1. August 2017

Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse?

Die Erbsünde als Metapher für unsere Kulturbedürftigkeit

Wir werden als unschuldige Kinder geboren. Ziemlich schnell aber – so würde unsere christliche Tradition sagen – laden wir Schuld auf uns und sind vergebungsbedürftig. Diese sogenannte Erbsünde ist nichts, was wir im Laufe des Aufwachsens erwerben oder verhindern könnten, sondern sie ist uns mit in die Wiege gelegt. Kein Mensch hat nach dieser Vorstellung, die Möglichkeit vom unschuldigen Kind zum unschuldigen Erwachsenen zu werden, der irgendwann unschuldig stirbt. Mit anderen Worten, unsere Tradition ist da so klar und deutlich, wie sie pessimistisch ist: Der Mensch ist nicht von Natur aus gut, er muss das Böse in sich mithilfe der Kraft Gottes einhegen und auf Armlänge von sich halten. Dieses Böse wird den Menschen Zeit seines Lebens immer wieder bedrängen, was eine fortwährend zu wiederholende Bitte um Stärke und Schutz, das Gebet, notwendig macht.

Sündenfall als Glücksfall? (Ausschnitt aus Lucas Cranach d.J. - Der Sündenfall, 1549)

Man kann diesen christlichen Gedanken der Erbsünde mit guten Gründen als Zumutung und als eine nicht zurechtfertigende Sippenhaft begreifen und ablehnen. Denn wer hat denn das Recht, über mich zu richten und mir pauschal irgend welche Schuld per Geburt zuzuschreiben? Eine Schuld, die vererbt wird, ist vor unserem individualistischen Welt- und Rechtsbild ziemlich absurd. Schuld kann man doch nur persönlich auf sich laden und man muss sie immer auch vermeiden können. Allerdings kann man diesen Gedanken der Erbsünde und der dauernden Einhegung des Bösen in uns aber auch als Parabel auf die notwendige andauernde Kultivierung des Menschen sehen, um sein Zurückfallen in einen natürlichen, barbarischen Zustand zu verhindern. Das Gebet als Danksagung und Distanzierung von Affekten, mit seinen guten Wünschen für sich selbst und andere, ist eine Kultivierungstechnik. Gar keine schlechte übrigens und ich frage mich, welche anderen Techniken wir uns überlegen, während die traditionellen Techniken verschwinden.

Der erste Mensch als edler Wilder oder als gemeiner Wolf?

Verschiedene Philosophen haben die Frage, ob der Mensch gut sei, sehr gegensätzlich beantwortet. Thomas Hobbes beispielsweise meinte, die Menschen bedürften des mit dem Schwert bewehrten Vertrages oder Gesetzes, damit sie sich nicht gegenseitig wie die Wölfe zerfleischten. Ganz anders der ein Jahrhundert später lebende Jean-Jacques Rousseau und die Romantiker in seiner Nachfolge. Dass der Mensch als Geschöpf Gottes von Natur aus gut sei, ist ein Gedanke, der sich konsequent durch Rousseaus Werk zieht und der über die Romantik bis heute den Mainstream inspiriert. Wer würde das nicht gern glauben!?

Ein Problem bei der Frage, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei, ist der Umstand, dass es keine Menschen von Natur aus gibt; Menschsein bedeutet zwangsläufig Kultur haben. In den christlichen Metaphern bleibend, müsste man dann sagen, dass Adam und Eva vor dem Sündenfall gar keine Menschen sondern Tiere waren. Wir beschudigen gern die Schlange und Eva dafür, dass wir aus dem Paradies vertrieben wurden. Richtig betrachtet, müsste man sagen, wir verdanken Evas Biss in den Apfel, dass wir überhaupt sind. Der Sündenfall ist eine wunderbare Metapher auch dafür, dass Erkenntnis, Kultur, Menschsein nicht umsonst zu haben ist. Der Preis dafür ist die Entfremdung – die Vertreibung aus dem Paradies. Es ist im Grunde genau das, was wir meinen, wenn wir Mensch und nicht Tier sagen: Das Tier ist Natur, der Mensch ist Natur + Kultur. Für Rousseau ist es genau dieses Plus der Kultur, welches den Menschen verdirbt und ihm das Böse bringt. In einer vereinfachten Position eines Hobbes hingegen, ist es die Kultur, die die Natur des Menschen und mithin das Böse in Schach hält, so wie das Christentum sagt, wir müssten das Böse durch unseren Glauben an Gott und sein Wort, das uns Gesetz sei und die daraus resultierenden Lebenspraktiken in Schach halten.

