11. Mai 2024

Radikale Christen und sexsüchtige Superhelden

Die Perversion protestantischer Tugenden im weißen Evangelikalismus

Die Trumps beten in der Redemptor Hominis Church (White House, Public Domain)

Das Unchristliche wird zum Über-Christlichen

Christliche Werte stehen hoch im Kurs in dem Land, in dem sich 65% der Einwohner an die christlichen Religionen gebunden und nur 27% der Menschen sich nicht religiös gebunden fühlen. Diesen christlichen Werten als fehlbarer Mensch gerecht zu werden, ist nicht leicht.

"Ich habe viele Frauen voller Lust angeschaut. Ich habe in meinem Herzen schon oft Ehebruch begangen." (Top 10 Unfortunate Political One-Liners, Time.com)

Wegen dieses Satzes in einem Interview im Jahr 1976 verlor der damalige US-Präsidentschaftskandidat Jimmy Carter beinahe die Wahl.

"Ich fange einfach an, sie zu küssen. [...] Ich warte nicht einmal. Und wenn du ein Star bist, lassen sie dich. [...] Pack sie an der Muschi. Du kannst tun, was du willst." (Trump Watching Access Hollywood Tape During E. Jean Carroll Deposition, YouTube)

Trotz (oder wegen?) dieses Satzes in einem Interview 2005, das kurz vor der US-Präsidentschaftswahl 2016 veröffentlicht wurde, gewann Donald Trump die Wahl und wird von Anhängern sogar als von Gott gesandt beschrieben. Inzwischen ist dieser Mann auch wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt und steht wegen Verschleierung von Wahlkampffinanzierung im Zusammenhang mit zwei außerehelichen Affären mit Pornstars vor Gericht. Und dennoch steht es um seine Wiederwahl nicht schlechter als 2016 und 2020. Stellen wir uns vor, sein politischer Gegner (z.B. Joe Biden) wäre wegen solcher Dinge angeklagt und von Skandalen und Vorwürfen umgeben... Niemals hätte so jemand eine Chance, Präsident zu werden.

Verfechter der traditionellen Ehe und des Anstandes

Gewählt wird Trump vor allem von kulturell konservativen bis rechten Bürgern und am treusten ist ihm die Gruppe der erzkonservativen Weißen Evangelikalen Protestanten (13,6% der US-Amerikaner), von denen 70% bis 80% Trump wählen. Das sind die Verfechter der Ehe und des Anstandes und die Gegner jeglicher Abtreibung, jeglicher Pornographie oder Masturbation, von Ehebruch ganz zu schweigen. Sie sind es, die meinen, Donald Trump sei das Werkzeug Gottes.

Es drängt sich die Frage auf, wieso gerade diese Hardcore-Vertreter christlicher Werte wie heilige Ehe, Enthaltsamkeit und ehrlicher Fleiß jemanden wählen, der ganz offenbar ständig gegen diese Werte verstößt? Um etwas vorweg zu greifen: Sie wählen ihn nicht trotz, sondern wegen seiner unchristlichen und nicht zuletzt wegen seiner rassistischen Ansichten. Denn sie vertreten die Auffassung, dass die USA von weißen Christen für weiße Christen gegründet wurden und sie deshalb die weiße christliche kulturelle und politische Dominanz im Land wieder herstellen müssen. Ein von Gott gesandter Superheld, der immer wieder an moralischen Herausforderungen scheitert, kommt ihnen da gerade recht.

Christlicher Einfluss auf Politik und Gesellschaft in den USA

Christlicher Nationalismus: Klansmen vor dem brennenden Kreuz (University of Chicago)

Generell ist es so, dass der Einfluss christlicher Überzeugungen auf Staat und Gesellschaft in den USA weitaus mächtiger ist, als in den meisten europäischen Ländern. So wurde das Land im 16. Jahrhundert ja auch kolonisiert – als Exil von in Europa verfolgten radikalen Protestanten. Sie schworen und nahmen sich vor, dass ihr Glaube nie wieder von einer Regierung unterdrückt werde. Deshalb übrigens auch die amerikanische Hartnäckigkeit, an all den Waffen festhalten zu können – um sich nötigenfalls gegen eine "unchristliche" Regierung wehren zu können.

Die politische Rhetorik ist voll von christlicher Sprache und Symbolik. Verweise auf Gott, Gebete und Appelle an christliche Werte sind bereits seit der Verfassung von 1789 in politischen Reden häufig, insbesondere in Zeiten nationaler Krisen oder bei Diskussionen über moralische Fragen. Auch wird wo immer möglich in der US-Politik auf die Bibel und bei Gott geschworen.

Damit haben christliche Überzeugungen auch die Entwicklung von Gesetzen und Richtlinien in den Vereinigten Staaten immer beeinflusst, insbesondere in Bereichen wie Ehe, Abtreibung und Bildung. Christliche Lobbygruppen beeinflussen die Gesetzgebung massiv und versuchen, die öffentliche Politik gemäß ihren religiösen Werten auch gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung zu gestalten.

Auch über die politischen Institutionen hinaus beeinflusst das Christentum die amerikanische Gesellschaft, seine sozialen Normen, kulturellen Praktiken und Gemeinschaftsorganisationen. Kirchen und religiöse Institutionen fungieren häufig als Zentren des Zusammenlebens und spielen eine aktive Rolle bei der Lösung sozialer Probleme. Immer noch gibt es einen christlichen Nationalismus in den USA, eine zur Zeit wieder erstarkende Bewegung, die anstrebt, das Christentum der Weißen so als Staatsreligion zu verankern, wie z.B. der Islam im Iran staatlich verankert ist.

