6. Januar 2012

Die Verdichtung der Zeit...

...und wie wir damit umgehen können

In der ersten Ausgabe von 2012 der Zeitschrift Human Resources Manager las ich ein interessantes Interview mit dem Zeitforscher Karlheinz Geißler. Seit der Erfindung der Uhr vor etwa 600 Jahren - so Geißler -, lebten wir in einer vorwiegend monochronen Zeit:

"Das heißt, die Vielfalt der Gefühle, die wir im Hinblick auf Zeit haben, wurde zentriert auf den Blick zur Uhr. Allein die Uhr gibt die gültige Zeit an. Polychrone Gesellschaften hingegen orientieren sich an vielen Zeitgebern, am Stand der Sonne, den eigenen Gefühlen, der sozialen Umwelt, der Natur und der Uhr."

Das muss man sicher etwas relativieren. Die Uhr mag eine herausgehoben wichtige Stellung haben, aber die alleingültige Zeitangabe liefert sie nicht. Zum Beispiel essen wir meistens dann, wenn wir Hunger haben. Wir gehen ins Bett, wenn wir müde werden und wir werden müde, wenn das Licht schwindet und deswegen das Melatonin unser Hirn überschwemmt. Dennoch sind viele dieser Vorgänge wiederum an die Uhr rückgekoppelt: Mittagspause mit den Kollegen um 12, ins Bett 23:30 und aufstehen, trotz großer Müdigkeit und fehlender Morgensonne mit dem Wecker um 6:30.

Karriere machen heute nicht mehr die Pünktlichen
Wenn man Geißler Glauben schenken darf, dann hat die Uhr im Sinne von linearer Zeit inzwischen wieder an Wichtigkeit verloren. Geißler macht das am Wirtschaftswachstum fest, das die stetige Beschleunigung benötige. Seit dem unsere auf digitalem Datenaustausch beruhenden Welt bei der "Lichtgeschwindigkeit" angekommen sei, etablierten sich nun andere Modelle, die über die gewohnte gradlinige Beschleunigung hinausgingen. Im Computer ist das die Gleichzeitigkeit der Prozesse, das Multitasking. In der Gesellschaft nennt es Geißler "Zeitverdichtung":

"Wir machen die Dinge nun nicht mehr schneller, sondern wir machen mehr in der gleichen Zeit."

Karlheinz A. Geißler
Geißler hält sich dabei mit einer Wertung sehr zurück. Er sagt, die Zeiten werden weder besser noch schlechter, sondern anders. Menschen, die eher polychron funktionieren, haben es heute und in Zukunft mitunter leichter. Auch aus meiner Perspektive wird es immer wichtiger, spontan und intuitiv richtige Entscheidungen über das wie und wann von Aufgabenerledigung und Meeting-Präsenz zu treffen. Verlässlich, pünktlich und routiniert bringt heute kaum noch irgend wen weiter.

Was allerdings die Übertragung des maschinellen Multitaskings auf die menschliche Arbeits- und Funktionsweise betrifft, habe ich so meiner Zweifel (siehe auch Multitasking und Unitasking). Unser Hirn funktioniert eben nicht wie Schaltkreise mit Prozessoren, wo Parallelität von Rechenprozessen ganz leidenschaftslos gesteuert und priorisiert werden kann. Die Kopplung userer kognitiven Prozesse an das Bewusstsein - gemeinhin Ausweis unserer Überlegenheit gegenüber Maschinen und anderen Lebensformen - ist hier eher ein Handicap. Ganz klar profitieren wir von ungeteilter Aufmerksamkeit, wenn wir produktiv und kreativ sein wollen. Der Lichtstrahl unseres Bewusstseins kann immer nur an einem Ort sein.

Wir haben nicht zu wenig Zeit, wir haben zu viel zu tun
Es wird deutlich, dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren müssen, wenn wir "mehr Zeit" haben wollen. Mehr Zeit gibt es ja eigentlich nicht, sondern es gibt nur verschiedene Umgänge mit ihr und unterschiedliche Wahrnehmungen von Zeit. Durch das genannte Zeitverdichten, also den Zwang immer mehr in derselben Zeit zu tun, entsteht Stress. Der Stress kommt aber nicht mit der Menge der Arbeit, wie man meinen könnte, sondern durch die ständigen Entscheidungssituationen, in denen wir uns befinden. Laufend müssen wir entscheiden, was zuerst zu tun ist, was ist wichtig, was dringend, was kann liegen bleiben, was verschiebe ich auf morgen und wie stelle ich sicher, dass nichts dazwischen kommt? Das stresst, denn es lässt uns nicht zum eigentlichen Arbeiten kommen, sondern hält uns in der Vorhölle eines unproduktiven Organisierens fest.

Wir wissen, dass wir eher in einen Flow kommen, wenn wir uns einer Aufgabe ganz gezielt von Anfang bis Ende widmen können. Die Aufgabe mag umfangreich sein, aber sie stresst uns solange nicht, bis wir gezwungen sind, zu planen. Deswegen können wir es auch als befreiend empfinden, wenn wir genau gesagt bekommen, wann wir was zu tun haben. Ich selber merke es oft, wenn eine Ausnahme- oder Notsituation entsteht, deren Wichtigkeit außer Zweifel steht. Ich kann dann alles liegen lassen und ohne weiter entscheiden zu müssen, gezielt an der Lösung dieses einen Problems arbeiten. Wir lernen daraus, dass wir Stress reduzieren können, wenn wir uns vor der eigentlichen Arbeit einen Plan machen, anstatt planlos anzufangen und dann aus dem Jonglieren nicht mehr heraus zu kommen. Am besten sollte man schon kurz vor Feierabend eine Liste mit Dingen aufstellen, die am nächsten Tag gemacht werden müssen. Dadurch macht man sich zum einen für den Abend den Kopf frei, zum anderen kann das Unterbewusstsein schon mal an die Arbeit gehen (das können wir sowieso nur ganz schwer verhindern). Außerdem können wir am nächsten Tag gleich loslegen und produktiv arbeiten, anstatt sich erst einmal orientieren zu müssen, was jetzt wieder ansteht.