Romantische Missverständnisse

Jeder romantische Drang zurück zur Natur oder zurück zur Kindheit und die damit verbundene Vorstellung, dass dort am Ursprung gewissermaßen das Gute sei, übersieht die Tatsache, dass wir nicht von Menschen als reines Naturwesen sprechen können. Oder anders herum gesagt: Wer ein rein natürliches Wesen möchte, der kann das nicht "Mensch" nennen. Mit dem Menschen gibt es also immer nur ein Vorwärts, aber kein Zurück zur Natur, kein Zurück zum Ursprung, denn das hieße Regression weg vom Menschen, zurück zum Tier, zurück zum unbeseelten oder gar unbelebten Sein.

Damit wird klar, dass die Frage, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei, gar keine vernünftige Frage ist. Noch deutlicher wird diese Aporie dann, wenn man sich klar macht, dass die Begriffe "gut" und "böse" rein kulturelle Begriffe sind, die in einer Sphäre der bloßen Natur gar keinen Sinn machen. Was gut oder böse ist, ist Definitionssache und wir alle sind uns darüber höchstens in Schnittmengen einig, über Kulturgrenzen hinweg besteht schon nur noch bei ein paar Grundwerten Einigkeit. Es gibt auch Hinweise darauf, dass wir mit einem moralischen Kompass auf die Welt kommen, mit Hemmungen zu töten beispielsweise. Solche Hemmungen müssen nicht erlernt werden, können aber in der Tat durch psychische Krankheiten oder problematisches Aufwachsen kompromittiert werden. Auch Tiere haben solche Hemmungen, z.B. gegenüber ihrem Nachwuchs oder andere Exemplare der eigenen Gattung. Ein solcher Kompass macht aber noch keinen "von Natur aus gut", denn es gibt eben auch andere angeborene Triebe, die solchen Hemmungen entgegen stehen und die, würden sie nicht kulturell gezügelt, zu Vergewaltigung und Totschlag überall führten. Die Ideen vom "edlen Wilden" oder von der guten Natur sind Märchen.

Leider, muss man sagen, inspirieren uns romantische Auffassungen vom Menschen als gutem Naturwesen, das nur auf seine Instinkte hören muss und zurück zu einer individuellen und ursprünglichen Freiheit streben könnte, immer noch. Hier liegt eine Wurzel der Ablehnung alles Intellektuellen, gern als "Elite" diffamiert und eine Liebe zur Regression, wie man sie überall dort findet, wo ein Loblied auf das Bauchgefühl oder die Intuition zulasten der Vernunft gesungen wird. Ebenso kommt aus dieser Romantik eine törichte Auffassung von Freiheit und damit eine Ablehnung von gesellschaftlichen Institutionen, die unseren Demokratien schadet. Warum diese Romantik attraktiv ist, ist klar: Zum einen bedient sie ein verständliches Bestätigungsgefühl derer, die sich als Verlierer in unseren Gesellschaften sehen. Außerdem kommt es unserer natürlichen Faulheit, besonders der Denkfaulheit entgegen, wenn wir meinen, nicht denken zu müssen, sondern uns auf unsere Intuition verlassen zu können. Ich meine aber, wir sollten uns etwas mehr am Riemen reißen und akzeptieren, dass das Leben als Mensch immer auch ein Unbehagen in der Kultur ist. Denken hilft dabei mehr als Intuition. Wenn ich auf meine Intuition höre, will ich auch nur weg rennen. Aber damit lösen wir keine Probleme, erst recht keine komplexen gesellschaftlichen Probleme wie die der Schere von Arm und Reich oder der von gesellschaftlicher und politischer Teilhabe in der Demokratie.

