29. Januar 2015

Die Sinnlosigkeit des Lebens

Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen

Seit der erste Mensch seine Augen zum Sternenhimmel aufgerichtet hat, fragen wir uns nach dem Sinn des Ganzen. Auf diese Frage wurden immer wieder verschiedene Antworten gefunden, zumeist magische und religiöse Antworten. Bis einige vom Glauben abgefallene Philosophen auf die naheliegendste Antwort kamen: "Es gibt keinen Sinn." Diese Antwort ist erst mal erschreckend und kommt kurz vor der Erkenntnis, dass es ein absurder Zufall ist, dass - um es mit Heidegger zu sagen - überhaupt irgend etwas ist und nicht vielmehr nichts (Teilchenphysiker mögen hier gern widersprechen).

Der glückliche Mensch: Ausschnitt von Franz Von Stucks Sisyphus (1920, gemeinfrei)


Die Tat als Auflehnung und Eingeständnis

Man könnte also sagen, es sei besser, Sinn zu schaffen, anstatt ihn zu suchen. Aber auch da gibt es Zweifel, zum Beispiel bei Albert Camus, dem die Sinnlosigkeit das ganze Leben zu transzendieren schien. Das Absurde ist bei Camus nicht nur eine unumgehbare und unbewegliche Tatsache, sondern ein Stein den wir unser Leben lang immer wieder den Berg hinaufrollen müssen. In dieser Auflehnung gegen die absurde Zumutung, die das am Ende hoffnungslose Leben ist, besteht die einzige Möglichkeit der Würde. Der Stein des Sisyphos steht für die konkrete Tat, die der Mensch gegen die Schwerkraft des Sinnlosen in Anschlag bringt: Trotzdem leben, trotzdem selbstbestimmt handeln. Die Tat ist gleichzeitig Auflehnung gegen das Absurde und Eingeständnis aller Sinnlosigkeit dessen, was über sie selbst hinausgeht.

Die Sinnlosigkeit ist der eigentliche wunde Punkt des Menschen. Hier entsteht erst die Reibung, die uns zu schaffenden Menschen macht. Wenn wir das Absurde hintergehen, indem wir uns eine große Sinn stiftende Kraft imaginieren oder indem wir die Augen verschließen und uns vollkommen gott- und seinsvergessen mit Sorgen, Konsum und Substanzen betäuben, nehmen wir uns die eine große Herausforderung, die uns Menschen definiert.

In vielerlei Hinsichten starren wir immer wieder ohne viel Hoffnung ins Nichts, sei es das eigene unfassbar begrenzte Leben, furchtbare Kriege oder die unaufhaltsam scheinende Naturvernichtung. Und vielleicht ist es das, was wir lernen müssen: Absurde Hoffnungen fahren lassen, damit wir zu Sinnen kommen und uns den sich stellenden Herausforderungen zuzuwenden können. Das eigene und einzige Leben als Auflehnung gegen die endlos reproduzierte Sinnlosigkeit und seine traurigen Umstände.

Obwohl auch diese Auflehnung nichts hilft, denn das Absurde findet per Definition keine Auflösung, es ist eine einzige Dissonanz (das lateinische ab-surdus heißt wörtlich übersetzt misstönend), in der nichts zusammenpasst. Es findet höchstens irgendwann ein wiederum absurdes Ende: Wenn wir sterben. Bis dahin stehen wir jeden Tag trotzig auf, gehen zur Arbeit und rollen den Stein den Berg hinauf.

Sinnbezüge im Kleinen, Absurdität im Großen

Der größte Teil dieser Sisyphos-Arbeit ist das Herstellen von Beziehungen und Kontexten. Arbeit zum Beispiel ist nicht nur der sklavische Gang zum täglichen Broterwerb, oft genauso wichtig sind die Beziehungen, die wir dort etablieren, die Errungenschaften, die wir uns dort erarbeiten oder auch der soziale Status, der mit Arbeit einhergeht. Ebenso ist es mit Mitgliedschaften, Hobbys und Leidenschaften, die unser Leben in Kontexte stellen. Noch deutlicher ist es bei Familie und Freunden, die gewissermaßen sinnstiftend sind. In dieser Lebenswelt, in der Beziehungen und Kontexte einen Sinnzusammenhang wie einen wärmenden Kokon um uns herum weben, kann man das kalte Universum und die Sinnlosigkeit, die dort alles durchdringt gern vergessen. Umgekehrt hilft uns die philosophische Perspektive auf das "nackte" Leben als absurd, denn erst damit verstehen wir auf der einen Seite die Wichtigkeit unserer Beziehungen untereinander. Auf der anderen Seite schützt uns so ein Verständnis vor naiven Erwartungshaltungen, die zu Enttäuschungen führen müssen und es macht uns immun gegen die Verführung durch Scharlatane.

Es ist also nicht ganz schlecht, dass wir diesen schweren Stein der Sinnlosigkeit vor uns herschieben, das ist besser, als nichts. "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen", sagt Albert Camus.



