22. Januar 2016

Wie man sich richtig schämt

Die menschlichsten Momente im Leben


"...die Scham ist - wie der Stolz - die Wahrnehmung meiner selbst als Natur, wenn auch eben diese Natur mir entgeht und als solche unerkennbar ist.“ Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts
Misstrauisch gegenüber jedem, der sich nie schämt (Bild von Rob, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)

Immer wieder mal, seit ich eingeschult wurde, hatte ich einen verstörenden Traum: Ich stand vor der Klasse oder im Hörsaal oder lief auf der Straße und bemerkte plötzlich, dass ich nur ein T-Shirt an hatte, aber keine Hosen. Sofort übermannte mich die Scham und ich versuchte umzukehren, nach Hause zu kommen und mich zu verstecken. Oder die Szene in Game of Thrones: Cersei, die Mutter des Königs, muss nackt durch die Bevölkerung von King's Landing gehen, um für ihre Sünde zu büßen. Das ist schmerzhaft anzusehen, denn auch wenn man Cersei nicht mag, kann man nicht umhin, die tiefe Scham und Schande zu fühlen, die ihr da widerfährt. Die bewusste und unfreiwillige Nacktheit vor anderen ist der Inbegriff der Scham, denn hier sind wir allen schützenden Hüllen in der Gesellschaft beraubt.

Wir kennen alle einen Moment, in dem wir uns für uns selbst geschämt haben. Vielleicht haben wir als Sportler versagt oder ein schmutziges Detail aus unserer Vergangenheit ist ans Licht gekommen oder wir haben uns vor versammelter Mannschaft blamiert, indem wir auf dem Firmenfest gestolpert sind und dabei das ganze Buffet abgeräumt haben. Ich wäre misstrauisch gegenüber jedem, der behauptet, nicht schon einmal so einen Moment der gefühlten Schande erlebt zu haben.

Der Sozialwissenschaftler Stephan Marks beschreibt in dem hier abgebildeten Buch (Amazon Link), wie Scham entsteht, welche Auswirkungen sie hat und wie wir mit diesem Gefühl umgehen können. Marks zeigt, dass viele zwischenmenschliche Konflikte vor dem Hintergrund der Scham verstanden und gelöst werden können.

Mein letzter Moment der Scham ist gar nicht so lange her. Es war eine Präsentation vor mehr als 200 Leuten und ich war vorher gar nicht so aufgeregt, weil ich die Materie gut kannte und weil es nicht das erste Mal war, dass ich vor so vielen Leuten sprach. Aber etwas geschah gleich am Anfang, das mich total aus dem Gleichgewicht brachte: Ein erster Versprecher plus das blendende Licht in meinen Augen und von da an ging es bergab mit meiner Präsentation. Ich stammelte, vergaß wichtige Punkte, brachte andere Punkte zu früh und schloss am Ende völlig erschöpft und durchgeschwitzt. Die nächsten paar Tage fiel es mir schwer, nicht ständig daran zu denken und ständig vor Scham zu seufzen.

Warum schämen wir uns eigentlich?

Scham ist ein sehr fundamentales Gefühl, so wie Trauer vielleicht oder Liebeskummer. Solche komplexen und doch fundamentale Gefühle können uns für eine gewisse Zeit komplett einnehmen, von der Welt isolieren und uns unbrauchbar für den Alltag machen. Warum ist die Scham so ein intensives Gefühl?

Um es kurz zu sagen: Es ist eine Art Identitätsverlust oder zumindest die Angst davor. Wir haben anderen etwas von uns gezeigt, das wir ihnen lieber nicht gezeigt hätten. Als Beispiel: Wenn uns zu Hause vor unserem Lebenspartner die Hose runterrutscht, dann lachen wir drüber. Wenn uns dasselbe vor Kollegen, Kunden oder Vorgesetzten passiert, dann ist es uns peinlich. Das liegt daran, dass wir in verschiedenen Umfeldern auch verschiedene Personen sind. Das Wort Person kommt aus dem Griechischen, wo es ursprünglich die Maske aus dem Theater bezeichnete. Welche Persönlichkeit wir also wem gegenüber zeigen, hängt vom Publikum ab.