Der Mensch ist nicht gut, wenn er sich auf sich selbst zurückzieht, um sich selbst kreist. Er braucht andere Menschen, er braucht Gesellschaft, er braucht Resonanz um gut zu sein. Und er braucht einen Rahmen im Handeln mit den anderen, Gesetze zum Beispiel, Tugenden oder Gebote. Der Mensch braucht das nicht, weil er von Natur aus böse wäre, sondern weil er ein Kulturwesen ist und kein Tiger.



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Ein sehr guter Kommentar. Mir kam beim lesen direkt Büchners Woyzeck in Erinnerung^^
    "Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht." Woyzeck

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  2. Hab neulich in einem Film den Spruch gehört "Der Kampf gegen das Böse kann nie gewonnen, muss aber immer geführt werden!" Scheint leider zu stimmen.

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  3. Hallo,

    wenn man böse mit triebhaft definiert, stimmt dein Zitat aus dem Film. Und gut mit vernünftig. Nur ist nicht alles so einfach nach Schwarz und Weiß einzuordnen.

    Lieber Hr. Dietrich,
    toller Artikel. Ich habe ihn mit Freude gelesen. Es trifft den aktuellen Ton. Oft habe ich den Eindruck, dass die Menschen sich zurück sehnen zum triebhaften weil ihnen das Denken und weiter noch das Reflektieren zu anstrengend ist. Vorgefertigte Schwarz/Weiß- oder Böse/Gut-Kategorien machen es einfacher zu urteilen. Dabei hilft es allen mehr wenn man versucht das Gesamtbild zu überblicken. Wobei ich verstehe das das bei der Informationsflut eine Herausforderung darstellt.
    Ich hoffe sehr, dass die Menschen nicht das Denken und das reflektierte Handeln aufgeben. Denn das ist was uns schließlich ausmacht, wie sie schon treffend geschrieben haben, und uns die Freiheit gibt nach der wir uns so sehnen.
    Liebe Grüße
    L.It

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    1. Danke für den Kommentar. Kann ich in allen Aspekten nur zustimmen.

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  4. Ich kann nicht anders als in Zweifel über den letzten Absatz ihres durchaus ansprechenden Artikels zu geraten.
    Wie kommen Sie darauf, dass der Mensch andere Menschen braucht um gut sein zu können? Was ist mit der Theorie des "Herdentums", welches die Intelligenz des Individuums untergräbt und erst durch seine Mitläuferschaft die größten Grausamkeiten der menschlichen Geschichte ermöglicht haben, wie Kriege und Massentötungen.
    Was wäre, wenn der Mensch nun doch, aus welchen Grund auch immer, seien es genetischen oder erlernte Grundlagen, böse sei. Und nur, indem er sich dessen bewusst wäre, dagegen ankämpfen könnte. Jeden Tag einen endlosen Kampf aufs Neue nur um den eignen, selbst verschriebenen Moralvorstellungen genügen zu können. Diese Kraft müsse aus dem Individuum selbst kommen, da die Gesellschaft es keineswegs vorlebt. So wäre die Verwirklichung der eignen Vorstellung eines "guten" Menschen nur möglich, würde man sich von der Gesellschaft und ihren Konventionen, die doch allzu oft zur Grausamkeit und Boshaftigkeit aufrufen, entfernen.

