24. Oktober 2011

Schicksal oder Eigenverantwortung?

Eine existentialistische Antwort

Der Existenzialsmus ist in vielerlei Hinsicht der erste große Versuch der Philosophie, das Wirklichkeitserleben (inklusive Angst, Glück, Sinsuche, Zweifel etc.) aus der Perspektive des Individuums zu betrachten. Der wichtigste Grundgedanke klingt bereits im Namen dieser Bewegung an: Das leiteinische ex sistere, aus dem unser Wort existieren wurde, bedeutet so viel wie ent-wickeln, auch heraus-stellen und deutet darauf hin, dass Mensch sein, kein statischer Zustand, sondern ein stetiger Fluss ist, eine Bewegung und Realisation von Potential.

Wiederfinden der Selbst-Verständlichkeit
Besonders nach den zwei Weltkriegen wurde es Zeit, sich von der Vernunft als Faszination des technischen Fortschritts zu lösen, der vor allem Massenvernichtung gebracht zu haben schien. Die brennenden Fragen lagen jetzt im Bereich des Selbstverständnisses des Menschen. Wie waren die Grausamkeiten möglich? Das Individuum war in einer Masse von Menschen und Maschinen von sich selbst entfremdet. Das konnte nicht die wahre Existenz sein und die Frage drängte sich auf: Wie kann ein Mensch in diesem Szenario zurückfinden zu einem authentischen Leben? Die Antwort war das Selbst, zu dem eine Beziehung wieder hergestellt werden musste. Das Selbst muss gerade auch im Angesicht und voller Akzeptanz der Sinnlosigkeiten und Härten unseres Lebens verstanden werden. Ohne Selbstverständnis keine Ex-Istenz. Also auch keine Zufriedenheit durch Selbsterfüllung und damit kein Erfolg im Zusammenleben und Wirtschaften mit anderen. Der Zusammenhang zwischen Selbsterkenntnis und Erfolg unter Mitmenschen ist leicht erklärt: Wer sein Selbst nicht versteht, der kann sich erst recht nicht in andere und ihre Gefühlswelten hineinversetzen. Ohne diese Sinn schaffende soziale Interaktion wiederum, kann man schwer ein Konzept von der eigenen Identität entwickeln. In einer Art Spirale führt das zu Sinverlust und Angst, gefolgt von noch mehr Isolation und Paralyse.

Ins Da-Sein geworfen, dem Tode gewiss
Søren Kierkegaard stellte bereits im 19. Jh. die zwei antagonistischen Kräfte im Leben der Menschen heraus: der Drang nach Ewigkeit gegen die Erkenntnis von Endlichkeit. Heidegger, im frühen 20. Jh. legte noch eins drauf: Wir Menschen erkennen, dass es nicht unsere Entscheidung ist, in Dasein geworfen zu sein. Dieser Zwang auf der einen Seite des Lebens, kombiniert mit dem unausweichlichen Tod auf der anderen Seite, muss zu Angst und Grauen führen. Um dem zu entgehen, geben wir uns den (vermeintlich) tröstenden und sinnstiftenden Strukturen eines konventionellen und unauthentischen Lebens hin. Man reiht sich konformistisch ein in dieses entfremdete Leben und die Psyche leidet an der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit*. Nach Heidegger liegt in der Akzeptanz von Tod und Leere der Weg zum authentischen Leben ohne falsche Illusionen.

Zu Freiheit und Verantwortung verurteilt
Jean Paul Sartre baute darauf mit einer radikalen Theorie von Entscheidungen auf: Da uns Menschen keine Sinnhaftigkeit per se mitgegeben sei, könnten wir nur selbst in jeder Entscheidung und Handlung eine Sinnhaftigkeit herstellen. Der Charakter eines Menschen definiere sich durch jede seiner Handlungen und gehe ihnen nicht etwa voraus. Das hieße, wir geben uns unseren Charakter selbst und sind für ihn voll und ganz verantwortlich. Eine aufgezwungene und absolute Freiheit geht hier mit einer fast einschüchternden Verantwortung einher. Da kann sich niemand auf Typenlehren wie MBTI oder eine schwere Kindheit herausreden. Ich mag diesen Gedanken, denn er stellt unsere Eigenverantwortung heraus, die wir gerne von uns weisen, indem wir für alles mögliche unsere Eltern, Lehrer oder Regierungen verantwortlich machen.

