24. Juli 2016

Im Zeitalter der Kuscheltiere

Unsere neu entdeckte Liebe zur Kreatur

Als frisch gebackenem Vater fallen mir tagtäglich Dinge auf, die zu einem ansonsten unhinterfragten Alltag der meisten Menschen hier in Westeuropa gehören dürften, wie zum Beispiel all die Tiere in den Bilderbüchern, in den Kinderliedern, überall als Aufdrucke auf den Kinderkleidern und als Kuscheltiere in den Kinderzimmern.

Kinderzimmer: Eine Welt der versöhnten Kreaturen

Wir bekommen zur Zeit so viele praktische und unpraktische Dinge von Freunden und Familienmitgliedern geschenkt und beinahe jeder dieser Gegenstände kommt selbst als Tier daher (die erste Sparbüchse für M. in Form eines Frosches, die Moby-Dick-Spieluhr und all die Kuscheltiere) oder ist mit Aufdrucken von Tieren versehen, wie jedes einzelne Kleidungsstück, das wir M. im Moment anlegen. Tiere überall. Auch vor dem Hintergrund, dass es dem kleinen M. scheißegal ist (nach drei Wochen auf dieser Welt hat er noch kein Konzept von Tieren oder gar Tierrepräsentationen), frage ich mich, was all die Tiere bedeuten?

Wir kompensieren unseren Verlust im Kinderzimmer

Wollen wir unseren Kindern einfach die Welt näher bringen? Denn natürlich sind Tiere ein Teil dieser Welt, wenn als authentische Wildnis auch immer weniger sichtbar und weiter verschwindend. Und vielleicht liegt in dem letzten Halbsatz bereits ein Teil der Erklärung: In dem Maße, in dem die Tiere von unserer Welt verschwinden, vermehren sie sich in den Kinderzimmern als Schemen, als Phantasmen und Erinnerungen, als Stellvertreter für unsere Wünsche. Ganz besonders meine ich, eine Zunahme bei den Bilderbüchern zu sehen. Die ersten wirklichen Bilderbücher für Kinder waren der Struwwelpeter und Max und Moritz. Wenn dort Tiere vorkamen, dann nur weil man sie quälte und/oder aß.

Noch in den siebziger Jahren, so Friedbert Stohner, langjähriger Verlagsleiter von Kinder- und Jugendbuchverlagen, waren Tiere in Kinderbüchern nicht besonders gemocht (Deutschlandfunk: Tiere in Kinderbüchern). Die fabelhafte Anthropomorhisierung galt als zu naiv und fantastisch, vielleicht auch als zu stereotyp, sodass man dem Realismus auch in den Kinderbüchern den Vortritt ließ. Das ist jetzt wirklich anders, wenn man sich die Bücher für die Kleinen ansieht, dort wimmelt es von Tieren.

Und ich erinnere noch einmal: Nicht die Kinder suchen sich diese Tiere aus, sondern die Großeltern, Tanten und Eltern konfrontieren unsere Kinder mit ihnen. Der liebe Teddy-Bär, der gemütliche Panda, der gutmütige Elefant, der lustige Dino: Sind das nicht Sehnsüchte nach einer Aussöhnung mit den Tieren? Das wäre ja auch verständlich... menschlich, sozusagen.

Etwas perverser finden wir diesen Schuldkomplex übrigens auf Werbeflächen und Lastwagen von Fleischereien und Schlachthöfen illustriert. Das ist nicht reines Marketing, was wir da als glückliche Kuh oder lustiges Schwein auf uns herunter lächeln sehen. Das ist auch ein Versuch, unser schlechtes Gewissen zu balsamieren. Denn jede Sublimierung wird immer von der (un)erwünschten Nebenwirkung begleitet, dass eine wirkliche also wirksame Auseinandersetzung nicht statt findet.

Ein gestörtes Verwandtschaftsverhältnis

Aber ich will es nicht übers Knie brechen und über-analysieren. Tiere sind immer auch einfach nur süß oder haben mächtige Fähigkeiten und wir Menschen fühlen uns zu ihnen hingezogen, egal wie mies wir sie dann tatsächlich - nicht als einzelne Menschen, aber als Gattung Mensch - behandeln.