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    1. Ich meine damit, dass das Gute sich in Intedependenz der Menschen manifestiert. Z.B. wissen wir, dass Völker, die miteinander handeln keinen Krieg gegeneinander führen. Wir wissen, dass Menschen die Resonanz anderer Menschen benötigen, auch und gerade damit sie sich auch zurückziehen können, das ist ja kein Widerspruch. Kinder werden "gute Menschen", wenn sie gut sozialisiert werden. Die Psychologie kann zeigen, dass dauerhaft einsame Menschen krank werden. Menschen, die keinen gesellschaftlichen Anschluss finden, radikalisieren sich etc.

      Ich weiß nicht genau, was die Theorie des Herdentums sein soll, aber man kann doch sagen, dass es kein Widerspruch ist, dass sowohl Massenhyterie als auch Vereinzelung (und noch viel mehr Dinge) dazu taugen, uns zu schlechten Menschen zu machen. Natürlich brauchen wir Individualität und Freiheit, aber doch nicht in irgendeiner vorgestellten Totalität, sondern in einer gesunden Sozialisation.

      Natürlich kommt die Kraft zum Kampf gegen "das Böse" auch aus der Gesellschaft. Was meinen Sie, was los wäre, wenn Vergewaltigung nicht verboten wäre? Unmoralisches Verhalten wird durch die Gesellschaft und ihre Institutionen sanktioniert. Das erzieht uns zu guten Menschen. Konventionen sind alles andere als ein Aufruf zu Grausamkeit und Boshaftigkeit. Sie sind das Gegenteil, denn sie sind ja deswegen Konventionen, weil sie die Gemeinschaft erhalten wollen. Das schränkt die individuelle Freiheit zu Gunsten der Gemeinschaft ein. Deshalb sind Konventionen unbelkiebt, aber sie sind Garant für stabile Gesellschaften (das steckt auch schon im Wort selbst). Und natürlich gibt es auch schlechte Konventionen oder überholte, klar!

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  5. Kultivierung und barbarischer Zustand, sind i.B.
    auf Thema 'Bild der bekannten Evolution', hier
    Reduktion auf knallhartes Überleben auf einer
    Art Planeten, extrem spannend. Erst geistige
    Entwicklung, Fortschritt und Reflexion auf das
    Chaos des täglichen Überlebens, machen Erkennen
    von guten Taten oder schlechten Taten möglich.
    Was brauchen wir heute davon noch? Sind wir
    soweit aufgeklärt, unabhängig, geistreich und
    ohne Angst, daß wir einfach nur gut handeln
    können? Wie handeln wir, wenn wir einen Zustand
    der Glückseligkeit erreichen? Lösen wir uns in
    einen guten Zustand auf?

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    1. Und wenn Evolution etwas reffinierter ist und eben nicht "knallhartes Überleben"? Ich habe von Evolution dieses Bild, dass sie ein Ausdifferenzieren und gewissermaßen ein kreatives Probieren des Lebens ist.

      Wie dem auch sei, ich denke nicht, dass wir soweit aufgeklärt, unabhängig, geistreich und ohne Angst sind, dass wir einfach nur gut handeln können. Im Gegenteil, das gute Handeln muss in der Gesellschaft und auch in jedem von uns Individuen kraftvoll gegen Impulse, Vorurteile, Bauchgefühle, Ängeste etc. durchgesetzt werden. Es ist der tägliche Kampf, das In-Schach-Halten des Niederen und Dumpfen und deswegen schmerzt es mich so, wenn ich dieses Niedere und Dumpfe nun auch gesellschaftklich und politisch wieder an die Machthebel kommen sehe (Erdogan, Trump, Orban etc.).

      Wie handeln wir, wenn wir einen Zustand der Glückseligkeit erreichen? Lösen wir uns in einen guten Zustand auf?

      Wie meinst du das, "auflösen"? Das verstehe ich nicht. WIe kann ich mich denn auflösen, wie sehe das aus und wozu wäre das gut/schlecht?

