So naheliegend es klingt, so sehr vernachlässigen wir es täglich: Das bewusste Atmen ist eine der Tätigkeiten, die uns schnell helfen können, Stress abzubauen. Seine Diagnose des heutigen Arbeitsumfeldes war klar: Das kann nur im Stress enden, wenn man nicht auf sich aufpasst.

Schlafen auf der Arbeit? Klar, bei SoundCloud in Berlin (Photo: Geist und Gegenwart, CC BY-SA 2.0)

4. Dezember 2015

Warum wir überhaupt am Morgen das Haus verlassen

Introvertierte in einer Welt der extrovertierten Anreize

Ich bin ziemlich introvertiert, liebe das Alleinsein zu Hause, ein gutes Buch, das Internet als ungefährlichen Kanal nach draußen, ein oder zwei Freunde, aber vor allem das sichere Gefühl, dass ich selbst kontrollieren kann, wie weit ich mich öffnen oder zurückziehen möchte. Und trotzdem gehe ich jeden Tag arbeiten, jeden Tag unter unberechenbare Leute, die mich ungebeten ansprechen und meine Konzentration unterbrechen werden. Jeder Tag ist ein Behaupten in der Gruppe, jeder Tag ist ein Wirbelsturm von Eindrücken und maximaler Stimulation. Wie erschöpfend! Wöchentlich habe ich diese Tage, an denen ich am liebsten gar nicht vor die Tür gehen würde. Schon die Aussicht, mich in das Auge dieses Sozialorkans zu begeben, der dort draußen tobt, ermüdet mich.

Party für Introvertierte: Warum vor die Tür gehen? Hier ist's doch schön! (Bild gemeinfrei)

8. August 2015

Warum wir unserer Intuition misstrauen sollten

Oft denken wir, wir seien gute Menschenkenner, genaue Beobachter oder besonders scharfsinnig. Psychologen jedoch sagen uns, dass wir nicht annähernd so gut funktionieren, wie wir meinen.

 
In ihrem neuen Buch Der unsichtbare Gorilla: Wie unser Gehirn sich täuschen lässt haben Dan Simons, Professor der Psychologie an der University of Illinois und Christopher Chablis vom Union College die Funktionsweise unseres Gehirns bei der Verarbeitung visueller Reize untersucht. Die beiden Psychologen sind besonders daran interessiert, wie das, was wir sehen, unsere Selbstwahrnehmung beeinflusst. Das Buch geht dabei sechs alltäglichen Illusionen über uns selbst auf den Grund, die unser Leben grundlegend beeinflussen. Die Autoren meinen, wir unterlägen Illusionen hinsichtlich unserer Aufmerksamkeit, unseres Erinnerungsvermögens, unseres Selbstbewusstseins und Wissens, Illusionen über Ursachen und Wirkung und Illusionen hinsichtlich unseres eigenen Leistungsvermögens.

7. Juni 2015

Unconscious Bias: Vorurteile in einer aufgeklärten Welt

Wie uns unbewusste stereotype Entscheidungen täglich behindern

Es scheint, dass unsere psychologische Geschichte vor allem ein Zurückdrängen des Unbewussten ist und damit ein Ausweiten von Bewusstsein. Wir sind inzwischen darüber aufgeklärt, dass man Menschen nicht wegen ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe, ihres Alters, ihres Gesundheitszustandes oder ihres Geschlechts benachteiligen oder gar unterdrücken darf. Das Verb "darf" ist in diesem Zusammenhang wichtig. Denn diese Aufklärung ist nicht zurückführbar auf unsere Natur oder unsere eigenen Interessen und Vorlieben, sondern sie ist eine Übereinkunft, ein gesellschaftliches Gesetz, dem wir uns "trotz allem" unterwerfen.

Egal wo du arbeitest, was deine Hautfarbe, dein Geschlecht ist? Nein, nicht egal!

