19. Mai 2011

Die Melancholie und Dürers Bild einer bedrängten Figur

Eingezwängt in einen Raum des Stillstands
Albrecht Dürers Stich Melencolia I von 1514 fasziniert durch seine überladenen Symbolik. Mich trifft besonders die Inaktivität in diesem Bild. Die Gestalt mit den Flügeln sitzt inmitten ungetaner Arbeit und nutzlos rumliegenden Handwerkzeugs. Im Hintergrund brennt unbeachtet ein Topf, eigentlich um etwas zu schmieden. Die Szene mutet demotivierend an. Die Figur sitzt da, offenbar vor sich hinbrütend, mit Sorgenfalten auf der Stirn in sich selbst versunken - wie es ja auch ein stereotypes Merkmal des Melancholikers ist - unfähig, sich den unbearbeiteten oder angefangenen Dingen der Welt produktiv zu widmen. Obwohl sie doch den Lorbeerkranz auf dem Kopf, den Zirkel zur Vermessung der Welt und die Flügel am Leib hat, also eigentlich zu allem befähigt ist.

Aber dort liegt ein riesiger aus dem Berg gebrochener Felsbrocken schwer im Bild, versperrt sozusagen den Ausweg ins Freie des Horizonts. Die Figur sieht regelrecht eingeengt aus, bedrängt von den Dingen. Im freien Hintergrund liegt ein Meer mit einem versöhnlichen Regenbogen, aber auch einem gewaltigen Kometen. Es bricht also etwas Neues an, eine Zeit läuft ab, wie man auch an der Sanduhr sehen kann. Die melancholische Figur scheint an all dem keinen Anteil zu nehmen, nicht einmal der Komet am Himmel scheint sie zu interessieren. Auch die beiden anderen Lebewesen, der kleine dicke Engel auf dem Rad oder Mühlstein und das zu Füßen liegende Tier, sind komplett lethargisch. Ich will mich gar nicht in die historischen Interpretationen vorwagen oder anfangen, das Zahlenquadrat zu entschlüsseln (das haben andere Interpreten bereits getan), aber die bildhafte Umsetzung von Melancholie oder - wie man heute sagen würde - Depression fasziniert mich. Was zu mir spricht ist die alptraumhafte von körperlicher Gewalt freie aber nichtsdestotrotz grauenhafte Zange, die die Figur in die Untätigkeit zwängt. Damit kann ich mich identifizieren. Das ist der wahre Horror, der unserem Geist innewohnt.

Auch wir, die wir oft alles Nötige zur Verfügung haben - eine Ausbildung, ausreichend materielle Ressourcen, vielleicht sogar Menschen, die uns lieben - finden uns manchmal eingesperrt in diesen dunklen Raum des Stillstands. Die Welt draußen treibt voran, eine neue Ära bricht an, es gibt genug zu tun, aber wir können nicht da raus und teilnehmen. Es macht alles keinen Sinn. Wir sind gelähmt, wie in klebriges Gelee gegossen, kaum zur Bewegung fähig. Irgendwie wird es weiter gehen, das wissen wir, aber wir können es uns nicht vorstellen. Trotzdem!

1 Kommentar:

  1. die zahlreichen Handwerks- und Meßgeräte in Dürers B-74 Kupferstich Melencolia § I liegen nicht “nutzlos“ herum, wie dies m.E. auch ein colorierter Holzschnitt von Virgis Solis noch aus dem Jahre ausweist,
    den ich Ihnen gerne zumailen möchte.
    Denn es handelt sich bei dem sog. Putto auf dem Mühlrad nach Pico della Mirandola
    um den von Gott mitten in die Welt gesetzten Menschen (sitzt im Fadenkreuz des Goldenen
    Schnitts !), der entweder tierischentarten kann (s. den als fliegende Fledermaus verkannten
    jedoch an den Himmel gepinnten Balg eines Fabeltieres, oben links) oder göttlich wieder-
    geboren werden kann (s. den als “Melancholie“ verkannten irdischen Engel, unten rechts –
    den “angelo terrestre“, ebenfalls von Ioannes Pico della Mirandola, 1486 in seinem Commento zum Liebeslied seines Freundes Benivieni: Commengo sopra una canzone d'amore).
    Die vielen Handwerks- und Meßgeräte symbolisieren die zur Wiedrgeburt nötigen Werkzeuge.

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