Wertschätzung: Höhlenmalerei eines Steppenbisons in der Höhle von Altamira (Wikipedia)

Ich vermute auch, dass Kinder Tiere über andere "Gegenstände" wählen würden, wenn wir die Wahl nicht für sie treffen würden. Unsere Verbundenheit mit Tieren ist sicher viel älter und basaler als die Verlust- und Schamgefühle, die wir heute vielleicht empfinden. Tiere waren schon immer das Andere, das uns faszinierte und das in Kontakt stand mit dem Ursprung, den wir aus den Augen verloren haben. Naturvölker verehrten die Tiere, die sie jagten und baten um Vergebung für deren Tötung. Wir verdanken den Tieren viel, ihrer Kraft, ihrer Genossenschaft und auch ihrer Energie, die sie uns als Nahrung liefern. Und wir stehen in einem weiten Verwandschaftsverhältnis mit den Tieren, aus dem wir gewisse Gefühle wie etwa Liebe oder auch Mitleid und Verpflichtungen ableiten. Dass das eine Rolle spielt, merken wir daran, dass wir leichter Sympathie für die Tierarten aufbringen, die uns ähnlicher scheinen.

Was bringt die neue Liebe?

Die Vorfahrt der modernen Liebe gegenüber den Tieren ergibt sich auch aus dem Umgang mit dem entgegengesetzten Phänomen: Tierquälerei gilt bei uns nicht nur als verabscheuungswürdige Straftat, sondern auch als psychiatrisch relevant:

"Rechtlich steht Tierquälerei nach dem Tierschutzgesetz unter Strafe [...] Als ausgesprochen positiv sehe ich jedoch, dass immer häufiger am Ende entsprechender Prozesse nicht einfach eine Verurteilung nach Tierschutzgesetz steht, sondern zusätzlich eine psychiatrische Begutachtung des Täters, eventuell auch eine Einweisung in die forensische Psychiatrie angeordnet wird. Denn es gibt krasse Fälle von wiederholter, absichtsvoller Tierquälerei, die ein echtes Alarmsignal und Hinweis auf eine schwere Störung des Täters sein können - und damit auch auf seine mögliche Gefährlichkeit." (Andrea M. Beetz, Die Freude am Quälen)

Wer Tiere quält, quält auch Menschen und nicht zuletzt deswegen, steht der Tierschutz als Staatsziel seit 2002 sogar im deutschen Grundgesetz. Den Tieren widerfährt also unter uns Menschen ganz generell wieder mehr Wertschätzung, seit sie nicht mehr vornehmlich als Nutztiere begriffen werden, sondern als Sinnbild für eine Welt der versöhnten Kreaturen. Mein Lieblingskinderbuch war Fridolin der freche Dachs von Hans Fallada, das bereits 1955 geschrieben wurde und in dem die Sehnsucht nach einer Übereinkunft der Tiere und Menschen (besonders mit den Kindern in der Familie) schon zum Ausdruck kommt. Die Situation der wilden Tiere hat sich jedoch innerhalb der letzten 100 Jahre dramatisch verschlechtert. Bis auf Ausnahmen gehen die Bestände der großen Wildtiere in dieser Welt zurück und das nicht etwa, weil wir sie nicht zu schätzen wüssten, sondern weil schlicht kein Platz mehr da ist. Die natürlichen Lebensräume werden verkleinert, gerodet, mit Straßen durchschnitten und zugemüllt. Wo sollen sie also hin? Sie verflüchtigen sich in Ideen und Sehnsüchte und finden sich wieder in den Stofftieren, Aufdrucken und Bilderbüchern unserer Kinder. Was werden wir unseren Kindern sagen, wenn sie später fragen, was wir mit den richtigen Tiere gemacht haben?



Auch interessant:

Kommentare:

  1. Das Tier, vornehmlich die uns verwandten Säugetiere, ersetzen den "edlen" Wilden von einst. Das Tier als unverbildete, aus dem Bauch lebende Kreatur, der man instinktives Verhalten zuschreibt, aber keine Destruktivität, keine Irrationalität. Das Irrationale ist da höchstens immer endlich, beim Menschen bisweilen unendlich.
    Ich dachte vorhin auch an Gauguin mit seinem Faible für die Südsee. Wie man mittlerweile weiß, war sein Leben dort nicht wirklich traumhaft.
    Ein Tier scheint auch unkompliziert. Es scheint direkt, es zeigt sogenanntes artgerechtes Verhalten. Zwar unterscheiden sich die Gattungen in den Zeichentrickmovies, aber in der Summe sind das wohlgeordnete "Bestände", allesamt ausrechnenbar - und dadurch vertrauenswürdig.

    Gibt es auch under den Stofftieren Schlangen und Krokodile und Insekten?Gerade bei den Insekten findet man, wenn man das so bewerten möchte, "grausame" Verhaltensweisen. Wieso dann gerade bestimmte Insekten sogar zu Kuscheltieren werden können, ist fast ein Rätsel. Nun gut, das alles sind halt Phantasmen, die Kindern eine grundsätzlich freundliche Umgebung suggerieren sollen.

