30. Mai 2019

Kulturpsychologie – Interview mit Steven Heine

Von Marianna Pogosyan und ihren Studenten

Wie sehr beeinflussen die Gene unser Verhalten? Ist die menschliche Natur gut oder schlecht? Was eint alle Menschen auf der Welt? Meine gute Freundin und ehemalige Studien-Kollegin Dr. Marianna Pogosyan hat mit ihren Studentinnen und Studenten den renomierten kanadischen Psychologen Steven J. Heine von der University of British Columbia zu seinen Erkenntnissen aus der Kulturpsychologie befragt. Ihr Text und das Interview erschienen zuerst in Englisch auf Psychology Today und wurden für Geist und Gegenwart ins Deutsche übersetzt.

Wir sind eine eigenartige Familie, wir Menschen. Bei all der bemerkenswerten Sorgfalt und Empathie, die wir unseren Mitmenschen entgegenbringen, können wir auch sehr gut erkennen, was uns voneinander unterscheidet. Bei jeder Begegnung von Menschengruppen kommt es zu einer schnellen mentalen Einschätzung der jeweiligen Unterschiede – von unserem Geschmack bis zu unseren Werten. Dieses Talent nimmt olympische Ausmaße an, wenn wir unsere Gruppen verlassen und kulturelle Grenzen überschreiten. Interkulturelle Unterschiede scheinen uns zwar auf den ersten Blick erkennbar, aber Forscher der Kulturpsychologie haben lange die kulturellen Eigenarten untersucht, die in die tiefsten Strukturen unseres Lebens eingedrungen sind – die Art und Weise, wie wir denken, die Art und Weise, wie wir uns fühlen, wie wir uns selbst wahrnehmen und wie wir unsere Beziehungen leben. Unsere Kulturen – vielfältig und großartig – prägen unsere Wahrnehmung der Welt, und offenbaren das Wunder, ein Mensch zu sein. Dazu nun die folgenden 10 Fragen an Dr. Steven Heine, einen der führenden Kulturpsychologen.

Was ist eine der größten Erkenntnisse, die Sie aus Ihrer intensiven Forschung über verschiedene Kulturen hinweg über den Menschen gewonnen haben?

Es ist die Idee, dass die menschliche Natur nichts ist, was in uns steckt. Wir Menschen kommen auf diese Welt und eignen uns unsere Natur an. Wir werden geboren, um zu lernen. Und so sind wir von Anfang an auf der Suche nach kulturellen Informationen, zum Beispiel der ersten Sprache, die uns begegnet. In der menschlichen Natur geht es darum, aus unseren Erfahrungen zu lernen und diese Erfahrungen einen Teil von uns werden zu lassen. Jeder von uns ist unterschiedlichen Erfahrungen ausgesetzt und somit ist die Natur eines jeden von uns immer etwas anderes. Deshalb unterscheiden wir uns voneinander, weil wir als lebendiges neuronales Netzwerk durch unterschiedliche Erfahrungen geprägt wurden.

Was sind einige kulturübergreifende Eigenschaften, die Menschen auf der ganzen Welt teilen?

Solche Gemeinsamkeiten sind schwerer zu studieren als interkulturelle Unterschiede. Aber natürlich gibt es viele Dinge, die universell am Menschen sind. Zum Beispiel lernen wir voneinander und passen uns den lokalen Normen an. Wir kümmern uns sehr um unsere engen Beziehungen. Wir drücken weitgehend die gleichen Emotionen aus. Unsere Persönlichkeitsstruktur ist weitgehend gleich. Und wir sind eine soziale Spezies, weshalb uns unser Ansehen in der Gemeinschaft wichtig ist und wir dazu gehören wolllen. Das sind einige der Dinge, die für Menschen auf der ganzen Welt gelten.

Was bringt es uns, von anderen Kulturen zu lernen?

