20. Februar 2012

Fünf Tipps zum nachhaltigen Lernen durch Kontext

Ich habe in der Schule und Universität das Auswendiglernen gehasst und denke immer noch, dass es keinen Sinn macht, Dinge zu lernen, die man auch nachschlagen kann. Fähigkeiten und Denken - das muss man lernen, aber keine Fakten. Dennoch müssen wir alle in der einen oder anderen Lebenssituation auch Fakten auswendig lernen. Hier sind fünf Tipps, wie man so lernt, dass man das Gelernte möglichst lange erinnert.

Unsere Synapsen lieben Kontext und Wiederholung (19th Century Collection)

  1. Kontext über Themen: Lerne verschiedene mit einander verbundene Themen simultan. Denn wir lernen am besten die Dinge, die sich in einen Kontext fügen. Zum Beispiel: Wenn du ein Geschichtsstudent bist, damm lerne nicht nur die Fakten zu einer bestimmten kriegerischen Auseinandersetzung, vergleiche diese auch mit den Daten anderer Auseinandersetzungen oder schaue die Fakten im Licht zeitgleicher Entwicklungen an. Je mehr gelernte Fakten im Gehirn kontextualisiert sind, desto einfacher können wir sie durch verschiedenste Assoziationen erinnern. Das funktioniert übrigens auch beim Sport: Lerne nicht nur einen Trick den ganzen Tag, sondern eine ganze Reihe von Bewegungsabläufen, so dass diese untereinander verbunden antrainiert werden und so auch wieder im Kontext verschiedenster Bewegungsabläufe abgerufen werden können.
  2. Kontext über Orte: Lerne nicht nur an einem Ort, wenn du die Informationen oder Fähigkeiten an anderen Orten abrufen möchtest. Lerne zu Hause, in der Bibliothek, im Park, in der Bahn und so weiter. Auch das stellt größere Kontexte her und verhindert, dass dein Gehirn so konditioniert wird, dass bestimmte Informationen nur an bestimmten Orten abgerufen werden können.
  3. Verstärkung durch Zeit: Lerne alles wiederholt und lass einige Zeit zwischen dem ersten Mal und der Wiederholung vergehen, wenn du das Gelernte länger behalten möchtest. Beim zweiten Mal stellen wir Verbindungen zu den Strukturen aus dem ersten Mal her. Wenn dazwischen mehr Zeit vergangen ist, ist es zwar schwieriger, diese Verbindungen herzustellen, dafür sind sie dann aber auch dauerhafter eingerichtet. Geht es dir nur darum, das Gelernte am nächsten Tag in der Prüfung zu wissen und dann wieder zu vergessen, kannst du diesen Tipp ignorieren und die Wiederholungen schnell aufeinander folgen lassen.
  4. Aktives Erinnern und Dokumentieren: Um möglichst viel aus einer Vorlesung zu lernen, solltest du keinesfalls während der Vorlesung mitschreiben. Höre genau zu, denke mit und nimm dir nach der Vorlesung die Zeit, das Gesagte zu rekapitulieren und zu dokumentieren. Durch die relativ harte Arbeit des Rekapitulierens und den physischen Akt des Aufschreibens ist ein großer Lerneffekt garantiert.
  5. Vergessen ist dein Freund: Wehre dich nicht gegen das Vergessen. Wir vergessen sowieso nichts, aber die Verbindungen zum Gelernten, dass wir nicht mehr nutzen, dünnen aus, sodass das Erinnern an das gespeicherte schwerer fällt. Dafür haben wir aber wieder mehr Kapazitäten, um das neu gelernte aktiv zu reproduzieren, sprich zu erinnern. Um etwas nicht "zu vergessen" hilft nur, es immer wieder zu nutzen.
Was sind Eure Tipps, für ein erfolgreiches Lernen?


