20. Januar 2015

Verknallt: Liebe auf den ersten Blick

Was steckt hinter dem irren Gefühl des Verknalltseins?

Als ich in den achtziger Jahren aufwuchs, wurden nach den Suchmeldungen zu Kriegsvermissten im Radio immer auch Höhrerbriefe, wie dieser vorgelesen: "Ich habe dich am 21. Dezember im Bus mit der Nummer 50 gesehen. Du hattest eine gelbe Jacke, blaue Hose und einen roten Beutel. Ich hatte eine schwarze Hose und eine graue Jacke an. Wir haben uns kurz angelächelt und dann bist du an der Rathausstraße ausgestiegen. Bitte melde dich, ich muss dich wiedersehen."


Bitte melde dich, ich muss dich wiedersehen (eigenes Foto)

Ich fand das immer bizarr, irgendwie traurig und doch so nachvollziehbar. Wem ist das noch nicht passiert: Man sieht in der Bahn, dem Bus oder dem Supermarkt einen anderen Menschen und findet ihn unheimlich anziehend, ja schlimmer noch: Man denkt, dass man sich auf der Stelle verliebt habe, von seinem derzeitigen Leben davon rennen müsste und den zweiten Teil des Lebens mit dieser einem völlig unbekannten Person verbringen möchte. Ist diese Person, so fragen wir uns in diesem Moment, mit ihren sanften Augen, den Lachfältchen, dem sinnlichen Mund und der neugierigen Nase, ist sie nicht der Mensch, auf den wir unser Leben lang gewartet haben? Diesem Menschen sehen wir an, dass er das Verständnis für uns, so wie wir sind, mitbringt, den Sanftmut, den wir in dieser harten Welt so dringend nötig haben und die Schönheit, die wir verdienen. Ohne, dass wir nur ein Wort mit ihr gewechselt hätten, kennen wir diese Person in und auswendig, lassen wir uns jedenfalls vorgaukeln.

Ich bin ein Opfer solcher extremen und kurzen Verliebtheitsepisoden. Mir passierte das schon als Kind und es ist bis heute nicht besser geworden. Oft habe ich mich gefragt, was dahinter steckt. Diese Überzeugung, dass dieser eine Mensch genau der richtige für einen wäre und das, obwohl wir außer diesen einen Anblick nichts von dieser Person wissen, ist doch verrückt. Oder ist das komplette Unwissen genau der Grund für diese echt schräge Verwirrung?

Tatsächlich sind wir psychisch so programmiert, dass wir aus kleinsten und vor allem visuellen Anhaltspunkten ganze Systeme konstruieren. Auf solchen Interpretationen aus unvollständigen Daten beruhen auch Verschwörungstheorien oder der Glaube an Paranormales. Auf flüchtige Begegnungen mit anderen Menschen angewandt, bedeutet das, dass wir aus schönen oder angenehm auf uns wirkenden Details auf ein komplettes durch und durch schönes psychisches System schließen. Wie können wir nach solch einer Begegnung weiterleben, ohne im Radio oder Internet eine Suchmeldung abzusetzen?

Der Trost ist: Wir irren uns, indem wir glauben, dass es überhaupt jemanden gibt, der durch und durch schön oder gut ist. In diesem Moment des Verknalltseins fehlen uns jegliche Eindrücke, die unser perfektes Bild, die Illusion, die wir aus diesen wenigen, visuell zugänglichen Details konstruiert haben, relativieren könnten. Wir sehen nicht, dass diese Person vielleicht eine schrille Stimme hat oder vielleicht dumme Vorurteile im Kopf, viele Ängste, große Zwangsneurosen oder was auch immer. Es trifft auf uns alle zu: Wir sind alle irgendwie gestört und verkorkst. Ja, wir selbst sind eine Zumutung im Zusammenleben für unsere Partner, die genau denselben Verblendungen aufsitzen, wie wir.