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  6. Der Mensch wird gut, wenn er zu sich selber zurückkehrt und das, was er vergeblich im Außen und bei Anderen sucht, in sich selber entdeckt. In früheren Zeiten sind die suchenden Menschen deshalb in die Wüste gegangen oder Eremiten geworden. Leider hat sich der Mensch schon selber derart veräußerlicht, dass dieses Wissen offenbar inzwischen verloren gegangen ist.

    Der Mensch wird böse durch die Abhängigkeit von Anderen, denn diese Abhängigkeit führt dazu, den Anderen kontrollieren zu müssen. Da die Abhängigkeit immer weitere Bereiche umfasst, werden entsprechend auch die Kontrollmechanismen umfassender. Wenn absolute Kontrolle schließlich dazu führt, das Böse auszumerzen, ist das etwas Anderes als Frieden.

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    1. Was genau soll denn das heißen, "zu sich selber zurückkehren"? Kannst du konkret sagen, was das bedeuten soll?

      Dieser Dualismus von "Außen" und - ich nehme an - irgendein "Innen" trägt nicht, wenn man über Menschen redet. Wir sind doch keine Hohlkörper. Uns kann es nur im Außen und in Relation zu anderen Menschen geben. Auch der Eremit ist nur in Differenz zu seinem nicht-erimitischen Dasein irgendwie bemerkenswert. Das allein sollte uns schon sagen, dass man in der Wüste vielleicht einen hellen Gedanken finden kann, aber noch eher findet man Wahnsinn, Durst und Tod.

      Abhängigkeit ist ja nur eine denkbare Beziehung, in der man zu anderen stehen kann, es gibt viele andere Beziehungen. Machen die auch alle "böse"?

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  7. Dem Eremit geht es hinten runter, ob er nur in Differenz zu seinem nicht-eremitischen Dasein irgendwie bemerkenswert ist. Der Eremit legt keinen Wert darauf, bemerkenswert zu sein, in welcher Hinsicht auch immer. Denn er macht ja eben die Erfahrung, dass es ihn nicht nur in Relation zu anderen Menschen gibt. Ich nehme an, dass die Rückkehr zu sich selbst eben etwas mit dieser Erfahrung zu tun hat.

    Bist Du echt der Meinung, dass es Dich nur im Außen und in Relation zu anderen Menschen gibt? Das ist eigentlich eine sehr archaische Denkweise. Die schlimmste Strafe für den Urmenschen bestand anscheinend darin, von den Stammesmitgliedern fortan ignoriert zu werden.

    Vielleicht ist ja doch was dran, dass es sich bei Facebook & Co. um eine hochsegmentierte, funktional wenig ausdifferenzierte Stammesgesellschaft handelt, wie ich vor einiger Zeit mal in einem Artikel über Zuckerbergs Eine-Welt-Laden gelesen habe. Denn in diesem Eine-Welt-Laden ist ja das Schlimmste, was einem passieren kann, wenn man nicht bemerkt und nicht geliked wird.

    Arbeitsteilung führt zu Abhängigkeit. Das hätte ich dazu sagen müssen. Die Naturvölker, wo jeder alles macht und (abgesehen von den Kindern) für sich selber sorgt, sind friedlich. Die Naturvölker, die die Arbeit unter sich aufteilen, sind kriegerisch. In einer arbeitsteiligen Welt ist Kontrolle nötig. Du kannst einen anderen nicht in Ruhe lassen, wenn Deine Existenz davon abhängt, ob der seine Arbeit macht oder nicht. Abgesehen davon, gibt es natürlich andere Beziehungen.

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    1. Ja, wie gesagt: Die heutigen menschlichen Beziehungen untereinander sind vielfältig. Abhängigkeit ist eine Möglichkeit, sich entziehen und vereinzeln eine andere, Liebe wieder eine weitere, Eltern sein, Freunde sein usw. Es gibt zu viele Beziehungen, als dass man sie einem entweder "gut" oder "böse" zuordnen kann. Solche Einordnungen sind für Leute, die Ambiguität nicht ertragen und gern klare Verhälnisse auf Kosten der Diversität haben wollen. Nichts für mich und nichts, das die Welt irgendwie nur hinreichend beschreibt.

