11. Februar 2013

Geschlechterklischees? Männer und Frauen kommen von der Erde

Sind Männer und Frauen doch nicht so unterschiedlich, wie wir denken? Lars Lorber, Autor von Typentest.de, sagt uns heute, was die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wirklich sind. Aber lesen Sie selbst...

Jeder kennt den Spruch "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" und die diversen Klischees, die damit einhergehen. Neueste Forschungen zeigen jedoch, dass beide Geschlechter weitaus mehr Gemeinsamkeiten haben, als Unterschiede.

Schwule- und Lesben haben dieselben Beziehungsprobleme wie Heteros (Bild von Smart Chicks Commune)

Männer und Frauen kommen von der Erde
Bobbi Carothers, die Leiterin einer aktuellen Studie (1) zum Thema, sagt, dass es ganz und gar nicht ungewöhnlich ist, dass auch Frauen sich für die Wissenschaften oder Mathematik interessieren, oder Männer Empathie zeigen. Die Geschlechterrollen sind nämlich in Wirklichkeit nicht annähernd so eingeschränkt, wie gängige Klischees uns das glauben machen wollen. In einer Metastudie, also einer Zusammenfassung vieler anderer Studien, kam sie zu Ergebnissen, die viele unserer Geschlechterklischees in Frage stellen - besonders solche, welche die Persönlichkeit betreffen.

Untersucht wurden 122 verschiedene Charakteristiken von über 13.000 Menschen, darunter u.a. Kriterien bei der Partnerwahl, Abhängigkeit in Beziehungen, Intimität, Empathie, Sexualität, sowie die Big Five der Persönlichkeit (Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus). Sieht man sich diese Rohdaten alleine an, so kann man daran nicht feststellen, ob es sich bei einer bestimmten Testperson um einen Mann oder eine Frau handelt. Denn die Unterschiede zwischen einzelnen Personen (auch gleichen Geschlechts) sind größer als die zwischen den Geschlechtern allgemein.

Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, z.B. fallen Männer im Schnitt durchaus durch höhere Aggressionswerte auf. Aber diese Unterschiede sind lange nicht so gewaltig, wie uns viele Vorurteile zu Männern und Frauen weismachen wollen.

Die Untersuchung widerlegt damit eine kontrovers diskutuerte italienische Studie (2) von letztem Jahr, über die in vielen Medien berichtet wurde: angeblich hätten Männer und Frauen demnach nur 10% Übereinstimmung in ihrer Persönlichkeit. Die Berechnungsmethoden dieser Studie wurde vielfach in Frage gestellt (3) und der Wert von 10% als künstliches statistisches Produkt ohne Relevanz kritisiert. Auch deswegen, weil die Studie keine Vergleichswerte zu anderen unterschiedlichen Gruppierungen bot, z.B. Deutsche vs. Österreicher oder Studenten vs. Senioren. Denn bei Untersuchungen dieser Gruppen würde man eventuell auf einen ähnlichen (zweifelhaften) Wert kommen, wodurch der (angebliche) Unterschied zwischen Männern und Frauen sich als bedeutungslos herausstellen würde.

Echte Unterschiede der Geschlechter
Die einzigen Faktoren, bei denen sich wirklich erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden ließen - und zwar so große, dass man tatsächlich von zwei getrennten, unterschiedlichen Gruppen sprechen kann - sind körperliche Merkmale: Größe, physische Stärke, Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang und Schulterbreite (wobei es auch hier natürlich Ausnahmen gibt), sowie geschlechterspezifische Aktivitäten wie Kosmetik bei Frauen und Boxen bei Männern, die jeweils zu überwiegenden Anteilen (aber nicht ausschließlich) von einem Geschlecht praktiziert werden.

Das durchschnittliche Verhalten der zwei Geschlechter fällt jedoch mitnichten in zwei fundamental unterschiedliche Kategorien, sondern Männer und Frauen bewegen sich hier zusammen auf der gleichen Linie. Ob sie bei einzelnen Verhaltensweisen, Charakterzügen, Interessen und Hobbies einen größeren Abstand voneinander haben, auf dem gleichen Punkt liegen oder ungefähr in der Nähe voneinander, hängt mehr vom persönlichen Charakter der einzelnen Person ab, als vom Geschlecht. Und auch wenn mal ein Geschlechterklischee zutrifft - z.B. ein Mann auf Autos steht und Aggressionen zeigt - heißt das bei weitem noch nicht, dass andere auch zutreffen - z.B. er gut in Mathematik ist und Boxsport ausübt.