Wenn wir das verstehen, können wir also einen letzten Blick auf diese schöne Person werfen und ohne tiefe Verlustgefühle aus der Bahn aussteigen und uns unserem Leben zuwenden. Denn jeder andere Mensch ist schwierig, jeder hat seine Abgründe und wenn wir uns von unseren manchmal nervenden Lebenspartnern abwenden würden und es schaffen könnten, mit dieser schönen, fremden Person zusammen zu kommen, würden wir sehr schnell enttäuscht, weil wir entdecken würden, dass unsere Phantasie vom durch und durch schönen Menschen keine Entsprechung in der Wirklichkeit findet. Böse gesagt: Wir kämen vom Regen in die Traufe und würden so vielleicht für immer unseren Phantasien hinterherjagen.

Diese Momente des Verknalltseins finde ich trotzdem wichtig, sie sind Tagträume, Phantasien und Parallelwelten, die unser Leben bereichern und uns durch die Sicherheit, dass es da draußen viele andere aufregende Menschen gibt, von Zwängen und dem Gefühl von Alternativlosigkeit frei machen können. Sie tragen damit dazu bei, dass wir uns hin und wieder unserer Freiheit bewusst werden: Alles könnte auch ganz anders sein.

Eine Frage bleibt aber ungeklärt: Wann und warum hörte das Radio auf, solche Suchmeldungen zu senden? Ich fand sie irgendwie schön, diese hoffnungslosen Phantasien anderer Menschen.



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Die Inspiration zu diesem Artikel kam von diesem Video der School of Life:

Kommentare:

  1. Ich glaube, dass Verknalltheit sehr wichtig ist. Denn ohne ein bisschen verblendeten Wahnsinn würde man ja nie zueinander finden - denn den perfekten Partner gibt es nicht. So manche schöne Geschichte überlebt ja dann auch nicht, wenn das Verknalltsein endet und es Zeit für die große Liebe wäre. Jede große Liebe hat mal als zwei Illusionen angefangen, die irgendwann gelernt haben, synchron zu laufen.

    Wenn man mal nicht mehr Anfang 20 ist, dann hat man auch schon genug gesehen, das schief gehen kann und genaue Vorstellungen oben drein. Und der Markt ist leergefegt, da muss man schon ein paar Augen zudrücken... aber dem entgegen steht ein anderes Muster: Die Vermeidung von Schmerz, durch den Versuch, ungute Erfahrungen nicht zu wiederholen. Und je mehr Beziehungsversuche man hatte, desto mehr überwiegt die Lehre, was alles nicht zu tun sei. Bis nichts mehr übrig bleibt.

    Da muss man schon wahnsinnig verknallt sein, damit noch ein bisschen eine Chance besteht.

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    1. Das mit dem verblendeten Wahnsinn ist eine gute Erklärung... vielleicht wie beim Schweißen, wo es auch diese Initialenergie geben muss, damit zwei Dinge zusammengehen, die eigentlich nicht zusammengehören.

      Der zweite Teil deines Kommentars ist auch interessant. Gibt es icht auch das Phänomen, dass man mit dem Alter immer entspannter wird, sich selbst besser kennt, weniger verrückte Erwartungshaltungen hat und damit alles etwas leichter wird?

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    2. Ich glaube nicht, dass man mit zunehmendem Alter weniger Erwartungshaltungen hat. Vielleicht weniger unrealistische, das mag sein. Die Wünsche werden eher weniger, aber meinem Empfinden nach werden sie sehr viel präziser. In Bezug auf Beziehungen: Mit Anfang 20 ist man eben noch eher ein unbeschriebenes Blatt. Man weiß nicht, was man wollen könnte, und im Idealfall schafft man es, gemeinsam in eine Richtung zu wachsen. Mit Anfang 30 sehen dann die "Anforderungen" sehr viel klarer aus. Frauen, die einen Familienernährer mit geiler Karre suchen, gehen z.B. für mich als Künstler nicht. Die wollen jmd wie mich aber auch gar nicht.

      Wir leben ja auch in einer sehr differenziert-spezialisierten Welt, vor allem die Akademiker unter uns. Kaum einer kann sich mehr genauer über seinen beruflichen Alltag mit einem Menschen vom anderen Fach austauschen. Die Gemeinsamkeiten werden immer weniger, je länger jeder in seine Richtung geht.