Allerdings ist dieser Gedanke auch sehr harsch und taugt nicht in der Auseinandersetzung mit psychischen Phänomenen. Er scheint zu vernachlässigen, dass es durchaus Abhängigkeiten gibt, die unserer Entscheidungsfähigkeit voraus gehen, z.B.: Wo hinein werden wir geboren und welche Erbanlagen, Zuwendung und Bildung werden uns mitgegeben? Eine weitere Schlussfolgerung Sartres wäre, dass es kein Unbewusstes gäbe. Beziehnungsweise, dass wir immer entscheiden könnten, was wir verdrängen und was wir gegenwärtig haben. Das scheint mir jedoch wenig plausibel zu sein und viele Probleme mit dem modernen Verständnis von Gehrin und Geist zu implizieren. Wie der etwas mildere Zeitgenosse Sartres Maurice Merleau-Ponty klarstellte, gibt es eben nicht nur Entscheidungen für oder gegen etwas. Es gibt auch eine Enthaltung von der Wahl und letztlich finden auch Entscheidungen statt, die wir aus Gründen der mangelnden Erkenntnis nicht aktiv mitgestalten können. Und was ist mit Missverständnissen oder Entscheidung auf Grundlage einer falschen Informationsbasis? Solche Entscheidungen können wohl kaum meinen Charakter ausmachen, sondern höchstens etwas über meine intellektuellen Kapazitäten sagen.

Kreativität, Wahrnehmung und Umgang mit der Welt
Viktor Frankl hat in seiner Logotherapie (logos = Sinn) die existentialistische Philosophie für die Therapie mentaler Krankheiten fruchtbar gemacht. Die Frage nach dem Sinn im Leben, so Frankl, könne nicht der Mensch ans Leben richten, sondern umgekehrt: Das Leben fragt den Menschen, welchen Sinn er seinem individuellen Leben geben möchte. Um die Patienten an den Sinn ihres Lebens heranzuführen, arbeitete Frankl zum einen mit der individuellen Kreativität, mit deren Hilfe Patienten/Klienten sich ihre Welt aneignen können. Weiter über die sinnliche Erfahrung der Welt, die über Wahrnehmung zur Freude an Kunst und Natur zur Sinnhaftigkeit führte. Der wichtigste Aspekt der Methode ist schließlich die Bewusstmachung der individuellen Reaktion auf die Welt inklusive der täglichen Härten und Enttäuschungen, die einem den Weg zur Kreativität und Wahrnehmung verstellen können. Durch das leben dieser drei Dimensionen können wir in jeder Situation Sinnhaftigkeit erleben, erhalten oder wiedererlangen. Faszinierend auch, wie ähnlich das unserem heutigen Verständnis von den Bedingungen eines gelingenden und glücklichen Lebens sind:

  1. sich kreativ die Welt aneignen
  2. das Hier und Jetzt wahrnehmen und schätzen 
  3. die eigene Reaktion beobachten und Verurteilungen vermeiden, um den Blick frei zu halten auf die Welt und ihre Möglichkeiten

Von der Verurteilung zum anything goes
Auf ein ganz praktisches Problem, dass sich für das Glück des einzelnen aus dem Existentialismus ergibt, haben die US-amerikanisch-humanistischen Psychologen wie Maslow und Rogers hingewiesen: Die individuelle Verantwortung für alles Leid und die Gewissheit von Tod und Nichts, die der europäische Existentialismus dem Einzelnen aufbürdet, produzieren eine Menge Hoffnungslosigkeit und sogar Schuldgefühle, welche die Selbstrealisation und das Glück des Individuums gerade nicht fördern, sondern weiter unter Druck setzen. Die Amerikaner wendeten die radikale Eigenverantwortung positiv in endloses Eigenpotenzial. Die humanistischen Psychologen werden also nicht in der Vergangenheit eines Klienten suchen und die Schuldigen ausfindig machen, sondern die Ressourcen des Individuums entdecken und fördern, mit denen der Klient sein gesamtes Selbst entfalten kann. Man kann leicht sehen, wie dieses positive Konzept unseren heutigen Formen der Selbstentwicklung von Esoterik über Coaching bis hin zur Therapie den Weg bereitete. Da geht es nicht mehr um wissenschaftlich begründbare psychologische Grundlagen, sondern rein pragmatisch und manchmal leider auch anti-intellektuell um das, was hilft: Sei es Meditation, LSD, NLP oder Hypnose. Hauptsache es hilft der Selbstentfaltung. Wie und warum ist dabei zweitrangig. Anything goes: “If it feels good, then do it!”