Was uns also peinlich ist, das ist der Verlust der Maske vor einer Gruppe von Leuten. Ich hätte den Anwesenden lieber meine Maske des souveränen Vortragenden gezeigt, der seinen Stoff beherrscht und vielleicht sogar mal einen entspannten Witz im Vortrag macht. Statt dessen habe ich ihnen ein Stück meiner Person gezeigt, das ich lieber nur ganz wenigen und intimen Freunden zeige nämlich, dass ich mich in großen Gruppen unbehaglich fühle und starken Stress empfinde, der mich zuweilen außer Gefecht setzen kann.

Der Verlust der Persona als Maske ist gesellschaftlich betrachtet der Moment, zu dem es nie kommen sollte. Wir haben in der Gesellschaft gefälligst verschiedene Dinge zu verbergen: Den nackten Arsch, unsere Unzulänglichkeiten, Schwächen und Ängste. Die öffentliche Demütigung, die Schande ist es, wenn uns die Maske vom Gesicht gezogen wird und wir plötzlich ganz nackt und verletzlich vor allen stehen.

Aber was ist die Konsequenz?

Man könnte sagen, dass der Moment der Demütigung zu den ehrlichsten Augenblicken in unserem Leben zählt. Man ist sozusagen am Nullpunkt angekommen und hat sich anderen gegenüber als das gezeigt, was man wirklich ist: Ein fehlerbehafteter Mensch mit Schwächen und hässlichen Seiten, zuweilen schutzlos und auf die Gnade der anderen angewiesen. Dieser tiefste Punkt einer öffentlichen Persönlichkeit (wir alle haben eine öffentliche Maske) kann auch eine Katharsis, eine Reinigung sein. An diesem Nullpunkt müssen wir entscheiden, ob wir uns vor Scham gänzlich zurückziehen oder ob wir wieder anfangen, uns "nach oben" ins Licht zu arbeiten.

Nach meinem letzten Moment der Scham waren die Reaktionen der anderen hinterher von großer Bedeutung. Von Verschweigen des Vorgefallenen über das Herunterspielen und sogar das Loben des Mutes bis hin zum Trösten habe ich alles erfahren. Aber ich will es nicht schön reden, natürlich können Momente der öffentlichen Schande auch schlimme Konsequenzen haben. Auf der Arbeit kann man vormalige Autorität verlieren, einem wird nichts mehr zugetraut. In der Politik kann man jegliche Integrität verlieren. Und in manchen Kulturen bedeutet die Schande das Ende des Lebens, wie man es zuvor führte.

Wie mit der Schande umgehen?

In der Regel bedeutet ein Moment der Schande bei uns nicht das Ende der Welt. Meistens dramatisieren wir in unserer Scham die Schande zu sehr. Wir nehmen das Schlimmste an, wenn wir uns vorstellen, was in den anderen vorgeht. Dabei sind die Reaktionen der anderen auf unseren Moment der Schande sehr vielfältig, wie oben beschrieben. Klar wird es jemanden geben, der Schadenfreude empfindet. Anderen werden wir Leid tun, wieder andere schämen sich mit uns, manche verdrängen es oder sind froh, dass sie selbst das nicht durchmachen müssen, vor dem sie sich so sehr fürchten. Wieder andere werden bereits solche Momente erlebt haben und erleichtert feststellen, dass sie nicht allein sind.

Keiner der anderen, vor denen wir uns schämen, denkt so viel und intensiv an den Moment der Schande, wie wir selbst. Die Schande hat in uns selbst eine aufgeblähte Bedeutung erhalten. Wir können uns geradezu hinein steigern und eine immer größere Scham empfinden, während die anderen, die dem Moment der Schande beigewohnt haben, diesen beinahe wieder ganz vergessen haben.

Es kann helfen, sich diese Asymmetrie zu vergegenwärtigen. Warum sollen wir uns selbst endlos weiter quälen, wenn die anderen damit längst abgeschlossen haben? Ebenso kann es helfen, sich das große Ganze ins Bewusstsein zu holen: Was wird dieser Moment der Schande am Ende meines Lebens noch für eine Bedeutung haben? Oder auch in einem Jahr?