Die Idee zu diesem Artikel stammt von Psychology Today: Everything You Thought You Knew About Learning Is Wrong

Kommentare:

  1. am besten funktioniert es bei mir mit: Learnig by doing; oder lernen mit "geistigen" Bildern die ich mir über das Gelesene vorstelle. Bei diesem lernen ist es aber sehr wichtig, dass wir zu den "geistigen" Bildern ein Gefühl dazu aufbauen, denn nur so können wir es viel leichter aus unserem Speicher wieder abrufen, und es steht uns auch für unbegrenzte Zeit zur Verfügung!
    Das learning by doing, ist von der Wirkung, vom Lerneffekt im Prinziep das Gleiche.
    Wenn wir etwas lernen müssen/sollen, dass wir unserer Meinung nach nicht brauchen, dann am besten so darüber denken, wie wenn wir z.B. joggen gehen. Wir wollen deswegen doch auch nicht an einem Maraton teilnehmen, wir tun dies doch auch nur um uns fit zu halten...dann lasst unser Gehirn doch auch mal joggen gehn ;)
    Bis die Tage mal wieder
    Gerhard

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  2. Danke Gerhard, toller Tipp, das mit den geistigen Bildern und dem Learning by Doing! Hier könnte man auch meinen, dass der Kontext und das Ins-Spiel-Bringen des Körpers (zusätzlich zum Geist) den Lerneffekt unterstützt. Gehirnjogging als Motivation, wenn man mal was "unnützes" lernt ist auch eine gute Idee, auf die man vielleicht nur als Erwachsener kommt, wenn man zum Glück immer weniger auswendig lernen muss. Einen schönen Tag!

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  3. Ein schöner Praxis-Tipp!
    Bilder und Verknüpfungen allgemein (und seien sie noch so absurd ;-)
    bzw. je absurder desto aussergewöhnlicher und damit desto intensiver beschäftigt sich das Gehirn damit) gehören zu den bewährten Techniken um Gelerntes zu bewahren und zu erinnern

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  4. Das sind gute Lerntips. Diese und die Kommentare zeigen, daß es durchaus Spaß machen und auch nützlich sein kann "pure Fakten" zu lernen, sei es auch nur für das erwähnte Gehirntraining.
    Hier möchte ich dann auch mal meine Gegenmeinung zu dem, was der Verfasser in der Einleitung geschrieben hat ausdrücken.
    Ich persönlich finde es keineswegs unsinnig Dinge zu lernen, die man zur Not auch nachschlagen kann.
    Ich möchte dabei gar nicht so sehr auf die scheinbar wachsende Tendenz Faktenwissen zu vernachlässigen im Glauben dieses auf Google oder Wikipedia auslagern zu können eingehen.
    Natürlich ist es legitim sich die Frage zu stellen ob es sinnvoll ist die Reihenfolge der Könige Englands herunterbeten zu können, wenn es einem keinen Spaß macht oder man auch sonst keinen Bezug zur Thematik hat.
    Andererseits denke ich, daß ein großer Schatz Faktenwissen durchaus sinnvoll ist.
    Das Faktenwissen kann einem beim Denken helfen. Unbestritten dürfte sein, daß es je nach Thematik immer einer gewissen Grundmenge an Fakten bedarf um zu weiterführenden Denkprozessen überhaupt in der Lage zu sein.
    Nun schaffen die gelernten Fakten ja auch die oben erwähnten Kontexte oder allgemeiner gesagt Verknüpfungspunkte mit denen sich neu zu lernendes wiederum verknüpfen läßt.
    Worum es mir aber hauptsächlich geht ist die Vorstellung, daß je mehr Fakten ich kenne, je mehr Fakten ich tatsächlich auch in jedem Augenblick meines Lebens direkt "parat" habe, desto reicher kann meine Gedankenwelt sein.
    Ich halte es nicht für nutzlos das bloße Faktum zu lernen, daß der 30jährige Krieg von 1618-1648 dauerte, weil mir dieses Wissen, in Verbindung mit dem anderen im Laufe der Zeit dazu erworbenen Wissen z.B. über die in dieser Zeit getragene Kleidung, über das damlige Menschenbild im Vergleich zu dem von 1518, die gleichzeitige Situation in Amerika usw, weil mir eben dieses Wissen es erst ermöglicht mir ein echtes zusammenhängendes und farbiges Bild von (wie in diesem Beispiel) Geschichte zu machen.
    Natürlich mag z.B. für einen Geschäftsmann, der sich nicht im Geringsten für Geschichte interessiert obenerwähntes Faktum für sein Leben und Wirken tatsächlich völlig nutzlos sein. Zugegeben.
    Ich persönlich finde jedoch daß mein Faktenwissen in gewisser Weise auch meine Lebensqualität steigert. Weil ich dadurch in der Lage bin komplexere Gedankengebäude zu entwerfen, als mir das mit weniger Fakten möglich wäre. Und das eben auch beim joggen, ohne Lexikon.
    Ich gebe natürlich zu, daß diese Behauptung in erster Linie meinem (Lebens-) Gefühl entspringt, als daß ich empirische Beweise für eine Allgemeingültigkeit hätte.
    Mir jedenfalls genügt es häufig nicht "zu wissen wo man etwas nachschlagen kann", ich möchte die Sache selbst wissen und soweit mir das gelingt in meinem Gehirn abrufbar haben um damit jederzeit nutzen daraus ziehen oder einfach nur "spielen" zu können.