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Kommentare:

  1. Im Grunde ist es heutzutage nur noch ein Kampf ums Überleben. Der Mensch ißt damit er sich bewegen kann und er bewegt sich damit er essen kann. Punkt.Aus. Alles Andere, Ideale, die alte Moral, Liebe das sind alles Selbst ernannte Werte einer gar nicht vorhandenen Zivilisation und damit der Mensch eben diese innere Leere verdrängen kann. Denn wie es beim Konsum so ist. Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich, es macht dich träge , faul und unfähig Veränderungen hinzunehmen aber die wird es zwangsläufig geben. Und für diejenigen wird es irgendwann schwer zu erkennen wie schnell all das mühsam erworbenen wieder weg sein kann. Luxusgüter sowohl als auch Menschen in deiner Umgebung. Am Ende steht man alleine da und viele fragen sich erst DANN "Wozu ist das alles gut gewesen?" Wozu hat man Kinder großgezogen wenn sie einen im Heim bei Armut und Krankheit nicht mal mehr besuchen und nur hoffen dass man schnell abkratzt damit man erben kann?

    Das klingt extrem pessimistisch aber so sieht die Realität aus. Wer es schafft aus dieser Endzeitmäßigen Umgebung die richtigen Schlüsse zu ziehen und genug Kraft zu haben sich den Niederungen des bequemen und jungen Lebens zu entsagen der wird am Ende nicht soo tief fallen.

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  2. Der Artikel ist zunächst einmal sehr treffend, er beschreibt das Dilemma des Menschen, und wie wir durch das Bewusstsein der Eigenverantwortung Möglichkeiten finden, damit zu leben.

    "Noch deutlicher ist es bei Familie und Freunden, die gewissermaßen sinnstiftend sind. In dieser Lebenswelt, in der Beziehungen und Kontexte einen Sinnzusammenhang wie einen wärmenden Kokon um uns herum weben, kann man das kalte Universum und die Sinnlosigkeit, die dort alles durchdringt gern vergessen. Umgekehrt hilft uns die philosophische Perspektive auf das "nackte" Leben als absurd, denn erst damit verstehen wir auf der einen Seite die Wichtigkeit unserer Beziehungen untereinander. Auf der anderen Seite schützt uns so ein Verständnis vor naiven Erwartungshaltungen, die zu Enttäuschungen führen müssen und es macht uns immun gegen die Verführung durch Scharlatane."

    Aber er ist Illusion. Das alles ist richtig, solange man tätig in dieser Konsumgesellschaft lebt, Beziehungen knüpfen und pflegen kann schließlich auch eine, wenn auch anspruchsvollere, Art des Konsums sein.

    Wenn man dies aber verliert, durch Krankheit oder Alter oder ähnliches, dann wird der Illusionscharakter mehr als deutlich. Darüber klagten z. B. Manager, sie wurden krank, und alle Beziehungen waren weg, wenn sie Pech hatten, fing sie auch die Familie nicht auf, sie waren einsamer als auf einer einsamen Insel, denn sie sahen um sich die Tätigkeit, Zufriedenheit etc. der anderen, woran sie keinen Anteil mehr hatten.

    Da kann jeder Tag zum Kampf werden, also die Absurdität des Lebens zu wissen und zu ertragen, ist eine der größten Ansprüche, die man an einen Menschen stellen kann, da ist es mit Appellen nicht getan.

    Zu dem verstärkten Bewusstsein der Sinnlosigkeit kann man auch in einer Zeit finden, da alles, was an tätiger Kraft und Geist vollbracht wurde (wenn auch mit vielen Fehlern), wieder in der Auflösung begriffen ist,
    wenn Fakten, Denken, Geist nicht mehr zählen, sondern nur noch diffuse Gefühle.
    Wenn Gewalt sich verselbständigt und verherrlicht wird, wenn man erkennt, dass der Kampf um Demokratie, Gleichberechtigung unter den Menschen, ein friedliches Miteinander etc. zum Scheitern verurteilt war.

    Ob Camus Sisyphus heute noch als glücklichen Menschen bezeichnen würde?

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    1. Ja, das ist alles richtig und solchen Managern muss man sagen, dass sie sich lieber auf ihre Endlichkeit besinnen sollten. Aber zu der letzten Frage: "Ob Camus Sisyphus heute noch als glücklichen Menschen bezeichnen würde?"

      Ja, natürlich, denn die grundlegenden Dilemma des Menschseins ändern sich ja nicht. Alles "Moderne" ist schlicht Überbau oder wie die Jahresringe an einem Baumstamm, die immer doch die Gestalt des Baumes repräsentieren, hier und da mit eine Wunde, wo ein Nagel eingeschlagen oder ein Herz hineingeritzt wurde.

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  3. Wie sagte Alan Watts so schön:
    "The meaning of life is just to be alive. It is so plain and so obvious and so simple. And yet, everybody rushes around in a great panic as if it were necessary to achieve something beyond themselves."

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    1. In der Tat ein schönes Zitat von dem, der vor dem Ich als Hautsack warnt :)

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