Was mir auch ganz praktisch geholfen hat, ist sich zu überwinden und unter die Leute zu mischen, die den peinlichen Momenten beigewohnt haben. In der Interaktion mit ihnen, merkte ich, dass sie andere Qualitäten an mir schätzen und dass sie mich überhaupt nicht auf die peinlichen Momente reduzieren, wie ich es eigentlich befürchtet hätte. Mir fiel auch auf, dass den meisten der Inhalt meines Vortrages sehr wichtig war. Während ich mich in meiner Scham nur für das "Wie" meiner Darbietung interessiert habe, scheint das Publikum sich vor allem für das "Was" interessiert zu haben und es waren eher die gezeigten Fakten, die ihnen in Erinnerung blieben, als die Form der Präsentation. Das bedeutet verallgemeinert nur, dass wir eine selektive Wahrnehmung unserer Erscheinung haben, die sich nicht mit dem deckt, was andere in uns sehen.

Unser eigenes Gefühl der Scham, ausgelöst durch eine öffentliche Blamage, entspricht also nicht immer gleich auch der öffentlichen und ehrverletzenden Schande, also einem vernichtenden Urteil, das sich andere über uns bilden. Unsere Scham ist häufig ein aufgeblähtes Gefühl und es fällt uns schwer zwischen gerechtfertigter Scham, die auch eine Schande ist, und dem nur privaten Schamgefühl, für das sich andere um uns herum nur wenige Momente interessieren, zu unterscheiden. Was wir innerlich als Scham und Schande erleben, wird von anderen manchmal einfach als "menschlich" interpretiert. Auf jeden Fall ist ein Moment der Scham immer auch einer der ehrlichsten Momente in unserem Leben. Und was kann daran falsch sein?



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Kommentare:

  1. Das folgende mag ich schon mal sinngemäss gesendet haben (es erscheint hier aber nicht), daher probiere ich es noch einmal:

    Viele scheinen sich eines eigenen Faupaxs nicht zu schämen. Sie schütteln ihn meist leicht ab.
    Wenn ich mich für einen Vorfall schäme, dann kann es doch auch sein, daß ich etwa Unwissen oder eine unangemessene Reaktion als Bestätigung einer tiefliegenden Kindheitsüberzeugung sehe, daß ich "minderwertig" bin. Dieses Gefühl macht zu schaffen und tut nachhaltig weh.
    Irgendetwas in mir will den Schmerz. Es findet Wege, ihn bisweilen zu wiederholen, schafft quasi die Grundlagen, damit ein Fauxpas entstehen kann. Man fragt sich nämlich manchmal hinterher: Ich hätte das doch eigentlich wissen müssen und trotzdem ist mir der Fehler passiert.
    Das Wiederaufleben alter Überzeugungen aus der Kindheit durch die Scham sollte man als solches erkennen und verstehen. Dann misst man dem Fauxpas einen anderen Stellenwert zu. Man versteht den Sinn.

    Gerhard

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    1. Hallo Gerhard,

      danke für diese Ergänzung! Du hast völlig Recht, psychologisch gesehen kommt die Scham (zu einem Großteil) aus der Prägung in unserer Kindheit. Es wäre interessant zur weiteren Unterscheidung zu schauen, welche Tiere (wenn überhaupt) Scham kennen und in welchen Situationen.

      Meine Vermutung ist, dass Scham aus rein physiologischen Zusammenhängen in die Psyche übersetzt wurde. Z.B.: Schau dir einen Polypen an mit Nervensystem, aber ohne Gehirn für irgendeine Psyche. Wenn ein Polyp am Meeresgrund angestoßen wird, zieht er sich reflexhaft zusammen und versinkt im Boden, um Schaden zu vermeiden. Das ist das Grundprinzip, das sich ausdifferenziert in verschiedene Schutz- und Vermeidungsstrategien bis hin zu einem sehr subtilen Schamgefühl, das uns auch veranlasst, "im Erdboden zu versinken", uns zurück zu ziehen. Scham liegt also auf einer Linie mit Schmerz. In der Kindheit lernen wir (über die Strafe durch Schmerz), die Hand von der Herdplatte schnell wegzuziehen und die Berührung in Zukunft ganz zu vermeiden, später ziehen wir einen Schutzhandschuh beim Kochen an. Gleichfalls lernen wir durch Bestrafung/Sanktion nicht uns nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen. Wir ziehen uns an, wie die nackte Hand den Handschuh. Werden wir später doch entblößt, schmerzt das psychisch.

