19. März 2012

Zwischen Bauchatmung und Bruststimme

Drei Männer reden über "die Frauen": Ein Artikel von Erich Feldmeier, Günther Wagner und Gilbert Dietrich. Na wunderbar! Das hat gerade noch gefehlt, nachdem "die Frau" über die Jahrhunderte von "den Männern" examiniert, klassifiziert und zuletzt unter Naturschutz gestellt wurde. Aber lesen Sie erst einmal, vielleicht ist es ja ohnehin bald vorbei mit "den Männern".



Casey Klofstad von der Universität Miami hat in einem Versuch 17 Frauen und zehn Männer zwischen 20 und 60 Jahren folgenden Satz sagen lassen: "Ich bitte dich dringend, mich zu wählen." Dann erhöhten oder senkten die Forscher die Stimmlagen elektronisch und spielten sie anderen Menschen vor. Das Ergebnis war eindeutig:
"Sowohl die Männer als auch die Frauen der Studie nahmen weibliche Sprecherinnen mit höheren Stimmen als tendenziell weniger stark, kompetent und vertrauenswürdig wahr. Interessanterweise empfanden die Männer dies auch bei den höheren Männerstimmen so, die Frauen dagegen nicht – sie ordneten den tiefen Männerstimmen keine besseren Werte bezüglich dieser Eigenschaften zu [...] In diesem Zusammenhang könnte die von Natur aus höhere Stimme von Frauen eine der Ursachen dafür sein, warum sie in Führungspositionen unterrepräsentiert sind."
Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen wollten lieber die Menschen mit den tiefen Stimmen wählen. Tiefe Stimmen bewirken ein Gefühl von Einheit und Miteinander, hohe und schrille Töne alarmieren hingegen und wirken nur in akuten Notsituationen überzeugend. Dann aber sehr, wie wir vom unabweisbaren Appell schreiend-hungriger Kinder wissen.

von Ingrid Amon
Physiologisch ist es schnell erklärt: Unser Innenohr wurde von der Evolution dankenswerter Weise mit dreimal so vielen Haarzellen für hohe Töne, als für tiefe ausgestattet. Dadurch klingen hohe Frequenzen für uns intensiver als tiefe. Die meisten Menschen auf der Erde haben hohe Stimmen (Frauen und Kinder) und werden von uns entsprechend intensiv wahrgenommen. Nur Männer scheren aus diesem Klangmuster aus. Sie liegen in der Regel eine Oktave unter der Stimmlage von Frauen. Bei Kindern scheint das auf den ersten Blick Sinn zu machen, denn sie bedürfen unserer Fürsorge und ständigen Schutzes, um zu überleben. Daher der oben angesprochene unabweisbare Appell, der zur Reaktion zwingt. Warum die Natur Frauen mit einer solchen stimmlichen Dominanz ausgestattet hat, konnten bisher weder Biologen noch Evolutionsforscher abschließend beantworten. Aber wenn sie ihre Stimme erheben, bekommen sie oft den Stempel der Hysterie und des Keifens aufgedrückt (vgl. Ingrid Amon:  Die Macht der Stimme: Persönlichkeit durch Klang, Volumen und Dynamik; Wien/ Frankfurt 2000; S.30ff). Eine entspannte Bauchatmung führt zu einer Bruststimme mit resonanzreichen und weichen Tönen. Eine Brustatmung, zu welcher wir vor allem in Stresssituationen neigen (siehe wieder oben besprochener Appell), führt zu hellen Tönen, welche oft gepresst, unsicher und alarmierend wirken. Die stereotype Behauptung, Frauen würden eher zu einer Brustatmung neigen, ist jedoch jenseits der Jahrhunderte der Korsetts, die für Frauen keine Bauchatmung zuließen, nicht mehr haltbar. Trotzdem hören wir wohl lieber Männer als Bosse und Präsidenten für uns sprechen.

