Philosophische Praxis
Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

10. April 2012

Nine to Five: Wann darf ich nach Hause gehen?

Meine ehemalige Cheffin Sheryl Sandberg ist zur Zeit wieder in aller Munde, weil sie jetzt plötzlich öffentlich entdeckt hat, dass ein normaler achtstündiger Arbeitstag OK ist. So lustig das ist, solche Sätze von absoluten Killer-Karriere-Frauen (Chief of Staff im Finanzministerium der Vereinigten Staaten, Vice President bei Google, Facebook COO) zu hören, so sehr habe ich mich doch in ihren Schilderungen wieder gefunden: Die heimliche Scham, wenn man seine Sachen pünktlich packt; die Blicke und Bemerkungen der anderen aushalten, die länger bleiben; die spät abends und ganz früh morgens gesendeten E-Mails, um den anderen zu sagen, dass man noch arbeitet, auch wenn man schon zu Hause ist. Warum schämen wir uns und machen solche lächerlichen Dinge?

Gruppendruck versus Leidenschaft
Weil unsere Chefs Einsatzbereitschaft und Leistung mit Anwesenheit verwechseln? Weil wir unsere Arbeit nicht in den vorgesehenen acht Stunden schaffen? Weil wir eine Arbeitsgesellschaft geschaffen haben, in der beide Probleme zusammenkommen und zu einer Gruppendynamik führen, die uns in einen Rechtfertigungsdruck bringt, wenn wir unsere Arbeit effizient in acht Stunden schaffen. Es scheint unglaubwürdig zu sein, dass jemand wirklich Leidenschaft für seine Arbeit hat, wenn er oder sie nicht auch länger arbeiten. Für mich ist das Quatsch! Ich liebe meine Arbeit. Aber ich weiß auch, dass ich sie liebe, weil ich etwas verändern kann, weil ich Ideen haben kann, weil ich andere überzeugen und motivieren kann. Das kann ich aber nur, wenn ich mir den Ausgleich bewahre, mich gesund und fit halte und auch andere Dinge des Lebens an mich heran lasse. Sobald ich mich einem Gruppendruck beuge, werde ich nicht aus Leidenschaft und Freude heraus arbeiten, sondern aus einem Schuldgefühl heraus.

Aber wir sind alle anders und ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die sich lieber mehr Zeit über den Tag hinweg nehmen und damit den Feierabend hinausschieben. Es sieht dann so aus, als arbeiteten solche Menschen länger, dabei arbeiten sie nur in kürzeren Intervallen mit mehr Pausen dazwischen. Die Mini-Facebook-Pausen sind dafür genauso verantwortlich wie die klassische Raucherpausen. Ich möchte das keineswegs verurteilen, aber diese verlängerte Anwesenheit darf auch nicht der Maßstab für die sein, deren Arbeitszeit kompakter ist. Zumal es nicht bedeutet, dass die einen mehr schaffen, als die anderen.

Groovy Dad: Eine ganz andere Problemlage
Der erste Zahn
Die besten Chefs, die ich hatte, gingen pünktlich nach Hause und unterstützten mich, dasselbe zu tun. Sie waren effizient auf der Arbeit, ohne der Illusion zu erliegen, dass sie jeden Tag alle Probleme lösen könnten. Sie hatten die Geduld und Hartnäckigkeit, am nächsten Tag wieder zu kommen und weiter an der Lösung zu arbeiten. Und noch etwas hat mich an diesen Chefs fasziniert: Sie nahmen ihre Arbeit zwar extrem wichtig, hatten aber ein Privatleben mit einer Familie und damit noch eine ganz andere Problemlage, die alles, was auf der Arbeit passierte, auch wieder ein Stück relativierte. Was ist der Abschluss eines Projektes gegen den ersten Zahn der Tochter? Was ist ein mieses Quartalsergebnis gegen den Tod eines nahen Verwandten? Solche Chefs wissen, dass wir nicht leben, um zu arbeiten, sondern dass wir arbeiten, um zu leben. Alles, was auf der Arbeit passiert, muss ernst genommen werden, aber letztlich verblassen die meisten Probleme vor dem Hintergrund dessen, was wirklich zählt. Wenn solche Menschen Chefs sind, dann wissen sie auch, dass ihre Mitarbeiter ebenfalls ein Leben jenseits der Arbeit haben. Sie nehmen sich und ihre Arbeitsprobleme einfach nicht zu wichtig und sehen den Menschen hinter dem Mitarbeiter.

