29. Juni 2011

Teestunde - Lektion Standardeinstellungen Hirn

Heute habe ich mir einen Matcha Tee gemacht und mich mit ein paar Keksen an den Tisch gesetzt, um ganz in Ruhe einen Ausschnitt aus einer Rede von David Foster Wallace zu lesen (vielen Dank für den Tipp, Alex Rubenbauer).

Eine SchaleTee gegen die Standardeinstellungen des Hirns

Ich fing an zu lesen und zu knabbern und griff nach der Teeschale. Ich neigte meinen Kopf, hielt den Artikel in die Höhe, renkte mir fast die Augen aus. Egal, was ich tat, es war unmöglich, mit dieser blöden Schale vor dem Gesicht auch nur eine Zeile zu lesen. Mit meinem normalen Teeglas passierte mir das nie. Ich hatte jetzt richtigen Teedurst und ärgerte mich, bis ich begriff, was ich hier vor sich ging. Irgendwie hatte es mein Arbeitsalltag wieder einmal geschafft, mein Gehirn so zu programmieren, dass ich nicht mehr eine Sache nach der anderen machte, sondern alles gleichzeitig: Essen, trinken, lesen, denken. Also fügte ich mich in mein durch die Schale aufgegebenes Schicksal und las erst einen Abschnitt, nahm dann die Augen vom Text, griff die Teeschale und trank ganz ruhig ein paar Schluck. Dann las ich weiter. Ich entdeckte, dass ich erstens auf die Art den Tee viel bewusster genoss. Ich nahm die milchige Frische und das leicht Ozeanische viel stärker wahr als sonst, wenn ich nebenbei las. Zweitens gab mir die Pause vom Lesen die Gelegenheit, die Sätze, die ich gerade gelesen hatte, im Hirn nachklingen zu lassen. Wer weiß, ob ich ohne die Behinderung durch die Teeschale folgende Frage von Wallace überhaupt so gründlich gelesen, in Gedanken wiederholt und hinterher gründlich verstanden hätte:

Wie kannst du verhindern, dass du unreflektiert als Sklave deines Hirns und seiner Standardeinstellungen durch dein komfortables, erfolgreiches und anständiges Erwachsenenleben gehst, vollkommen allein, Tag ein Tag aus?

Großartig! Ich glaube, ich nehme jetzt öfter die Teeschale und lass das Glas im Schrank.

Kommentare:

  1. Danke fürs Bewusstmachen, du Internetausdrucker :-).

    Auf diese Art von Multitasking zu verzichten fühlt sich so schwer an und braucht tatsächlich Willenskraft, dabei wäre es doch so genussvoll.

    Auch eine Angewohnheit, die man umtrainieren sollte.

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  2. Es ist mir nicht erlaubt am Esstisch mit einem Laptop zu sitzen, deswegen gelegentliches Ausdrucken ;)

    Aber der Satz von Wallace ist super geil! Der ganze Artikel ließt sich allerdings sehr amerikanisch/pathetisch und irgendwie gruselig, wenn man Wallace' Ende kennt.

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  3. Habe ich auch ein bisschen so empfunden mit dem Gruselfaktor.

    Allerdings hast du glaube ich mit dem Zitat einen Erkenntnis-Moment, den ich leider nicht habe.

    Vielleicht kannst du ja kurz eine Zeile dazu schreiben, was der Satz für dich konkret bedeutet. Würde mich freuen.

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  4. Zuerst einmal mag ich, dass es eine offene Frage ist, die jeder für sich selbst beantworten kann.

    Und ich halte die Frage wirklich für nötig, weil - wie Wallace ja auch in dem Artikel schreibt - es wirklich einfacher ist, den im Laufe des Lebens angelernten Automatismen zu folgen, als sich diese bewusst zu machen und umzuformen. Durch die bewusste Umformung der Standardeinstellungen des Hirns kann man unerwartete Dinge erreichen. Vor allem kann man die Welt positiver erleben, offener, dankbarer und verständiger werden.

    Das so ungefähr, lese ich aus dieser Frage raus. Und, dass man wirklich aufpassen muss, nicht zu einem Zombie zu werden. Das kostet bewusste Anstrengung.

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  5. Danke für das anschauliche Beispiel. Ich glaube, auf dem Weg zu vollständigem Bewußtsein (soweit das überhaupt für uns erreichbar ist) braucht man stetig und regelmäßig vergleichbare Beispiele.

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