      PS: Dass Naturvölker friedlich seien oder waren, ist ein absoluter Humbug, eine romantische Verklärung zum "edlen Wilden". Empirisch absolut nicht haltbar. Im Gegenteil: Empirisch belegbar ist, dass der gewaltsame Tod durch eines anderen Menschen Hand durch die Menschheitsgeschichte stetig bis heute abnimmt. Naturvölker lebten überwiegend in harschen Bedingungen, die es geradezu nötig machten, mit anderen Stämmen um Nahrung, Territorium und Ressorcen kriegerisch zu komkurrieren.

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  8. Wir leben in einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft mit extremer Spezialisierung: das bedeutet für jeden der Teilnehmer existenzielle Abhängigkeit. Mit den entsprechenden Kontrollmechanismen. Der Auftrag an die Teilnehmer dieser Gesellschaft besteht darin, innerhalb dieser Maschinerie zu funktionieren. Ist diese grundlegende "Beziehung der Abhängigkeit zur Sicherstellung der Grundbedürfnisse ernstlich gefährdet, neigt der Mensch dazu, gewalttätig zu werden.

    Die Naturvölker muss man, wie alles andere auch, differenzierter sehen. Es gibt durchaus Jäger-Sammler-Gesellschaften, die friedlich sind. Deren Kennzeichen sind: kleine Gruppen, keine Arbeitsteilung, egalitäre Organisation, das Individuum steht über der Gruppe, Kinder werden nicht erzogen, sondern lernen durch Nachahmung.

    Unfriedlich sind Jäger-Sammler-Gesellschaften, in denen das Individuum der Gruppe untergeordnet ist, die Arbeitsteilung kennen und ihre Kinder erziehen. Darunter gibt es auch ausgesprochen aggressive wie die !Kung.

    Der Zivilisationsprozess ist ein Mechanismus zur Lösung eines Problemes, das es ohne Zivilisationsprozess gar nicht geben würde. Ein Selbstläufer, der sich selbst in Gang hält.

    Mit zunehmendem Wohlstand nimmt die Gewalt gegen Artgenossen ab. Der im Überfluss aufwachsende Mensch ist weniger gewalttätig als einer, der permanent Mangel leidet. Das ist richtig. Trotzdem ist der Mensch in summa immer noch gewalttätiger gegen seine Artgenossen als das Tier. Schimpansen, Löwen - Tiere, die durchaus Artgenossen töten -, töten im Verhältnis doch immer noch weit weniger ihrer Sippe als der Mensch.

    Im 20. Jh. starben immerhin ungefähr 200 Millionen Menschen durch Kriege. Und das ist jetzt noch nicht so lange her.

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    1. Lass mich eine provokante Frage stellen: Schlägst du vor, wir sollten zurück in einen vorzivilisatorischen Zustand von vereinzelten Menschen oder Grüppchen, weil es da angeblich keine Probleme gab? Oder nur ein bisschen weniger Zivilisation. Oder was schwebt dir vor?

      PS: Wenn man von abnehmender Wahrscheinlichkeit, durch Gewalt zu Tode zu kommen, redet, dann kann man nur statistisch sprechen, aber nicht in absoluten Zahlen. Gemessen an der Bevölkerungszahl auf dem Planeten nimmt die Wahrscheinlichkeit für einen gewaltsamen Tod mit fortschreitender Zivilisiation stetig ab (siehe Steven Pinker), auch wenn es hier und da schlimme Gewaltexzesse gibt und weiterhin geben wird.

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  9. Die Frage ist hinfällig, da wir mit 7,5 Milliarden Menschen unmöglich in den voragrarischen Zustand zurückkehren können. Wenn man alle Lebewesen, die mehr als ein Kilo wiegen, zusammennimmt, machen die Wildtiere nicht mal mehr 10% aus. Die Wälder sind heute so gut wie leer. Davon könnten sich nicht mal ein paar wenige Millionen Menschen ernähren. Die Zeit der Jäger und Sammler ist endgültig vorbei.