Das Kind als Rechtfertigung
Das mit den Kindern ist für mich jedoch nur ein Beispiel. Ich finde es auch gar nicht hilfreich, wenn Sheryl Sandberg ihre Kinder wie eine Entschuldigung vor sich herschiebt: "Um mit meinen Kindern Abendbrot zu essen, muss ich um 17:30 nach Hause." Das scheint uns nahe zu legen, dass man das Recht auf ein Privatleben nur hat, wenn man zuvor der gesellschaftlichen Pflicht der Zeugung nachgekommen ist. Es ist aber eher so, dass uns Kinder erst wieder dazu zwingen, die Zeit anders einzuteilen. Warum nicht schon vorher klüger sein? Erstens genießt man dann schon sein Leben, bevor Kinder einem die letzten Ich-Momente nehmen können und zweitens hat man das Arbeitspensum bereits gut eingetaktet, wenn die Kinder kommen. Für alle anderen, die nicht gleich Nachwuchs möchten, um einen Grund für den Feierabend zu haben: Schaffen Sie sich doch einen Hund an!



Wie halten Sie es mit dem Feierabend? Gehören Sie zu den Menschen, die die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit immer mehr verwischen? Können Sie pünktlich gehen oder werden Sie dann von Ihren Kollegen komisch angesehen?

Kommentare:

  1. Sehr schöner Beitrag, vielen Dank dafür. Traurig ist, dass es auch Menschen gibt, die eben kein (ausgefülltes) Leben neben der Arbeit haben. Dann lieber mit derselbigen ablenken.

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  2. Danke für das Kompliment! Ihrem Blog nach zu urteilen, dürfte das auf Sie ja nicht zutreffen ;) Arbeit im Ferienparadies zu zweit. Schön!

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  3. Machts euch selbständig ihr Angestellten. Dann seid ihr Herr über eure Zeit. Wer unselbständig beschäftigt ist, hat auch keine Kontrolle über seine Arbeitszeit. Was solls?
    Und die Trennung Arbeit-Freizeit gibts eh nicht mehr. Zumindest für Selbständige. Sozialromatik aus vergangenen Zeiten.

    LG EW

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  4. Ja, das ist oft der Traum - selbständig sein, niemandes Knecht (außer seiner selbst und des Finanzamts und der Bank). Ich sehe aber bei Freunden und Verwandten, dass die Selbständigkeit in der Regel zu noch weniger verfügbarer Zeit führt. Das muss ja nicht schlecht sein, wenn man sowieso keine Trennung von Arbeits- und Freizeit mehr möchte. Im Moment ist es aber noch nicht so, dass es diese Trennung nicht mehr gibt. Es gibt sie eben noch in vielen klassischen Angestellten-Verhältnissen. Und es gibt auch gute Gründe, an ihr festzuhalten. Es stimmt eben nicht, dass man keine Kontrolle über seine Arbeitszeit hätte. Man steht vor der Wahl: Will ich wie Sheryl Sandberg um 17:30 den Stift fallen lassen oder gehe ich nach Hause und arbeite von der Couch aus weiter. Also wenn ich diese Wahl habe, dann habe ich doch auch die Kontrolle über meine Arbeitszeit. Lange Zeit habe ich das gemacht, inzwischen kehre ich wieder zum Sandberg-Modell zurück. Aus den oben genannten Gründen der Ansprüche an die Diversität meiner Alltagserfahrungen. Ist doch großartig, diese Wahl zu haben! Leichter haben es vielleicht noch die Industriearbeiter, wo definitiv um 17 Uhr die Stechuhr klingt.