    Gerhard

    AntwortenLöschen
  2. Was mir an den heutigen Tierdarstellungen in Form von Stofftieren, Sparbüchsen, Sofakissen, Kinderbüchern auffällt, ist, dass Tiere keineswegs realistisch dargestellt werden, sondern dass Tiere bloß hergenommen, um nicht zu sagen missbraucht werden, um einem Gefühl Ausdruck zu verleihen, dass man eigentlich nur mit Begriffen wie "albern", "sentimental", "läppisch" oder "kitschig" umschreiben kann. Es ist ein ähnliches Gefühl, wie es in Sissi-Filmen und Heimatromanen transportiert wird. Es ist das sich Berauschen an der eigenen Gefühlsduselei.

    Diese "neu entdeckte Liebe zur Kreatur" ist unecht und verlogen bis ins Mark, denn an die Stelle authentischer Wildnis tritt Disneyland, an die Stelle des Tigers eine Karikatur in Form von Grumpy Cat. Was Tier ist, wird verharmlost, ins Kindchenschema gepresst, lächerlich gemacht, seiner naturgegebenen Würde beraubt. Die Welt der versöhnten Kreaturen ist eine Plastikwelt à la Disneyland und gerade die Verleugnung von Natur, wo ein Lebewesen das andere tötet, um selbst zu leben.
    Das fehlende Naturerlebnis kann ja nicht ersetzt werden. Was passiert, ist, dass Kinder mit Kitsch zugemüllt werden.

    Ich kann dieser derzeit überall zur Schau gestellten süßlichen Gefühlsverlogenheit und dem Betroffenheitskitsch, wie er bevorzugt auch nach Attentaten sichtbar wird, überhaupt nichts abgewinnen. Das ist gruselig.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ein ganz anderes Bild zeigen zeitgenössisch "fetzige" Tierdokus, die vor allem das "Fressen & Gefressenwerden" mit Betonung von Blut und Gewalt zeigen. Oder auch die Schrecklichkeit, Furchtbarkeit und Bedrohlichkeit von Tieren verschiedenster Art, von Hitlisten der "Giftigsten" bis zu Top 10 der "Menschenmörder". Hast du diese Veränderung noch gar nicht bemerkt?
      Früher waren Tierdokus eher liebevoll, immer versehen mit dem sog. "Ökoschwanz", also einem Ende, das auf die Gefährdung der Tierart durch menschliches Handeln hinwies. Das ist offenbar vorbei, bzw. das gibt es allenfalls noch in expliziten Umweltfilmen und bei den nachmittags laufenden Stories aus den Zoos.

      Löschen
  3. Mal ein paar Beispiele:

    Sogar auf ARTE: Stolze Löwen im Kampf
    https://www.youtube.com/watch?v=EEi4tXwMEoU

    Afrikas cleverste Jäger: Erbitterter Wettkampf (DOKU DEUTSCH)
    https://www.youtube.com/watch?v=zGr4MMOUHoM

    Der Jaguar – Unbekannter Dschungeljäger Doku (2016)
    https://www.youtube.com/watch?v=XaENGUtGidc

    Die 10 tödlichsten Kreaturen im Amazonas
    https://www.youtube.com/watch?v=EAcW7AQLLQ0

    Top 10 - Die GEFÄHRLICHSTEN Tiere der Welt!
    https://www.youtube.com/watch?v=Eu28OxdS5lc

    Achtung: Haie im Mittelmeer Doku 2015 HD
    https://www.youtube.com/watch?v=MTXyWcUgyKE

    Die BRUTALSTEN Haie der Welt - (DOKUMENTATION 2016 HD *NEU*)
    https://www.youtube.com/watch?v=_eTnW_fYCN4

    Die 10 gefährlichsten Vögel der Welt
    https://www.youtube.com/watch?v=W8s6s1XmQdU

    Auf Youtube findet sich noch massenweise solcher Stoff, bemerkt hab ich das allerdings im TV, vornehmlich bei Privaten, die sowas gerne zeigen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh, das macht ja direkt Lust auf einen blutigen Streaming-Sonntagnachmittag :) Stimmt schon, Verniedlichung als generelles Merkmal in Tierdarstellungen kann man unserer Gesellschaft nicht unterstellen. Ich meine aber schon dort, wo es sich an Kinder oder Kunden (was ja unter Autonomiegesichtspunkten irgendwie dasselbe zu sein scheint) wendet.

      Löschen

Top 3 der meist gelesenen Artikel dieser Woche