Ich denke, wir würden so vieles verpassen, wenn wir uns nur in unserer eigenen kulturellen Gruppe bewegten. Oder wie Seymour Martin Lipset sagte: "Wer ein Land kennt, kennt kein Land." Wir lernen viel über uns selbst, wenn wir Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen begegnen. Es bietet uns verschiedene Perspektiven und fördert die Kreativität. Es hilft uns, die Welt besser zu verstehen und anderen gegenüber einfühlsamer zu sein. Politisch kann das den internationalen Beziehungen und Verhandlungen helfen. Die Perspektiven, denen wir begegnen, und das Bewusstsein, das wir für die unterschiedlichen Anliegen anderer pflegen, können uns zu besser informierten, globalen Bürgern machen und uns letztendlich helfen, ein erfolgreiches Leben in dieser globalisierten Welt zu führen.

Wie können solche Erkenntnisse helfen, internationale Beziehungen zu fördern und pflegen?

Wir denken im Allgemeinen nicht darüber nach, dass wir kulturell überformt sind, sondern dass Kultur das ist, was anderen passiert. In der Begegnung ist es wichtig zu bedenken, dass wir genau wie unser Gegenüber ein Produkt eines Lebens voller kultureller Erfahrungen sind. Nicht jeder teilt die gleichen Normen wie wir. Wir können und sollten immer versuchen, die Perspektive der anderen einzunehmen. Versuchen wir vor allem, offen zu sein und andere nicht gleich zu verurteilen, wenn sie möglicherweise Gedanken und Verhaltensweisen zum Ausdruck bringen, die unserer Sichtweise nicht entsprechen. Solche Offenheit ist für eine Welt der internationalen Beziehungen wichtig.

Warum sind manche Menschen sehr kritisch gegenüber ihrer eigenen Kultur, während andere geradezu stolz sind?

Obwohl wir alle in unseren Kulturen Zugang zu denselben kulturellen Botschaften haben, reagieren die Menschen unterschiedlich auf diese Botschaften. Einige Leute werden sie ohne zu zögern akzeptieren. Andere reagieren skeptisch auf solche Wir-Botschaften und lehnen sie ab. Warum reagieren wir nicht alle gleich darauf? Verschiedene Persönlichkeitsmerkmale könnten ein Grund sein. Zum Beispiel hängen politische Einstellungen vom Grad der Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen ab. Menschen, die politisch konservativ sind, neigen eher dazu, den Status quo zu akzeptieren, und Menschen, die politisch liberaler sind, stellen eher den Status quo in Frage. Bis zu einem gewissen Grad scheinen unsere politischen und persönlichen Temperamente vererbt zu sein. Sie sind aber auch von den lokalen kulturellen Botschaften geprägt. Und das ist nur schwer zu entwirren.

Wie sehr beeinflussen unsere Gene denn unser Leben?

Anders, als die Wissenschaft es uns nahelegt, neigen wir dazu, Gene als absolut deterministisch zu verstehen. Wenn zum Beispiel Teilnehmer unserer Studien lesen, dass Fettleibigkeit durch Gene beeinflusst wird, werden sie fatalistischer in Bezug auf ihr Gewicht. Sie werden weiterhin zu viel essen und denken: "Es ist genetisch bedingt, was kann ich da schon tun?" Wenn Menschen hingegen erfahren, wie sehr unser Gewicht ebenfalls durch unsere Prägung beeinflusst ist, werden sie ihre Ernährung genauer beobachten und eher ändern. Wir haben auch festgestellt, dass Menschen, denen wir in Studien etwas von der genetischen Variation auf der Welt erzählen, eher rassistische Vorurteile zeigen. Wenn wir ihnen aber sagen, dass das menschliche Genom im Vergleich zu anderen Arten bemerkenswert homogen ist, obwohl die Genfrequenzen auf der ganzen Welt variieren, ist die Wahrscheinlichkeit rassistischer Vorurteile geringer. Es sind einfach zwei unterschiedliche aber gleichermaßen zutreffende Aussagen über das menschliche Genom, die uns je unterschiedlich beeinflussen, wenn wir sie hören. Wenn wir erfahren, dass wir Vorfahren aus einem bestimmten Teil der Welt haben, hat dies wahrscheinlich Auswirkungen auf uns. Menschen feuern beispielsweise plötzlich andere Olympia-Teams an, nachdem sie ihre genetischen Testergebnisse erhalten haben. Sie werden die Volkszählung unterschiedlich beantworten und neue Sprachen lernen. Es ist merkwürdig, welche große Rolle wir intuitiv den Genen zuschreiben und für wie wenig wichtig wir die kulturellen Prägungen halten. Ich denke, das ist ein Beweis für eine Voreingenommenheit. Unsere Erfahrungen prägen uns maßgeblich.