Als Aufklärer glaube ich, dass ein tiefes und existentialistisches Verständnis des eigenen Selbst nicht heißt, dass man sich für alles Elend verantwortlich machen muss. Das eigene Leben gewinnt aber, wenn man Verantwortung für die eigenen Gedanken und Gefühle übernimmt. Man hört auf, ein vermeintliches Opfer der Umstände zu sein. Im Angesicht der Leere jenseits des Lebens kann man sich natürlich auch verpflichtet fühlen, dieses Leben nicht zu verschwenden, sondern zum Besten zu nutzen, dessen man fähig ist.


*Um zu erklären, wie das mit Heideggers konformistischer Nazi-Sympathie zusammenpasst, haben wir an dieser Stelle nicht genügend Platz. Ein Einstieg ins Thema findet sich möglicher Weise über den Wikipedia Artikel Heidegger und der Nationalsozialismus.

Kommentare:

  1. und wieder mal ein großartiger Artikel, ein Schnelldurchgang durch die neuere Philosophie-Geschichte.
    Mir erscheint insbesondere die Argumentation von Maurice Merleau-Ponty recht brauchbar.
    Ein Schwarz-Weiss bzw. Gut-/Böse - Denken wird der Vielfalt des Menschen (und der Natur an sich) sicherlich nicht gerecht.
    Natürlich wird es unbewusste Entscheidungen und eine wie auch immer geartete externe Abhängigkeiten geben, in welchen Prozentzahlen auch immer; der uralte und fast schon als langweilig zu bezeichnende Streit zwischen nature (Gen) und nurture (Erziehung) ist insofern sinnlos (vgl. edge.org)

    Sicherlich missversteht man den MBTI völlig, 'Dem Charakter' die 'Schuld' zuzuweisen statt von persönlicher Verantwortung auszugehen, die es zu auszugestalten gibt.
    Glücklicherweise wird es immer verschiedene Menschen geben, das haben die Initiatoren der Gleichschaltungs-Mono-Systeme, Hitler, Stalin, Mao, Mubarak ff. ff. hinlänglich 'bewiesen'.
    Der neuzeitliche Erfinder der Typenlehre, CG Jung, beobachtete die (Platon'schen) menschlichen Hauptklassen nur etwas genauer und wehrte sich massiv gegen Schubladendenken.

    Sehr schlau dagegen ist, seine Stärken und Schwächen zu kennen und v.a. zu wissen, wie 'Die Anderen' ticken, das ist die zentral wichtige Typen-Aussage.
    Von Sartre schliesslich stammt der Satz: 'Die Anderen' Sind Die Hölle!
    Sollen 'sie' (bzw.'wir'!) das für immer bleiben?

    "Lebenskunst besteht zu 90 Prozent aus der Fähigkeit, mit Menschen auszukommen, die man nicht leiden kann"
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/SamuelGoldwyn_zitate_net

    Innovative Grüße,
    EF

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  2. Merleau-Ponty mit seiner Phänomenologie verdient eigentlich einen eigenen Artikel. Mal sehen, ob ich dazu komme.

    Mit dem MBTI überspitze ich, wie du weißt. Aber Sartre war da sehr radikal und lehnte solche Konzepte rundweg ab.

    Ein tolles Zitat von Goldwyn! Danke dafür.

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  3. Wie gewohnt ein klasse Artikel. Nur in einer Hinsicht habe ich eine andere Meinung: Man kann sich sehrwohl auch völlig ohne Selbsterkenntnis wunderbar in andere hineinversetzen bzw. das übermäßige "Sich-in-andere-hinein-versetzen" kann durchaus zur Flucht vor der Selbsterkenntnis ausarten.
    Gruß Jan

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