4. August 2013

Ein Lebenslauf ist noch kein Leben

Wie wir unser Leben interpretieren und für die Zukunft offen halten können


Als jemand, der sich täglich professionell mit Lebensläufen beschäftigt, stelle ich mir oft diese Frage: Welches Leben verbirgt sich wirklich hinter dieser linearen Abfolge von Schule, Studium, Praktikum, Job X, Job Y und "Englisch verhandlungssicher"? Das wird doch niemandem gerecht! Man muss vereinfachen, na klar. Aber tragisch wird es, wenn wir uns über diese strahlenförmigen Lebensläufe und die gleichsam linearen Facebook-Profile so definieren, dass wir letztlich diese vereinfachten und zweidiemensionalen Aufzeichnungen für unser Leben halten. Der Artikel How do you Map a Life? von Cathy Haynes und der School of Life kommt da gerade Recht, dieses eindimensionale Lebensbild auf den Prüfstand zu stellen und zu demontieren. Am Ende finden wir vielleicht zu einer Dartstellung unseres Lebens, dass auch die Vergangenheit in Gänze würdigt und eine Zukunft der Entfaltung ermöglicht. Aber lesen Sie selbst...


world of experience
Unsere Erfahrungen als Landkarte (eingebunden via Flickr.com)


Wie kartographiert man ein Leben? Wie wird man den Errungenschaften eines Lebens gerecht? Social-Media-Seiten und der klassische Lebenslauf beantworten diese Frage säuberlich, indem sie die Ereignisse unseres persönlichen Lebens linear, auf einem Zeitstrahl, abbilden. Aber ist so eine Zeitachse wirklich das beste Instrument dafür?

Obwohl solch ein Zeitstrahl sehr neutral und fast natürlich auf uns wirken, schwingt in ihm eine ganz bestimmte politische Auffassung mit. Wie Daniel Rosenberg und Anthony Grafton in ihrem wunderbaren grafischen Geschichtsbuch Cartographies of Time zeigen, gibt es den Zeitstrahl erst seitungefähr 250 Jahren. Er entstand als ein Werkzeug, um den relativen Fortschritt von Nationen als "rückschrittlich" oder "fortschrittlich" zu beschreiben. Wir sehen unsere individuellen Lebensläufe also heute mit einem Instrument, das im 19 Jahrhundert die Entwicklungen von gegeneinander konkurrierenden Nationen abbildete. Damit einher geht eine Reihe von Annahmen, die man inzwischen als veraltet ansehen muss.

1) Ist unsere Geschichte zielgerichtet?

Die Vorstellung von einer linearen Geschichte gleicht der Idee eines kosmischen Förderbandes (Sacha Stern), dass uns alle in der Zeit vorwärts trägt. Doch darin versteckt sich die Illusion, dass Geschichte per se fortschrittlich ist und uns zu immer besseren Zeiten führt. Wenn wir aber zu fest daran glauben, führt das dann nicht dazu, dass wir unsere Macht, die Geschichte selbst zu formen und auch die Verantwortung dafür aufgeben? Wenn wir jedoch nicht daran glauben, dass Geschichte eine festgelegte Richtung und ein Ziel hat, dann können wir uns fragen, zu welcher wirklich besseren Zukunft wir dann beitragen wollen.

2) Zwang zum Fortschritt

Als ein vorsortierter und strukturierter Behälter, den wir nur noch füllen müssen, gibt uns der Lebenslauf eine Form vor, wie ein Leben gefälligst abzulaufen hätte (Schule, Studium, Praktikum, Karriere). Solch eine Vorstellung legt uns nahe, dass ein Leben, das sich nicht einer gradlinigen Karriere und immerwährender Produktivität verschrieben hat, kein ausgefülltes Leben sei. Eingentlich ist das Gegenteil richtig: Es ist unmöglich, selbst zu wachsen, Erfahrungen zu machen und sich zu entfalten, wenn man keine Umwege, Rückschritte und Wiederholungen macht. Wie sollten wir uns entfalten können, wenn wir nicht auch Niederlagen riskieren und vermeintliche Sckgassen ausprobieren?

3) Zeit ist nicht gleich Zeit

Unser Erlebnis von Zeit ist nicht gleichförmig: Eine Minute kann sich ewig hinziehen und ein Tag geht vorbei wie im Flug. Erinnerungen können lebendiger sein, als die Wirklichkeit und ein Momet kann bedeutender sein, als ein ganzes Jahrzehnt. Der lineare Lebenslauf reduziert die Komplexität unseres Erlebens auf eine Linie von normierten Einheiten. Was aber ist mit diesen Momenten, die für das Individuum so wichtig sind, aber auf dieser Linie des Lebenslaufs gar nicht darstellbar sind? Verleitet uns der lineare Lebenslauf nicht auch dazu, nur die gesellschaftlich wichtigen und Status relevanten Erfolge zu dokumentieren und die individuell so wichtigen Erfahrungen zu vernachlässigen?