26. November 2014

Wir können nicht endlos hin- und hergebogen werden

Catherine Malabou empfiehlt Plastizität, anstatt Flexibilität


"Das Problem liegt darin, dass der Kapitalismus
den Begriff der Plastizität pervertiert, indem
er ihn mit der Flexibilität verwechselt."
(Catherine Malabou, Philosophie Magazin)

Eine Eigenschaft, die von uns als modernen Menschen offenbar mehr als jede andere erwartet wird, ist die Flexibilität. Wir sollen anpassbar sein an die Gegebenheiten, mit denen uns die moderne Gesellschaft, insbesondere im Arbeitsleben konfrontiert. Wir sollen "Ja" sagen zu Veränderungen, die oft Zumutungen sein können. Wenn Firmen von sich sagen, sie seien "flexible Unternehmen" verbirgt sich dahinter oft einfach ein Mangel an Strategie und Planung. Aber auch epochale Veränderungen wie sich global aufschaukelnden Systeme in Technik, Gesellschaft und Wirtschaft verlangen von uns eine immer größere Agilität angesichts schwindender Planungssicherheit. Als Belohnung für unsere Bereitschaft, auf Sicherheiten und Annehmlichkeiten zu verzichten, gibt es neue Chancen, Karrieren und vielleicht sogar flexible Arbeitszeiten.

"Menschen können nicht endlos hin- und hergebogen werden" (Bildlizenz: CC0 Public Domain)

Was beim Nachdenken darüber stören muss, ist die Einseitigkeit des Konzepts Flexibilität: Wir sollen auf eine sich ständig ändernde Umwelt mit Anpassung (z.B. durch neu Lernen, Verzicht oder Umzug) reagieren. Da kriegt man schon beim bloßen Zuhören ein Gefühl von ausgeliefert sein: Entweder wir reagieren flexibel auf die Anforderungen wie ein junger Grashalm auf den Wind oder sie brechen uns wie der Sturm einen alten trockenen Strohhalm. Das sind eigentlich keine akzeptablen Alternativen. Wie können wir den Wandel und unseren souveränen Umgang damit neu denken?

5. April 2014

Warum schlechte Träume gute Träume sind

Bewusstseinszustände zwischen Mentalhygiene und Therapie

Der britische Psychologe Richard Wiseman stellt in der philosophischen School of Life die Frage, ob unsere Träume therapeutisch wirken können oder was der Sinn dahinter ist, dass sie uns allnächtlich mit negativen Gefühlen belästigen. Im Folgenden habe ich Wisemans Gedanken ins Deutsche übertragen, um dann am Ende des Artikels weiterführende Gedanken an therapeutische oder zumindest mentalhygienische Beschäftigungen anzuschließen.


Home Sweet Home 33
Hallo mein Kind, lass uns ein Spiel spielen! (Quelle: Leonardo Ho via Flickr)

Egal, was in unserem Alltag um uns herum passiert, ungefähr 80% unserer Träume werden von negativen Gefühlen begleitet. Die Mordrate in unseren Träumen ist sicher höher, als die jeder Stadt dieser Erde und unsere häufigsten Träume handeln von Angst, Stress und Furcht. In unseren Träumen fallen wir durch Prüfungen, werden Straßen entlang gejagt, stürzen in tiefe Abgründe, verpassen Züge, finden uns plötzlich nackt in der Öffentlichkeit wieder und kämpfen gegen Zombies. Unser Land der Träume ist eine Brutstätte des Bösen, des Verstörenden und Negativen.