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  2. Ich glaube nicht, dass eine einzige Begegnung in ein wirkliches "Verknalltsein" enden kann. Es ist vielmehr ein Begehren und "Habenwollen" und vielleicht "Schönfinden"! Manchmal kommt dann ja Herzklopfen hinzu, wenn eine gewisse Energie fliesst. Gleichzeitig denke ich dann, hat das was mit Angst und Schmerz zu tun. Vermute ich! Und diese kommt aus dem Unterbewusstsein, wo wir nicht gleich die Schublade öffnen und nachschauen können. Das wäre dann die Kunst des eigenen "Ich" Erkenntnises :) Gelassenerweise wäre es sinnvoll, schöne Begebenheiten einfach zu genießen, ohne dieses völlige Losgefühl, denn da hinter steckt m.M. nach ja etwas anderes. Vielleicht ist es auch nur bei mir so. Reales Verliebtsein ist m.M. nach auch gefährlich, weil eben so ziemlich unreal. Verliebtsein ist bekanntlich ein psychischer Krankheitszustand, der dann wieder geheilt werden will. Wird das Objekt dann realer, löst sich dieser Zustand zum Guten oder zum Negativen auf. Die Frage ist vielmehr, brauchen wir ein Verliebtsein, um eine Partnerschaft und Beziehung einzugehen???

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    1. Warum wir ein Verliebtsein brauchen, habe ich im ersten Kommentar geschrieben.

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  3. ich Bin mot ziemlich sicher, dass verliebtsein nicht viel mit liebe zu tun hat. Wenn ich mich zuruckerinnere, dann galt ich in 2 beziehungen als schwerverliebt. mir ist allerdings klar, dass es mehr eine selbstzentrierte geilheit ist. Mit anderen worden: man Hat hier ein egoistisches bedurfnis, die andere person für seine zwecke zu benutzen und gar zu kontrollieren, um diesem bedürfnis konflikte zu ersparen. ich finde das ist eine unglaubliche erkenntnis. Vor allem darf dieses verliebtsein sich nicht enttarnen, worauf es zuerst sehr gehorsam auf die person eingeht. Ja , ich weiss nahezu schon, dass es die logische art ist, Wenn ich das verliebtsein genau beobachte. Ich fasse das verliebtsein als ein scheinheiliges abbild der liebe auf.

    Bitte kritisieren, andere sichtweisen hinzufugen oder sonstiges, alles erwunscht. Es ist für mich gerade eine echt faszinierende erkenntnis.

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    1. Das ist ein interessanter Gesichtspunkt. Würde man das nicht als "Verführung" bezeichnen?

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    2. Kann ich davon ausgehen, dass du die Verführung als das raffinierte Vorgehen, dass nicht radikal an die Oberfläche kommen darf eines verliebten Menschen bezeichnest? Oder auch als Ausnutzen, was mit der Verführung oft gleichgestellt wird? Dann liegst du richtig.

      Aber wie gesagt ist die Verführung nur das Mittel zum Zweck. Und von diesem Zweck ist der verliebte Mensch nun offensichtlich abhängig, ja er muss davon abhängig sein, weil er ein Motiv beinhaltet.

      Es liegt sehr tief in der Psyche, das ist mir klar, nur ist diese Psyche auch wirklich gesund, wenn wir bereits wissen, dass das Verliebtsein nichts mit Liebe zu tun haben kann? Ist dir und den anderen nicht aufgefallen, wie verliebte Menschen am Boden zerstört sein können, wenn der andere Teil "schluss macht"? Dann würde sich die Frage stellen, warum der Andere überhaupt schluss machen will, aber ich glaube bis hierhin hat sich einiges wieder der Klarheit zugewendet.

      Fakt sei für mich nun, dass die heutige, so von Geilheit besessene Gesellschaft, die sich nach ständiger Beziehung (ich frage mich wirklich manchmal, warum bloß alle ständig eine Beziehung haben, und nach der Einen direkt die Nächste) dürstet. Ein ewiges sich im Kreis bewegen, zwischen Konsum und Wunsch. Es bedarf bei solch einer Verwirrung auf jeden Fall keine Philosophie, denn dadurch würde man GANZ schnell in Theorien abweichen, die einen dann weiter in ein verkopftes Loch zwingen.

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