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Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

23. Dezember 2016

Warum brauchen wir in einer aufgeklärten Welt Feiertage?

Ein kleiner Gedanke zu Weihnachten

Alle Religionen haben ihre Feiertage, an denen heiligen Personen, natürlichen Erscheinungen und Zyklen gedacht oder etwa für eine reiche Ernte gedankt wurde. Heute handelt es sich für viele nur noch um arbeitsfreie Tage mit einem verkaufsoffenen Sonntag davor. Wozu brauchen wir diese Momente des Gedenkens heute noch, wenn im Supermarkt immer Ernte ist, wenn wir vielleicht an keine Heiligen mehr glauben und meinen, für unseren Erfolg auf Wunder verzichten zu können?

Wem oder was gedenken wir heute, wenn alles nur Physik ist? (Navicore, CC BY 3.0)

19. Dezember 2016

Im Zeitalter der vollendeten Sinnlosigkeit

Die Suche im Durchschnittlichen, im Alltag, auf der Oberfläche

Der Sinn des Lebens? Haben wir längst als eine naive Floskel erkannt! Und doch oder gerade deshalb finden wir uns heute in einer Zeit, wo die Sinnsuche wieder ganz hoch im Kurs steht. Wobei ich ja immer wieder gern darauf hinweise, dass ich die Suche nach Sinn für aussichtslos halte. Wer es ernst meint, muss Sinn schaffen und dafür gibt es einige naheliegende Möglichkeiten. Dazu später mehr.

Wir alle haben heroische und eher pragmatische oder auch melancholische Seiten in uns und so ist es auch in der Philosophie. Es gibt eine heroische Tradition, die das Oberflächliche, den Alltag und das Durchschnittliche des Menschseins nicht erträgt. Ihre melancholischen Gegenspieler sagen aber, dass gerade in diesem Ertragen und trotzdem Weitermachen die eigentliche Leistung des Menschseins läge. Die pragmatischen Gegenspieler der heroischen Philosophie finden hingegen, dass die Oberfläche ohnehin der einzige Ort sei, an dem wir leben können. Das Wühlen in den metaphysischen Tiefen halte uns nur davon ab, ein wenn auch nicht immer erfülltes, so doch wenigstens erträgliches Leben zu führen. Das ist in etwa die Bandbreite der Philosophie zwischen Heroin und Vitamingetränk.

Leerer Raum? Was gibt's denn da draußen noch, außer der Physik? (Flammarion Holzstich, 1888)

12. Dezember 2016

Das Unbehagen in der Kultur

Entfremdung, Freiheit und Idealismus bei Sigmund Freud

Wer fühlt sich schon wohl und behaglich in der Gesellschaft? Die meisten von uns müssen sich täglich mit Leuten umgeben, von denen sie einen beträchtlichen Prozentsatz für Idioten halten. Wir dürfen nicht tun und lassen, was wir wollen, wir werden gegängelt vom Kindergarten bis ins Hospiz. Unsere innersten Leidenschaften und Wünsche spielen für diese Welt keine Rolle. Schon immer haben die Menschen darunter gelitten und nur die wenigsten gehen so konsequent wie der Marquis de Sade dagegen vor.

Sigmund Freud 1921 (Fotografie von Max Halberstadt)

Dieses Unbehagen zu verstehen, ist ein Fokus im Denken des 20. Jahrhunderts. Einer der Grundbegriffe moderner Philosophie, wo sie uns als Menschen in solch einem unbehaglichen Weltverhältnis beschreibt, ist der Begriff Entfremdung. Arnold Gehlen, einer der in dieser Hinsicht originellsten Denker des 20. Jahrhunderts, sagt, es handle sich um eine "echte Kategorie, die für die Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit [...] unentbehrlich ist" [Gehlen 1983, S. 366]. Was jetzt folgt, ist ein längerer Artikel, der jenen zu empfehlen ist, die Spaß an philosophischen, psychologischen und soziologischen Begriffsfindungen haben. Zu diesem Zweck scheint es mir sinnvoll, mindestens drei große Begriffskomplexe rund um Entfremdung zu unterscheiden, die auf verschiedene Weisen verknüpft sind:

9. Dezember 2016

Am Anfang war das Wort

Die Bibel – zur Sonderausgabe des Philosophie Magazins

Die abendländische Philosophie, so Susan Neiman, bei der ich in Berlin ein Semester zu Moral und Literatur studiert habe, sei ohne die Bibel nicht zu denken. In unserer Geschichte sei Philosophie die längste Zeit eng an Theologie gekoppelt gewesen und viele der philosophischen Grundfragen kämen aus der Bibel, wie z.B. die nach dem Bösen, nach dem Guten, die nach dem Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft oder ob Gehorsam vor der eigenen Moral kommt oder umgekehrt. Das Philosophie Magazin stellt mit seiner aktuellen Sonderausgabe die Frage, ob die Bibel auch für die heutige Philosophie noch relevant sei.

"Ja, unbedingt! Nicht zuletzt deshalb, weil es doch auch darum gehen muss, den Graben zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen zu überwinden. Wir können, gerade angesichts der Entwicklungen der letzten 25 Jahre, nicht mehr davon ausgehen, dass Religionen einfach aussterben, dass sie im besten Fall unvernünftig, im schlimmsten Fall gefährlich sind … Ein in dieser Weise radikal säkulares Denken ist nicht klug. Da ist etwas, das wird auf absehbare Zeit Teil unserer Kultur bleiben, und damit müssen wir uns auseinandersetzen." (Susan Neiman, Philosophie Magazin, Sonderausgabe 07, S. 7)


Sonderausgabe 07 des Philosophie Magazins

3. Dezember 2016

Freiheit und Naturzustand

Die paradoxen Effekte gesellschaftlicher Institutionen

"So werden wenigstens die Menschen von ihren eigenen Schöpfungen
verbrannt und konsumiert und nicht von der rohen Natur, wie Tiere.
Die Institutionen sind die großen bewahrenden und verzehrenden, uns
weit überdauernden Ordnungen und Verhängnisse, in die die Menschen
sich sehenden Auges hineinbegeben, mit einer für den, der wagt, vielleicht
höheren Art von Freiheit als der, die in ›Selbstbetätigung‹ bestünde."
(Arnold Gehlen, Die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung)

Warum erleben wir uns so oft als unfrei? Wenn wir an Freiheit denken, dann sind wir intuitiv geneigt zu meinen, Freiheit sei Freiheit von Zwängen: Frei bin ich, wenn ich tun und lassen kann, was ich will und die ultimative Freiheit zeigt sich vielleicht in so einer Art Naturzustand, wo es keine Regeln und Vorschriften, keine Bürokratie und Polizei, ja vielleicht sogar nicht einmal Menschen gibt. Ich will hier zeigen, warum das ein Missverständnis ist und dass es sich vielmehr genau anders herum verhält. Und ich meine, dass wir mit aufgeklärterem Verständnis vielleicht auch einen besseren Zugang zu den Schwierigkeiten im politischen und gesellschaftlichen Zusammenleben finden können.

Wo gibt es Freiheit? Vielleicht in einem Naturzustand?  (A.Ostrovsky: Kangchenjunga, Himalayas)