16. Februar 2014

Der wandernde Geist - Zerstreuung als Normalzustand

Um es vorweg zu nehmen: Natürlich haben wir ein Problem mit der Konzentration! Spätestens seit der Erfindung des elektrischen Lichts (ganz zu schweigen von Fernseher und Laptop) neigen wir dazu, alles mögliche parallel zu machen. Mir selbst fällt es schwer, nur zu essen, ohne irgend etwas zu lesen, zu reden oder Nachrichten zu schauen. Warum? Unser Hirn langweilt sich ohne Input, wir sind darauf programmiert, die Umwelt ständig nach Informationen abzuscannen. Die Konzentration auf das vermeintlich Wesentliche fällt uns schwer. Vielleicht ist das Wesentliche gar nicht vor mir, sondern findet an der Peripherie meiner Wahrnehmung statt? Also immer weiter scannen...
"Willenlose, ungerichtete Zerstreuung ist das eigentliche Prinzip der Evolution, und zwar von Anfang an! Ich meine, der Urknall fand gewiss nicht deshalb statt, weil die Schöpfung sich auf das Wesentliche konzentrieren wollte." (Wolfram Eilenberger, Philosophie Magazin Nr. 2/2014, S. 3)
Lesen, schreiben, essen, trinken... alles zugleich? (Quelle: Social Europe via Flickr)

Achtsamkeit, Wertschätzung, ungeteilte Aufmerksamkeit, Meditation sogar: Das sind die neuen quasi-religiösen Fetische, über die heute alle Twittern oder Facebook-Meme liken und gleichzeitig essen, fernsehen und dabei den nächsten Artikel aus dem niemals enden wollenden Schwall von Blog- und Online-Magazin-Veröffentlichungen lesen. Das ist halbwegs widersprüchlich, oder?

9. Februar 2014

Hard Rock Gehirn: Musik und Persönlichkeit

Warum wir die Musik lieben, die wir lieben


Es ist faszinierend, welche große Rolle Musik in unseren Leben spielt. Musik ist uns nicht nur wichtig, wenn wir ihr konzentriert bei einem Konzert oder beim Abspielen einer CD lauschen, sondern beinahe überall und immer: Im Auto, zu Hause, auf der Arbeit - überall dudelt es. Beinahe alle menschlichen Zeremonien werden von Musik begleitet, von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beisetzung. Etwa 14% eines Menschenlebens im Wachzustand werden heute mit einem Soundtrack unterlegt.¹ Ich selbst liebe das Gedudel weniger und höre eigentlich kaum Musik nebenbei, sondern nur ganz gezielt entweder zum Genuss oder zur Unterstützung einer körperlichen Aktivität, die Energie von mir verlangt. Eine Ausnahme: Ich kann nicht Staub saugen, ohne laute Musik über Kopfhörer zu hören, weil ich den Staubsaugerlärm wirklich nicht ertrage.


Die Band Superman in meinem alten Berliner Lieblingsclub Mad'n'Crazy (Foto von mir)


Ich bekenne, dass ich gern extrem schwere Gitarrenmusik höre, dabei alles angefangen von solchen Urvätern wie Led Zeppelin, Black Sabath über Metallica, Kyuss, Pantera und Slipknot bis hin zu Type O Negative, Karma to Burn, Mogwai und allem, was Jack White mit seiner Gitarre heute so macht.

Mich fasziniert die Aggression in den Stimmen und Gitarren und das Adrenalin auf den Konzerten. Eine Masse von Menschen scheint sich völlig gehen zu lassen, Arme, Beine und Köpfe rasten völlig aus und doch scheinen alle auf einer Welle zu schwingen. Mehr Schäden als ein oder zwei gewöhnliche Platzwunden sind in der Regel nicht zu verzeichnen, dafür gibt's aber jede Menge roher ursprünglicher Gefühle, viel unverfälschte Euphorie und letztendlich positive Energie. Schauen Sie selbst:


Auch wenn ich die Musik ganz allein genieße, stellt sich große Euphorie ein. ich muss sie laut hören, um einen Effekt zu erzielen, aber dann reißt sie mich so mit, dass ich ein ganz anderes Energielevel erreiche. Natürlich ist dort auch eine Portion Aggression und vor allem die Lust daran, das langweilige und oft verlogene Allerweltsgedudel unserer Massenmedien, der Konsumeinrichtungen (wie ich Kaufhaus- und Supermarktmusik hasse!) und alltäglichen Begegnungen, die zwangsläufig zivilisiert und freundlich sind, zu zerreißen. Verstehen wir uns nicht falsch: Sich zivilisiert zu benehmen, ist wichtig, aber es gibt für alles einen Ort und eine Zeit und nichts stimmt ohne sein Gegenteil. Heavy Metal, Punk und Rock helfen mir, im Kontakt zu bleiben, mit dem, was neben meiner öffentlichen Person sonst noch zu mir gehört: Aggression, Unruhe, Aufbruch, Hass, Schmerz, ein grundlegendes Nichteinverständnis mit dem, was die menschliche Welt um uns herum ausmacht, oder wie es Slipknot auf den Punkt brachte "People = Shit". Und das alles kommt zusammen in einem unglaublich befreienden und euphorischen Schrei aus dem Bauch über die Brust bis in den Hals. Oft kommt er dann nicht aus dem Mund - ich will ja nicht verrückt wirken-, aber im Kopf ist er angekommen. Und dann weiß ich, dass es mehr gibt, als diese emotional reduzierte Welt, auf die wir uns alle jeden Tag immer wieder einigen müssen.

29. Juni 2013

Asoziale Medien und dummes Internet?

Digitale Demenz und andere zurückgebliebene Missverständnisse

Wir erinnern uns an Manfred Spitzers Warnung, dass das Internet uns dumm mache. Digitale Demenz ist das alarmierende Schlagwort. Seine These: Die "Auslagerung des Denkens auf Maschinen schadet dem Gehirn." Studien belegen angeblich, "dass jemand gegoogelte Inhalte mit geringerer Wahrscheinlichkeit im Gehirn abspeichert als jemand, der sie auf andere Weise sucht" (Pressetext). Außerdem fällt es uns angeblich immer schwerer, uns zu konzentrieren. Hinzu kommt, dass wir ja nur noch Facebook Friends und keine wahren Freunde mehr haben, oder?

In Allain de Bottons School of Life war kürzlich der Psychologe und Kognitionswissenschaftler Tom Stafford zu Besuch, um daüber zu reden, wie die offensichtlich immer noch neuen Internet-Technologien unser Gehirn beeinflussen.

Homo Aplatanadus - Impreso
Wie  verändert uns die Technik? Der schlappe Mensch. (Juan Cieri via Flickr)

28. Januar 2013

Der kleine Tod: Wie wirkt die Narkose?

Ich bin ein Klumpen, stöhne, versuche mich zu bewegen, meine Beine zittern, im Kopf ist es dunkel und dumpf. Ich kann kaum kucken. Eine Frau spricht zu mir: "Herr Dietrich, atmen Sie!" Ich sage: "Mein Bein, drehen Sie mein Bein gerade! Es ist verdreht." Nichts ist verdreht, ich wache nur aus der Narkose auf. Ich bin der letzte, der diesen Freitag hier aufwachen würde, die Uhr über der Tür zeigte 18:30. "Haben Sie Schmerzen?" Ich stöhne. Kurz danach überkommt mich eine Welle der Leichtigkeit, ich entspanne mich, mein Kopf sackt zur Seite, ich fühle mich leicht wie ein Schmetterling. Irgendwo muss die Ärztin einen kleinen Hahn aufgedreht haben, Opioide kommen durch den kleinen Schlauch in meinem Handrücken und überschwemmen meinen Blutkreislauf. Das sind die kleinen Leckerlis, die eine OP mit sich bringt: legaler und kostenloser Drogenkonsum fast ohne Risiko. Gegen den trockenen Mund sprüht die Ärztin mir ein Spray in den Mund.