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  5. Die Industriearbeiter arbeiten aber meist im Schichtbetríeb; also auch Nachts und am Wochenende.
    Die "klassischen Angestelltenverhältnisse sind auch wegen Kontrolle der Arbeitgeber über ihre Arbeitnehmer zementiert. Es ist einfach auch nicht jedem gegeben, seine Zeit frei zu bestimmen.
    Was auch reinspielt: Das Büro der Zukunft dürfte eher dezentral sein: Dort wo man gerade ist. Oder eben zuhause. Das spart z.B. auch Zeit, die man sonst auf dem Weg zur Arbeit verbringt.
    Und ists dann doch in der Firmenzentrale dürfte das "eigene Büro" immer mehr verschwinden. Laptop oder Tablett auf irgendeinen Tisch und gut ist.
    Die ortsfeste Firma ist eh nur für die "Gruppendynamik" da. Sind alle mal kleine Ich-AGs und Unternehmer verschwindet das ;-)

    PS: Hatten wir nie so viel Zeit wie jetzt. Dennoch werden die Klagen über zu wenig Zeit immer größer. Ich nehme mal an, dass das auch einem schlechten Zeitmanagement geschuldet ist.
    Manche - wie ich - brauchen auch den Zeitdruck, um am effektivsten zu arbeiten. Hab ich viel Zeit, verdaddelt es sich.

    LG EW

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  6. Das mit dem unnützen Klagen sehe ich so ähnlich. Was helfen kann: Mit dem Beschweren aufhören, die Aufgaben strukturieren/priorisieren (und vor allem machen!) und dann die Disziplin haben, nach Hause zu gehen und ein Leben zu führen.

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  7. aus meiner Rezension zu G. Dueck: Professionelle Intelligenz
    https://www.amazon.de/gp/cdp/member-reviews/A3F9NDUBQ3DH0I/ref=ya__15?ie=UTF8&sort_by=MostRecentReview

    Ein Highlight kommt gleich zu Anfang. Das 7:30-16:20 Arbeitszeit-Modell kann eher zu produktiver und vernünftiger Arbeit führen als Aktionismus und unprofessionelles Zeit- und Projekt-Management. Ein stiller Schrei nach professionellem gender-Management. Statt einer Steinigung, wie er schreibt, wäre eher ein Lorbeerkranz fällig.

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    1. Schreibt das den Chinesen, Indern, Brasilianern und allen anderen "hungrigen" ins Stammbuch. Die arbeiten ohne "Zeitmodelle".
      Während hier die ganzen dekadenten Angestellten (und Consulter natürlich, die ja auch eine Lebensberechtigung vortäuschen müssen) übers nach Hause gehen sinieren. Gehts nach Hause einfach - aber ohne Lohnausgleich ;-)

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    2. Na klar, ohne "Lohnausgleich". Wer für 8 Stunden bezahlt wird und danach nach Hause geht... was soll es da für einen Lohnausgleich geben? Es ist auch kein sonderliches Zeitmodell, wenn man die Zeit arbeitet, die man bezahlt bekommt.

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  8. Danke für den Artikel. Ein Thema, das mir sehr wichtig ist. Ich habe noch nie Überstunden gemacht und das immer von Anfang an klar gestellt. Einfach durch Leistung überzeugen, dann schaut auch keiner blöd, wenn man pünktlich nach Hause geht. Am besten direkt deutlich machen, dass man seine Arbeit gut in der vorgesehenen Arbeitszeit erledigen kann, man muss das dann aber auch machen.
    Ein Längerbleiben nur um gut auszusehen kommt für mich nicht in Frage.

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