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7. August 2014

Es gibt keine Identität ohne Masken

Der freie Umgang mit der Unfreiheit


Bei allem Psycho-, Coaching- und Selbstoptimierungskult, der uns zur Zeit zu überrollen und mit seinen Imperativen zu überfordern scheint, wird eines immer wieder unterschlagen: Die fundamentale Ungerechtigkeit der Verteilung von Kapazitäten, Rechten und Gütern und die damit einhergehende Unfreiheit der vielen in der Gestaltung ihres Lebens. Wenn man an diese Themen so naiv ran geht, dass eben jeder seines eigenen Glückes Schmied sei, dann ist das nicht einmal die halbe Wahrheit.

Die Maske als Medium unserer Identität (Stefano Menegatti via Flickr CC)

Eine treue Leserin kommentierte meinen Artikel Jeder Mensch ist eine Fiktion (Von der Freiheit der Selbsterfindung) folgendermaßen:

12. Juni 2013

Von der Gnade, die eigenen Freunde nicht zu verstehen

Alleinsein, Freundsein und die Qualität von Gefühlen

Die Introversion ist eines meiner Lieblingsthemen. Nicht nur, weil ich darin einen Kern meiner Persönlichkeit gefunden habe, der viele andere Persönlichkeitsaspekte beeinflusst. Introversion interessiert mich auch deshalb, weil es eine existenzielle Grundsituation eines jeden Menschen zuspitzt und greifbar macht: Alleinsein. Introvertierte haben eine besondere lebensphilosophische Gabe im Umgang mit dem Alleinsein. Sie spüren sogar einen inneren Zwang zum Alleinsein. Das ist schon spannend. Ein anderer Aspekt, der selten beleuchtet wird, ist das Recht auf Privatheit, das Recht auf ein Geheimnis, das Recht, auch mal unverstanden zu bleiben. Dieses Recht ist für unsere Identität entscheidend und Introvertierte gestehen sich selbst und anderen dieses Recht meistens ganz intuitiv zu. Sie drängen sich nicht auf, nehmen sich eher zurück, behalten Dinge gern für sich. Alleinsein ist für sie auch eine Frage des Respekts: Jeder Mensch hat das Recht, auch mal für sich zu sein.

Wir sind immer allein

Wir alle - egal ob intro- oder extrovertiert - kommen nicht umhin, uns mit dem Alleinsein auseinanderzusetzen. Im ganz banalen Sinne schon ganz früh in der Kindheit und später, wenn wir uns beim Alleinsein erst ängstigen und dann langweilen. Aber auf eine Art sind wir immer allein, auch und gerade wenn wir  unter Freunden sind: Jedes Missverständnis, jede etwas andere Interpretation einer gemeinsam erlebten Situation, selbst verschiedene Vorlieben zeigen uns, dass wir in einem existenzialistischen Sinne allein sind. Wir können uns zwar verständigen, werden aber nie dieselben Bewusstseinsinhalte haben, die etwa unser bester Freund hat. Wir können uns gegenseitig nicht verstehen, sondern nur interpretieren. Wer das nicht begreift, kann es schwer haben im Leben, denn Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten lassen uns dann verzweifeln, wir nehmen sie persönlich oder denken, dass andere einfach blöd sind.

Sind Introvertierte bessere Freunde?

Wie ich schon sagte, haben Introvertierte eine besondere Gabe, wenn es ums Alleinsein geht. Sie sind gern allein und finden in sich selbst häufig ein ganz reiches emotionales Leben, das nicht darauf angewiesen ist, dass es mit anderen geteilt wird. Diese Gabe allein reicht noch nicht, man muss sie auch "anwenden" können. Dazu zählt auch eine gewisse Balance, sich selbst verstehen und sich selbst auch mal aus dem Versteck wagen, um dann wieder das Alleinsein bewusst genießen zu können. Dazu gehört sicher auch, andere in sein Leben zu lassen, Freunde zum Beispiel und vor dem Hintergrund der eigenen Introversion den anderen ihre Identität zu lassen. Introvertierten wird auch immer wieder bescheinigt, dass sie sehr loyal sind und die ganz wenigen Freunde, die sie in ihr Leben lassen, eng an sich binden können. Eine treue Leserin meines Blogs schrieb mir dazu neulich folgende Zeilen:

Dadurch, dass man nur zu wenigen Leuten Zuneigung empfindet, ist diese dafür aber stärker ausgeprägt und ganz besonders wenn die Zuneigung auf Gegenseitigkeit beruht. Dadurch erwartet man vielleicht eine Art "Exklusivität" die andere nicht unbedingt zurück geben können, erst recht nicht, wenn es sich bei ihnen um Extrovertierte handelt.

Diese Beobachtungen werfen interessante psychologische und auch philosophische Fragen auf. Erst einmal kann es natürlich so aussehen, dass die Zuneigung, die Introvertierte empfinden, stärker ausgeprägt ist. Vielleicht, weil wir ganz allein mit dieser einen Person viel Zeit verbringen und sie deswegen die einzige Empfängerin unserer Zuneigung ist. Aber ist die Zuneigung deswegen stärker? Und stärker, als was eigentlich? Wir werden es kaum beurteilen können, ob andere (meinetwegen Extrovertierte) eine weniger starke Zuneigung empfinden. Wie könnten wir das im Alltag testen? 

Die Qualität von Gefühlen

Ich glaube, wir können die Stärke unserer Gefühle nicht ohne Weiteres mit der anderer Menschen vergleichen. Wir haben ja keinen Zugang zum Empfinden der anderen und können unser Urteil nur auf unsere Beobachtungen als Indiz für ihre Gefühle stützen. Als Beispiel: Nur weil jemand stärker unter seinen Zahnschmerzen stöhnt, als ein anderer, können wir daraus noch nicht schließen, dass er auch wirklich stärkere Schmerzen hat. Es ist ein Indiz, aber kein Beweis. 

Man könnte auch sagen, dass für einen Vergleich von Gefühlen oder Schmerzen ein objektiver Referenzpunkt fehlt. Man kann Schmerzen und andere Gefühle nicht wie ein Erdbeben auf einer Richterskala messen. Ohne diesen objektiven Referenzpunkt ist dann das Reden von mehr oder weniger Schmerzen oder Gefühlem nicht sehr sinnvoll. Zuneigung und Gefühle sind dann eben jeweils individuelle Qualitäten und nicht Quantitäten.

Die Exklusivität unserer Zuneigung, die wir als Introvertierte vielleicht nur einem Freund schenken, lässt es so erscheinen, als würden wir viel stärker für ihn empfinden, als jemand, der seine Zuneigung auf fünf Freunde, statt auf einen "verteilt". Zuneigung ist aber nicht unbedingt wie ein Liter Wasser, der eine einzelne Person ganz durchnässt, während er verteilt auf fünf Personen diese nur etwas bespritzt. Zuneigung ist eine Qualität unseres Bewusstsein, ein Gefühl und das muss nicht geringer ausfallen, nur weil man es auf mehrere "Projektionsflächen" (sprich: Freunde) verteilt.

Diese Erkenntnis kann uns auch dann helfen, wenn wir die Exklusivität, die wir anderen geben, nicht gespiegelt bekommen. Nur, weil ein guter Freund noch vier weitere gute Freunde hat, heißt das nicht, dass er weniger Zuneigung für mich empfindet, als ich ihn für ihn.

Den anderen nicht verstehen ist OK

Vielleicht steckt hinter der Enttäuschung über die mangelnde Exklusivität einfach ein Missverständnis. Nämlich das, dass der andere doch genauso sein muss wie ich. Ich kann nur für einen ganz viel empfinden. Dann muss doch die Zuneigung zu vielen geheuchelt sein.