Preoxygenation before anesthetic induction
Die letzten Sekunden bei Bewusstsein, aber ohne Erinnerung?  (Quelle: ISAF)

"Atmen Sie tief, Herr Dietrich!" Die Ärztin legt mir einen Schlauch für Sauerstoffzufuhr unter die Nase. Ich konzentrierte mich aufs tiefe und regelmäßige Atmen. Um mich herum wurde alles etwas klarer und kurze Zeit später unterhielt ich mich mit der Ärztin über ihr Fachgebiet: Die Narkose. Ich erzählte ihr, dass ich gerade ein Buch gelesen hatte, "Das Lexikon des Unwissens", in dem ein Kapitel der Anästhesie gewidmet war. Die Ärztin stimmte zu: "Es ist nicht völlig geklärt, warum Narkose funktioniert. Aber es funktioniert und die Zeiten des Beißholzes sind zum Glück vorbei."

24. Januar 2013

Die Nacht ist für Nerds, Autoren und andere Kreative

Wer kreativ ist, etwa ein Autor, ein Designer oder ein Programmierer, wird bemerkt haben, dass es sich am besten nachts arbeitet. Warum ist das so? Swizec Teller, selbst Autor und Geek, schrieb ein Buch und einen viel beachteten Blog-Artikel zu dieser Frage: Why Programmers Work At Night. Am Ende des Artikels steht die Erkenntnis, dass nachts arbeiten mindestens diese drei Vorteile habe:
  1. die Nacht ist Open End und ohne feststehendes Limit, arbeitet es sich entspannter 
  2. in der Nacht gibt es weniger Ablenkung, wir können uns besser konzentrieren 
  3. der helle Bildschirm hält uns wach
Late Night Hacking
Late Night Hacking (Bild über Flickr.com von  Tor Håkon)

1. Dezember 2012

Typisch: Warum wir immer anders und doch dieselben sind

In welchen Zusammenhängen stehen unser Erleben und unsere Persönlichkeit?

Wenn ich mit Klienten oder Kollegen über Persönlichkeitspsychologie rede und wir an einem Punkt sind, wo sie mit Testergebnissen konfrontiert werden, die etwa eine deutliche Introversion nahelegen, dann kommt es fast immer zu Gegenreaktionen. Die häufigste ist: Ich bin doch nicht immer dieselbe Person. Das hängt doch von der Situation ab. Klar bin ich oft still, aber manchmal rede ich auch ganz viel oder ich mag allein sein, aber neulich war ich auf einer Party, habe bis zum Ende durchgetanzt, getrunken und Leute kennengelernt. Ich bin also beides: introvertiert und extrovertiert. Natürlich! Niemand ist eindimensional. Aber die Situation kann nicht das Persönlichkeitsmerkmal bestimmen, sondern die Persönlichkeit sucht sich die Situation, wie wir gleich zeigen werden.

unit four PHOTOGRAPHY - PRACTICE SHOOT.
Sind und bleiben wir immer dieselben Personen? Foto: Paige Nolan via Flickr

20. November 2012

Sterben und Tod II

Was passiert mit Körper und Geist, wenn wir sterben?


Sterben ist ganz einfach: Du atmest aus und kannst nicht mehr einatmen – das war's. Sogyal Rinpoche