Der Stellenwert pietistischer und moralisch streng konservativer Überzeugungen in den USA ist deutlich. Es wird damit aber immer noch nicht klar, warum es gerade diese Bewegungen sind, die den moralisch sehr libertären Donald Trump unterstützen, ihn wählen und bis aufs Blut verteidigen.

Wieso ist gerade der Sexualstraftäter Trump ihr Held?

Natürlich gibt es aus Sicht der Evangelikalen erst einmal ganz handfeste politische Errungenschaften Trumps, vor allem die konservative Besetzung des Supreme Courts und die damit eingeleitete Rückabwicklung liberaler Gesetzessprechung rund um Abtreibung, sexuelle Orientierung und Geschlechteridentität, die Ehe für alle und nicht zuletzt auch Fragen der Gleichberechtigung in Hinsicht auf Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft. Das erklärt aber nicht die buchstäbliche Liebe der Weißen Evangelikalen für Trump als Person.

Der Religionssoziologe Samuel L. Perry meint, dass auch die evangelikale Theologie und ihre Ansichten über Männlichkeit und Sexualität die Unterstützung für Trump auf verschiedene Weise beeinflussen: In der alttestamentlichen Bibel finden sich Beispiele für fehlerhafte, ja gottlose, aber wirkungsvolle Krieger im Dienst des Herrn, die zugleich Frauenhelden sind. Biblische Figuren wie Samson, David und Salomo haben Affären, werden aber dennoch als Helden gefeiert.

"Samson ist einfach ein krasser Typ. Er ist dieser tobende, wilde Mann, der wie ein John Wick die Philister tötet. Das ist seine eine Lieblingsbeschäftigung. Seine andere Lieblingsbeschäftigung ist es, Prostituierte zu besuchen, und die Hure Delilah ist sein Untergang. Aber das wird von den Evangelikalen beschönigt – er wird vor allem als ein Held verstanden, weil Gott ihn dazu benutzte, die Feinde seines Volkes zu bekämpfen, und zwar furchtlos und mit Lust." Evangelicals Hate Stormy Daniels But Love Trump. Here’s Why.

Christliche Männer wollen nicht als "Ned Flanders", als Nice Guy gelten; sie und auch ihre Frauen verehren starke Männer. Samson ist da ein passendes Gleichnis für Trump – ein wilder Kämpfer mit starken sexuellen Gelüsten. Evangelikale betrachten sexuelle Versuchungen als normal für christliche Männer, die dazu bestimmt sind, in allen Lebensbereichen, einschließlich Politik und Sexualität, die Führung zu übernehmen. Trump verkörpert eine hypermaskuline Männlichkeit, die von vielen evangelikalen Männern bewundert wird, auch wenn er moralische Fehler hat. Oder vielleicht eher, weil er moralische Fehler hat, denn darin erkennen sich "normale" Menschen wieder, die unter solch einem hohen moralischen Druck stehen, dem sie gar nicht gerecht werden können. Es ist ok zu sündigen, scheint Trump ihnen täglich zu signalisieren. Das entlastet vom moralischen Druck.

Schon Pornografie und Masturbation gelten in evangelikalen Gemeinschaften als süchtig machende Bedrohung für das christliche Leben. Evangelikale Männer kämpfen gegen Lust und sexuelle Sünden, wie beispielsweise der derzeitige Sprecher des Repräsentatenhauses. Der evangelikale Mike Johnson, kam damit in die Schlagzeilen, dass er und sein Sohn eine "Accountability App" benutzen, die dem jeweils anderen eine Nachricht schickt, wenn einer von beiden mit dem Handy auf sexuelle Inhalte zugreift. Ich weiß nicht, welcher Sohn unbedingt über den Pornokonsum seines Vaters benachrichtigt werden möchte, aber es zeigt eben diesen selbst auferlegten Druck, unter dem Christen in solchen Gemeinschaften stehen.

Trumps Probleme durch außereheliche Affären mit Stormy Daniels oder Karen McDougle machen ihn zu einem von ihnen, da sie den zuweilen aussichtslosen Kampf gegen eine übermächtige Lust überdeutlich repräsentieren. Für Frauen, die sexuelle Initiative zeigen, gilt das natürlich nicht, da sie mit solchem Verhalten gegen die von Gott bestimmte Geschlechterrolle verstoßen. Der Soziologe Perry meint, dass die Frauen sich mit ihrer Rolle arrangieren:

"Mein Ehemann ist der starke Mann und er ist der Herr des Hauses. Und obwohl ich eine Social-Media-Influencerin bin, die jetzt mit YouTube-Videos Geld verdient, möchte ich betonen, dass ich eine unterwürfige Ehefrau bin und er der starke, männliche Ehemann ist, der unser Zuhause und unser Haus spirituell führt." Evangelicals Hate Stormy Daniels But Love Trump. Here’s Why.
Christliche Frauen und Männer, die Trump verehren – das macht auf den ersten Blick keinen Sinn. Das Unchristliche wird zum Über-Christlichen. Perversion – also das Verdrehen – im Denken und Handeln ist typisch für populistische und autoritäre Bewegungen: Fakten werden "fake news" und umgekehrt, oben wird unten, richtig wird falsch, Kommunisten sind Nazis und Sexualstraftäter sind plötzlich von Gott geschickte Retter der christlichen Werte. An solcher Perversion ist vieles ganz offensichtlich gefährlich, am gefährlichsten ist vielleicht, dass wir als zu Koexistenz verdammten Menschen keine faktische Realität mehr vorfinden, auf die wir uns einigen können. Gruppen stehen sich missverständlich und unvereinbar gegenüber und denken je von der anderen Gruppe, dass sie böse, verwerflich, verrückt oder auch einfach nur dumm und blind sei. Das ist der Boden, auf dem Hass und Gewalt gedeihen – wo Menschen keine gemeinsamen Wörter mehr haben, um miteinander reden zu können.
 

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