Carmina Burana or tribute to Kadinsky
Jedes Leben ein Kreis (Bild von Marco Braun via Flickr.com)

Die Existenz auf ihren Schatten reduziert

Wir haben das Leben nicht immer als Lebenslauf begriffen. Die antiken stoischen Philosophen zum Beispiel begriffen jedes individuelle Leben als einen perfekten Kreis, egal ob es 30 oder 80 Jahre dauerte. Die Idee, dass ein Leben über abstrakte Quantitäten (Noten, Studienjahre, Erfolge) als erfüllt oder mangelhaft bewertet werden könnte, hätten sie absurd gefunden.

Und natürlich ist es das auch: absurd! Solche Quantitäten sind nur die Schatten der Dinge, die wirklich passieren und qualitativ durch uns erlebt werden. Wenn wir die Landkarte fürs Land halten, den Punktestand für die Leistung oder den Lebenslauf für das Leben, dann haben wir die Existenz auf ihren Schatten reduziert. Auf den Philosophen Henri Bergson geht der Gedanke zurück, dass ein in Fülle gelebtes Leben gar nicht gemessen werden kann. Tun wir es doch, riskieren wir, das Leben auf ein Gebrauchsgut oder eine Maschine zu reduzieren.

Die Vergangenheit schätzen lernen, eröffnet eine ungeahnte Zukunft

Vielleicht können wir versuchen, unser Leben so vorzustellen, wie wir es wirklich erfahren: Eine Landkarte ohne jede Maße, die den Lebensmomenten einen Raum in der Größe ihrer Bedeutung zugesteht, anstatt sie gradlinig in Zeit zu messen.

Wir könnten diese Landkarte unseres Lebens nur für uns selbst anfertigen und mit aufnehmen, was wir für eine Bewerbung außen vorlassen würden. Diese Karte würde alle möglichen Verirrungen unseres Lebenspfades, alle Sackgassen und Fallen, in die wir getappt sind, zusammen mit Momenten des Triumphes und Erfolges, der Einsicht und des Irrtums vereinen. Würde das uns helfen, auch die "Zeitverschwendungen" und "Misserfolge" unseres Lebens besser verstehen und schätzen zu lernen? Und wenn wir diese vollumfängliche Erfahrung unseres bisher gelebten Lebens akzeptieren und schätzen, was heißt das für unsere Zukunft und was wir uns selbst erlauben, in ihr zu erleben?



Zum zweiten TeilLebensläufe II: Serendipität oder die in die Wege geleiteten Zufälle

Kommentare:

  1. Ein schönes Thema - Die Linearität der Lebensläufe als Standardvorlage, um zu entscheiden, ob Menschen zu Unternehmen passen. Die Vereinfachung durch eindimensionale Betrachtung ist tatsächlich eine schier konkurrenzlose Erscheinung in der Personalauswahl. Kaum in Frage gestellt wird die im Rückblick narrative Verdichtung zu einer "stimmigen Geschichte". Sie ist ja nachgerade von vielen Recruitern das Nonplusultra. Ausdrücklich gewünscht oder erwartet. Wie oft hörte ich die scheinbar universell gültige Kritik: "Dieser Lebenslauf hat gar keinen roten Faden." Ist das bereits Zeichen von Nicht-Passung? Ist es nur Faulheit, sich mit schwieriger zu lesenden Karrieren zu beschäftigen? Wofür steht der rote Faden im Lebenslauf? Beständigkeit? Stetigkeit? Das Grundlegende Eignungspotenzial an und für sich?
    Wie würden nicht-lineare Lebensläufe aussehen? Wie würden Sie ausgewertet, wie interpretiert werden? Mehrdimensionale Profile? Vielleicht sind alle Möglichkeiten für eine mehrdimensionale Betrachtung bereits vorhanden. Nur fehlt der Mut, althergebrachte Muster hinter sich zu lassen… Linearität ist doch so schön einfach und gaukelt die gewünschte sinnhafte Abfolge von Ereignissen vor, die uns vermeintlich in die Lage bringt, zu entscheiden ob eine Person für eine Aufgabe im Unternehmen in Frage kommt oder nicht.

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  2. Wer als Personalsuchender geradlinige Lebensläufe (Schule, Studium, Praktikum, Karriere) bevorzugt, der erhält m.E. zwar zielstrebige und ausdauernde Mitarbeiter, aber auch angepasste und pragmatische. Die suchenden, forschenden, ausprobierenden, mit dem Status Quo unzufriedenen Menschen hält man sich so vom Halse. Man muss wissen, ob man das so will.
    Ich stelle mir ein Unternehmen vor, das bewusst die verworrenen Lebensläufe bevorzugt. Was käme dabei heraus? Auf jeden Fall etwas sehr Innoatives, oder?

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    1. Danke, Pit, für deinen Kommentar! Ja, sicher käme etwas sehr Innovatives dabei heraus, aber man braucht in einem Unternehmn oder einer Organisation immer unterschiedliche Charaktere. Nur innovative Chaoten kriegen nie etwas gebacken. Um die Ideen umzusetzen, braucht es die strukturierten Charaktere, die ausdauernden etc. Die Wahrheit liegt also nicht in der Mitte, aber im Mix.

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