Was passiert eigentlich, wenn wir sterben? Wann ist unser Körper wirklich tot und was passiert mit unserem Bewusstsein, wenn wir sterben? Der Eintritt des Todes wird von uns in der Regel als ein Zeitpunkt vorgestellt. Vor diesem Zeitpunkt ist man am Leben, danach ist man tot. So einfach ist es nicht. Es ist ein Übergang, ein Prozess. Wenn das Herz aufhört zu schlagen, stellt das Hirn innerhalb von 10 Sekunden mangels Sauerstoff seine Aktivität ein. Mit einer Lampe kann man in den Pupillen prüfen, ob es dort noch Reflexe auf den Lichteinfall gibt. Wenn nicht, dann arbeitet der Hirnstamm, der für die Vitalfunktionen des Körpers sorgt, nicht mehr. Damit sind wir klinisch tot, obwohl es noch eine Menge Leben in uns gibt. Unsere Zellen leben weiter, jedoch geraten ihre Stoffwechselprozesse so außer Kontrolle, dass innerhalb weniger Minuten Zellschäden auftreten. Trotzdem können klinisch Tote heute - selbst nach vielen Minuten noch - wiederbelebt werden. Nach einer Stunde sind die zellulären Schäden aber so groß, dass der Körper und damit das Hirn ihre Vitalfunktionen auch nach einer Wiederbelebung nicht mehr selbständig aufrecht erhalten können. Doch auch damit ist das Sterben noch nicht vorbei, wie wir gleich sehen werden.

23. Oktober 2012

Erfahrungen in völliger Dunkelheit

Ein Bewusstseinsexperiment von Saskia John, Tag 8

Letztens war ich mal wieder in der Radiologie. Ich musste fast eine Stunde in einer MRT-Röhre liegen. Still liegen, nichts lesen, nichts sehen und immer diese rhythmischen Klopfgeräusche des sich aufladenden Magneten ertragen. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, für einige wird es an Folter grenzen. Es hat jedoch auch seine interessanten Seiten: Man ist so ziemlich allen normalen Sinnesreizen beraubt, eine Situation die für unser Hirn ganz ungewöhnlich ist. In dieser Reizarmut fängt das Hirn an, zu spinnen. Ich sah plötzlich sich ändernde Muster, geometrische Formen und bunte Farben. Die Klopfgeräusche formten eine schräge Musik und ich geriet in eine Art Trance, in der sich Traum und Wirklichkeit mischten. Am nächsten Tag las ich auf myMONK von Saskia Johns Erfahrungen in völliger Dunkelheit. Bis zu 24 Tage hintereinander verbrachte sie fastend in einem kleinen stockfinsteren Raum und erhielt nur einmal täglich kurzen Besuch. Wenn ich nach 45 Minuten in der Röhre schon anfange zu halluzinieren, was passiert dann erst, wenn man ganze Tage oder Wochen in einem dunklen Raum allein verbringt? Saskia John hat darüber ein Buch geschrieben: In den Tiefen meiner Seele: Erfahrungen in völliger Dunkelheit. Ich freue mich, zusammen mit der Autorin hier einen Auszug veröffentlichen zu können und in einem weiteren Artikel ein paar Gedanken mit ihr zu diskutieren.

24. Juli 2012

Warum regst du dich so auf? Über unsere emotionale Persönlichkeit

Richard J. Davidson
Wer wundert sich nicht darüber, dass manche unserer Mitmenschen (oder gar wir selbst) beim kleinsten Rückschlag im Leben zusammenbrechen, während andere (oder gar wir selbst) größte Schicksalsschläge wegstecken und dabei noch anderen beistehen können? Auch im Alltag kann sich das äußern, zum Beispiel wenn sich jemand vom nicht abreißenden Strom der kleinen Probleme und Unannehmlichkeiten konstant überfordert fühlt, während ein anderer mit Leichtigkeit durchs Leben wandert und kaum Anstoß an solchen Umständen nimmt. Zum Verständnis kann es helfen, diese Phänomene unter dem Gesichtspunkt emotionaler Persönlichkeiten oder Stile zu betrachten. Jeder von uns hat hier seinen ganz eigenen Stil. Aber was sind die Eckpfeiler unseres ganz individuellen emotionalen Stils? Und natürlich wollen wir auch wissen, ob wir diese emotionalen Persönlichkeiten in uns nicht zum Besseren ändern können, sodass wir durchs Leben gehen können, ohne ständig mit den Nerven am Ende zu sein. Richard J. DavidsonProfessor der Psychologie und Psychiatrie an der University of Wisconsin-Madison, hat dazu jahrzehntelang geforscht und ein großartiges Buch geschrieben: Warum wir fühlen, wie wir fühlen: Wie die Gehirnstruktur unsere Emotionen bestimmt - und wie wir darauf Einfluss nehmen können (Deutsch bisher nur als Kindle-Version, ansonsten auf Englisch).

