Philosophische Praxis
Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

26. Mai 2012

Der Erfolg von Bauernschläue und Schwarmintelligenz

Elisabeth Göhring greift hier ein Thema auf, dass schon fast wieder subversiv ist, so angepasst, mehrheitsschmeichelnd und konsensorientiert hört es sich erst einmal an. Es ist ein Gedanke mit langer und nicht ganz unproblematischer Tradition - er liegt beispielsweise jeder Intellektuellenschelte zugrunde -, der sich aber mit neuer Relevanz im Zeitalter von Massenmedien, Social Media und Wikipedia rehabilitiert: Etwas nicht ganz genau zu wissen, bedeutet größere Handlungsbereitschaft. Welche Information ist für uns wichtig und wie kommen wir so effizient an sie, dass wir sie umsetzen und in unser Handeln einfließen lassen können? 

Sie kennen diesen Typ: Er ist nichts Besonderes und doch immer auf dem richtigen Dampfer. Sie waren besser informiert. Aber er sticht Sie einfach aus. Am Ende war der Mörder immer der Gärtner, und der Pfiffikus bekommt die Prinzessin. Irgendwie weiß man das. Gerd Gigerenzer geht in seinem Buch Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition (Goldmann 2007) diesem "Irgendwie" genauer nach. Dabei zitiert er Untersuchungen, die belegen, dass es besser ist, etwas zu wissen, als entweder gar nichts oder gar viel zu wissen. Die Experten, behauptet er, stochern im Nebel, während man mit gepflegtem Halbwissen extrem gut weiter kommt. Er nennt dieses Phänomen den "Weniger-ist-mehr-Effekt". Zum Beispiel: 2003 wurden Voraussagen verschiedener Gruppen zu den Ergebnissen der Herren-Einzel in Wimbeldon miteinander verglichen. Raten Sie mal, wer am besten abschnitt? Es waren die Amateure. Weder die Laien noch die Experten und offizielle Rankings waren vergleichbar dicht dran in ihren Vorhersagen.

Wie entsteht Relevanz?
Wiedererkennung ist ein wichtiger Faktor bei der Anwendung gepflegten Halbwissens. Was wir oft hören, wird gespeichert, anderes fällt durchs Sieb. Dabei spielen die Medien eine wichtige Rolle. Denn durch die Medien, in denen das, was potentiell wichtig sein könnte, penetrant wiederholt durchgekaut wird, werden wir kollektiv geprägt. Berichtet wird natürlich eher über das, was für uns relevant sein könnte. Oder umgekehrt: Irgendwann wird relevant, was wir oft hören. Hochwertige und tatsächlich wichtige Ereignisse werden öfter erwähnt als andere. Deshalb sind die Ereignisse, Dinge oder Personen, die wir über die Medien vom Hörensagen kennen, wahrscheinlich relevant. So funktioniert das Halbwissen. Es hilft uns, zu antizipieren und gibt uns ein Gefühl der Orientierung.

Sind wir deshalb Spielball der Medien? Nein, denn die Auswahl der Medien wird verifiziert durch unseren Erfolg bei der Anwendung gepflegten Halbwissens. Würde zu oft Irrelevantes berichtet oder würden wir zu Fehleinschätzungen verleitet, würden wir sie nicht mehr konsumieren. Nur solche Medien überleben, die uns helfen, schnell im entscheidenden Moment die richtige Wahl zu treffen.



Kollektive Weisheit?
Sollte unsere Intuition in dem einen oder anderen Fall doch einmal schweigen, haben wir innerhalb einer Gruppe mit der gleichen kulturellen Prägung die Möglichkeit, uns der Mehrheitsmeinung anzuschließen. Das ist zwar nicht besonders originell, aber die Chancen, damit richtig zu liegen, stehen deutlich höher als der Zufallswert. Man kann sich auf das gepflegte Halbwissen der Mehrheit, die Schwarmintelligenz verlassen. Da es um Parameter geht, auf die wir gemeinsam blind zurückgreifen können, kann man von einem kulturellen Phänomen sprechen. Unsere Communities - unsere Subkulturen - werden durch diese Art der intuitiv-kollektiven Entscheidungsfindung hervorgebracht und geprägt.

Was sind die Kosten des schnellen Erfolgs?
Wer die zu komplizierten Dinge vergisst und die wichtigen Stimmen hört, kann schnell und ohne viel nachzudenken agieren. Es ist das Gegenteil von "Analysis Paralysis", also der Unfähigkeit im Angesicht der vielen Optionen und Informationen zu handeln. Dieser Vorteil des Schnellen Handelns bringt Erfolg. Und wer Erfolg hat, kommt voran im Schwarm. Wo ist dann aber auf Dauer der richtige Platzt in einer Gemeinschaft? Und wie kommt diese voran, wenn sie sich nur und immer wieder auf niedrigem Reflexionsniveau selbst bestätigt? Wie ist der Schwarm steuerbar? Und was bedeutet das für das Veränderungs- und Ideenmanagement in Wirtschaft und Gesellschaft?


Dieser Beitrag ist eine gekürzte Version des Artikels Bauernschlau durch Corporate Publishing auf dem Blog Unternehmenskultur von Marketing Springer.

Kommentare:

  1. Die Weisheit des Kollektivs oder auch Schwarmintelligenz ist durch das Medium Internet und dem dazugehörigen Austausch von Informationen und Wissen, bedeutender denn je. Die Stagnierung der Gesellschaft bleibt so nach den Theorien Robert Wrights nahezu komplett aus. Zur Intelligenz der Masse gibt es "hier" auch eine gute Demonstration.

    AntwortenLöschen