Klischeebilder können Beziehungen schaden
Harry Reis - Co-Autor der anfangs zitierten Metastudie - sagt, dass Klischeebilder potentiell schädlich in Beziehungen sein können. Dann nämlich, wenn als Begründung für Konflikte und Meinungsverschiedenheiten die Vorurteile "typisch Mann!" oder "typisch Frau!" in den Ring geworfen werden. Denn diese Mann-Frau Klischees werden von vielen für unveränderlich gehalten - anstatt den Partner als Individuum mit eigenständigem Verhalten zu betrachten, auf dass durchaus Einfluss genommen werden kann.

Als besten Beweis für die Nicht-Existenz dieser Geschlechter-Unterschiede führt Harry Reis an, dass Schwule- und Lesbenpärchen größtenteils genau die selben Beziehungsprobleme haben, wie Heteros. Obwohl der Geschlechterunterschied bei ihnen keine Rolle spielt. Es ist daher nicht das Geschlecht, sondern der menschliche Charakter, der diese Konflikte verursacht.

Eher in die Kategorie Unterhaltung gehört eine britische Studie (4) aus dem letzten Jahr, in der festgestellt wurde, dass Frauen - entgegen allen Klischees - besser einparken als Männer. Zwar brauchten sie im Schnitt mehr Zeit und Korrekturen, standen am Schluss aber auch besser (heißt weniger schief) in der Lücke als Männer, und fanden früher einen freien Parkplatz - da sie nicht so schnell unterwegs waren und Lücken daher besser erkannten. Trotzdem schätzten sich 2/3 der Frauen schlechter als Männer ein, was das einparken angeht. Auch wenn die Studie etwas kurios ist, so zeigt sie doch, wie uns Geschlechterklischees falsche Bilder vermitteln.

Chinesen und der #aufschrei
Auch ältere Studien bestätigen die Ergebnisse zu den Geschlechterunterschieden. Zum Beispiel hat man 2002 in einer Befragung von Amerikanern und Chinesen (5) festgestellt, dass die Kultur bei den gängigen Vorstellungen von einer Beziehung eine größere Rolle spielt, als das Geschlecht. In dieser Hinsicht wichen die Vorstellungen von Chinesen und Amerikanern stärker voneinander ab, als die von Männern und Frauen.

Auch Julia Wood forderte in einer Publikation von 2009 (6) die Klischees von Männern vom Mars und Frauen von der Venus heraus und führte sie auf unbegründete Vorurteile zurück. Sie schreibt, dass solche Vorurteile dazu führen, dass der/die Einzelne keine Verantwortung für seine persönlichen Handlungen und Einstellungen mehr übernimmt, da Mann oder Frau sie auf das angebliche Klischeebild zurückführen kann.

Als Beispiel fällt mir da das Vorurteil des immer notgeilen, sexuelle Anspielungen machenden Mannes ein. Eine solche Verhaltensweise liegt keineswegs in der allgemeinen Natur der Männer, sondern in der Natur des Individuums. Derartige Rechtfertigungen von Klischees als angeblich natürliche, unveränderliche geschlechtsspezifische Verhaltensweisen, können zu sehr realen Problemen und Benachteiligungen des anderen Geschlechts führen, wie die aktuelle #aufschrei-Debatte gezeigt hat.

Dabei zeigt uns eben gerade die Erkenntnis, dass Männer und Frauen wesentlich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben, dass wir nicht zu eng an den bekannten Geschlechterklischees festhalten sollen - da viele davon reine Vorurteile sind. Wir sollten Geschlechterklischees daher lieber herausfordern, statt sie zu unterstützen, und stattdessen das Individuum und sein Verhalten in den Vordergrund stellen. Und das beinhaltet jede Menge boxende Frauen und empathische Männer.

  1. Men and Women Are From Earth: Examining the Latent Structure of Gender, Bobbi J. Carothers, Harry T. Reis, 2012
  2. The Distance Between Mars and Venus: Measuring Global Sex Differences in Personality, Marco Del Giudice, Tom Booth, Paul Irwing, 2012
  3. http://www.plosone.org/article/comments/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0029265
  4. http://www.ncp.co.uk/documents/pressrelease/ncp-parking-survey.pdf
  5. A Study of Men and Women from Different Sides of Earth to Determine If Men Are from Mars and Women Are from Venus in Their Beliefs About Love and Romantic Relationships, Susan Sprecher, Maura Toro-Morn, 2002
  6. A critical response to John Gray's Mars and Venus portrayals of men and women, Julia T. Wood, 2009

Kommentare:

  1. Insgesamt schöner Artikel, vielen Dank.
    Etwas schade finde ich, dass die Ausführungen zum #Aufschrei im vorletzten Absatz äußerst knapp ausfallen und am Ende der Eindruck stehen bleibt, die Männer seien letztlich die ‚real Benachteiligten‘ in der ganzen Debatte.
    Was im #Aufschrei thematisch und somit öffentlich wurde, sind real erlebte Erfahrungen, die - zu einem überwältigendem Anteil - Frauen mit männlichem Sexismus im Alltag machen. Wäre es nicht sinnvoll, hier – ganz im Sinne des Autors – darauf hinzuweisen, dass diese ja tatsächlich beobachtbaren Verhaltensweisen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht natürlich, sondern selbst Produkt vorgängiger Klischeevorstellungen von Männlichkeit sind, die viele Männer aber durchaus verinnerlicht haben, weil sie auch und nicht zuletzt positiv besetzt sind.
    Und wäre es nicht wichtig, darauf hinzuweisen, dass unter diesen Bedingungen ein #Aufschrei durchaus sinnvoll ist, allerdings nur dann, wenn er nicht in biologistischen Prämissen stecken bleibt, weil er sich sonst selbst ad absurdum führt?
    So wohltuend und befreiend die aufgezeigten Forschungsergebnisse auch sind – die Gelegenheit zur ihrer konstruktiven Verlängerung in die aktuelle politische Debatte hinein scheint mir hier verschenkt.

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  2. Danke für die Anregung!

    Ich sehe Männer keineswegs als die 'real Benachteiligten' an, sondern als die Verursacher des Problems. Die Forschung zeigt uns hier allerdings, dass es "die Männer" nicht gibt, sondern in diesem Fall eine bestimmte Gruppe an Männern mit problematischen Verhaltensweisen der Grund für das Problem ist.

    Der #Aufschrei war nicht der Anstoß für den Artikel, sondern sollte nur als aktuelles Beispiel dienen, zu welchen problematischen Verhaltensweisen (=Sexismus, männliche Klischeevorstellungen) es kommen kann, wenn wir sagen: "das ist doch typisch Mann!/typisch Frau!". Daher ist das Thema auch nur kurz angeschnitten.

    Ich will keineswegs andeuten, dass der #Aufschrei nicht sinnvoll wäre (ganz im Gegenteil!), sondern aufzeigen, dass die Argumentation, besonders die Argumente von meist männlicher Seite - Sexismus läge in der Natur des Mannes und wäre normal - nichts weiter als Ausreden und ein von sich weisen der Verantwortung für das eigene Verhalten sind (die eigentlich Mensch jeder haben sollte).

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  3. Danke für die Präzisierungen! Dem kann ich voll zustimmen.

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  4. Ich finde den Artikel sehr wertvoll, denn er macht auf unser typisches Schubladen-Problem = Vereinfachen von uns Menschen aufmerksam. Ich denke auch, dass das meiste kulturbedingt anerzogen und abgeschaut ist. Die rollenspezifischen Studien untersuchen ja nur eine Testgruppe ohne das Umfeld, das jeden Menschen jahrelang prägt, zu berücksichtigen. Und seine Handlung zu rechtfertigen mit "ich bin ein Mann" oder "ich bin eine Frau" gehört genauso nur noch ins Kabarett wie "ich bin Politiker" oder "ich bin ein Rechter". Dem Menschen wurde das Gehirn sicher nicht gegeben, um seine Weltsicht zurechtzuzimmern und damit das eigene Verhalten zu rechtfertigen, sondern zum Reflektieren und sich Weiterzuentwickeln. Das "typisch" dient einzig der Stigmatisierung, die letzen Endes immer teilt, nicht einem achtsamen sozialen Miteinander.

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  5. Danke für den Artikel ... ich wünschte nur dessen Inhalt würde in mehr Köpfen ankommen als ich es bisher erlebt habe. Immerhin besteht Hoffnung für die (ferne?) Zukunft.

    Was mich besonders an diesen Rollenstereotypen stört, ist dass sie dafür benutzt werden, um Leute zu diffamieren, bei denen es besonders stark nach außen hin sichtbar wird, dass sie von den Geschlechtsrollenerwartungen abweichen. Es unterdrückt bzw. behindert bereits in der Kindheit die freie Entfaltung von Interessen, Fähigkeiten und Talenten.

    Man wird nur zu gerne als "Ausnahme" von der vermeintlichen Regel dargestellt oder sogar schlimmstenfalls als "irgendwie merkwürdig"/ falsch erzogen/psychisch abnorm. Ich habe irgendwann aufgehört erstaunt zu reagieren, wenn mir mal wieder jemand etwas Bestimmtes nicht zugetraut hat aufgrund meines Geschlechts. Manche tun dann so, als ob man ein Alien wäre. Das ist lästig und nervt mich mitunter. Persönlich kann ich nicht nachvollziehen, warum man das Geschlecht immer so hoch hängt und geradezu bessessen nach vermeintlichen Unterschieden sucht. Manche haben doch tatsächlich Angst vor einer ominösen "Verweiblichung der Männer" bzw. "Vermännlichung der Frauen". ... wenn die wüssten, wie gering die Unterschiede tatsächlich sind ;)

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