Wir müssen anerkennen, dass Entscheidungen nie nur nach Kompetenzen getroffen werden. "Piepsen oder Brummen – natürlich entscheidet dieser Faktor nicht allein über Karrieren" (Der Bass der Bosse, SZ, 14.03.12). Aber die Ergebnisse der Studien von Casey Klofstad zeigen, dass man auch die Wahl von Führungskräften nur im Zusammenspiel mit biologischen Einflüssen verstehen kann. Die Stimme ist dafür nur ein Beispiel. Auf dem Marktplatz der Eliten wird es aber selten zu einer objektiv richtigen Entscheidung zugunsten kompetenter Mitarbeiterinnen kommen, wenn nicht alle der Beteiligten wissen, dass sie subjektiv und unbewusst gefärbte Entscheidungen treffen. Welche konkreten Regularien können hier Chancengleichheit herstellen, sodass die für unsere Kultur eigentlich unerheblichen biologischen Einflüsse zugunsten der viel wichtigeren Kompetenzen ausgeschaltet werden können?

Wie immer zum Internationalen Frauentag wurde auch dieses Jahr in Deutschland wieder eine hitzige und emotionale Debatte geführt, ob nun endlich eine Frauen-Quote in Führungspositionen eingeführt werden solle. Interessant finden wir, dass Frauen jetzt diese Debatten auf dem politischen Parkett unter sich ausfechten, ohne dass es die Sache voranzubringen scheint. Von den GegnerInnen einer solchen Regelung wird häufig argumentiert, dass weniger kompetente Kandidatinnen qua Quote bevorzugt werden. Dieses Argument ist komplett hinfällig, wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass zur Zeit eben weniger kompetente männliche Kandidaten auch ohne Quote bevorzugt werden: Männer Cliquen bis zur Frührente.

1982 erschienen
Wolfram Eilenberger zeichnet mit Carol Gilligan in Die Feminisierung der Tugend im neuen Philosophie Magazin ein ganz anderes Bild der weiblichen Stimme: Sie gibt kulturell inzwischen den Ton an. An die Stelle der männlichen Gerechtigkeitsmoral (Regel, Recht, Pflicht) sei eine weibliche Fürsorgemoral (Fürsorge, Verbundenheit, Verantwortung, Empathie) getreten. Das feministische Ziel, den Männern die Diskurshoheit zu entreißen, sei also geglückt. Man erkenne das auch daran, dass diese Begriffe der einst "anderen Stimme" inzwischen den Diskurs des wünschenswerten Handelns bestimmten: Kommunikation, Kooperation, Empathie und Sorge. Die Frage, wie das so schnell möglich wurde, beantwortet Eilenberger mit Hinweis auf sich gegenseitig beschleunigende Veränderungen in Naturwissenschaft, Ökonomie und Technik. Zum Beispiel seien die Sozialen Netzwerke, ohne die heute ein Mensch kein Mensch mehr ist, angewiesen auf die oben genannten Töne der weiblichen Stimme: Kommunikation, Kooperation, egalitäre Verbundenheit. "Frage: Wer schreibt bei Ihnen zu Hause die Weihnachtskarten? Wer denkt an Geburtstage? Na also." Weibliche Tugenden und Dispositionen würden im Internet bevorzugt. Wo das nicht der Fall ist, herrscht schlechte Laune. Das sehen Sie beispielsweise in den meisten XING-Foren, wo sich die Männer ihre Theorien um die Ohren schlagen. Das ist archaisches Um-die-Wette-Pissen und es geht regelmäßig schief.

Auf der Seite der Kognitionswissenschaften sei der Unterschied zwischen Denken (männlich) und Fühlen (weiblich) ad absurdum geführt, Emotion und Intuition haben einen unerwarteten Aufstieg erfahren. Durch die Entdeckung der sogenannten Spiegelneuronen, die sozusagen die Hardware der Empathie zu sein scheinen, wurde auf ein Ideal der kooperativen und mitfühlenden Gesellschaft geschlossen.