    Schöne Grüße
    Andreas

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  5. Danke Andreas, für diesen schönen Kommentar. Du hast Recht: Je mehr Wissen man um ein Gebiet bereits hat, desto besser lässt sich dazu lernen.

    Was mich sehr fasziniert, ist der Unterschied zwischen Individuen, der hier zum Ausdruck kommt. Wenn man das auf Persönlichkeits-Dimensionen und -Präferenzen hin untersucht, glaube ich, dass das im MBTI dem Unterschied zwischen "S" und "N" entspricht, also zwischen "Sensing" und "iNtuition". Ich bin als INTP ein ziemlich starkes "N". Das heißt, ich bin mehr abstarkt, als konkret, liebe den großen Überblick mehr als das Detail und orientiere mich mehr auf die Möglichkeiten als die Gegebenheiten. Mir scheint das zu korrelieren mit der "Abneigung" gegen reines Faktenwissen. Ich benötige große Muster, zugrunde liegende Strömungen und Visionen. Wenn jemand hingegen ein starkes "S" ist, sollte das Interesse am faktischen Detail überwiegen. Und das ist super so, dass wir verschieden sind. Ich respektiere jeden, der ein umfangreiches Fachwissen hat, das beeindruckt mich.

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  6. "4. Aktives Erinnern und Dokumentieren:"

    Kann ich voll bestätigen. Am besten merke ich mir etwas, wenn ich selbst darüber schreibe, z.B. auf meinem Blog oder meiner Seite, oder irgendwo als Kommentar. Was ich mir selbst nochmal inhaltlich erarbeite, bleibt viel besser im Gedächtnis.
    Wem das zu viel Arbeit ist, der kann auch davon profitieren, dass gelernte anderen zu erzählen oder besser noch: zu erklären.

    Auf das kommende Buch "Brain Trust" des Autors des zitierten Psychology Today Artikels werde ich mal ein Auge werfen.

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  7. Aus der Sicht der Lernpsychologie sind alle Tipps natürlich richtig, der entscheidende Tipp aber fehlt - die Motivation. Es gibt eine einfache Formel des Lernerfolgs, die ich in einem meiner Lerntipps vereinfacht dargelegt habe: http://schule.lerntipp.at/24/ Lernen muss immer ein Ziel haben, d.h., bevor man etwas lernt muss man eine einigermaßen befriedigende Antwort auf das "Warum" finden. Erst dann ist es sinnvoll, die Frage nach der Technik zu stellen: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNTECHNIK/

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  8. Hallo Werner Stangl - danke für diesen wichtigen Hinweis! Ohne diese Motivation geht natürlich gar nichts.

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