14. Juli 2011

Auf dem Weg zu paradiesischen Arbeitsbedingungen?

Bundesarchiv B 145 Bild-F038809-0007, Wolfsburg, VW Autowerk, Werksausgang

Aus der amerikanischen "Corporate Culture" kommend, interessiere ich mich immer für die transzendenten Ziele und Werte von Unternehmen (siehe auch Glück haben oder die Wahrnehmung des Unverhofften). Solche übergreifenden Prinzipien scheinen in deutschen Unternehmen zu oft zu fehlen. Als Deutsche empfinden wir so etwas als typisch amerikanisch und vielleicht erinnert es uns sogar an religiöses Sendungsbewusstsein. In Wirklichkeit kommt hier aber der amerikanische Pragmatismus durch: Wie soll mein Team etwas erreichen können, das ich selbst nicht einmal klar formuliert und für alle niedergeschrieben habe? Außerdem: Was ist falsch daran, mehr zu wollen, als nur schnöden Profit? Im folgenden die 10 Prinzipien und Werte der brasiliansichen Firma Semco:

  1. Wir sind eine verlässliche Firma 
  2. Ehrlichkeit und Transparenz wiegen mehr als alle kurzfristigen Interessen
  3. Wir finden eine Balance zwischen kurz- und langfristigen Profiten 
  4. Wir bieten  die Produkten und Services besten am Markt zu fairen Preisen an
  5. Wir bieten auf den Kunden zugeschnittene Services an, unsere Verantwortung ist dem Profit übergeordnet
  6. Wir fördern Kreativität und unterstützen die Mutigen
  7. Wir ermutigen jeden zur Teilnahme und stellen alle Von-oben-herab-Entscheidungen infrage 
  8. Wir bieten ein informelles und angenehmes Arbeitsumfeld mit Professionalität und ohne Vorurteile 
  9. Durch sicheren Arbeitsplätze und Prozesse schützen wir unsere Arbeitskräfte und die Umwelt
  10. Mit Bescheidenheit erkennen wir unsere Fehler und verstehen, wo wir besser werden können
Mindestens 5 der 10 Prinzipien sind ganz dezidiert auf die Mitarbeiter ausgerichtet. Das alleine ist schon bemerkenswert. Wenn man sich aber dann in der Firma ansieht, wie diese Prinzipien gelebt werden, wird es noch besser. Der grundlegende Gedanke ist, die erwachsenen Mitarbeiter nicht wie Kinder zu behandeln. Sie bestimmen selbst, wann sie arbeiten, woran sie arbeiten, mit wem sie arbeiten, zu welchen Meetings sie gehen, ja sie schlagen sogar ihr eigenes Gehalt vor! "Die 3000 Mitarbeiter wählen ihre Vorgesetzten, bestimmen ihre eigenen Arbeitszeiten und Gehälter. Es gibt keine Geschäftspläne, keine Personalabteilung, fast keine Hierarchie. Alle Gewinne werden per Abstimmung aufgeteilt, die Gehälter und sämtliche Geschäftsbücher sind für alle einsehbar, die Emails dafür strikt privat und wie viel Geld die Mitarbeiter für Geschäftsreisen oder ihre Computer ausgeben, ist ihnen selbst überlassen." (Sein.de: Die Befreiung der Arbeit: Das 7-Tage-Wochenende). Das macht Semco schon seit 25 Jahren so und ist damit sehr erfolgreich.

Am Ende zählt, was dabei rauskommt und nicht, wie lange ein Mitarbeiter gearbeitet hat oder wo er gearbeitet hat. Wenn man den Mitarbeitern absolutes Vertrauen engegebringt, so die Annahme, werden sie das honorieren und ihr bestes geben. "Wenn wir die Leute nicht das machen lassen, was sie wollen, dann werden wir nie wissen, was in ihnen steckt", sagt CEO Ricardo Semler.

"Irgendwie ist es auch ein hartes System, denn du musst selbst entscheiden, wie du deine Zeit verbringst. Deine Arbeit wird nicht getan, wenn du am Montag nicht zur Arbeit kommst." Man muss sich also gut überlegen, was man mit seiner Zeit macht, wie man sie für sich selbst wertvoll einsetzt. "Niemand weiß, wie man den Wert solch eines Momentes messen kann."

Warum schaffen wir es in deutschen Unternehmen noch nicht, unsere Mitarbeiter so ernst zu nehmen und ihnen solch ein Vertrauen entgegen zu bringen? Sind solche Modelle, wo Firmen nicht nur für Kunden, sondern auch für ihre Angestellten da sind, nur utopische Ausnahmen oder befinden wir uns auf dem Weg zu paradiesischen Arbeitsbedingungen? Wenn es auf diese Art allen besser geht - den Arbeitern, Kunden, Inhabern und selbst den Share-Holdern - dann spricht wirklich nichts dagegen. Außer der Aufwand, alles umzukrempeln und unserer ins Gehirn gravierte Kontrollzwang.

Kommentare:

  1. Großartig, hab ich auch schon davon gehört und beeindruckend, daß es tatsächlich zum Wohl von Firma UND Angestellten gut und erfolgreich funktioniert.
    Ich hab auch schonmal gelesen, daß eine Surfboardfirma von Patagonia ihren Mitarbeitern erlaubt wann immer sie es wollen während der Arbeit surfen zu gehen. Auch schön.

    AntwortenLöschen
  2. Danke für deinen Kommentar, Tobias! Klingt naheliegend mit dem Surfen. An Radikalität ist Semco glaube ich unübertroffen.

    Einen schönen Notizblog hast du! Danke auch für die Verlinkungen.

    AntwortenLöschen
  3. Ja da gibt es so schöne viele Beispiele, auch von hochproduktiven Unternehmen, die ausschließlich den Mitarbeitern gehören usw.
    Man fragt sich, warum wir so inflexibel sind und warum es nicht möglich ist, daß so etwas mal vom Staat gefördert wird (anstelle von massiven Subventionen für Großkonzerne).

    AntwortenLöschen