24. Juni 2017

Wir müssen uns gegen Nietzsche verteidigen

Ein Philosoph für alle und keinen

Nietzsche der Musiker, der Atheist, der Religionsstifter, der Rauschhafte, der Nüchterne, der Pessimist, der Optimist, der Künstler, der Kranke mit der großen Gesundheit, der Moderne, der Antike, der Unmoralische mit dem hohen Anspruch an den Menschen, der Anti-Demokrat – bei Nietzsche findet jeder etwas und niemand wird so richtig glücklich mit ihm.

Das Philosophie Magazin hat Friedrich Nietzsche jetzt eine Sonderausgabe gewidmet, der es gelingt genau dieses philosophische Kaleidoskop, das Nietzsche ist, einmal festzuhalten und lesbar zu machen. Zu Wort kommen neben Nietzsche selbst so anerkannte Kenner seiner Philosophie und seiner Biographie wie Renate Reschke, Rüdiger Safranski, Annemarie Pieper, Andreas Urs Sommer, Kerstin Decker oder Volker Gerhardt. Ein kleines Highlight für mich persönlich ist der Auszug aus Thomas Manns "Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung" von 1947.


Das resoniert heute wieder, weil es am Ausgang einer höchst irrationalen und katastrophischen historischen Epoche geschrieben wurde, die heute mit so etwas wie ihrer ewigen Wiederkehr zu drohen scheint. Wer mehr zu Nietzsche im Kontext seiner Lebenszeit lesen und damit verstehen möchte, was ihn heute aktuell macht, dem lege ich Nietzsche: Biographie seines Denkens von Rüdiger Safranski ans Herz.

Für mich wird bei der Lektüre des Philosophie Magazins erneut deutlich, dass Nietzsches Genie in der Ästhetik und im Zusammendenken von Körper und Geist liegt. Er war ein Künstler, ein Poet und Musiker mehr als alles andere. Er hat den Kosntruktivismus vorausgedacht, den Existentialsimus und die moderne Psychologie, hat die Psychosomatik des Bewusstseins vorweg genommen, die jetzt erst langsam den Körper-Geist-Dualismus in der Medizin, den Wissenschaften und dem Common Sense überwindet. In all dem ist Nietzsche der größte philosophische Avantgardist. Er ist einer der Philosphen, die ich unter "heroisch" einordnen würde, jemand der keine Kompromisse eingeht, gegen das Etablierte anrennt, polemisch seine Eigenartigkeiten gegen den Mainstream verteidigt und damit mögliche und unmögliche kreative Synthesen ausprobiert, die ihrer Zeit voraus sind.

Und genau wegen dieser Heroik ist Nietzsche als politischer oder gesellschaftlicher Philosoph so unbrauchbar: Jemand, der sich auf die Seite des Dionysischen, des Rauschhaften, der Starken und gerne auch Irrationalen schlägt, dem kann man in den eher nach vermittelnden, differenzierenden und ausgleichenden Tönen verlangenden Dingen des Zusammenlebens nicht trauen. Er ist hier geradezu romantisch-pubertär, was ihn seit jeher für die Jugend attraktiv gemacht hat, wie auch Nils Markwardt in seinem Artikel Nietzsche als Erzieher zeigt. Aber auch sonst ist Nietzsche ein Opfer der Vereinnahmung: Künstler, Nazis, Machos, Fenministen, Buddhisten, Tierschützer, Fleischer, Vegetarier, naturwissenschaftliche Mystiker und selbst der heutige Zeitgeist der Selbstoptimierung – all das ist wunderbar anschlusswillig an einen, der sich gegen solche Vereinnahmung mit Wut, Spott und Häme verteidigt hätte.

Dass Nietzsche auch zu Komik und Humor inspiriert, wird am Ende des Heftes deutlich, wo sich die Herausgeberin Catherine Newmark und mein akademischer Vater Volker Gerhardt über den Gedanken der ewigen Wiederkehr des immer Gleichen unterhalten und Newmark sagt: "Das überfordert mich mathematisch ..." worauf Gerhardt anschließt: "Mich überfordert es auch praktisch ..."

Ich glaube, ein Großteil von Nietzsches Bedeutung liegt genau in dieser Überforderung seiner Leser von damals bis heute. Seine Gedanken sind offen geblieben für alle möglichen Assoziationen, was uns philosophische Laien dazu verleitet, das in Nietzsche hineinzulesen, was wir möchten. Vielleicht sollten wir versuchen, Nietzsche genau anders herum zu lesen: Stellt er nicht alles in Frage, was wir über uns und unsere Welt annehmen und für sicher erklären? Wir müssen uns gegen Nietzsche verteidigen und an dieser Verteidigung wachsen. In dieser Provokation liegt die anhaltende Bedeutung, nicht in seiner Vereinnahmung.



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. “Was heute noch von protestantischen Kanzeln gepredigt wird, dass unterschätzt nur der(die), der nie oder immer in die Kirche geht“
    #groupthink #alternativefacts #bias
    Passt wunderbar zur Entscheidung der Türkei, Darwin aus Schulbüchern zu streichen ...
    -und vor allem für die #MINT-, #NERD-, #Science-Community, die das Wesen der Religion und die Sehnsüchte der Menschen nicht tief genug analysieren, um dann festzustellen, dass die Aufklärung solcherart
    nicht erfolgreich war & ist

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    1. Lieber Erich, danke für den Kommentar, aber ich kann damit überhaupt nichts anfangen. Das ist mir zu implizit (typische Nerd-Eigenart). Ich weiß nicht, wo du das Zitat mit den Kanzeln her hast, worauf es sich beziehen soll und wie die Türkei mit Darwin zu Nietzsche passt. Ich bin mir sicher, all das passt irgendwie, nur du musst es explizit erklären, damit ich es verstehe.

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