5. April 2014

Warum schlechte Träume gute Träume sind

Bewusstseinszustände zwischen Mentalhygiene und Therapie

Der britische Psychologe Richard Wiseman stellt in der philosophischen School of Life die Frage, ob unsere Träume therapeutisch wirken können oder was der Sinn dahinter ist, dass sie uns allnächtlich mit negativen Gefühlen belästigen. Im Folgenden habe ich Wisemans Gedanken ins Deutsche übertragen, um dann am Ende des Artikels weiterführende Gedanken an therapeutische oder zumindest mentalhygienische Beschäftigungen anzuschließen.


Home Sweet Home 33
Hallo mein Kind, lass uns ein Spiel spielen! (Quelle: Leonardo Ho via Flickr)

Egal, was in unserem Alltag um uns herum passiert, ungefähr 80% unserer Träume werden von negativen Gefühlen begleitet. Die Mordrate in unseren Träumen ist sicher höher, als die jeder Stadt dieser Erde und unsere häufigsten Träume handeln von Angst, Stress und Furcht. In unseren Träumen fallen wir durch Prüfungen, werden Straßen entlang gejagt, stürzen in tiefe Abgründe, verpassen Züge, finden uns plötzlich nackt in der Öffentlichkeit wieder und kämpfen gegen Zombies. Unser Land der Träume ist eine Brutstätte des Bösen, des Verstörenden und Negativen.

Noch schlimmer werden unsere Träume, wenn wir auch im Wachzustand eine Phase des Stresses durchleben. Wenn wir zum Beispiel eine Trennung von einem langjährigen Partner durchmachen, sind auch unsere Träume von Einsamkeit und Angst geprägt. Die Träume der Rückkehrer aus Kriegsgebieten sind geprägt von Gewalt und Schuldgefühlen. Eine ganze Gesellschaft kann in Albträume verfallen, wie US amerikanische Studien nach den 9/11 Anschlägen und der Zerstörung des World Trade Centers zeigten: Explosionen, Tod und Feuer überall in der Dunkelheit amerikanischer Schlafzimmer.

Was - so fragt man sich - ist der Sinn der ganzen Negativität? Sind diese ganz und gar nicht süßen Träume in irgend einer Art und Weise gut für uns? Warum sind unsere Träumen so von schrecklichen Bildern geprägt? Schlafforscher wie Rosalind Cartwright, Autorin von The Twenty-four Hour Mind: The Role of Sleep and Dreaming in Our Emotional Lives, gehen davon aus, dass diese negativen Szenarien uns nicht etwa ängstigen sollen, sondern dass sie uns dabei helfen, mit unseren täglichen Ängsten und Sorgen umzugehen.

Es gibt verschiedenste Versionen der Theorie vom Traum als nächtlicher Therapeut: Negative Ereignisse würden ihren emotionalen Schrecken und Einfluss auf uns verlieren, wenn wir sie in Träumen wiederholt durcharbeiten. Oder bereiten uns Träume einfach darauf vor, mit täglichen Problemen besser umzugehen, weil wir die damit verbundenen negativen Emotionen immer wieder durchspielen? Egal, was genau passiert, die Idee vom therapeutischen Träumen klingt plausibel.

Auch Tests in den Schlaflabors von Cartwright und ihren Kollegen unterstützen diese Auffassung, z.B. wenn nach Ansehen eines Angst einflößenden Films einige Probanden träumen dürfen und andere nicht und die ersten beim nochmaligen Ansehen des Films ein deutlich geringeres Angstempfinden haben, als die Probanden, die man vom Träumen und somit von der Aufarbeitung des Gesehenen abgehalten hatte. Man hat auch herausgefunden, dass unsere Träume zum Ende einer jeden Nacht leichter werden und weniger negativ geprägt sind. Ähnlich wie bei Therapiesitzungen, scheint es uns nach und nach besser zu gehen, je öfter wir etwas aufarbeiten. Bei Patienten mit Depressionen hat man über länger anhaltende Schlafstudien zeigen können, dass jene die Depressionen besser überwanden, bei denen schon zu Anfang der Therapie stark emotional geladene Träume aufgezeichnet wurden. Allein das Träumen kann Depressionen natürlich nicht heilen, aber offenbar besteht ein Zusammenhang zwischen der nächtlichen Aufarbeitung unserer Probleme in Träumen und unserem mehr oder weniger erfolgreichen Umgang mit diesen Problemen im Wachzustand.

Ausprobieren von Alter und Tod

Nicht nur Träume wirken mentalhygienisch

Ich selbst erinnere mich nach dem Aufwachen nur an sehr wenige Träume, wenn überhaupt. Oft habe ich das Gefühl, wie ein Stein zu schlafen: Ich gehe ins Bett und wache plötzlich wieder auf und die Sonne scheint. Dazwischen war nur der kleine Bruder des Todes, der Vorgeschmack auf die irgendwann aber sicher kommende Nichtexistenz. Vielleicht träume ich genug, erinnere mich aber nicht daran? 

Egal, neben Träumen gibt es viele andere therapeutisch wirkende mentale Operationen, die wir aber bewusst steuern können. Im Grunde, so könnte man argumentieren, ist alles mögliche im Leben therapeutisch oder auch psychischen Problemen vorbeugend zu instrumentalisieren: Arbeit, malen, musizieren, Sport, spazieren gehen, lesen und Tagebuch schreiben sind nur einige der mentalhygienischen Beschäftigungen unseres Alltags. Sie erlauben uns entweder, eine Pause einzulegen, zu entspannen und mal nicht an unsere Probleme zu denken (Sport, Meditation, Arbeit, Drogen) oder sie fördern das Aufarbeiten und gedankliche Proben von problematischen Erlebnissen (Lesen, Schreiben, spazieren Gehen). Für die erste Kategorie, also das Loslassen und Entspannen, scheint es wichtig zu sein, dass wir gerade nicht denken, ebenso wie in den Phasen des traumlosen Schlafs: Hier legt das Bewusstsein eine Pause ein und wir vermögen an tiefere Schichten unserer Körperlichkeit anzuknüpfen oder eben gar nichts mehr zu fühlen. Für die zweite Kategorie der Aufarbeitung und Vorbereitung von negativen Erlebnissen scheint - genauso wie in den Traumphasen - eine gewisse Einbildungskraft, ein Durchspielen im Geiste nötig zu sein. 

In der ermöglichten Simulation von Problemen liegt vielleicht auch ein Grund für unsere Begeisterung von Geschichten. Ob wir ums Feuer herum sitzen und dem Weltenbummler zuhören, der von seinen gefährlichen Erlebnissen berichtet, ob wir ins Kino gehen und dort Drama oder Horror erleben, einen Krimi lesen oder sogar selbst einen Roman schreiben: Immer geht es auch um eine kleine Katharsis, ein Reinigen unseres emotionalen Speichers durch das Noch-Einmal-Erleben und ein Vorwegnehmen von zu erwartenden Ereignissen. Wer fragt sich nicht bei der Lektüre solch grandioser Romane wie Die Korrekturen von Jonathan Franzen, wie man selbst mit dem Älterwerden und Sterben umgehen wird?

Was nun sind Ihre alltäglichen Therapien, was hilft Ihnen, problematische Erlebnisse aufzuarbeiten oder vorwegzunehmen? Wie distanzieren Sie sich vom emotionalen Terror des Lebens? Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen in den Kommentaren unten mit! Wir alle üben das Leben und benötigen hier und da Hilfestellung.



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