Es gibt so viel zu erleben bis zum Tod
Die Zeitverdichtung sehen wir nicht nur auf der Arbeit, sondern auch in der Freizeit am Werk. Karlheinz Geißler meint, dass die Angst, etwas zu verpassen, auf die Sterblichkeit und die Begrenztheit der möglichen Erfahrungen im Leben eines Menschen zurückgeführt werden kann:
"Je mehr Möglichkeiten Sie im Leben haben, umso größer ist diese Angst - und so versucht man, so viel wie möglich in eine Zeiteinheit hinein zu packen."
Und auch hier gilt wieder - wenn man nicht ganz anspruchslos ist - sich über die für einen selbst wichtigsten Dinge klar zu werden und sich auf die zu konzentrieren. Wenn ich in meiner Freizeit alles machen will, dann werde ich mich selbst nur zwischen den endlosen und überall lockenden Möglichkeiten aufreiben und eher Stress als Befriedigung finden.

Wenn man die Zeit als wertvoll und anhaltend erleben möchte, dann sollte man aber gleichzeitig aufpassen, nicht zu sehr in Routinen zu verfallen. Denn das täglich grüßende Murmeltier, das Fehlen von neuen Stimuli und das Durchleiern der immer gleichen Routinen sind dafür verantwortlich, dass wir das Gefühl haben, die Zeit vergehe immer schneller. Die Kindheit kommt uns im Vergleich viel länger vor, weil es da noch jeden Tag Entdeckungen gab.
"Unser Gedächtnis erinnert sich aber an Neues mehr als an Wiederkehrendes. Letzteres hinterlässt weniger Spuren im Gedächtnis als neue Erfahrungen. Hinterlässt die erlebte Zeit aber keine Spuren im Gedächtnis, schrumpft diese Zeit - sie vergeht also im Rückblick schneller."
Es ist doch gut zu wissen, dass wir der Zeit eben nicht ausgeliefert sind. Wir können bewusst steuren, wie wir sie erleben wollen. Ich bin eher frei von der Angst, etwas zu verpassen. Das ist auf der einen Seite ganz gut, weil ich dadurch weniger Stress habe. Auf der anderen Seite birgt es die Gefahr, dass mein Leben in seinen Routinen an mir vorbeirauscht. Es ist die Balance, die es zu halten gilt: Immer offen für neue Kicks, Erlebnisse und Lebensabschnitte zu sein, ohne ihnen zwanghaft hinterherzujagen und dabei in Stress zu geraten. Nicht ganz einfach in einer Welt, in der sich die Zeit immer weiter zu verdichten scheint.

Kommentare:

  1. Zeitverdichtung, Arbeitsverdichtung... da bin ich mal Profi drin gewesen.
    Das Ergebnis eines internen Controllings war, daß ich die fünffache Menge an Arbeit geschafft habe, die meine Kollegen geschafft haben.

    So sind fünf Jahre wie im Multitaskingflug vorbeigerast, von denen irgendwie nichts geblieben ist.

    Inzwischen weiß ich, daß Zeit eine Illusion ist. Genau wie alle Organisationen, Pläne, Theorien.
    Es ist die Illusion, wir könnten die Welt in der wir leben, wir könnten das Leben das wir leben in irgendeiner Form kontrollieren. Und als Folge aus dieser Illusion stemmen wir uns gegen den Strom des Lebens statt mit ihm zu fließen und wir verlieren die Verbindung zur Gegenwart.

    Um es mit den Worten Eckhart Tolles zu sagen:
    Es ist immer jetzt !

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  2. "Es ist immer jetzt!" Herrlich, der Tolle. Man weiß nie, ob er der genialste Denker ist oder ob er uns alle mit seinen tautologischen Plattitüden veralbern will. Ich mag ihn.

    Es ist gut, Jan, dass du dennoch "aufgewacht" bist. Viele bleiben in dieser "Matrix", bis es zu spät ist (ich schreibe gerade an einem Artikel darüber, was Menschen auf dem Sterbebett bereuen).

    Ich weiß auch, was du mit Illusion der Kontrolle meinst, kann aber auch nicht ganz so mitgehen. Siehe mein Artikel Ist Kontrolle eine Illusion?

    Beste Grüße!

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  3. Zum Thema bereuen auf dem Sterbebett kann ich Dir das Gedicht "Der Bindestrich" von Linda Ellis empfehlen :-)

    Und bezüglich Illusion der Kontrolle sind wir fast einer Meinung :-)

    Eckhart Tolle ist wirklich genial. Am schönsten ist es, ihn reden zu hören :-)

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  4. Ich glaube, dass 'wir' uns was vormachen:
    Zweifellos kann mit mit bessseren Technologien mehr erledigen!
    ich möchte diese KEINESFALLS missen, doch:
    Soziales Leben lösst sich nicht beliebig beschleunigen...
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/GuteNacht_GeschichteInEinerMinute_email_Bancruptcy_flickr_com_renaissancechambara_jpg

    Die Mentale Diabetes beeinflusst unser Leben und unsere Gesellschaft sehr wohl:
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/EstherDyson_edge_org

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