Dieses Ideal hat sich besonders in den Management-Büchern für die Arbeitswelt (vorerst nur in Papier) materialisiert: Wertschätzung, flache Hierarchien, Manager unterstützen und beschützen ihre Teams, kommunikatives und situatives Führen und so weiter. Eilenbergers resignatives, aber allzu verständliches Fazit:
"Wüsste man es nicht besser, man wollte schwören, die Herrschaftsmanuale des zeitgenössischen Kapitalismus seien vor 30 Jahren von einer Selbsthilfegruppe stillender Mütter verfasst worden. An der faktischen Geschlechterverteilung in den Führungsetagen, für die diese Lehrbücher geschrieben werden, hat sich im Laufe der vergangenen 30 Jahre allerdings so gut wie nichts geändert, genauso wenig wie an den betreffenden Arbeitszeiten oder -bedingungen."
Und da sind wir wieder an dem oben genannten Punkt, dass die Hoheiten in Politik (Arbeitsministerin vs. Familienministerin) und die in den Diskursen herzlich wenig an den Tatsachen zu ändern scheinen. Warum ist das so? Warum setzen die Frauen an der Macht nicht endlich die Quote durch? Offenbar wurde die Stimme, die Sprache überschätzt. Am Ende scheint es doch auf Machen anzukommen.

Mal mit dem Quatschen aufhören und einfach machen! (Retro Thing)

Das ganze Gender-Gerede scheint wenig gefruchtet zu haben. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir die Biologie der Geschlechter auf der einen Seite nicht ignorieren können und dass wir auf der anderen Seite viel stärker kulturell determiniert (und also immer auch änderbar) sind, als wir es oft glauben. Wir müssen verstehen, dass wir  Frauen, Nerds, Förster und Leuchtturm-Wärter nicht ins Umerziehungslager schicken können, sondern sie so zu lassen haben, wie sie sind und vor allem sein möchten. Individuen wollen nicht unbedingt das, was wir ihnen in Geschlechterrollen zuschreiben und vielleicht auch nicht das Gegenteil: "Die Unzufriedenheit erwerbstätiger Frauen hat mich auch sehr überrascht."

Die Quote wird sicherlich kommen. Dass sie etwas an der tatsächlichen Geschäftspraxis ändert, ist nichts weiter als eine blasse Hoffnung. Wenn alles nichts hilft, vertrauen wir auf evolutionäre Vorgänge, die dafür sorgen werden, dass sich ein System qua Notwendigkeit und Wettbewerb bessert.

In der Zwischenzeit empfehlen wir: Mal mit dem Quatschen aufhören und einfach machen! Nehmen Sie Erziehungsurlaub. Gehen Sie pünktlich nach Hause. Lesen Sie Ihren Kleinen aus Büchern vor. Nehmen Sie Ihre Männer und Vorgesetzten in die Pflicht, greifen Sie nach der Macht im Büro. Und denken Sie dran: Sie haben (wahrscheinlich) nur dieses eine Leben. Am Ende wird es egal sein, was ihr Boss über Sie dachte. Es wird zählen, dass Sie bedeutungsvolle Beziehungen zu anderen Menschen hatten, dass Sie Zeit für sich hatten und Spaß, jede Menge Spaß und gute Laune. Die Gesellschaft wird folgen, wenn wir vorlegen. Nicht die Gesellschaft bestimmt uns, sondern wir machen die Gesellschaft.

Hinweis: am 20.3. um 12:43 wurde dieser Beitrag geändert.

Kommentare:

  1. Das Sie XING-Foren als schlechtes Beispiel nehmen frage ich Sie, was sie unter "archaisches Um-die-Wette-Pissen" meinen? Definieren Sie bitte mal dieses um zu Verstehen!

    Nennen Sie mir ein Beispiel dafür...

    Liebe Grüße
    Francesco

    PS. Ach ja, schade, dass Sie den Link herausgenommen haben. Man muss schon dazu stehen auf das was man schreibt, wie soll man Sie sonst ernst nehmen? Ansonsten gibt es eine effektiven Methode die heißt "Überlegen" das was die Foristen tun!

    Ein XING'ler

    PPS. Feine muss man sich Fair-Dienen, Freunden gibt's umsonst aber... wir Leben in eine Gesellschaft wo keine Freunde mehr gibt sondern nur Nachbarn.