Lernen, Gefühle zu verstehen... ganz erwachsen werden wir nie. (Bild von Missing Kitty)

18. Juli 2012

Das Drei-Einige Gehirn und die Evolution der Persönlichkeit

Ich bin ja immer sehr an Typologien der Persönlichkeit interessiert und neulich fiel mir ein Buch mit dem vielversprechenden und umfassenden Titel Evolution der Persönlichkeit: Die Grundlagen der Biostruktur-Analyse in die Hände, das eine sehr einfache triadische Typologie skizziert. Geschrieben von Juergen Schoemen.

L'inactuel
Das Drei-Einige Gehirn
Die Biostruktur-Analyse geht von nur drei Grund-Komponenten der Persönlichkeit aus und ist damit Rekordhalter der Reduktion. Auch die Dreieinigkeit Gottes und alle anderen magischen Spielchen rund um die Zahl drei werden gleich mit erklärt und zwar durch die triadische Struktur unseres Gehirns: das Stammhirn, das Zwischenhirn und das Großhirn. Da unser Gehirn aus diesen drei Hauptstrukturen aufgebaut sei, verstünde es alle Dreier-Konzepte besonders gut. Die Reihenfolge der Ausbildung dieser Struktur entspräche der evolutionären Entwicklung der Wirbeltiere vom Reptil (Stammhirn) über die frühen Säugetiere (Stammhirn + Zwischenhirn) bis zu den Primaten (Stammhirn + Zwischenhirn + Großhirn). Zurück geht diese Idee auf den US-amerikanischen Hirnforscher Paul D. MacLean und seine Arbeiten in den 60er Jahren. Inzwischen sind einige der evolutionären Aspekte überholt, zum Beispiel weiß man, dass alle modernen Wirbeltiere inklusive der Reptilien das Stammhirn von noch älteren gemeinsamen Vorfahren "geerbt" haben. Außerdem zeigen "Stammhirn-Tiere" (insbesondere Vögel) außerordentlich kognitive Fähigkeiten, die weit über das hinausgehen, was McLean dem Stammhirn zuschreibt. Welche Funktionen schreibt die Biostruktur-Analyse den drei unterschiedlichen Hirnen nun zu?

6. Juli 2012

Wie unser Gehirn die Welt erschafft

Mysterien der Wahrnehmung

von Chris Frith
Wer glaubt, dass wir durch eine Welt laufen, die ganz genauso beschaffen ist, wie sie uns erscheint und dass es vor allem ganz einfach und selbstverständlich ist, diese Welt wahrzunehmen, der täuscht sich. So wie wir alle uns ununterbrochen in der Wahrnehmung unserer Umwelt täuschen. Das jedenfalls beschreibt Chris Frith in Wie unser Gehirn die Welt erschafft. Was man dem Buch wirklich zugute halten muss: Es ist sehr unterhaltsam geschrieben und lässt sich auch ohne viel Vorverständnis von Laien lesen. All die bekannten Wahrnehmungstricks vom Necker-Würfel über die Domino-Illusion bis hin zur Fremdkörpererfahrung meiner eigenen Hand sind hier erklärt. Das liest sich sehr gut, macht Spaß und man lernt tatsächlich etwas über die Mysterien der Wahrnehmung und der daraus resultierenden Konstruktion unserer Realität. Enttäuscht dürfte der Leser sein, der sich mehr Tiefe gewünscht hätte oder gar neue Erkenntnisse hinsichtlich der hirnphysiologischen und molekularen Grundlage unserer Wahrnehmung.

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