Ist die menschliche Natur von Natur aus gut oder schlecht?

Ich glaube beides. Wir sind eine soziale Spezies – das ist eine Konstante in allen Kulturen. Wir haben Intuitionen entwickelt, die uns helfen, ein gutes Gruppenmitglied zu sein. Wenn wir schlecht handeln, fühlen wir uns schuldig und schämen uns, was uns dann hilft, zukünftig besser zu handeln. Status ist ein wichtiger Aspekt der Zugehörigkeit zu einer sozialen Spezies und wir sind stets bestrebt, unseren eigenen Status innerhalb der Gruppe zu stärken. Dabei treffen wir manchmal falsche Entscheidungen und verhalten uns schlecht – manchmal mit guten Absichten. Aber in den meisten Situationen denke ich, ist es unsere Standareinstellung, uns so zu verhalten, als ob wir gut wären. Wir sind eben kompliziert und vielfältig.

Was bleibt für Sie eines der größten kulturübergreifenden Rätsel der menschlichen Psyche?

Die romantische Liebe! Sie manifestiert sich auf der ganzen Welt jeweils ganz anders. Das beste Beispiel ist die Existenz arrangierter Ehen. Eli Finkel, der zur romantischen Liebe forscht, argumentiert, dass sich die Beziehungen selbst innerhalb eines Landes wie in den USA im Laufe der Zeit verändern. Heute sehen die Menschen Beziehungen eher als Mittel der Selbstdarstellung, während es in der Vergangenheit eher darum ging, die wirtschaftliche Grundeinheit einer Familie zu bilden. Warum ändern sich unsere Einstellungen zu Beziehungen so sehr? Was wollen wir von einer Partnerbeziehung? Was wollen wir mit unseren Partnern erreichen? Vor welchen Herausforderungen stehen wir in unseren Beziehungen? Ich denke, diese Fragen sind kulturübergreifend noch zu wenig untersucht.


Vielen Dank an Steven Heine für seine Zeit und seine Erkenntnisse. Dr. Heine ist Professor für Sozial- und Kulturpsychologie an der University of British Columbia. Er ist Autor von Cultural Psychology und DNA Is Not Destiny: The Remarkable, Completely Misunderstood Relationship between You and Your Genes (English Edition). Vielen Dank auch an die Studierenden der Kulturpsychologie an der PPLE (Frühjahr 2019, Universität Amsterdam) für ihre Fragen im Interview mit Professor Heine.




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Kommentare:

  1. Toller Beitrag, interessantes Thema. Eine Diskussion zwischen einem bzw. einer (Epi-)Genetiker/in und einem Kulturpsychologen/in dürfte auch sehr aufschlussreich sein.

    Aus aktuellem Anlass würde mich in dem Zusammenhang mal interessieren was Herr Heine zu den ganzen Smartphone-Gaffern sagt? Oder warum Feuerwehrleute und Rettungskräfte angegriffen, bepöbelt und behindert werden? Es heißt ja immer mal gern an den Stammtischen "Das hat's früher nicht gegeben!" In dem Fall stimmt es. Aber warum? Abgesehen von der Technologie die es so natürlich noch nicht gab. Aber was geht in den Köpfen vor?

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    1. Ja, ich glaube, dass Kulturpsychologie und Epigenetik sicher viel gemeinsam zur Erklärung unseres Seins in der Welt beitragen können. Heine selbst schreibt ja genau zu diesem Thema: Deine DNA ist kein Schicksal.

      Das generelle Absinken dessen, was man vielleicht "Anstand" nennen könnte, ist in der Tat auch für mich ein Rätsel und Heines Ansichten wären sicher interessant.

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  2. Interessanter Artikel! Wundere mich aber, warum "romantische Liebe" ein Rätsel sein soll - ist nicht lange erforscht, dass Verliebtheit ein hormoneller Ausnahmezustand ist - der dann natürlich "kulturell überformt" sich jeweils anders ausdrückt?

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    1. Ich glaube, dass Heine genau diese je verschiedene kulturelle Überformung meint, die noch nicht ausreichend betrachtet wurde.

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