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  2. Das verstehe ich unter: "archaisches um die Wette pissen" -im übertragenen Sinne natürlich:
    http://www.nachhaltigwirtschaften.net/scripts/basics/eco-world/wirtschaft/basics.prg?a_no=4948

    http://ed.iiQii.de/gallery/ValueCreation/Chrom_Felge_wikipedia_org

    oder iphone statt SUV:
    http://ed.iiQii.de/gallery/KeyPerformance/kidneys_biology_arizona_edu

    Im evolutionären Verständnis eher normal, nur bewusst machen sollte man sich das regelmäßig)


    Innovative Grüße,
    EF

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  3. So klingt übrigens die Perfekte Stimme:
    http://ed.iiQii.de/gallery/KeyPerformance/OratorPerfectus_wikipedia_org

    bzw. so gelingt ein fesselnder Eindruck:
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/Orgel_abtei_ettal_de

    Innovative Grüße,
    EF

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  4. Nun habe ich mir die Shitstorm-Debatte auf XING doch gegönnt ;-)

    Die Haarzellen für hohe Töne sind womöglich tatsächlich nur bei Embryos erhöht,
    mehr kann ich im Moment nicht rausbekommen....
    ich kenne das Zitat und Buch von Ingrid Amon nicht genau genug.

    Schade, der Nebensatz (wohlgemerkt!) mit Bezug auf XING war unnötig und lenkt nur vom Thema ab (siehe auch Teil 1: http://www.geistundgegenwart.de/2012/03/manner-cliquen-bis-zur-fruhrente.html ).

    Schade auch, dass das Zitat aus der SZ und von Casey Klofstad nicht richtig in Anführungszeichen und im Fokus steht:
    "Womöglich ... auch eine Erklärung... warum Frauen...seltener Führungspositionen besetzen...
    Wer in der Besprechung herumpiepst, dem trauen offenbar männliche wie weibliche Kollegen nicht besonders viel zu...
    Aber unsere Ergebnisse zeigen, dass man die Wahl von Führungskräften nur im Zusammenspiel mit biologischen Einflüssen verstehen kann"

    Die biologischen Einflüsse sind doch in ihrer Vielzahl das Interessante weil meist Unbewusste...

    Total interessant fand ich diese Aussage bei XING:
    >man braucht sich mehr zu wundern, warum wir in D einen Mangel an Fachpersonal haben.
    >"Lieber trinken wir Kamillentee und reden, als dass wir harte Fakten bearbeiten "
    Das könnte nicht nur von mir sein, sondern IST von mir, in zahllosen BLOG-Beiträgen,
    bei google plus und im Buch natürlich... verewigt.
    Den Antagonismus zum Kamillentee trinken versteh ich trotzdem nicht ;-)
    Da hat wohl jemand die NT- und NF-Charaktere verwechselt oder noch viel schlimmer: 'Den Anderen' das Existenzrecht abgesprochen, das mit großer Wahrscheinlichkeit ab Geburt geprägt ist..., so zu sein wie sie sind.

    CG Jung hat man im übrigen dasselbe wie wohl Schemmer, Riemann, H. zur Hausen, Galileo etc. vorgehalten...
    die wohl irgendwie aus den anerkannten Mustern ausscheren.

    Am besten fnde ich immer noch die Haltungen von Curtius oder Stolberg:
    http://ed.iiQii.de/gallery/Science-TheOnlyNews/ErnstRobertCurtius_uni_marburg_de
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/AlbertBorsig_wikipedia_org
    nachzulesen auch bei der Rezension zu Jonah Lehrer: Prousts Madeleine:
    http://www.geistundgegenwart.de/2011/11/jonah-lehrer-prousts-madeleine.html

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  5. Wir haben vielleicht einen shitstorm entfacht auf XING. Aber immer noch besser als bullshit zu verbreiten wie es in dem Artikel geschieht. Bullshit als philosophische3 Kategorie von Harry Frankfurt.
    Erstaunt bin ich immer wieder wie Geisteswissenschaftler mit Fakten umgehen. Besonders, wenn sie aus den Naturwissenschaften oder wie hier aus den Kognitionswissenschaften (die keine Naturwissenschaft ist) stammen: Was ins eigene Weltbild passt, wird aufgenommen. Was nicht passt, bleibt draußen. Mal abgesehen, dass die naturwissenchaftlichen Zusammenhänge kaum verstanden werden.

    PS: CG Jung in einem Atemzug mit Galileo? Au weia.

    KLG Ernst Wilde
    Der Moderator des XING-Forums

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