      So ungefähr würde ich mir das vorstellen.

      Ein Punkt noch, du sagst: "Viele scheinen sich eines eigenen Faupaxs nicht zu schämen. Sie schütteln ihn meist leicht ab." Das ist, was du von außen beobachten kannst. Was du nicht siehst ist der tatsächliche psychische Schmerz, den diese Leute vielleicht gut verbergen. Sicher gibt es auch solche, die keine Scham kennen, aber das ist wohl kaum gesund (so als wenn du keinen Schmerz bei der Berührung der Herdplatte empfindest).

      Beste Grüße,

      Gilbert

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  2. Dieser Gedanke mit der Physiologie ist interessant. Das kann die Grundlage sein.

    Auch Deiner Auslegung der Scham als Schmerzvermeidung würde ich beipflichten.
    Aber: Es gibt Scham, die sich durch ein ganzes Leben ziehen kann. Hier fragt man sich, was die Funktion ist.
    Die lebenslange Scham ob eines relativ harmlosen Vorfalls scheint mir nicht in Vermeidung ähnlicher Umstände wie den Vorfall begründet zu sein, sondern in so etwas, wie ich angedacht hatte.
    Ich sage nicht, daß diese Auslegung unumstösslich ist oder die einzige, aber ich denke, auffällige (irrationale) Scham kann oft geheilt werden, wenn man den Auslöser, das Pendant, in der Kindheit betrachten kann.
    Gerhard

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    1. Absolut richtiger Punkt, Gerhard! Da setzt die Psychoanalyse an: Was unbewusst war, soll bewusst werden. Mit der Hoffnung verknüpft, dass uns der bewusste Zugang in die Lage versetzt, die Störung zu beseitigen.

      Übrigens kann man über viele psychischen Störungen sagen, dass sie aus funktional sinnvollen Verhaltens- und Denkweisen herrühren, aber gewissermaßen pervertiert, vereinseitigt wurden.

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  3. Die These der Herleitung vom Physischen wundert mich - und ich zweifle daran. Denn Scham ist doch gerade sehr psychisch, kulturell vorkonfiguriert, von individuller Prägung abhängig. An einem FKK-Strand oder in der Sauna ist Nacktheit KEIN Grund zur Scham. Und ein bisschen Schwächeln angesichts der Anforderungen zeitgemäßer Selbstoptimierung ist in manchen Szenen eher Feature, not a Bug. :-)

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    1. Oben sage ich "Die bewusste und unfreiwillige Nacktheit vor anderen ist der Inbegriff der Scham, denn hier sind wir allen schützenden Hüllen in der Gesellschaft beraubt." Dass FKK und Sauna schamfreie Zonen sind, ist nicht verwunderlich.

      Zu deinen Zweifeln meiner Herleitung des Psychischen aus dem Physischen kann ich im Moment nichts beweisendes beitragen, vielmehr will ich die These versuchshalber noch viel steiler machen und sagen: Evolutionär kommt alles Psychische aus dem Physischen. Das leugnet doch keineswegs die Psyche. Wenn du also sagst, "Scham ist doch gerade sehr psychisch", dann widerspricht das meiner steilen These gar nicht. Ich meine vielmehr, dass man die psychischen Ereignisse, wie komplex, individuell und sozial kodiert sie auch sein mögen, nicht von den physischen trennen kann. Das zeigen schon die unwillkürliche und sehr physische Reaktionen (z.B. Stresssymptome wie das Erröten). Diese haben ja sehr alte evolutionäre Funktionen, z.B. uns kampf- und fluchtbereit zu halten. Was sich geändert hat, ist der auslösende Reiz: Ein Tier, das anderen eine Blöße zeigt (verletzlich, schwach, irgendwie defizitär) will sich genauso verkriechen, wie ich, wenn ich mich vor anderen blamiert habe. Die Gründe sind jeweils verschieden, aber das, was du "kulturell vorkonfiguriert" und "Prägung" nennst, zieht sich eine sehr alte und physische Gestalt an, eben genau, weil es eher Feature als Bug ist.

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