    Wenn man den Menschen als Individuum betrachtet, hatte der Jäger und Sammler tatsächlich ein interessanteres Leben als der heutige Mensch. Er hatte wesentlich schärfere Sinne, war intelligenter, hatte ein weitaus besseres Gedächtnis, war körperlich beweglicher und ausdauernder, erheblich stärker und konnte flexibler und kreativer auf Veränderungen reagieren. Die Herausforderungen, die an den Jäger und Sammler gestellt wurden, waren größer und damit war das Leben spannender. Er konnte sich selbst weit mehr erproben. Vor allem war er höchstens auf 200 Menschen angewiesen, konnte möglicherweise sogar autark leben.

    Wenn man die Menschheit als Kollektiv betrachtet, ist die Menschheit insgesamt heute intelligenter. Als Kollektiv hat die Menschheit den Planeten erobert und unterworfen. Vermutlich ist sie sogar dabei, die eigene Lebensgrundlage zu zerstören. Zumindest begleiten die Vorstellungen eines Zusammenbruchs das Kollektiv seit ein paar tausend Jahren.

    Als Kollektiv und durch die Benutzung von Hilfsmitteln (Vertechnisierung) ist die Menschheit stärker als jede andere Art.

    Allerdings ist der durchschnittliche Mensch abhängiger vom Kollektiv und von seiner Technik als je ein höher entwickeltes Lebewesen zuvor. Als Einzelne sind wir vom Kollektiv (System) inzwischen so abhängig, wie eine Körperzelle vom gesamten Organismus. Vom Individuum wird immer mehr verlangt, um das Kollabieren des Systems zu verhindern, und da das Individuum inzwischen existenziell vom System abhängig ist, hat es keine Wahlfreiheit mehr. Aussteigen ist gar nicht mehr drin. Es läuft darauf hinaus, dass das Individuum sich selbst aufgeben muss, um das System zu erhalten. Das ist der Grund, warum der Bürger inzwischen sogar Banken rettet, egal wie ungerecht das immer sein mag. Altruismus ist die Strategie dieses Kollektivs. Wir versuchen einander gegenseitig einzureden, dass der Sinn des Lebens darin besteht, nicht für uns selber, sondern für andere da zu sein.

    Yuval Noah Harari beschreibt die landwirtschaftliche Revolution vor ca. 10.000 Jahren als den größten Betrug der Geschichte. Er stellt es so dar, dass der Weizen den Homo sapiens benutzt und aufs Kreuz gelegt hat. Dass es seit der Agrarisierung mit dem Menschen bergab geht. Dem stimme ich zu. Um zu überleben, braucht der moderne Mensch ein immer
    umfassenderes technisches Stützkorsett.

    Die Weltbevölkerung ist erst in den letzten 1oo Jahren förmlich explodiert. In dieser Zeit hat der Mensch die Atombombe erfunden, die einen weiteren Weltkrieg hinauszögert, vielleicht sogar verhindert. Unser derzeitiger "Frieden" hat als Basis die Angst vorm Atomkrieg, und Angst ist keine Friedfertigkeit. Steven Pinker hat einen blinden Fleck in seiner Sicht auf den Menschen.

    Es bleibt eben immer noch der Tatbestand bestehen, dass Tiere weitaus weniger aggressiv gegen Artgenossen sind als Menschen. Und dass kein Tier die Welt dermaßen zerstört, wie wir Menschen es tun.

    Ich bin gern ein Individuum. Insofern frage ich mich schon, was dieser vielgerühmte und überaus geschätzte Zivilisationsprozess denn tatsächlich gebracht hat.

    Und ja: falls ich wiedergeboren werde und ich es mir aussuchen kann, würde ich mir eine Zeit vor der landwirtschaftlichen Revolution aussuchen.

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