Hier sind wir wieder am Ausgangspunkt dieses Artikels: Wir sind fundamental allein in unserem Bewusstsein. Um dieses Alleinsein überbrücken zu können, müssen wir es erst einmal verstehen. Nur dann, wenn wir dem anderen Menschen neben uns und uns selbst zugestehen, dass wir ihn in seinem Anderssein nicht vollends begreifen können, können wir die Toleranz und das Verständnis für die Welt dieses anderen aufbringen. Auf das volle Verständnis des anderen verzichten zu können, heißt auch, ihm oder ihr einige Geheimnisse zu lassen, die Person nicht voll zu durchdringen und das Recht auf Identität und Privatheit zuzugestehen. Gerade den introvertierten unter uns wird das gefallen. Wir müssen sagen können: Ich verstehe dich nicht ganz, aber genug, um dein Freund zu sein. Dann können wir auch ertragen, wenn dieser Freund seine Zuneigung anders zum Ausdruck bringt und auf mehr Leute verteilt, als wir selbst es tun würden.

20. Juli 2011

Über die Leichtigkeit im Nachdenken

Alex Rubenbauer stellte mir folgende Frage: Wie findet und hält man die richtige Balance zwischen der Leichtigkeit des Seins durch Nicht-Nachdenken und der Freude am Nachdenken (aus intellektuellen Gründen), jedoch ohne ins Grübeln abzudriften?

Die Antwort in Form des Artikels Über die Leichtigkeit im Nachdenken ist auf Alex Rubenbauers Website erschienen.

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18. Juli 2011

Die vermeintliche Arroganz der Einzelgänger

Eine Leserin fragte mich, ob ich ein paar Worte zu folgender Feststellung sagen möchte:

Immer wieder stelle ich fest, dass man als introvertierter Mensch als arrogant wahrgenommen wird. Im privaten Bereich ist mir das relativ egal. Dann sollen die Menschen eben mal Ihre Antennen ausfahren [...] In der Arbeitswelt kann das aber zu Problemen führen - diese Fremdwahrnehmung kann die Ausgrenzung verstärken und sogar zu Anfeindungen führen, wie ich leidvoll feststellen musste.

The Poor Lonesome Cowboy
Die Sozialbatterien wieder aufladen

16. Juni 2011

Zufriedenheit im individuellen und gesellschaftlichen Leben

Eine Leserin stellte folgende Frage an mich: "Ist Zufriedenheit der Schlüssel zu einem glücklichen und erfüllten Leben? Und welche Eigenschaft ist am Menschen die wünschenswerteste, in Bezug auf den Menschen selbst und die Gesellschaft?"

Nachhaltiges Leben seit 1854: Thoreau's Cove in Massachusetts

Gefahr der Zufriedenheit
Zufriedenheit verstehe ich im Zusammenhang von Genügsamkeit und damit als Fähigkeit, mit dem im Leben auszukommen, was einem gegeben oder erreichbar scheint ohne dem ständigen Verlangen nach mehr ausgesetzt zu sein. Ein Schlüssel zu einem erfüllten Leben ist das alleine nicht. Solche Genügsamkeit birgt offensichtlich die Gefahr, dass man mit sich und seinem Leben zufrieden ist, obwohl man sein eigenes Potential noch nicht ausgelotet oder gar verwirklicht hat. Einwänden könnte man dagegen: "Was soll's? Wenn man damit zufrieden ist, dann ist es doch gut." Und das stimmt auch, wenn die Zufriedenheit eine selbstbestimmte ist und keine, die einem eingeredet wurde und die doch mit tieferen Wünschen der Psyche kollidiert. Im Guten wie im Schlechten sind wir hervorragend dazu in der Lage, uns etwas einzureden. Wenn ich heute zufrieden bin, dann heißt das nicht, dass ich nicht im Alter all die versäumten Chancen bereue. All die Länder nicht besucht, die Menschen nicht geliebt und die Herausforderungen nicht angenommen zu haben - solche späte Reue würde nicht auf ein erfülltes Leben hinweisen.

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